Baby und Familie

Wenn ich als Mama von zwei Kindern eines verstanden habe, dann das: Junge Mütter haben es (heute) nicht leicht. Da wollte ich mich nur mal eben über die Rückbildung informieren – und schon wurde ich mit allerhand (übergriffigen) Erwartungen konfrontiert. Ich sollte möglichst: In Windeseile fit werden, schnell wieder sexy sein und meinen „alten“ Körper zurückbekommen. Als wäre ich vorher Heid Klum gewesen. Hallo?! Dieser Körper hat gerade einen kleinen Menschen zur Welt gebracht, macht mal halblang!

Wenn das so einfach wäre. Es scheint schließlich nicht zu reichen, eine liebevolle Mutter zu sein. Dieser Druck, den Frauen spüren, kommt nicht von ungefähr. Die schrecklichen Begriffe „After Baby Body“ und „Mommy Makeover“ beweisen, dass da eine ganze Industrie dahintersteckt. Es geht darum, dem Körper einer Frau – nachdem sie Mutter geworden ist – schnell wieder in den Originalzustand zu versetzen. Kein Wunder also, dass wir uns auch in Sachen Sex nicht gerade entspannen. Wir fragen uns: Ab wann kann, soll und muss ich mich wieder wie ein sexuelles Wesen fühlen?

Ständig müde, ständig braucht das Baby Nähe

„Das Thema ist deshalb eines, weil die meisten Paare nach der Geburt ihres Kindes keinen Sex mehr haben. Die Frauen sind überfordert, weil sie rund um die Uhr für jemand anderen zuständig sind. Und die Männer verstehen nicht, was los ist. Sie gehen ins Büro und haben acht Stunden lang ein selbstbestimmtes Leben. Ich würde schätzen, dass die Hälfte der Eltern erst einmal ein Problem mit der gemeinsamen Sexualität haben“, sagt Tina Molin. Als Sex-Coachin begleitet die 48-jährige Frauen zurück in ihre Lust. Sie weiß: Junge Mütter stellen ihre eigenen Bedürfnisse häufig komplett hinten an, sind nur für den Nachwuchs da. Hinzu kommt die ständige Müdigkeit – und permanent braucht das Baby Nähe. Kein Wunder also, dass man die (sexuelle) Nähe des Partners erst einmal nicht herbeisehnt. „Bei mir hing eh schon jemand den ganzen Tag an meinen Brüsten. Da wollte ich am Abend meinen Körper für mich haben“, erzählt Tina Molin. Und weiter: „Ich verstehe, dass Männer das nicht nachvollziehen können. Als mein Mann und ich Rollen tauschten und er für zwei Monate unser Kind allein versorgte, hatte er plötzlich auch keine Lust mehr. Er war einfach nur fix und fertig.“

„Nach einem halben Jahr ging es langsam wieder los“

Ich höre mich in meinem Freundeskreis um, wie lief das da mit der Lust? Mit Katharina konnte ich schon immer über Sex reden. Sie erzählt: „Nach vier Monaten wurde ich langsam ungeduldig. Ich dachte schon, wir finden nicht mehr auf diese Ebene zurück. Eines Abends kam ich nackt aus dem Bad, mein Mann sah mich an, stand auf, folgte mir ins Schlafzimmer und es passierte völlig spontan. Das hat mich im positiven Sinne umgehauen.“ – Inga berichtet: „Ich hatte die Befürchtung, dass es sich für meinen Mann nicht mehr so anfühlt wie vor der Geburt. Manche meiner Freundinnen wollten deshalb extra einen Kaiserschnitt. Bei unserem ersten Mal als Eltern flüsterte er mir dann ins Ohr ‚Du fühlst dich großartig an‘. Also völlig umsonst Gedanken gemacht.“ – Amelie sagt: „Mein Freund wollte, ich nicht. Das war auf jeden Fall ein Thema in unserer Beziehung. Nach einem halben Jahr ging es langsam wieder los. Der Sex war durchschnittlich. Ich konnte erst wieder so richtig leidenschaftlich sein, wenn unser Sohn nicht zu Hause war, also in der Kita oder bei der Oma.“

Rückbildungsprozesse brauchen Zeit

Schauen wir uns die medizinischen Fakten an, was meint der Gynäkologe? „Die Rückbildungsprozesse nach einer Geburt brauchen sechs Wochen, das ist auch die Zeit des Wochenbetts. Die Naht nach einem Damm- oder Scheidenriss muss heilen, der Uterus bildet sich langsam zurück und der Wochenfluss sollten abgeklungen sein“, sagt Professor Dr. Stefan Verlohren, Oberarzt in der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité. Der 46-Jährige führt mit seinen Patientinnen vor der Entlassung aus dem Krankenhaus ein Wochenbettgespräch, bespricht mit ihnen auch das Thema Verhütung. „Das Hormon Prolaktin, das mit für die Milchproduktion verantwortlich ist, unterdrückt die Reifung der Eizellen, so dass eine Schwangerschaft weniger wahrscheinlich ist. Verlassen kann man sich darauf aber nicht“, erklärt Stefan Verlohren. Nicht selten treffe er Frauen elf oder zwölf Monate später wieder im Kreißsaal – bei ihrer nächsten Geburt.

Der Gynäkologe weiß, dass das Thema Sexualität für junge Mütter schambesetzt sein kann: „Eine Geburt ist ein einschneidendes Erlebnis, der Körper macht einiges durch. Hormonelle Veränderungen können beispielsweise zu einer trockenen Scheide führen. Oder der Dammriss ist nicht optimal verheilt, was Schmerzen beim Sex verursachen kann.“ Umso wichtiger sei es, sich und dem Körper diese sechs Wochen Zeit zu lassen. Und zum Schluss rät er: „Vertrauen Sie sich bei Ängsten, Befürchtungen oder Schmerzen Ihrer Hebamme an, die Sie für die Wochenbettbetreuung zu Hause besucht, oder wenden Sie sich an Ihren Frauenarzt oder Ihre Frauenärztin.“

Vom richtigen Zeitpunkt für den Sex nach der Geburt

Also, was ist denn jetzt ein guter Zeitpunkt, um den Sex wiederzuentdecken? Wie so oft im Leben kommt es darauf an. Die Umstände könnten ja auch nicht unterschiedlicher sein: Die eine hat ein sehr unruhiges Baby oder Postnatale Depressionen. Die andere fühlt sich in der eigenen Haut nicht wohl. Die dritte kann vor lauter Wickeln keine Penisse mehr sehen. Und die vierte hat alles gut weggesteckt und wieder Lust auf die Liebe. „Sechs Wochen nach der Geburt finde ich schon früh. Da sind Eltern noch in der Findungsphase. Wenn das Paar hingegen die Sexualität ein ganzes Jahr lang hintenanstellt, würde ich schon von einem Problem sprechen“, ordnet Tina Molin ein.

Alles easy in der Liebe

Die gute Nachricht: Um dem Sex wieder Raum in der Partnerschaft zu geben, braucht es gar nicht viel. Und doch ist genau das nicht so leicht umzusetzen: Luft zum Atmen für den- oder diejenige, der beziehungsweise. die sich hauptsächlich ums Baby kümmert. Denn dieses 24-Stunden-im-Dienst-sein killt jedes Lustempfinden. Irgendwann fühlte auch ich mich vor lauter füttern, wickeln, trösten, in den Schlaf wiegen und Kinderwagen schieben wie entkoppelt vom eigenen Körper. Tina Molin rät, Aufgaben zu delegieren. Vielleicht eine Haushaltshilfe auf Zeit beschäftigen? Oder öfter mal die Großeltern mit dem Nachwuchs losziehen lassen. Und wenn es nur eine Stunde zum Durchatmen oder in Ruhe duschen ist.

„Geben Sie der Partnerschaft mehr Raum, reden Sie miteinander über Ihre Bedürfnisse. Er fühlt sich vielleicht zurückgewiesen und sie unter Druck gesetzt. Durch Gespräche können sich beide beim anderen wieder sicher fühlen“, erklärt Tina Molin und betont: „Lust kommt von Lebendigkeit. Die wird, wenn man Kinder bekommt, oft liegengelassen. Lebendig fühlen wir uns, wenn wir beispielsweise unserem liebsten Hobby nachgehen oder Zeit für uns selbst haben. Fragen Sie sich, was Ihr Energielevel wieder auffüllt“, rät die Sex-Coachin.

So Leute, ich muss dann mal los. Eine Runde Sauna für mich. Damit auch bei mir und dem Vater meiner Kinder… ach ihr wisst schon! Alles easy in der Liebe halt.

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