Professor Boris Augurzky gehört der Expertenkommission an, die im Auftrag der Bundesregierung eine Reform für das Klinikwesen erarbeitet. Dazu zählt auch die Neuplanung der Klinikstandorte. Im Interview erklärt er von seinen Vorstellungen dazu.

Boris Augurzky ist Herausgeber der jährlichen Krankenhaus-Ratingreporte zur wirtschaftlichen Lage der Kliniken

Boris Augurzky ist Herausgeber der jährlichen Krankenhaus-Ratingreporte zur wirtschaftlichen Lage der Kliniken

Herr Professor Augurzky, im internationalen Vergleich hat Deutschland besonders viele leerstehende Krankenhausbetten. Beweist nicht gerade die Corona-Pandemie, dass diese Reserve sehr wertvoll ist?

Im Hinblick auf Corona waren die Reserven an normalen Krankenhausbetten nicht nötig, die Bettenbelegung ist sogar gesunken, und lokale Engpässe konnten durch Verlegungen behoben werden. Dagegen war die Belastung auf den Intensivstationen zwischendurch sehr hoch. Das ist aber eher ein Personal- als ein Kapazitätsproblem.

Pandemien, Katastrophen, Kriegsflüchtende: Ist die Gefahr nicht ständig da, dass die Kliniken überlastet werden?

Die Frage ist immer, wie flexibel man reagieren kann, wenn es plötzlich zu einem Ansturm kommt. Eingriffe, die man zeitweilig verschieben kann, machen in Kliniken etwa 50 Prozent der Fälle aus. Damit meine ich nicht Dringliches wie Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Krebsoperationen. Wir sind in der Lage, innerhalb weniger Tage die Auslastung der Kliniken massiv runterzufahren und dann viele zusätzliche freie Betten zu haben.

Aber womöglich nicht ausreichend Personal.

In der Tat. Es hängt weniger an Betten und Apparaten als an den Leuten, speziell am Pflegepersonal. Wegen der Alterung der Gesellschaft wird dieses Problem noch zunehmen. Ein Teil der Lösung könnte in der Zusammenlegung von Kliniken liegen.

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Inwiefern?

Geschickt gebaute Kliniken mit einer gewissen Mindestgröße können das Personal besser einsetzen. Das gilt noch mehr, wenn für einzelne Stationen eine Mindestbesetzung gesetzlich vorgeschrieben ist. Je kleiner die Station, desto schwieriger ist das. Man kann für kleine Stationen eben keine halben Personen einsetzen. Zudem muss die einzelne Pflegekraft in kleinen Einrichtungen mehr Nachtschichten übernehmen, öfter am Wochenende arbeiten oder bei Krankheiten und Urlaub vertreten. Das ist bei größeren Kliniken einfacher zu organisieren. Ausfälle können flexibler aufgefangen werden, es gibt weniger und vor allem weniger unvorhergesehene Wochenenddienste. Bessere Arbeitsbedingungen sind ein wesentlicher Faktor, um Pflegekräfte zu gewinnen und zu halten.

Das hieße, mehrere kleine Kliniken zu einer großen zusammenlegen?

Ja, es gäbe viele Fälle, wo das möglich wäre, und zum Teil wird es auch schon gemacht. Ein weiterer Vorteil wäre, dass dann viele Disziplinen direkt vor Ort vorhanden und so eine bessere Zusammenarbeit möglich wäre. Denn viele Patienten sind heute älter und mehrfach krank. Das heißt, wir würden die Wirtschaftlichkeit und die Arbeitsbedingungen verbessern, aber vor allem auch die Versorgungsqualität für die Menschen.

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Es könnte aber ein Problem mit der Notfallversorgung geben, wenn nicht mehr überall kleine Kliniken vorhanden sind.

Das ist immer die zentrale und berechtigte Frage der Bevölkerung. Aber oft erfolgt die Notfallversorgung schon heute zentralisiert. Wer einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder einen schweren Unfall hat, braucht eine Klinik mit Herzkatheter, Schlaganfalleinheit oder Schockraum. Er sollte nicht in die nächstgelegene Klinik gebracht werden, sondern unbedingt dorthin, wo diese Möglichkeiten gegeben sind.

Und die kleineren Notfälle? Für diese Menschen kommt es doch oft auf die nahegelegene Klinik an.

Wo Sie die stationäre Versorgung reduzieren, brauchen Sie eine Alternative. Das kann zum Beispiel ein ambulantes Behandlungszentrum sein, wo die kleineren Notfälle erstversorgt und nur wenn nötig in eine Klinik gebracht werden. In Einzelfällen kann es sinnvoll sein, dort auch eine Handvoll Überwachungsbetten vorzuhalten. Reha, Kurzzeitpflege und ambulantes Operieren können Ergänzungen sein. Wichtig ist ein fester Anlaufpunkt für die Menschen, so wie das im ambulanten Bereitschaftsdienst auch heute schon vielfach geregelt ist.

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Das heißt, wir könnten auf die kleinen Kliniken mit Betten ganz verzichten und hätten auf der Fläche nur noch ambulante Anlaufstellen?

Das ist mir zu schablonenhaft gedacht. Man muss sich das immer für die jeweilige Region genau anschauen, muss die Anfahrtswege im Auge haben. Es gibt Regionen in Deutschland, da ist die Krankenhausdichte zu gering, um kleine Krankenhäuser durch ambulante Gesundheitszentren zu ersetzen, zum Beispiel in Gebieten von Mecklenburg-Vorpommern.

Wir legen also Kliniken zusammen oder lassen sie, aber bauen auf jeden Fall keine Betten ab.

Doch, zumindest auf mittlere Sicht. Denn ein weiterer zentraler Aspekt ist, dass heute Vieles stationär behandelt wird, was auch ambulant möglich wäre. Diesen Anteil beziffere ich auf mindestens 20 Prozent. Das lässt sich nicht von heute auf morgen umstellen, aber da könnten schon viele Betten abgebaut werden, die ja letztlich alle die Beitragszahler finanzieren müssen. Wir kommen im internationalen Vergleich von einem hohen Niveau. Kaum ein Land weist eine höhere Klinikdichte auf als Deutschland mit derzeit rund 2000 Standorten. Deshalb hätte ich auch bei einem Abbau von Betten keine Angst vor einer Unterversorgung.

All dies müsste sich aber auch in der Krankenhausplanung niederschlagen. Die ist aber Sache der Bundesländer.

Die Krankenhausplanung, wie sie heute stattfindet, ist meist nur ein Fortschreiben des Bestehenden. Wenn Kliniken schließen, dann nicht, weil sie in der Planung nicht mehr vorkommen, sondern weil sie für ihre Träger zu unwirtschaftlich sind. Wenn ein Land eine Klinik hingegen aktiv aus der Planung nimmt, dann droht eine Klagewelle. Deshalb wagt das kaum ein Land.

Also ist die Reform, mit der Sie jetzt im Auftrag der Bundesregierung auch die Krankenhausplanung angehen, zum Scheitern verurteilt?

Nein, nicht deswegen. Ein gutes Modell finde ich die Bemühungen in Nordrhein-Westfalen. Dort soll nach Leistungsbereichen und Leistungsgruppen differenziert werden. Konkret heißt das, nicht mehr jede Klinik kann alles machen und keine kann sich die „Rosinen“ picken. Grob gesagt: Die eine Klinik macht Kardiologie, die andere ist eine Geburtenklinik, die dritte macht Gelenkoperationen und so weiter.

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Das mag ja im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen möglich sein, anderswo lägen die Kliniken zu weit auseinander.

In allen Bundesländern wäre dies ebenso möglich, ohne dass die Anfahrtszeiten zu groß würden. Denn es gibt in der Planung Vorgaben zu den maximalen Anfahrtszeiten.

Es gibt ja längst ein Konzept, wie die Spezialisierung umgesetzt wird, nämlich dass bestimmte Eingriffe in einer Klinik nur vorgenommen werden dürfen, wenn eine gewisse Zahl davon erreicht wird.

Das ist gewissermaßen ein Instrument auf Bundesebene, das versucht umzusetzen, was die Länder mit ihrer Krankenhausplanung nicht machen. Es ist für viele Leistungen nachgewiesen, dass das Behandlungsergebnis im Schnitt besser ist, wenn etwas häufiger gemacht wird. Dahinter steckt die Überlegung „Übung macht den Meister“.

Aber könnte es nicht ein Versorgungsproblem geben, wenn dies konkret umgesetzt und noch für weitere Eingriffe gelten würde?

Zu 80, 90 Prozent wäre das problemlos möglich. Aber auch hier gilt: Man muss es sich im Einzelfall anschauen. Es hängt auch an der Bevölkerungsdichte. In wenigen sehr ländlich geprägten Regionen müsste man solche Eingriffe erlauben, obwohl die Mindestmenge nicht erreicht wird, weil die Distanzen einfach zu groß sind.

Man hat aber eher den Eindruck, dass Ausnahmen hier die Regel sind.

Das ist natürlich problematisch. Wenn die Bundesländer entscheiden, wird das Instrument der Sondergenehmigungen gerne genutzt, um wirtschaftlich schwache Kliniken zu unterstützen. Deshalb braucht man ein schärferes Schwert. Man kann die Klinikplanung auch indirekt über die Finanzierung steuern. Das ist ein Thema, das wir vielleicht auch in der Reformkommission besprechen werden.