Sensoren in Smartwatches, Smartphones, in der Kleidung und auf der Haut liefern heute schon allerlei Informationen – vom Herzrhythmus bis zur Gangsicherheit. Doch das ist erst der Anfang. Herr Struck, kann eine Smartwatch mit Sensor den Blutdruck genauer messen als eine Ärztin oder ein Arzt?

Matthias Struck: Durchaus. Bei der gelegentlichen Blutdruckmessung in einer ärztlichen Praxis sind die meisten Menschen nervös. Das beeinflusst den Blutdruck, sodass die einzelne Messung wenig aussagekräftig sein kann. Sensoren erheben dagegen kontinuierlich Daten. Allein die Menge der Daten, aber auch die Tatsache, dass man die Blutdruckmessung per Smartwatch kaum mitbekommt und deshalb nicht nervös ist, kann diese Art der Messung genauer machen.

Sollte man dann nicht immer Sensoren anstelle von Menschen messen lassen?

Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. Nur Daten, die korrekt erhoben wurden, kann man auch sinnvoll auswerten. Vor allem die Signale von tragbaren Sensoren, wie sie in Smartwatches stecken, sind oft von sogenannten Artefakten und Rauschen überlagert. Mit intelligenten Algorithmen kann man zwar oftmals immer noch verwertbare Signale daraus generieren. Aber die Daten von Sensoren sind nicht automatisch gute Daten und damit auch nicht generell aussagekräftiger als Daten, die analog per Hand erhoben wurden.

Messen denn teure Smartwatches und Smartphones besser als günstige? Ist die Qualität der Sensoren also auch eine Frage des Preises?

Nein. Ein Beispiel: Bei Menschen mit der Parkinson-Krankheit kann man mit einfachen und kostengünstigen Sensoren die Gangqualität messen. Das Messergebnis lässt sich nutzen, um die individuelle Behandlung der jeweiligen Person zu verbessern.

Wenn wir über medizinische Daten sprechen, schwingt stets Sorge um die Datensicherheit mit. Können Sensoren eigentlich gehackt werden?

Wo Technik im Spiel ist, kann es auch Missbrauch geben. Und Pulswerte etwa verraten nicht nur, wie schnell und rhythmisch das Herz schlägt. Sie lassen direkte Rückschlüsse auf das vegetative Nervensystem und damit auf die Stressbelastung zu. Viele Leute würden sich wundern, was man aus diesen Daten herauslesen kann, beispielsweise wie es um die psychische Konstitution bestellt ist. Doch Sensoren lassen sich grundsätzlich nur hacken, wenn die Hersteller die Standards der Datensicherheit nicht einhalten.

Angenommen, eine Smartwatch zeichnet den Herzrhythmus auf und meldet keine Probleme. Doch dann kommt es zum Schlaganfall wegen Vorhofflimmerns. Könnte der Hersteller dafür zur Verantwortung gezogen werden?

Das kommt auf die sogenannte Zweckbestimmung des Herstellers an. In der Regel liefert ein Sensor lediglich Daten und stellt keine Diagnosen. In Ihrem Beispiel wird wahrscheinlich in der Gebrauchsanweisung der Smartwatch stehen, dass diese nur Indizien für ein Vorhofflimmern liefern kann und man bei bestimmten Anzeichen zum Arzt gehen sollte.

Sensoren sind heute schon sehr klein. Wie klein können sie noch werden?

Ich denke, in fünf Jahren wird es so weit sein, dass wir Sensoren nicht mehr als ein zusätzliches Gerät wahrnehmen. Sensoren, die beispielsweise die Gangqualität oder unseren Gleichgewichtssinn messen, werden dann unter anderem auch in Schuhen, in der Kleidung und in Brillen integriert sein. Und sie werden ohne Zusatzgerät zuverlässig die Daten liefern, die sie liefern sollen.

Praktisch wäre ja auch, wenn sie mehrere Dinge auf einmal messen. Wenn ein Sensor also Blutdruck, Blutzucker und die Bewegung aufzeichnet.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnte man in 10 bis 15 Jahren so manche Labortests mithilfe eines kleinen Gerätes und für wenig Geld zu Hause machen. Geräte, die jeder hat, werden außerdem Sensoren enthalten, die auf Wunsch gesundheitsrelevante Werte erfassen. Wir werden dann nicht nur unseren Gang, den Blutzucker oder den Puls allein betrachten. Die Daten verraten uns, wie gesund wir gerade leben, ob wir uns zum Beispiel genug bewegen oder ob unsere Ernährung gesund ist. Ich bin überzeugt, dass Sensoren in 10 Jahren unsere Gesundheit direkt beeinflussen können und gesundheitsbewusste Menschen regelmäßig mit der Frage beschäftigen werden: Welchen Einfluss hat dieses oder jenes auf meine Gesundheit?

Glauben Sie, dass Sensoren das Leben verlängern können?

Das mag sein. Ich selbst würde Sensoren aber nicht tagtäglich einsetzen, wenn ich das Gefühl habe, gesund zu sein. Das würde mein Freiheitsgefühl zu sehr einschränken. Wenn ich dagegen glaube, Sensoren können mir helfen, Schlimmes frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, dann wäre ich der Erste, der sie nutzt. Aber mich pauschal ohne konkreten Grund ständig vermessen zu lassen, davon bin ich ein Gegner.

Herr Struck, vielen Dank für das Interview.

Zur Person

Dipl.-Inf. Matthias Struck ist Diplom-Informatiker mit Schwerpunkt „Informatik in der Medizin“. Am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen leitet er das Zentrum für Sensorik und Digitale Medizin. Seine Hauptaufgabe sieht er darin, Diagnoseverfahren und Behandlungen mithilfe neuartiger, smarter Technologien effizienter und wirksamer zu machen.

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