Baby und Familie

Damit wir hören können, hat die Natur ein Wunderwerk erschaffen: Wer spricht, sendet Schallwellen aus, die unser Außenohr auffängt wie ein Trichter. Die Wellen wandern durch den Gehörgang zum Trommelfell, das zu schwingen beginnt. Mit ihm sind Knöchelchen verwachsen, die die Vibrationen auf mechanischem Weg vom Mittelohr ins Innenohr weitergeben. Dort setzt ­eine Flüssigkeit eine Membran in Bewegung, die sich bis zum Innenohr windet. Über eine Ketten­reaktion öffnen sich dort die Hör-Sinneszellen. Sie senden elektrische Signale ans Gehirn, wo sie verarbeitet werden.

Professorin Katrin Neumann vom Universitätsklinikum Bochum

Professorin Katrin Neumann vom Universitätsklinikum Bochum

"Damit das funktioniert, muss das Mittelohr belüftet sein", sagt Prof. Dr. Katrin Neumann, Direktorin der Klinik für Phoniatrie und Päd­audiologie des Universitätsklinikums Münster. "Das geschieht über die Ohrtrompete, die das Mittelohr mit dem Nasen-Rachen-Raum verbindet."

Ist die Belüftung gestört, entsteht im Mittelohr Unterdruck. Die Folgen: "Das Trommelfell zieht sich ein. Bei starkem oder länger anhaltendem Unterdruck gelangt Flüssigkeit aus dem umliegenden Gewebe ins Mittel­ohr und mit der Zeit bauen sich dort Gewebezellen um und produzieren erst Flüssigkeit, dann zunehmend zähflüssigen Schleim", so die Ärztin. Dieser Pauken­erguss (siehe Grafik) tritt oft bei Kindern auf: Das Trommelfell schwingt nicht mehr frei, die Gehör­knö­chel­chen über­tragen weniger Energie. Man hört schlecht.

Wenig Durchzug: Ist die Belüftung des Mittelohrs durch die Ohrtrompete gestört, sammelt sich dort Flüssigkeit. Ein Paukenröhrchen schafft dann oft Abhilfe

Wenig Durchzug: Ist die Belüftung des Mittelohrs durch die Ohrtrompete gestört, sammelt sich dort Flüssigkeit. Ein Paukenröhrchen schafft dann oft Abhilfe

Wie häufig sind Paukenergüsse?

"Gut 60 Prozent aller Kinder ent­wickeln bis zum Ende des zweiten Lebensjahres mindestens einmal einen Paukenerguss, bis zum Schulalter klettert die Zahl auf gut 80 Prozent", sagt Neumann. Das hat vor allem ­einen Grund: Ihre Ohrtrompete ist noch sehr eng, flach und anfällig. Schwillt das Gewebe bei Infekten im Nasen-Rachen-Bereich oder bei einer akuten Mittelohrentzündung an, ist die Ohrtrompete schnell zu, ebenso bei vergrößerten Rachenmandeln. "Ein hohes Risiko haben Kita-Kinder. Bei ihnen gibt es oft ­einen Pingpong-Effekt von Erkältungsinfekten untereinander", so Neumann.

Wann wird operiert?

Das Problem: Wer nicht richtig hört, lernt nicht gut sprechen. Kinderärzte reagieren daher sensibel auf einen Paukenerguss. Meist erkennen sie ihn mit einem Blick ins Ohr, wo er durchs Trommelfell schimmert. "Menge und Konsistenz der Flüssigkeit sind allerdings nicht immer genau zu bestimmen. Absolute Sicherheit schafft nur eine Operation", erklärt HNO-Ärztin Neumann. Vorher warten Ärzte aber eine Zeit lang ab – in der Regel drei Monate.

Zwei Ausnahmen gibt es: Hatte das Kind vor dem Paukenerguss eine akute Mittelohrentzündung, warten Ärzte die Entwicklung meist noch länger ab. Oft verschwindet die Flüssigkeit in diesen Fällen noch ­einige Monate später von selbst. Liegen hingegen Risikofaktoren vor wie zum Beispiel bei Kindern mit Down-­Syndrom oder einer Lippen-Kiefer-Gau­menspalte – sie sind besonders anfällig für Pauken­ergüsse –, empfehlen ­Ärzte meist ­einen zügigen Eingriff.

Wie wird operiert?

Damit die Flüssigkeit abgesaugt werden kann, wird das Trommelfell unter Vollnarkose im unteren Bereich eingeschnitten. Dadurch gelangt auch wieder Luft ins Mittelohr. "Allerdings wächst der Schnitt meist nach wenigen Tagen erneut zu. So schnell formt sich keine Schleimhaut um", erklärt die Expertin. Findet der Operateur festen Schleim, wird er daher immer ein sogenanntes Paukenröhrchen einlegen, damit das Mittel­ohr länger belüftet wird und sich die Schleimhaut erholen kann. Auch bei Kindern, die häufige, dünnflüssige Ergüsse haben, fällt die Entscheidung oft für die Röhrchen.

Für mehr Lüftung: Durch das Pauken­röhrchen gelangt Luft über den Gehörgang ins Mittel­ohr. Die dortigen Gewebezellen wandeln sich wieder um und produzieren keinen dickflüssigen Schleim mehr. Das Mittelohr erholt sich

Für mehr Lüftung: Durch das Pauken­röhrchen gelangt Luft über den Gehörgang ins Mittel­ohr. Die dortigen Gewebezellen wandeln sich wieder um und produzieren keinen dickflüssigen Schleim mehr. Das Mittelohr erholt sich

Welche Arten von Röhrchen gibt es?

Ärzte verwenden entweder solche, die sich nach mehreren Wochen von selbst aus dem Trommelfell lösen beziehungsweise abgestoßen werden, oder Langzeit-Röhrchen. Diese müssen operativ entfernt werden. Erstere haben an beiden Seiten nur dickere Ränder, die sie im Trommelfell halten sollen. Letztere sind länger und werden T-Förmig durch zwei Ausläufer hinter dem Trommelfell gehalten. "Kinder, bei denen die Kurzzeit-Röhrchen entweder nicht richtig halten oder herausfallen, bevor sich das Mittelohr erholt hat, bekommen meist Langzeit-Röhrchen. Zudem empfehlen Ärzte sie, wenn das Kind zum Beispiel einen Herzfehler oder (schwere) Mehrfachbehinderungen hat, wie es beim Down-Syndrom recht häufig vorkommt. Ihnen will man unnötige Narkosen ersparen", erklärt Katrin Neumann. Paukenröhrchen gibt es aus unterschiedlichem Material, etwa aus Kunststoff, Titan oder Gold. "Sehr selten besteht eine Materialunverträglichkeit, dann ist es gut, die Wahl zu haben. Ansonsten ist es Geschmackssache", so Neumann.

Wie notwendig ist die Operation?

Weil die Kinder meist noch klein sind, schrecken viele Eltern vor dem eigent­lich harmlosen, oft um die zehn Minuten dauernden Eingriff zurück. Dass immer mal wieder Stu­dien veröffentlicht wurden, die den Sinn der OP in Zweifel gezogen haben, macht die Entscheidung nicht leichter. "Tatsächlich gibt es Auswertungen zahlreicher vergleichender Studien zu operierten sowie nichtoperierten Paukenerguss-­Patienten, die im Grundschulalter keinen Unterschied feststellen, was die Hörleistung oder Sprachentwicklung anbelangt", sagt die Pädaudiologin.

Drei Dinge gibt sie aber zu bedenken: "Mit dem Eingriff sinkt oft die Infektanfälligkeit der Kinder. Sie haben also eine höhere Lebensqualität. Zweitens sind für ­Eltern Hör- und Sprach­probleme oft schwer zu ertragen, selbst wenn sie irgendwann wieder verschwinden mögen. Drittens besteht die Gefahr bleibender Schäden, etwa wenn das Trommelfell und die Gehörknöchelchen verkalken, vernarben und verwachsen." Das Risiko sei zwar sehr gering, aber höher als bei einem Trommelfellschnitt oder der Einlage von Pauken­röhrchen.

Gibt es eine Alternative zur OP?

In den ersten drei Monaten nach der Diagnose versuchen Kinder- wie HNO-Ärzte meist, die Belüftungsstörung mit abschwellenden Medikamenten zu beheben. Von der Fachwelt empfohlen werden hierzu nur corticoidhaltige Nasentropfen oder -sprays bei bekannten Allergien, bei denen die Nase beteiligt ist, oder abschwellende Nasentropfen bei akuten Mittelohrentzündungen und Schnupfen. Bei älteren Kindern (ab ­etwa vier Jahren) kann man auch den Einsatz spezieller Nasenballons probieren. Hilft beides nicht, bleibt nur, zwischen OP und weiterem Abwarten zu entscheiden. "Bei Letzterem wäre zu überlegen, ob das Kind in dieser Zeit mit Hörgeräten bekommt, um eine gute Sprachentwicklung ­sicher zu gewährleiste", sagt Katrin Neumann

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