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Am wenigsten Höhepunkte mit Männern

Frauen haben laut einer amerikanischen Untersuchung von 2018 beim Hetero-Sex die geringste Wahrscheinlichkeit, einen Orgasmus zu erleben: Beim Sex mit Männern ist der seltener als bei Masturbation oder Sex mit einer anderen Frau. Dabei ist der weibliche Orgasmus eigentlich kein kompliziertes Extra: Für Menschen mit Vulva scheint es nach aktueller Studienlage biologisch genauso einfach zu kommen wie für Menschen mit Penis. Etwa verfügt das weibliche Geschlechtsorgan über ähnlich viele Nervenzellen wie das männliche.

Aber: Die meisten Frauen können keinen Orgasmus allein durch Penetration erleben. Studien zufolge hat der Großteil der Frauen einen Orgasmus im Solo-Sex, wenn sie ihre Klitoris stimulieren. Sie ist das Lustzentrum des weiblichen Körpers.

Warum weibliche Orgasmen ausbleiben

Fehlende Orgasmen können unter anderem eine medikamentöse oder körperliche Ursache haben. Bestimmte Medikamente können bewirken, dass Orgasmen ausbleiben. Wissenschaftlich untersucht wurde dieser Effekt beispielsweise bei Psychopharmaka wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI). Auch Krankheiten wie beispielsweise Endometriose und Diabetes können die Fähigkeit beeinträchtigen, zum Orgasmus zu kommen. Deshalb beim nächsten Besuch beim Frauenarzt ansprechen.

Aber: Laut soziologischer Forschung liegt die geringere Zahl an Höhepunkten vor allem an psychosozialen Faktoren. Das bedeutet, die Ursache liegt meist in eigenen Denkmustern über Sex, in gesellschaftlichen Normen und in der Beziehung.

Analog zur „Pay Gap“: Die sogenannte „Orgasm Gap“

Forscherinnen und Forscher der Sexualwissenschaft sprechen deshalb von einer „Orgasm Gap“, zu Deutsch Orgasmus-Lücke. Dieses Wortspiel ist angelehnt an die „Pay Gap“, auch Gehaltslücke genannt. Sie beschreibt die Tatsache, dass Frauen bei gleicher Arbeit im Durchschnitt weniger verdienen als Männer.

Die Orgasmus-Lücke betrifft Hetero-Frauen verschiedener Altersgruppen und sozialer Schichten. „Zu mir kommen die Klientinnen ab 18 Jahren. Die älteste Patientin, die ich hatte, war Anfang 50“, bestätigt die Sexologin Julia Henchen aus Tiefenbronn (Baden-Württemberg). „Es ist also nie zu spät, sich um die eigene sexuelle Gesundheit zu kümmern.“

Was die „Orgasm Gap“ vergrößert

Die sexuelle Zufriedenheit gehört zu einem glücklichen Leben dazu: Viele Frauen berichten Frau Henchen, dass sie unter ihren fehlenden Orgasmen leiden: „Sie haben das Gefühl, keine „richtige“ Frau zu sein, sich nicht gehen lassen zu können, wenn sie keinen Orgasmus haben“, erklärt Frau Henchen. „Bei anderen scheint das so einfach zu sein. Das kann frustrieren.“

Schwierigkeiten, mit dem Partner zum Höhepunkt zu kommen, können ein Hinweis auf ein kommunikatives Problem in der Beziehung sein. Die Forschung ist sich einig: Persönliche Konflikte, Probleme in der Familie und Beziehung können das „Fallenlassen“ beim Sex erschweren, egal welchem Geschlecht die Person angehört. Eine Beziehung voller Vertrauen und eine offene Kommunikation über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse sind wichtige Faktoren, um die Orgasmus-Lücke zu schließen.

Auch die Partner können darunter leiden, wenn es im Bett nicht läuft. Gefühle kommen auf, es „nicht zu bringen“. Scham macht sich breit. Und die ist für beide nicht nur unsexy, sondern kann einen Teufelskreis in Gang setzen. Wer sich schämt, hat weniger guten Sex. Wer weniger guten Sex hat, schämt sich vielleicht mehr, mit anderen Menschen über seine sexuellen Bedürfnisse zu sprechen. Das führt wiederum zu schlechterem Sex.

Skripte bestimmen, wie Sex abläuft

Jeder Mensch habe eine sexuelle Geschichte, erklärt die Sexologin. Diese könne man sich wie ein Skript für den eigenen sexuellen Film vorstellen, den wir immer wieder abspielen. Diese Skripte seien nicht per se gut oder schlecht. „Stellen Sie sich vor, sie müssten jedes Mal neu lernen, wie Sex funktioniert, wenn Sie sexuell aktiv sein wollen. Klingt anstrengend, oder?“ Sexuelle Skripte böten uns eine Richtung, wie wir uns in bestimmten sexuellen Situationen fühlen, verhalten oder denken können. Das passiere oft unbewusst.

Gesellschaftliche Normen beeinflussen diesen Prozess. Gesellschaftliche Vorstellungen davon, was uns „normal“ und was „pervers“ vorkommt, prägen Wünsche und Tabus im Kopf. So könnte das sexuelle Skript von Person A folgendermaßen lauten, führt Sexologin Henchen aus: „Die Frau liegt unten, der Mann oben. Der Sex besteht aus Penetration. Wenn der männliche Part einen Orgasmus hatte, ist der Sex vorbei.“ Das Skript von Person B könnte lauten: „Die sexuelle Begegnung beginnt und endet mit Oralsex, Penetration ist optional, küssen nicht.“

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Sex ist Kommunikation – deshalb ist miteinander reden wichtig

Keines dieser Skripte sei besser oder schlechter, es seien nur unterschiedliche Drehbücher für sexuelle Filme, erklärt die Sexologin. Doch wenn eine Frau mit dem eigenen Skript oder dem ihres Partners nicht zum Höhepunkt komme und sich deshalb mit ihrem Sexleben nicht wohlfühle, gebe es Änderungsbedarf. Das Gute ist: Bei der Sexualität kann man dazulernen, sexuelle Skripte können sich verändern. Und Teufelskreise aus Scham lassen sich durchbrechen.

Dafür gibt es ein einfaches Mittel: miteinander reden. „Was fühlt sich gut an, was tut mir gut, was finde ich vielleicht nicht gut?“ Darüber solle ein Paar sprechen, auch wenn es sich komisch oder peinlich anfühle, sagt Henchen. „Sex ist auch nichts anderes als Kommunikation.“ Sie erfordere Mut, aber lasse sich trainieren.

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Das eigene sexuelle Skript umschreiben

Gemeinsam kann man das eigene sexuelle Skript umschreiben. Dabei sei Solo-Sex ein wunderbares Mittel, um zunächst eigene Bedürfnisse zu erkunden, empfiehlt Henchen. Anschließend könnten die Partner sich austauschen – am besten in einem sicheren und ruhigen Raum, der nicht per se sexuell aufgeladen ist. Weitere Tipps fürs Gespräch: Lachen ist erlaubt, geäußerte Bedürfnisse sind keine Verpflichtung, sie zu erfüllen. Bei wem das Wort „Vagina“ kein warmes Kribbeln auslöst, wie fühlt sich dann Vulva, Vulvinchen, Vulvina, Vulvalippen an? Es ist Ihr Körper, nennen Sie Ihn, wie Sie möchten, empfiehlt die Sexologin.

Sie stimulieren sich gerne selbst? Wie sehr viele andere Frauen mit kreisenden Bewegungen um die Vulvalippen und die Klitoris? Vielleicht erfinden Sie einen passenden und schönen Namen dafür. So können Sie Ihrem Partner direkt kommunizieren: Ich mag es, wenn Du mich an dieser Stelle so berührst, rät Henchen. In ihren Beratungen erlebe sie häufig, dass klare Ansagen Männern den Druck nehmen, vermeintlich „performen“ zu müssen.

Jede Frau ist die Expertin für ihren Körper. Deshalb kann es sich für Männer lohnen, die Partnerin um eine Nachhilfestunde zu bitten, erklärt Henchen: Wo fühlen sich Berührungen schön an, wie und ob möchte ich beim Sex sprechen, was löst das Feuerwerk im Körper aus?

Was kann ich als Mann tun, um meine Partnerin und mich zu empowern?

„Meist kommt die Frau beim Thema Lustlosigkeit in die Beratung. Ich frage dann immer: Und Ihr Partner?“ berichtet Sexologin Henchen. Wer sein sexuelles Skript umschreiben möchte, muss sich von einem weiteren Rollenbild unserer Gesellschaft verabschieden: Über Sex reden, das ist keine Frauensache. Die Care-Arbeit, also das Kümmern um Themen rund um Partnerschaft und Liebesbeziehung, geht beide an.

Das Gefühl, einen sicheren Raum zu haben, in dem sich beide über persönliche Wünsche und vielleicht auch ihren Frust aussprechen dürfen, kann sich auch deshalb sehr befreiend anfühlen. Und so schön Orgasmen sind: Der innere Druck, einen haben zu müssen, kann auch bewirken, dass er ausbleibt. Versichern Sie Ihrer Partnerin, dass der Sex auch ohne Orgasmus mit ihr schön ist, rät Henchen deshalb. Dann bekommt er in jedem Fall und von beiden ein klares „Oh, ja!“.

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Quellen:

  • National Library of Medecine: Differences in Orgasm Frequency Among Gay, Lesbian, Bisexual, and Heterosexual Men and Women in a U.S. National Sample, -. Online: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/... (Abgerufen am 08.03.2023)
  • Frederick D A, St. John H K, Garcia J R et al. : Differences in Orgasm Frequency Among Gay, Lesbian, Bisexual, and Heterosexual Men and Women in a U.S. National Sample. Archives of Sexual Behaviour: https://link.springer.com/... (Abgerufen am 08.03.2023)
  • Hoy M, van Stein K, Strauss B et al. : The Influence of Types of Stimulation and Attitudes to Clitoral Self-stimulation on Female Sexual and Orgasm Satisfaction: a Cross-sectional Study. Sexuality Research and Social Policy volume: https://link.springer.com/... (Abgerufen am 08.03.2023)
  • American Diabetes Association: Diabetes and Female Sexual Functioning: A State-of-the-Art . Online: https://doi.org/... (Abgerufen am 08.03.2023)
  • The Journal of Sexual Medicine: The challenge of endometriosis for female sexual health . https://doi.org/... (Abgerufen am 08.03.2023)
  • World Health Organization: Sexual health. Online: https://www.who.int/... (Abgerufen am 08.03.2023)