Mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes durch die Ampel-Koalition in Berlin sind die meisten flächendeckenden Schutzregeln für ganz Deutschland ab April aufgehoben. Strengere Maßnahmen können die Parlamente der einzelnen Bundesländer weiter für regionale „Hotspots“ beschließen. Dort können sie Beschränkungen wie Maskenpflicht oder verschärfte Zugangsregeln beschließen, wenn eine Überlastung des Gesundheitssystems droht – zum Beispiel durch zu wenig Personal. Doch wie ist es um die Situation in deutschen Kliniken bestellt? Wir haben bei Experten nachgefragt, wie die Omikron-Welle in den Kliniken spürbar ist.

Viele Arbeitsausfälle bei Krankenhausmitarbeiterinnen

Personalengpässe haben die Krankenhäuser bereits vor der Pandemie immer wieder gehabt. Doch die hohen Neuinfektionsraten wirken sich noch einmal stärker aus – und zwar flächendeckend. "Wir haben Häuser, die 20 Prozent mehr Krankenstände in der Belegschaft haben als sonst um diese Jahreszeit", sagt Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

90 Prozent hätten bei der jüngsten Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) zurückgemeldet, höhere krankheitsbedingte Personalausfälle als sonst zu haben. Zeitweise müssten sich manche Kliniken sogar von der Notfallversorgung abmelden, ein Großteil könne wegen der Personalnotstände viele Leistungen der Allgemeinversorgung nicht mehr anbieten.

Auch Geimpfte stecken sich an

Sind die Infektionsraten hoch, stecken sich mehr Menschen an. Für medizinisches Personal gelten die gleichen Quarantäneregeln, wie für den Rest der Bevölkerung. In der Regel sind das zehn Tage. „Da sich durch die Omikron-Variante nun auch vermehrt Geimpfte anstecken, sind auch viele Ärzte und Pflegekräfte unter den Erkrankten“, sagt Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer.

Geimpfte Personen hätten zwar mildere Verläufe, sie müssten sich aber isolieren und sind deshalb ebenfalls nicht arbeitsfähig. Darüber hinaus müssten häufig auch Krankenhausmitarbeiter erkrankte Familienangehörige betreuen. So fehlten auch sie in den Schichtplänen, erklärt Reinhardt.

Die wachsende Zahl an corona-positiven Krankenhauspatienten ist ein zusätzliches Problem für viele Häuser. „Auf allen Stationen müssen mehr Patientinnen und Patienten behandelt werden, die Corona-positiv sind und bei denen Covid-19 nicht die Hauptursache des Klinikaufenthalts ist“, sagt Klinikvertreter Gaß.

Um Personal sowie Patienten zu schützen, müssten immer größere Infektionsabteilungen eingerichtet werden. Infizierte werden vielfach auf eigens eingerichteten Stationen isoliert behandelt, damit sich die Ausbreitung des Coronavirus‘ verlangsamt. „Das kostet Personal, das eigentlich an anderer Stelle benötigt wird“, sagt Gaß.

Drei Viertel der Kliniken arbeiten eingeschränkt

Krankenstände und Bettenkapazitäten werden zwar nicht in Echtzeit zentral erfasst, aber nach Angaben des DKI arbeiten 75 Prozent der Kliniken eingeschränkt. Das heißt auch, dass teils Patienten oder Patientinnen an andere Orte verlegt oder ambulante Untersuchungen komplett abgesagt werden müssen.

Es werden zwar weiterhin dringende Eingriffe, wie Tumor-Operationen, vorgenommen und auch Notfälle behandelt. Planbare – die sogenannten elektiven – Behandlungen werden aber vielerorts verschoben. „Was sich durch Warten nicht verschlechtert oder bei dem es zumutbar ist, dass man wartet, wird zurückgestellt – beispielsweise Kniegelenkoperationen“, sagt Ärztevertreter Reinhardt.

Aus ärztlicher Sicht mag das vertretbar sein, Patientenvertreter warnen aber, dass hinter jedem verschobenen Termin das Schicksal eines Einzelnen steckt.

„Wir sehen mit Sorge, dass chronisch kranke und behinderte Menschen bei dem derzeitigen Infektionsgeschehen von der Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen, aber auch von der Durchführung notwendiger Operation absehen, da viele Angst haben sich im Krankenhaus oder auch in einer Rehabilitationseinrichtung anzustecken“, sagt Martin Danner. Er ist Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (Bag Selbsthilfe), die sich für die Gleichstellung chronisch kranker und behinderter Menschen einsetzt. Sie fordert eine allgemeine Impfpflicht, damit verletzliche Personen besser geschützt sind.

Es gibt auch wirtschaftliche Folgen

Abgesagte Behandlungen sind nicht nur für Diejenigen ärgerlich, die sie benötigen. Die Kliniken verdienen mit ambulanten Untersuchungen und planbaren Eingriffen normalerweise gutes Geld. Fällt diese Einnahmequelle über längere Zeit weg, hat das wirtschaftliche Folgen.

Mehr als die Hälfte der deutschen Klinken haben im vergangenen Jahr rote Zahlen geschrieben. Inflation und gestiegene Energiepreise bringen den Krankenhäusern darüber hinaus große Kostensteigerungen. Fast zwei Drittel der Kliniken erwarten aufgrund der Belegungsrückgänge und einer geringeren Auslastung auch für das Jahr 2022 ein Defizit.

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