Seit September 2021 sind in Deutschland flächendeckend die Auffrischungsimpfungen für Corona-Risikogruppen angelaufen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt sie allen Personen über 18 Jahren sechs Monate nach der zweiten Impfung. Geimpfte mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson sollten bereits nach vier Wochen eine zweite Impfung mit mRNA-Impfstoff erhalten.

Besonders wichtig und vorrangig ist die Impfung bei Menschen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf. Die dritte Impfdosis soll mit einem mRNA-Impfstoff, also den Vakzinen von Biontech/Pfizer oder Moderna durchgeführt werden. Das gilt unabhängig davon, welchen Corona-Impfstoff man bei der ersten Impfung bekommen hat. Personen unter 30 Jahren und Schwangere erhalten den Impfstoff von Biontech/Pfizer.

Zu den Gruppen mit erhöhtem Risiko, für die die Impfung besonders wichtig ist, gehören:

  • Personen über 70 Jahre
  • Bewohner und Betreute in Pflege- und Altenheimen: Auch unter 70-Jährige sollten geimpft werden, wenn sie in einem Heim leben. Denn dort herrscht ein erhöhtes Ausbruchspotential.
  • Personen mit Immunschwäche: Für Menschen mit Immunschwäche hat das RKI detaillierte Empfehlungen ausgearbeitet. Darunter fallen Patient und Patientinnen mit Erkrankungen, die das Immunsystem schwächen oder mit Therapien, die das Immunsystem unterdrücken. Die Betroffenen sollten sich mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten absprechen. Bei manchen Erkrankungen oder Behandlungen müssen die Ärztinnen oder Ärzte die Impfantwort überprüfen.

Auch für andere Gruppen hat die Stiko eine besondere Empfehlung ausgesprochen:

  • Mit Johnson & Johnson Geimpfte: Generell schützten die Covid-19-Impfstoffe in Deutschland effektiv und anhaltend vor schweren Verläufen und Tod, betont die Stiko. Beim Hersteller Johnson & Johnson und seinem Impfstoff namens Janssen ist dabei nur eine Dosis vorgesehen, während bei allen anderen zugelassenen Impfstoffen zwei Spritzen mit Zeitabstand nötig sind. Man sehe einen deutlich höheren Anteil von Durchbruchsinfektionen bei den Jüngeren, die nur einmal damit geimpft worden seien, sagte Stiko-Leiter Thomas Mertens am 06.10.2021. Jüngere hätten den Einmalimpfstoff teils gewählt, um schnell einen ausreichenden Schutz für die Ferien zu haben. Zudem nutzten ihn häufig mobile Impfteams, um schwer erreichbare Gruppen wie Wohnungslose zu immunisieren. Die Wirksamkeit gegen die hierzulande nun vollständig dominierende Delta-Variante sei im Unterschied zu den anderen Corona-Impfstoffen aber vergleichsweise gering, schränkt die Stiko ein - sie spricht letztlich von ungenügendem Impfschutz. Zur Optimierung des Impfschutzes empfiehlt die Stiko nun die Gabe eines mRNA-Impfstoffs ab vier Wochen nach der Einmalimpfung.
  • Das Pflegepersonal: Das größte Ansteckungsrisiko in Pflegeeinrichtungen kommt oft von außen: über Personal und auch Besucher. Für beide Gruppen gibt es neben Impfangeboten auch aktuelle Testmöglichkeiten. Besonders Pflegepersonal in ambulanten und stationären Einrichtungen für Ältere und andere Covid-19-Risikogruppen sollten ihre Impfung auffrischen.
  • Das medizinische Personal: besonders medizinischem Personal mit direktem Patientenkontakt empfiehlt die Stiko einen Booster.

Aber auch allen anderen Menschen über 18, einschließlich Schwangeren ab dem 2. Schwangerschaftsdrittel, empfiehlt die Stiko eine dritte Impfung.

  • Schwangere ab dem 2. Schwangerschaftsdrittel können sich mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer impfen lassen
  • Menschen zwischen 18 und 29 Jahren empfiehlt die Stiko die dritte Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer, weil bei dieser Gruppe das Risiko für eine Herzmuskelentzündung bei diesem Impfstoff geringer ist
  • Menschen über 30 Jahre können sich sowohl mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer oder Moderna (halbe Dosis) impfen lassen, beide Impfstoffe sind gleich gut geeignet
  • Genesene, die nach der Impfung gegen Covid-19 dennoch eine SARS-CoV-Infektion hatten, sollten sich sechs Monate nach Infektion noch einmal impfen lassen
  • Genesene und danach Geimpfte sollten sich auch sechs Monante nach der Impfung eine Auffrischungsimpfung spritzen lassen

Wenn genug Kapazitäten vorhanden sind, kann man sich auch schon nach fünf Monaten zum dritten Mal impfen lassen.

Wo gibt es die Auffrischungsimpfung?

Laut Beschluss der Gesundheitsminister soll es sie bei niedergelassene Ärztinnen und Ärzten, in Impfzentren oder im Betrieb geben können. Gegebenenfalls sollen mobile Impfteams ausrücken, zum Beispiel zu Pflegeeinrichtungen. In der Praxis kommt es auch hier auf die konkrete Umsetzung in den Ländern an.

Warum wird Risikogruppen die Impfung nahegelegt?

Diese Gruppen sind besonders gefährdet für schwere Verläufe. Laut Stiko ist es besonders wichtig, dass diese Gruppe Priorität bei der Auffrischimpfung hat. Ebenso wie noch gar nicht geimpfte Personen.

Zum Beispiel betrifft das Personen mit geschwächtem Immunsystem, etwa in Folge einer Organtransplantation. „Da wissen wir, dass ihr Körper zum Teil gar nicht auf die beiden Impfungen reagiert hat. Der muss mitunter erst mal dahin gebracht werden, dass sich überhaupt Antikörper entwickeln“, sagt Prof. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Wobei es etwa bei einer Chemotherapie auch Sinn ergeben könne, zunächst das Ende der Therapie abzuwarten, weil die bei der Chemo verabreichten Wirkstoffe womöglich auch die in Folge der Impfung gebildeten Immunzellen direkt zerstören, begründet Watzl.

So wirkt sich die Impfung auf die Bildung von T-Zellen aus:

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Warum werden die Auffrischungen gerade jetzt großflächig angeboten?

Laut Stiko soll die dritte Impfung sowohl die Einzelperson schützen, aber auch die Übertragung vom Coronavirus in der deutschen Bevölkerung vermindern. Es geht also auch um Fremdschutz: Eine dreimal geimpfte Person gibt das Virus weniger wahrscheinlich an eine Risikoperson weiter.

Da viele Ältere, Immungeschwächte und Menschen mit Vorerkrankungen Anfang dieses Jahres als erste geimpft wurden, sei es wichtig, dass man bei ihnen jetzt auffrischt, erklärt Watzl. Gerade angesichts steigender Infektionszahlen sollten diese Risikogruppen für den Herbst und Winter gut geschützt sein.

Zu bedenken ist: Zwar ist bei sogenannten Durchbruchs-Infektionen, also wenn Geimpfte sich anstecken, die Gefahr schwerer Verläufe auch für Risikogruppen geringer – sie besteht aber. Und sie steigt, je weniger gut der durch die Impfung aufgebaute Schutz im Körper ist. 

Außerdem sind Langzeitfolgen wie Long Covid aktuell nicht auszuschließen. Zudem besteht das Risiko zwar vielleicht selbst nicht schwer zu erkranken, aber andere womöglich ebenfalls gefährdete Menschen anzustecken, mit womöglich fatalen Folgen.

Helfen Antikörpertests bei dieser Impfentscheidung?

Es gibt Stimmen, die fordern: Zunächst einen Antikörpertest machen, ehe man die Auffrischung gibt. So sehe man, wie gut die Person geschützt ist und ob die dritte Spritze überhaupt „nötig“ ist, lautet eine Begründung. Es gibt laut Immunologe Carsten Watzl nur ein Problem dabei: Es fehle weiterhin ein konkreter Grenzwert bei der Menge der gemessenen Antikörperkonzentration im Blut, ab dem man sicher sagen könnte, dass hier noch ein wirksamer Schutz besteht.

Watzl macht es konkret. Bei einem Wert von 500 BAU/ml (BAU steht für Binding Antibody Units) würde er sagen: „Wahrscheinlich sind sie noch gut geschützt, aber ob es ausreichend ist: gute Frage.“ Es gebe einen großen Bereich, in dem man nicht seriös sagen könne, wie gut der Schutz ist. Deshalb ergebe so ein Test für die meisten Menschen zur Abschätzung der Sinnhaftigkeit der Auffrischung im Moment keinen Sinn.

Ausnahmen gibt es: Menschen mit Immunschwäche etwa können durch solch einen Test sehen, ob eine Impfung überhaupt angeschlagen hat.

Coronavirus COVID-19_Antikörpertests Studie Spritzen

Was bringen Covid-19-Antikörpertests?

Die Impfung ist schon einige Monate her – da interessiert viele, ob sie noch gegen das Virus geschützt sind. Liefern Antikörpertests die erwünschte Antwort?

Ist eine Auffrischung für alle sinnvoll?

Eine dritte Impfung für alle mit sechs bis acht Monaten Abstand zur vorherigen Impfserie, ergebe aus immunologischer Sicht absolut Sinn, sagt Watzl. Grund: Das Immunsystem ist in der Lage, die Immunantwort zu verbessern, wenn es immer wieder auf den gleichen Erreger trifft.

Das heißt: „Die Antikörper werden nicht nur verstärkt gebildet, sie passen sich auch besser an den Erreger an.“ Außerdem bildeten sich mehr sogenannte Gedächtniszellen, so Watzl. Diese Zellen merken sich quasi den Erreger und sorgen dafür, dass der Körper rasch wieder mit der Bildung von Antikörpern startet, sobald sie dem Erreger begegnen.

Die Stiko stimmt dem zu: Die dritte Impfung halte den Schutz unseres Körpers vor Covid-19 aufrecht. Aber nicht nur unseren eigenen Körper schützt sie, auch unsere Mitmenschen: Die Stiko hat das Ziel, dass mit einer hohen Quote von der Auffrischimpfung weniger Menschen das SARS-CoV-2-Virus in der Bevölkerung übertragen. Das soll Infektionswellen abschwächen. In der Folge würde es weniger schwere Fälle und weniger Intensivpflichtige geben. Das entlastet das Gesundheitssystem.

Warum sind die Stiko-Empfehlungen manchmal anders als die Empfehlung der Politik?

Die Stiko trifft ihre Entscheidungen evidenzbasiert, also auf einer wissenschaftlichen Basis. Sie trifft ihre Entscheidungen für die Gesellschaft und den individuellen Menschen. Für diese Entscheidung musste die Stiko Forschungsergebnisse abwarten und auswerten.

Dass Auffrischungsimpfungen für alle ab 18 Jahren angeboten werden, hat die Politik schon vorher entschieden. Am 05. November 2021 haben die Gesundheitsminister der Länder beschlossen, dass die Auffrischungsimpfungen grundsätzlich allen angeboten werden können, die seit sechs Monaten durchgeimpft sind. Diese Entscheidung war politisch und beruhte nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Neben der Logistik spielen auch ethische Überlegungen eine Rolle: Ist es vertretbar, immungesunden Mittdreißigern, die schon vollständig geimpft sind, in Deutschland eine Auffrischung zu geben, während in ärmeren Ländern viele Ältere, Geschwächte und medizinisches Personal noch ungeschützt sind?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wies zuletzt darauf hin, dass alle noch ausstehenden Astrazeneca-Lieferungen an die internationale Impfstoffinitiative Covax gingen. Sein Ziel sei beides: Auffrischungen zu gewährleisten und den ärmeren Staaten Impfstoff zu spenden, sagte der Minister dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert die Pläne für Auffrischungen bei gesunden Menschen.

Warum wird nur mRNA-Impfstoff für die Auffrischung genommen?

Erklärvideo zu mRNA-Impfstoffen

Erst eine Spritze mit dem Vektor-Impfstoff von Astrazeneca, dann eine Spritze mit einem mRNA-Impfstoff zum Beispiel von Biontech/Pfizer: Diese Kombination bei der ersten Impfserie war laut Watzl mit Blick auf die Schutzwirkung bisher am erfolgreichsten.

Das hängt vereinfacht gesagt damit zusammen, dass das Immunsystem auf unterschiedliche Arten eine Immunität gegen das Virus aufbauen kann und die verschiedenen Impfstoffe hier in jeweils verschiedenen Bereichen besser oder schlechter wirken.

Vereinfacht gesagt legt der Vektor-Impfstoff eine Grundlage, auf der der mRNA-Impfstoff die Immunabwehr noch mehr stärkt. Das funktioniert aber nur in dieser Reihenfolge und nicht umgekehrt, sagt Watzl. Wer also schon zweimal mit einem mRNA-Impfstoff geimpft wurde, dem würde eine dritte Impfung mit einem Vektor-Impfstoff nicht so viel bringen wie eine dritte mRNA-Impfung.

Wer hingegen bisher nur zweimal den Impfstoff von Astrazeneca- oder einmal jenen von Johnson & Johnson bekommen hat, erhält durch die dritte Impfung mit dem mRNA-Impfstoff laut Immunologe Watzl „wahrscheinlich einen tollen Schutz“.

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