Baby und Familie

Das Grauen kommt immer mit der kalten Jahreszeit. Sobald die Kleinen fröhlich in der Kita tollen, braucht man eigentlich nur bis drei zu zählen, und die nächste Erkältung ist sicher. Und die übernächste. Und die danach auch. Man wird der Rotznase einfach nicht Herr. Aber ist man da wirklich so machtlos? "Ja", sagt Dr. Burkhard Rodeck von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin aus Osnabrück: "Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hatte es bis dahin ja kaum Kontakt mit Keimen. Das Immunsystem muss erst lernen, mit den ganzen Erregern umzugehen", erklärt Rodeck. Das ist die eine Sache. Die Körperabwehr muss trainieren.

Die andere Sache ist die: "In der Kita verhalten sich Kinder ja nicht wie Erwachsene. Sie sind völlig distanzlos. Sie fassen alles und jeden an. Da findet ein maximaler Keimaustausch statt", sagt Rodeck. Hinzu kommt, dass es über 200 verschiedene Erkältungsviren gibt. Der Körper braucht ein ganzes Leben, um sich gegen all diese Erreger zu wappnen. "Daher ist es auch völlig normal, wenn ein Kind bis zu zehn Mal im Jahr eine Erkältung nach Hause bringt", sagt der Experte.

In der Regel verläuft ein sogenannter grippaler Infekt recht harmlos und ist nach etwas mehr als einer Woche wieder überstanden. Bei anhaltendem Fieber sollte das Kind jedoch immer zum Arzt – bei Kindern unter einem Jahr schon am ersten Tag.

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Um Erkältungen ranken sich jedoch allerlei Mythen. Das fängt schon beim Namen an.

Erkältung kommt von Kälte?

Eben nicht. Wer sich in der kalten Jahreszeit warm anzieht, ist dennoch gut ­­be­raten – aber der Reihe nach. Krank machen Erreger und nicht die Temperaturen. Insgesamt sind über 200 Erkältungsviren bekannt. Das erklärt auch, warum es gerade junge Menschen besonders häufig und Erwachsene seltener erwischt. Die Körperabwehr lernt mit jeder Erkältung dazu. Da kommen wir auch schon ein Stück weit zur Ursache. Bei einer Körpertemperatur von rund 37 Grad Celsius funktioniert unsere Abwehr am besten. Und wenn es draußen Minusgrade hat, versucht unser Körper diese Idealtemperatur zu halten und sicherzustellen, dass die lebenswichtigen Organe nicht auskühlen.

Diese intelli­gente Temperaturregulation hat jedoch einen Haken: Bei niedriger Außen­temperatur ziehen sich die Gefäße an der Körperoberfläche zusammen und werden schlechter durchblutet – die Viren haben so ein leichteres Spiel, durch die Schleimhäute in den Körper zu gelangen. Deshalb ist es auch besser, sich im Winter warm anzuziehen.

Hochziehen ist besser als ­Schnäuzen?

Vermutlich machen die Kleinsten in­tuitiv alles richtig. Denn wenn der Schleim mit der Nase hochgezogen wird, gelangt er in den Rachen und durchs Schlucken letztlich in den Magen. Dort macht die Magensäure die Erreger im Nu unschädlich. Beim Schnäuzen, so wird hingegen vermutet, verteilen sich durch den dabei entstehenden Unterdruck die Keime auch in die Nebenhöhlen und im Mittelohr.

Säuglinge bekommen keine Erkältung?

Das ist leider falsch. Es stimmt zwar: Abwehrstoffe der Mutter werden in den letzten Schwanger­schaftswochen über Plazenta und Nabelschnur an das Kind weitergegeben – der sogenannte Nestschutz. Aber er schützt eben nur vor den Erregern, die das Immunsystem der Mutter schon einmal bekämpft hat – oder vor manchen Krankheiten, gegen die sich die Mutter hat impfen lassen. Doch der Nestschutz ist nur vorübergehend. Schon nach zwei bis drei Monaten lässt er deutlich nach.

Antibiotikum bei gelbgrünem Schleim?

Das ist sogar  doppelt falsch. Dahinter steckt die Idee, dass es sich bei gelbgrünem  Schleim um Eiter, also Bakterien, handle. Und dass ein Antibiotikum  bekanntlich Bakterien effektiv bekämpfen kann. Letzteres stimmt zwar,  aber insgesamt ist diese Idee ein großes Missverständnis. Denn: mit an  Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (mehr als 90 Prozent) wird eine  Erkältung durch ­Viren verursacht. Gegen die sind Antibiotika völlig  wirkungslos. Nur die körper­eigene Abwehr hat da eine Chance. Und die  ist zugleich auch hauptsächlich für die gelbgrüne Färbung des Schleims  verantwortlich. Der enthält nämlich überwiegend eben jene Abwehrzellen,  die gegen die Viren angetreten sind und sie bekämpft haben.

Hinzu kommen  die abgetöteten Erreger, alte Zellen der Nasenschleimhaut und Enzyme.  Es gibt jedoch eine seltene Ausnahme: wenn es sich um eine sogenannte  Superinfektion handelt. Die ist aber nicht super. Denn dann hat sich der  Körper während einer Erkältung (Viren) auch noch mit Bakterien  infiziert. Ob es sich aber um eine solche Doppelinfek­tion handelt, kann  nur der Arzt feststellen.

Sind Stofftaschentücher unhygienischer als Papiertücher?

Das kommt darauf an. Wenn man bei Schnupfen ein Papiertaschentuch mehrmals  verwendet, was in der Praxis wohl passiert, ist das so unhygienisch wie  ein Stofftaschentuch, das mehrmals verwendet wird. Aus medizinischer  Sicht hat ein Taschentuch eine Lebensdauer von exakt einmal schnäuzen. Ob Stoff oder Papier. Alles andere ist unhygienisch.

Viel Schnupfen = schwaches Immunsystem?

Davon  ging man bis vor  wenigen Jahren aus. Neueste Erkenntnisse deuten jedoch  auf das  Gegenteil hin: Wenn der Körper mit Schnupfen und Husten auf   Erkältungsviren reagiert, dann tut er das, weil er die Eindringlinge so   schnell wie möglich wieder los­werden will. Das Immunsystem leistet  also  ganze Arbeit. Und das ist ein gutes Zeichen.

Drei Tage kommt sie, drei Tage steht sie, drei Tage geht sie?

Das   ist absolut richtig. Eine Erkältung hält insgesamt etwa neun Tage an –   mit oder ohne Medika­mente. Denn bis heute gibt es tatsächlich keinen   einzigen Wirkstoff, der nachgewiesen vor Erkältungen schützt. Das liegt   wiederum an den über 200 Erkältungsviren. Einen Impfstoff gegen all   diese Erreger zu entwickeln, ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft   schier unmöglich. Oder mit anderen Worten: einfach unfassbar teuer.

Benutzte Taschentücher sofort entsorgen?

Besser ist das. Wenn nicht, sind die Taschentücher für Viren nämlich nur eine kurze Zwischenstation auf der Reise über die Hände zum nächsten Körper.

Keine Milch bei Erkältung?

Dass    Milch die Schleimbildung anregt, glaubte schon Oma zu wissen. Bei   einer  Erkältung wäre dann ja aber alles nur noch schlimmer. Klingt   plausibel,  ist aber nicht so. Richtig ist, dass sich Milch im Mund   schleimig  anfühlt. Das liegt an ihrem Fett­gehalt und hat nichts mit   der  Schleimbildung an sich zu tun. Die Milch kommt auf dem Weg durch   die  Speiseröhre in den Magen nicht einmal mit den schleimbildenden   Zellen  der Atemwege in Kontakt. Dass sie sich im Mund schleimig   anfühlt, ist  sogar ganz nützlich. Denn so kann sie die ­Beschwerden im   Hals lindern.  Gibt man in warme Milch noch etwas Honig – aber erst bei   Kindern ab  einem Jahr! –, dann können dessen entzündungshemmende  Stoffe  ebenfalls  zur Linderung beitragen.

Schützt Händewaschen am besten?

Genau so und nicht anders ist es. Denn im Schnitt berühren unsere Hände bis     zu 16 Mal in der Stunde das Gesicht. Als ob es ein natürlicher  Reflex    wäre. Die meisten Erreger gelangen über die Schleimhäute in  Augen und    Nase in den Körper. Und nicht, weil jemand in Bus oder  U-Bahn neben    einem niest oder hustet und man die Erreger einatmet.

Wenn man    bedenkt, was wir im Alltag so alles berühren –  Türklinken, Automaten,    Spielzeug oder andere Hände –, sollte man sich  schon einmal überlegen,    ob man sich jetzt kurz im Gesicht  kratzt, weil es etwas juckt.    Kinder können das freilich nicht. Und  gerade in Kitas wird mit Viren und    Bakterien nur so  herumgeschleudert. Das lässt sich auch nicht    verhindern. Was bleibt,  ist aber der Selbstschutz: 20 bis 30    Sekunden die Hände mit Seife  waschen, mehrmals täglich und besonders vor    dem Zubereiten von  Speisen, vor dem Essen oder bei der Ankunft in der    Kita, der Arbeit  oder zu Hause.

Schützt eine Grippe-Impfung auch vor Erkältung?

Eine     Erkältung wird zwar auch grippaler Infekt genannt, mit einer echten Grippe hat das aber nichts zu tun. Denn während eine Erkältung in  aller    Regel harmlos verläuft, kann eine echte Grippe für Säuglinge,  Kinder   und  ältere Menschen gefährlich werden. Aber es gibt einen  großen    Unterschied: Die Grippe (und manch andere Virusinfektion)  kommt    schlagartig. Innerhalb weniger Stunden fühlt man sich schlapp,  krank,    hat Fieber und meist Muskelschmerzen. Anhand dieses Verlaufs  lässt sich    normalerweise zwischen Grippe und grippalem Infekt  unterscheiden. Und nein: Eine Grippe-Impfung schützt somit nicht vor Erkältungen.

Fachwissenschaftliche Beratung: Professor Dr. Ansgar Schulz, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Ulm, und Dr. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Osnabrück

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