Herzlich willkommen. Schön, dass Sie sich frei machen konnten.

Gerne. Wobei es sonst ja eher die Menschen sind, die sich für mich frei machen.

Ein Medizingerät mit Humor! Aber als Sinnbild des Arztberufs haben Sie natürlich gut lachen. Ein weißer Kittel, ein Stethoskop – und man weiß, woran man ist.

Und das zu Recht. Wir Stethoskope wa­ren schließlich die ersten Geräte, mit denen man ohne Operation ins Körperinnere vordringen konnte – auch wenn das nur auskultatorisch, also mittels Abhören, geschah. Besonders gut funktioniert das bei den Organen in Ihrer Brust, daher kommt auch mein Name. „Stethos“ bedeutet Brustkorb und „skopein“ betrachten. Beides stammt aus dem Altgriechischen.

Ich kenne nur Ärztelatein.

Ein beliebter Irrtum. Von der Anästhesie bis zur Zyste – sehr viele medizinische Fachwörter stammen aus dem Altgriechischen. In Griechenland gab es bereits vor mehr als 2000 Jahren berühmte Ärzte. Einer der bekanntesten war Hippokrates. Sie kennen bestimmt den berühmten Eid. Er empfahl übrigens schon das Abhören bei der ärztlichen Untersuchung. Wollen Sie vielleicht mal lauschen, wie geräuschvoll Ihr Inneres ist?

Brrr. Die Kälte des Stethoskops auf meinem Rücken ist eine der ersten Erinnerungen, die ich an den Arztbesuch habe. Und ich fröstle ohnehin schon.

Ihnen wäre wohl lieber, ich wäre aus Holz oder gar aus Papier wie meine Urahnen. So wie ich nämlich vor ­Ihnen stehe, sehe ich erst seit gut 60 Jahren aus. Als der französische Arzt René Laennec vor mehr als 200 Jahren das erste Stethoskop erfand, rollte er einfach ein Papier zusammen. Es hatte nicht gerade eine tolle Akustik. Aber so manche Dame war doch froh, dass die Ärzte ihr Ohr nicht mehr direkt auf ihre Brust legten. So funktionierte das Abhören nämlich davor.

Okay, dann doch lieber ein kühles Stethoskop als ein heißes Ohr. Ich versuche es mal mit Anhauchen, wie das damals meine Kinderärztin machte.

Beginnen wir auf der Brust: Hören Sie das? Die zwei dumpfen Schläge? Der erste entsteht, wenn sich Ihr Herz zusammenzieht und das Blut in den Herzkammern zusammenpresst. Der zweite, wenn sich die Herzklappen schließen, durch die das Blut in den Körper und in die Lungen strömt.

Und Sie können daran hören, ob das Herz gesund ist?

Das überlasse ich den Fachleuten. Ich gebe die Töne nur weiter. Die Membran, die auf Ihrer Haut liegt, nimmt sie auf und leitet sie durch flexible Schläuche direkt in die Ohren. Doch ich selbst habe natürlich auch gelernt, hinzuhören. Das muss man beim Auskultieren. Ist zum Beispiel eine Herzklappe verengt oder hat ein Leck, entstehen Wirbelströme, ähnlich wie in einer Stromschnelle – und erzeugen Geräusche. Klingt bei Ihnen aber alles recht flüssig.

Und die Lunge?

Die lässt sich am besten von hinten abhören. Jetzt tief ein- und ausatmen.

Kein Rasseln, allerdings ein leichtes Pfeifen. Leide ich vielleicht an Asthma? Ja?

Dann sollten Sie unbedingt eine Arztpraxis aufsuchen. Sehen Sie, auch wenn wir alt sind: Von gestern sind wir Stethoskope noch lange nicht.


Quellen:

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