Bluthochdruck (Hypertonie) ist in Deutschland ein Volksleiden: Etwa19 Millionen Menschen wurden 2018 damit diagnostiziert – zwei Millionen mehr als noch 2009, zeigt eine Studie des Zentralinstituts für Kassenärztliche Versorgung[1]. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer: Die Deutsche Hochdruckliga geht daher insgesamt von rund 20 bis 30 Millionen Betroffenen aus.

Bei ihnen ist der Blutdruck dauerhaft erhöht. Das heißt: Die vom Arzt gemessenen Werte liegen an unterschiedlichen Tagen bei 140 zu 90 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) oder darüber.

Das Tückische: Betroffene merken davon oft lange Zeit nichts. Bekannt ist eine Hypertonie daher auch als „stiller Killer“. Denn sie erhöht – oft unbemerkt – das Risiko für tödliche Herzerkrankungen und Schlaganfall erheblich. Wichtig ist daher, den Blutdruck richtig einzustellen. Wie gelingt das? Hier finden Sie wichtige Fragen und Antworten:

Wie gehen Ärztinnen und Ärzte bei der Blutdruck-Einstellung vor?

Ist die Diagnose gesichert, gilt es zügig mit der Therapie zu beginnen. Ist der Blutdruck nur leicht erhöht, reicht manchmal eine Änderung des Lebensstils aus, um die Werte in den gewünschten Bereich zu senken: sich zum Beispiel mehr zu bewegen, Übergewicht abzubauen und salzärmer zu essen.

Oft ist jedoch zusätzlich eine medikamentöse Behandlung nötig. Dabei stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die einzeln oder kombiniert einsetzbar sind. Welche sich im Einzelfall eignen, hängt von bestimmten Faktoren wie dem Lebensalter oder bestehenden Erkrankungen ab.

Betroffene brauchen Geduld: Denn bis der Blutdruck gut eingestellt ist, kann es Wochen bis Monate dauern. Die Ärztinnen und Ärzte tasten sich zunächst mit einer Anfangsdosis des jeweiligen Medikaments – diese ist abhängig von der Höhe des Blutdrucks – an die optimale Dosis heran.

In dieser Zeit sind engmaschige Kontrollen besonders wichtig, um den blutdrucksenkenden Effekt zu überprüfen. Binnen drei Monaten sollte sich ein deutlicher Erfolg einstellen. In den meisten Fällen gelinge dies, sagt Bluthochdruck-Experte Professor Markus van der Giet von der Berliner Charité. Laut dem Experten sind neun von zehn Patientinnen und Patienten mit den herkömmlichen Medikamentenkombinationen gut und zügig einzustellen.

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Welche Therapie wird laut Leitlinie empfohlen?

Leitlinien geben den aktuellen wissenschaftlichen Stand in Sachen Diagnostik und Therapie vor. Die Europäische Leitlinie für Bluthochdruck wurde zuletzt 2018 geändert.[2] Eine wichtige Neuerung: Ärztinnen und Ärzten wird empfohlen, ab Beginn der Behandlung anstelle mehrerer Einzelpräparate möglichst nur ein Medikament zu verschreiben, das die verschiedenen benötigten Wirkstoffe enthält – Kombinationspräparat genannt.

„Zum einen sehen wir mit diesen Kombinationspräparaten eine bessere Wirkung“, sagt van der Giet. Der Blutdruck werde schneller und stärker gesenkt. Für die Patientinnen und Patienten sei es zudem erleichternd, nur eine Tablette einnehmen zu müssen.

Zum anderen können Kombinationspräparate laut van der Giet niedriger dosiert werden: „Der Effekt der zwei oder drei Wirkstoffe in dem einen Medikament multipliziert sich.“ Die Nebenwirkungen hingegen würden sich nur addieren, so dass die Therapie bei hohem Effekt gut verträglich sei. Ein wichtiger Pluspunkt, da Bluthochdruck-Patientinnen und -Patienten ihre Tabletten oft jahre- bis jahrzehntelang einnehmen müssen.

Medikamente gegen Bluthochdruck

Die Bluthochdruck-Leitlinien empfehlen drei Gruppen von Medikamenten, die zuerst zur Blutdruckeinstellung verwendet werden sollten: Erstens die Gruppe ACE-Hemmer und Sartane – das sind zwar verschiedene Medikamente, die aber ähnlich wirken. Diese sollten mit einem Kalzium-Antagonisten oder einem Mittel, das die Wasserausscheidung anregt (Diuretikum) kombiniert werden.

Das entsprechende Präparat wird in der Regel morgens eingenommen. Beta-Blocker gehören nicht mehr zum Mittel der ersten Wahl. Sie kommen aber dann als Alternative infrage, wenn es einen anderen Grund gibt, warum der Patient oder die Patientin diese Medikamente sowieso einnehmen sollte, etwa weil sein Herzschlag zu schnell ist.

Bekommen die meisten Betroffenen eine entsprechende Behandlung?

Nein. Das hat eine Expertengruppe um Herzspezialist Professor Dr. Felix Mahfoud vom Universitätsklinikum des Saarlands in Homburg herausgefunden.[3] Das Team analysierte die anonymisierten Abrechnungsdaten von Apotheken zu abgegebenen Medikamenten – von etwa 73 Millionen Versicherten. Das Ergebnis: 2016 waren nur 15 Prozent der verschriebenen blutdrucksenkenden Medikamente Kombinationspräparate. 2020 erhielten nicht einmal elf Prozent der Versicherten ein entsprechendes Präparat.

Warum bekommen viele Patientinnen und Patienten kein Kombinationspräparat, obwohl dies empfohlen wird?

Dafür gibt es verschiedene Gründe, sagt Herzspezialist Felix Mahfoud. Während manche Ärztinnen und Ärzte hinsichtlich der aktuellen Empfehlungen nicht auf dem neuesten Kenntnisstand seien, seien andere der Überzeugung, mit Einzelpräparaten eine bessere Feindosierung der Medikamente erreichen zu können. Dies sei jedoch in den meisten Fällen gar nicht nötig, sagt Mahfoud. „Die meisten Patientinnen und Patienten sind mit den vorhandenen Kombinationsmedikamenten prima einstellbar.“

Dass diese vergleichsweise wenig verschrieben werden, hat noch einen weiteren Grund: Laut Medikationskatalog der Kassenärztlichen Bundesvereinigung werden nur bestimmte Kombinationspräparate von den Krankenkassen erstattet. „Viele Ärztinnen und Ärzte haben deshalb vermutlich die Sorge, dass sie bei der Verschreibung der etwas teureren Kombinationspräparate Probleme mit den Kostenträgern bekommen könnten“, erklärt Mahfoud.

Tatsächlich gibt es in den Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer eine bestimmte Quote, mit der diese Substanzen von den Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden können. Mahfoud fordert deshalb großzügigere Verordnungsregeln, um die Leitlinienempfehlungen in der Praxis umzusetzen.

Was können Patientinnen und Patienten tun?

„Wenn ein Patient oder eine Patientin mit Einzelmedikamenten bereits gut eingestellt ist, kann es natürlich bei dieser Behandlung bleiben“, sagt Markus van der Giet. Aber Betroffene, die mit der Einnahme zweier Tabletten Probleme haben oder ihren Blutdruck damit nicht gut im Griff haben, sollten ihren Hausarzt oder ihre Hausärztin auf die Empfehlungen der aktuellen Leitlinie ansprechen. Hier kann eine Umstellung ratsam sein.

Denn: „Nur eine Tablette einnehmen zu müssen, verbessert die Therapietreue ungemein, das sehe ich bei uns in der Ambulanz immer wieder“, erklärt van der Giet. Laut dem Experten bestätigten Studien diese Beobachtung: Wenn ein Patient oder eine Patientin zwei einzelne Tabletten einnehmen muss, liegt die Wahrscheinlichkeit bei über 50 Prozent, dass er oder sie eine davon nicht nimmt. „Dann ist der Blutdruck nicht gut eingestellt, und das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt steigt“, warnt van der Giet.

Was tun, wenn die verordnete Therapie nicht mehr richtig wirkt?

Grundsätzlich ist es so, dass der Blutdruck bei vielen im Laufe des Lebens steigt. Daher kann es sein, dass ein Patient, der viele Jahre gut eingestellt war, plötzlich wieder schlechtere Werte hat. „Dann müssen wir die Therapie mit gesteigerter Dosis anpassen“, sagt van der Giet. Dies sei meist kein Problem.

Einmal jährlich sollten Betroffene den Blutdruck am besten mit einer 24-Stunden-Langzeitdiagnostik kontrollieren lassen, empfiehlt der Experte. Diese Untersuchung werde von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Patientinnen und Patienten sollten ihren Blutdruck auch regelmäßig selbst messen – mit einem verlässlichen Gerät. Zertifizierte Geräte finden Sie auf der Homepage der Hochdruckliga.

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Wie sieht es mit Nebenwirkungen aus?

Blutdruckmedikamente müssen täglich eingenommen werden. Je nach Medikament sind verschiedene Nebenwirkungen wie etwa Schlappheit oder Kopfschmerzen möglich. Diese treten jedoch – wenn überhaupt – in der Regel nur kurzfristig auf.

Markus van der Giet: „Ich sage meinen Patientinnen und Patienten immer: Klar kann ein Medikament eine Nebenwirkung haben. Aber: Ein hoher Blutdruck hat auch eine Nebenwirkung – und diese Nebenwirkungen, zum Beispiel Herzinfarkt und Schlaganfall, sind weitaus gefährlicher als die Einnahme der Medikamente.“

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Quellen:

  • [1] Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland: Zi-Studie zur Diagnosehäufigkeit von Hypertonie in Deutschland veröffentlicht. https://www.zi.de/... (Abgerufen am 17.05.2022)
  • [2] Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V., Deutsche Hochdruckliga e.V. DHL Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention: ESC/ESH Pocket Guidelines, Version 2018.. Leitlinie: 2018. https://leitlinien.dgk.org/... (Abgerufen am 17.05.2022)

  • [3] Mahfoud F, Kieble M, Enners S et al.: Use of fixed-dose combination antihypertensives in Germany between 2016 and 2020: an example of guideline inertia. Clinical Research in Cardiology : https://doi.org/... (Abgerufen am 17.05.2022)