Frau Glas, Sie waren eine der ersten Schauspielerinnen, die im letzten Jahr im Rahmen der Kampagne #ÄrmelHoch des Bundesgesundheitsministeriums für die Corona-Impfung geworben haben. Wieso haben Sie sich dazu entschieden?

Weil ich einfach denke, dass Impfungen extrem wichtig sind. Und ich glaube, dass man dieses Virus nur mit Impfungen einfangen kann. Ich habe den Schreck vor Kinderlähmung damals noch vor Augen. Als es endlich die Schluckimpfung gab, war das eine große Erlösung.

Das hat Sie geprägt?

Und wie! Ich weiß noch, wie meine Eltern ständig in höchster Angst um uns Kinder waren. Und die Taufpatin meiner ältesten Schwester hat mit 18 Jahren Kinderlähmung bekommen. Von klein auf habe ich miterlebt, wie diese junge Frau im Rollstuhl saß. Mit der Impfung war diese Angst vor der Krankheit, diesem Schreckgespenst, plötzlich weg.

Ist uns heute zu wenig bewusst, dass viele Krankheiten erst durch Impfungen ihren Schrecken verloren haben?

Mit Sicherheit. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass Impfungen ein Grund dafür sind, dass unsere Gesellschaft heute insgesamt gesünder ist. Als man mich gefragt hat, ob ich den Mut hätte, für die Corona-Impfung zu werben, habe ich deshalb sofort gesagt: Ja, natürlich! Ich bin überzeugt davon, dass ich das machen muss.

Ob Sie den Mut hätten, klingt aber so, als wäre allen Beteiligten klar gewesen, dass Sie mit viel Gegenwind rechnen müssen …

Ja, natürlich. Du musst den Mut haben und dich hinstellen und sagen: Ich bin für das Impfen. Lassen Sie sich bitte impfen! Ich habe mir schon gedacht, dass ich dafür beschimpft werde. Das ist ja heutzutage leider ein bisschen üblich geworden. Dass es allerdings so schlimm wird, damit hätte ich nicht gerechnet.

Wie waren denn die Reaktionen?

Höchste Beleidigungen. Per Mail, per Brief, über meine Agentur. Ich bin in schlimmster Weise beschimpft worden. Was mich wirklich entsetzt hat, war die Brutalität dieser Nachrichten. Vieles kam anonym, aber manche haben auch glatt ihren Namen druntergeschrieben. Auch Morddrohungen waren dabei.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Mir hat das wirklich wehgetan. Auch für unsere Gesellschaft. Ich habe die schlimmsten Reaktionen meinem Anwalt übergeben. Der hat das zur Anzeige gebracht. Ich finde, man muss nicht alles wegstecken. Die Demokratie ist etwas Lebendiges, ja. Aber sie erlaubt eben auch nicht alles.

Würden Sie die Werbekampagne denn trotz dieser Erfahrung wieder machen?

Ja, hundertprozentig. Was ist denn die Alternative zur Impfung? Durchseuchung? Nach dem Motto: Wenn so und so viel sterben, mir doch egal, dann sind wir ein paar weniger? Das wäre ja furchtbar zynisch! Ich denke, das ist keine Wahl mit der Impfung. Das ist doch die Pflicht, die ich als verantwortlicher Bürger für die Gemeinschaft habe. Es geht doch nicht nur um mich!

An wen denken Sie vor allem?

An die Jugendlichen, an die Kinder. Die haben monatelang Homeschooling hinter sich, konnten nicht in den Kindergarten, haben ihre Kameradinnen und Kameraden nicht gesehen. Für die Kinder waren die letzten zwei Jahre eine Katastrophe.

Mädchen mit Mundnasenschutz auf einem Spielplatz

Wie Kinder in der Pandemie leiden

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Für Kinder engagieren Sie sich auch mit Ihrem Verein brotZeit e.V., der sich zur Aufgabe gemacht hat, in Grundschulen mit Förderbedarf ein Frühstück vor Unterrichtsbeginn anzubieten. Hat die Pandemie dieses Projekt gebremst?

Beim ersten Lockdown waren wir komplett hilflos. Wir konnten nicht in die Schulen, die waren ja alle zu. Als dann langsam wieder geöffnet wurde, haben wir versucht, Konzepte zu entwickeln, die das Frühstück irgendwie möglich machen. Wir haben zum Beispiel Brotzeittüten ausgegeben, die Kinder in zwei Schichten oder in ihren jeweiligen Klassenzimmern frühstücken lassen. Man muss aber sagen: Das widerspricht eigentlich unserer Idee.

Warum?

Die Kinder sollen ja zusammenkommen. Wir wollen nicht, dass die Sechsjährigen da sitzen und die Zehnjährigen dort, sondern dass die Kinder sich mischen, damit sie sich kennenlernen und ihre Ängste und Vorurteile abbauen. Wir sind sehr froh, dass wir das Frühstück gerade wieder ohne Beschränkungen im Normalbetrieb anbieten können. Jedes fünfte Kind in Deutschland geht hungrig zur Schule.

So viele?

Ja! Als ich 2008 im Radio gehört habe, dass es in München Kinder gibt, die morgens so hungrig im Unterricht sitzen, dass sie einschlafen oder in Ohnmacht fallen, da dachte ich: Um Gottes Willen! Das gibt’s doch gar nicht! Da sind Kinder, die umkippen, sich nicht konzentrieren können und aggressiv sind, nur weil sie Hunger haben! Das war der Startschuss für die Idee.

Mit der Sie offenbar einen Nerv getroffen haben. Über 250 Schulen sind mittlerweile deutschlandweit dabei …

Und es werden immer mehr. Es stellt sich heraus, dass die Kinder wesentlich ruhiger werden, dem Unterricht besser folgen können und dass sich ihr Sozialverhalten sensationell verbessert. Viele Kinder erleben auch zum ersten Mal, dass Essen eben nicht nur Essen ist, sondern auch Kommunikation.

Ihre Frühstückshelferinnen und -helfer vor Ort in den Schulen sind vor allem Seniorinnen und Senioren – Menschen, die besonders gefährdet sind, schwer an Covid-19 zu erkranken. Ist das in Pandemiezeiten nicht problematisch?

Anfangs war es das natürlich. Aber damit sind wir wieder beim Thema Impfung: Sie war für unseren Verein wie ein Befreiungsschlag. Sonst würde es ja gar nicht gehen. Beim ersten Lockdown haben wir alle unsere Helferinnen und Helfer angeschrieben und gefragt, ob sie denn überhaupt wieder dabei sein wollen, wenn die Schulen öffnen. Das Ergebnis war überwältigend: 98 Prozent haben gesagt: Selbstverständlich sind wir da für unsere Kinder!

Das klingt fast so, als sei brotZeit ein generationenübergreifendes
Projekt…

Absolut! Das Frühstück in der Schule ist eine Begegnungsstätte zwischen älteren Menschen und Kindern. Und mich berührt es wirklich sehr, wenn Seniorinnen und Senioren mir sagen, dass sie durch unser Projekt das Gefühl zurückbekommen haben, gebraucht zu werden. Dass sie wieder zurück sind in der Gesellschaft. Viele erzählen mir, dass ihre Arbeit für unseren Verein ein Riesenglück für sie ist.

Mittlerweile gehen auch viele geflüchtete Kinder aus der Ukraine in Deutschland zur Schule. Profitieren auch diese Kinder von Ihrem Frühstücksangebot?

Ja! für diese traumatisierten Kinder ist es besonders wichtig, in einer geborgenen Atmosphäre mit den anderen Kindern frühstücken zu können. Ganz viele Familien leben ja in großen Gemeinschaftsunterkünften, haben kaum Privatsphäre. Wir bieten den Kindern einen gemütlichen, zuverlässigen Raum, in dem sie ganz in Ruhe in den Tag starten können. Aber auch darüber hinaus haben wir uns dazu entschlossen, diese Kinder zu unterstützen.

Wie sieht Ihr Engagement aus?

Wir setzen uns zum Beispiel für eine gezielte Sprachförderung der Kinder ein, indem unser Verein die Beschäftigung von ukrainisch sprechenden Deutschlehrern oder Hilfskräften mitfinanziert. Unsere Seniorinnen und Senioren sind zum Teil auch als Lesepaten aktiv oder spielen mit den Kindern Brettspiele. In diesem Rahmen versuchen wir die Kinder aufzufangen und ihnen ein Stück Geborgenheit zu geben. Das geht sogar ohne Sprachkenntnisse.

Mehr Informationen zum Verein brotZeit e.V. finden Sie hier.

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