Zweitmeinung kann sich lohnen

Muss die Operation wirklich sein? Der Besuch eines weiteren Arztes eröffnet nicht selten andere Perspektiven, zum Beispiel bei Krebs oder orthopädischen Problemen

von Sonja Gibis, 23.04.2018
Zweitmeinung kann sich lohnen

Im Zwiespalt: Häufig fällt die Zweitmeinung anders aus als die erste


Sollen die Mandeln raus? Wie ein Arzt diese Frage beantwortet, ent­scheidet auch der Wohnort. In manchen deutschen Landkreisen werden bei bis zu acht Mal so vielen Kindern die Mandeln entfernt wie in ande­ren, zeigt eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung. Ein guter Grund, bei einer OP-Empfehlung eine zweite Meinung einzuholen.

Dieser Ansicht sind auch die Experten des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), eines der wichtigsten Beschluss­gremien des deutschen Gesundheitswesens. Zusammen mit der Entfernung der Gebärmutter wurde die Mandel-OP daher als erste Indikation in die Liste von Eingriffen aufgenommen, bei denen Patienten künftig ein Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung haben.

Häufiger Griff zum Skalpell

Der Anspruch darauf ist verankert in einer Neuerung des Versorgungsstärkungsgesetzes. Ein Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung, so heißt es dort, besteht für Patienten bei "planbaren, mengenanfälligen Eingriffen". Das bedeutet: Die Operation muss nicht heute oder morgen sein. Außerdem gibt es Hinweise, dass Ärzte bei diesen Indikationen zu oft zum Skalpell greifen. Ein Ziel des Paragrafen ist es deshalb auch, die Zahl der Eingriffe zu verringern – und somit Geld zu sparen. Aufgabe des G-BA ist es nun zu erarbeiten, welche Operationen unter diese Regelung fallen.

Vergangenen September wurden die ersten beiden Entscheidungen gefällt. Mit der Auswahl sind Patienten- und Verbraucherschützer durchaus zufrieden – sofern bald weitere Krankheitsbilder folgen. "Bei den Mandeln besteht der dringende Verdacht, dass zu oft operiert wird, ebenso bei der Gebärmutter", erklärt Dr. Ilona Köster-Steinebach vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Anders als bei orthopädischen Eingriffen – etwa am Rücken – sei dies zudem weniger bekannt.

Recht der freien Arztwahl nutzen

Insgesamt ist die Gesundheitsexpertin mit der Formulierung der neuen Richtlinie aber "sehr unglücklich". "An den Wünschen der Patienten geht das komplett vorbei", kritisiert sie. Diese haben das Bedürfnis nach ­einer Zweitmeinung nicht nur bei plan­baren Eingriffen. Vor allem bei Krebs, neurologischen Erkrankungen sowie Herzproblemen würden viele Betroffene gerne einen weiteren Arzt um Rat fragen.

Bestehen Zweifel, sollten sie das auch in jedem Fall tun, rät Dr. Johannes Schenkel, ärztlicher Leiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Auch wenn das Gesetz den Eindruck vermittle, dass es den Anspruch auf Zweitmeinung nur bei den angeführten Eingriffen gebe: "Die Möglichkeit dazu hat jeder Pa­tient, und zwar fast immer", betont Schenkel. Das Recht der freien Arztwahl gestatte es, jederzeit einen anderen Behandler aufzusuchen.

Der Unterschied zur gesetzlichen Neuregelung: Bei den hier genannten Eingriffen gibt es jetzt ein strukturiertes Vorgehen. Der behandelnde Arzt muss den Patienten rechtzeitig auf sein Recht aufmerksam machen. Die Zweitgutachter müssen besondere Qualifikationen vorweisen.

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* (Auf der Facebook-Seite der Apotheken Umschau stimmten übrigens 33% mit Nein und 67% mit Ja)

Ärzte scheinen sich nicht so selten zu irren

Dass eine zweite Meinung grundsätzlich sinnvoll sein kann, legen viele Untersuchungen nahe. Schließlich können auch Ärzte irren – und tun das offenbar gar nicht so selten. So zeigte eine amerikanische Untersuchung, dass viele bereits bei der Diagnose danebenliegen. Bei jedem fünften Patienten stellten Ärzte der Mayo Clinic in Minnesota eine völlig andere Krankheit fest als der überweisende Mediziner.

Auch wenn es um die richtige Therapie geht, sind sich Ärzte oft uneins. Zum Beispiel bei Eingriffen an der Wirbelsäule. Seit 2010 bietet die Techniker Krankenkasse (TK) ein spezielles Zweitmeinungsprogramm an. Rät ein Arzt zur Rücken-OP, kann jeder Versicherte innerhalb von zwei Tagen einen zweiten Untersuchungstermin in einem Schmerzzentrum vereinbaren. Nur in einem von zehn Fällen sprach sich das Expertenteam dort ebenfalls für die Operation aus. Für viele Patienten war der zweite Rat offenbar der richtige. "Wir haben geprüft, was aus den Patienten wurde", berichtet TK-Sprecher Michael Ihly. Neun von zehn, denen von der OP abgeraten wurde, hatten sich auch ein Jahr später nicht unters Skalpell gelegt.

Zweite Meinung bei Krebs

Dass auch bei Krebs eine weitere Einschätzung Sinn macht, zeigt das Projekt "Zweitmeinung Hodentumor". Dieses fordert Ärzte auf, ihren Vorschlag prüfen zu lassen. Jeder Urologe kann Befunde und Therapieempfehlungen an eines von 30 Zentren schicken, rund 6000 haben das inzwischen genutzt. In etwa 40 Prozent der Fälle ­wichen Erst- und Zweitmeinung voneinander ab. "Vor allem wer sich an einer Klinik mit weniger Erfahrung behandeln lässt, sollte eine Zweitmeinung erwägen", sagt Verbraucherschützerin Köster-Steinebach.

Doch was tun, wenn ich als Patient eine zweite Meinung haben möchte – aber eben nicht an Mandel- oder Gebärmutterproblemen leide? UPD-Experte Schenkel rät, Zweifel zunächst beim Arzt anzusprechen. Auch die Krankenkassen können helfen: Etwa die Hälfte bietet bei bestimmten Beschwerden spezielle Programme an. Darüber hinaus unterstützen einige ihre Mitglieder auch außerhalb von Zweitmeinungsprogrammen bei der Suche nach einem Facharzt.

Private Anbieter zur Einholung von Zweitmeinungen

Es gibt zudem private Anbieter, die das Einholen einer zweiten Meinung für den Patienten organisieren. Ihre Dienste sind in der Regel kostenpflichtig, manche arbeiten jedoch mit Krankenkassen zusammen.

Häufig muss der Betroffene selbst die Initiative ergreifen. Ein wichtiger Schritt ist es, sich vom Arzt Befunde wie Röntgenaufnahmen und Laborwerte aushändigen zu lassen. "Darauf hat jeder Patient ein Recht", betont Schenkel. Anfallen können höchstens Kopierkosten. Er rät, dem Behandler zudem den Wunsch auf eine zweite Meinung offen mitzuteilen. "Ein guter Arzt sollte dies nicht als Angriff auf seine Autorität auffassen", sagt auch Köster-Steinebach.

Abweichende Ergebnisse offen ansprechen

Stimmt die zweite Meinung mit der ersten überein, kann das Zweifel ausräumen. Doch wenn sich diese deutlich unterscheiden? Bei Operationen sollte dies die Menschen nicht verunsichern, so Schenkel. Schließlich sucht ein Patient den zweiten Arzt meist auf, weil er den Eingriff scheut. Rät dieser ab, wird sich der Kranke bestätigt fühlen.

Aber widersprüchliche Empfehlungen können auch verunsichern. "Besprechen Sie die abweichenden Ergebnisse mit dem Behandler, zu dem Sie mehr Vertrauen haben", rät Schen­kel. Das Arzt-Patienten-Verhältnis könne sich dadurch sogar verbessern. "Oft ist dem Arzt gar nicht klar, dass sein Patient Zweifel hat."