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Frau Dr. Witte, Sie haben untersucht, wie sich Einsamkeit auf unser Gehirn auswirkt. Was haben Sie herausgefunden?

Veronica Witte: Tatsächlich haben wir nicht die Folgen von Einsamkeit untersucht, sondern von sozialer Isolation. Da gibt es Unterschiede: Manche fühlen sich einsam, obwohl sie zig Freunde und Familie haben. Andere sind komplett allein, würden sich aber nie als einsam beschreiben. Soziale Isolation hingegen lässt sich objektiv messen.

Wie denn?

Es gibt dafür spezielle Fragebögen. Zum Beispiel wird darin gefragt, wie viele Verwandte man hat, mit denen man sich gut über private Dinge unterhalten kann. Oder, von wie vielen Freunden man im vergangenen Monat etwas gehört hat. Am Ende bildet sich ein bestimmter Wert, den wir dann mit der Gehirnstruktur und geistigen Fähigkeiten wie Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und geistiger Beweglichkeit in Bezug gesetzt haben.

Mit welchem Ergebnis?

Es ist bekannt, dass unsere Hirnstrukturen mit dem Alter schrumpfen – und mit ihnen auch die geistigen Fähigkeiten. Das Hirn wird kleiner, insbesondere ab einem Alter von etwa 50 Jahren. Wir konnten herausfinden, dass bei Menschen, die zu diesem Zeitpunkt wenig soziale Kontakte haben, die Struktur der sogenannten grauen Hirnsubstanz im Zeitverlauf jedoch stärker abnimmt als bei Personen, die weniger sozial isoliert sind. Zudem wird die geistige Leistungsfähigkeit schwächer. Soziale Isolation lässt das Gehirn also aller Wahrscheinlichkeit nach schneller altern.

Dr. PD Veronica Witte ist Biologin und Wissenschaftlerin an der Universitätsmedizin Leipzig sowie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig

Dr. PD Veronica Witte ist Biologin und Wissenschaftlerin an der Universitätsmedizin Leipzig sowie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig

Sehen Sie auch einen Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und Demenz?

Wir wissen, dass Veränderungen in der Gehirnstruktur mit Veränderungen der geistigen Leistungen einhergehen – also, wie gut sich jemand Dinge merken und Probleme lösen kann, wie gut seine Wahrnehmung, Orientierung und sein Sprachvermögen funktionieren. Wir denken, dass diese Mechanismen auch bei Demenz eine Rolle spielen können. Entsprechend kann die soziale Isolation genauso ein Faktor für die Erkrankung Demenz sein wie mangelnde Bewegung oder ungesunde Ernährung. Mit unseren Erkenntnissen können wir darauf hinweisen, wie wichtig es ist, soziale Isolation effektiv zu bekämpfen, um damit auch vorbeugend gegen Demenz vorzugehen.

Sind einzelne Gruppen stärker von sozialer Isolation betroffen als andere – zum Beispiel Alleinlebende im Vergleich zu Verheirateten?

Genauer angeschaut haben wir uns das Verheiratetsein, das tatsächlich zu weniger Isolationspunkten geführt hat. Grundsätzlich scheinen aber vor allem die Lebensabschnitte wichtig, also zum Beispiel der Übergang ins Rentenalter oder der Tod von PartnerInnen. Hier wäre zu überlegen, ob man diesen Menschen in solchen Phasen bestimmte Angebote macht.

Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich über kein großes soziales Netz verfüge?

Wir haben versucht, den Effekt am Beispiel von zwei Menschen konkret zu berechnen. Der eine verfügt lediglich über einen engen Freund, der andere über drei bis vier enge Freunde. Wer nur einen engen Freund hatte, dessen Gehirn war etwa ein Jahr älter als das des anderen Menschen. Auf Bevölkerungsebene, also wenn man das hochrechnet, ist der Effekt damit durchaus groß. Für den einzelnen Menschen ist er aber eher klein. Dennoch hat man jetzt einen Grund mehr, seine Freundschaften zu pflegen oder neue aufzubauen, wenn man sich etwas Gutes tun will.

So lief die Studie ab

  • Das Team um Veronica Witte und Laurenz Lammer schrieb nach dem Zufallsprinzip gut 10000 Menschen an, die zuvor an einer großen Leipziger Bevölkerungsstudie teilgenommen hatten. 2500 von ihnen nahmen dann an einer mehrtägigen Untersuchung teil, bei der die Forschenden hochauflösende MRT-Aufnahmen vom Gehirn und geistige Tests durchgeführt haben.
  • Außerdem befragte das Team die Teilnehmenden nach ihrer medizinischen Vorgeschichte. So sollten Vor- und Grunderkrankungen ausgeschlossen werden, die die Ergebnisse verfälschen könnten. So blieben am Ende runde 1900 Teilnehmende, die in die Studie aufgenommen wurden. Sechs Jahre später, am Ende der Studie, waren davon noch gut 1400 dabei.
  • Die Forschenden gehen davon aus, dass ihre Ergebnisse eine ursächliche Verknüpfung von sozialer Isolation und Gehirnalterung nahelegen – also nicht nur ein statistischer Zusammenhang sind. Denn es sei gut gelungen, andere Faktoren, die einen Einfluss haben könnten, herauszurechnen.

Quellen:

  • Department of Neurology, Max Planck Institute for Human Cognitive and Brain Sciences, Germany; Clinic for Cognitive Neurology, University of Leipzig Medical Center, Germany: Impact of social isolation on grey matter structure and cognitive functions, A population-based longitudinal neuroimaging study. eLife: https://elifesciences.org/... (Abgerufen am 20.06.2023)