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OP? Das Recht auf zweite Meinung

Ein neues Gesetz stärkt Patienten darin, vor Eingriffen die Meinung eines weiteren Arztes einzuholen. Unnötige Operationen sollen so vermieden werden

von Dr. Achim G. Schneider, aktualisiert am 02.07.2019
Zweitmeinung kann sich lohnen

Im Zwiespalt: Häufig fällt die Zweitmeinung anders aus als die erste


Bereits seit 1989 steht es Patienten laut Sozialgesetzbuch zu, bei "erheblichen chirurgischen Eingriffen" die Expertise eines zweiten Arztes einzuholen. Doch erst jetzt, 30 Jahre später, hat in Deutschland das organisierte Zweitmeinungsverfahren begonnen. Und es gilt bisher nur für zwei Operationen: die Entfernung der Mandeln und der Gebärmutter.

Wenn Ärzte einen solchen Eingriff empfehlen, müssen sie die Patienten künftig auf ihr Recht hinweisen, dazu noch einen anderen Mediziner zu befragen – und zwar mindestens zehn Tage vor dem geplanten OP-Termin. Der Arzt soll zudem auf Adressen von qualifizierten "Zweitmeinern" hinweisen.

Zum Schutz des Patienten

Weitere Operationen sollen ebenfalls Teil dieses Zweitmeinungsverfahrens werden. Welche das genau sind, ist derzeit aber unklar. Es sollen auf jeden Fall Eingriffe sein, bei denen der Verdacht besteht, sie würden in Deutschland zu häufig erfolgen. Infrage kämen etwa Rücken- und bestimmte Herz-OPs.

Prof. Dr. med. Max Geraedts

"Das neue Verfahren trägt dazu bei, unnötige Operationen zu verhindern", sagt Professor Tobias Renkawitz, Orthopäde der Universitätsklinik Regensburg. Oft seien die Alternativen zur Chirurgie nicht ausgeschöpft oder wenigstens erwogen worden.

Grundsätzlich hat jeder Patient, der an der Empfehlung seines Arztes Zweifel hegt oder sich mehr Entscheidungssicherheit wünscht, schon heute das Recht, einen weiteren Mediziner zu befragen. "Doch vor allem Gut­gebildete, Besserverdiener und Privatversicherte nutzten diese Möglichkeit", sagt Professor Max Geraedts.

Alternativen für Chancengleichheit

Der Leiter des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Uni Marburg erhofft sich von dem neuen Verfahren mehr Chancengleichheit. Denn muss jeder Patient auf sein Recht auf Zweitmeinung aufmerksam gemacht werden und bei Bedarf kompetente Ansprechpartner genannt bekommen.

Auch für Corinna Schaefer, stellvertretende Leiterin des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin, ist das ein richtiger Schritt: "Der Arzt gibt mit seinem Hinweis das Signal, dass es völlig in Ordnung ist, noch jemand anderen zu befragen. Und der Patient bekommt das Gefühl vermittelt, damit keinen Vertrauensbruch zu begehen."

Infografik

Momentan erstellen die Ärztekammern der Bundesländer Listen mit Zweitmeinern für das Entfernen von Mandeln und Gebärmutter. Sie werden im Internet veröffentlicht, und Patienten können sich einen entsprechenden Experten in ihrer Nähe suchen.

"Das sind allerdings nicht die Fälle, für die sich Patienten vorrangig eine Zweitmeinung wünschen", kritisiert Geraedts. Sie fänden es vor allem dann wichtig, wenn es um ihr Leben gehe. Eine repräsentative Umfrage, die der Versorgungsforscher für die Bertelsmann- Stiftung durchführte, hat ergeben: Auf den Rängen eins bis drei der Wunschliste liegen Therapien gegen Krebs. Viele Menschen möchten auch eine zweite Meinung vor Operationen an Knochen, Gelenken und inneren Organen (siehe Grafik).

Patienten auf sich gestellt

Doch für all diese Operationen müssen sich Betroffene aktuell noch auf anderen Wegen um eine zweite Einschätzung bemühen. Bei Fragen zu Tumorbehandlungen stellt zum Beispiel der Krebsinformationsdienst eine geeignete Quelle dar (siehe Kasten). Oft ist es bei Krebserkrankungen sinnvoll, dass Experten verschiedener Disziplinen gemeinsam über die beste Therapie beraten.

Zweitmeinung bei Krebs

Operation, Bestrahlung, Medikamente – bei Krebs gibt es oft viele Optionen. In zertifizierten Zentren beraten mehrere Spezialisten über die beste Therapie. Der Krebsinformationsdienst (www.krebsinformationsdienst.de) nennt geeignete Zentren.

Telefon: (kostenlos) 08 00/420 30 40, täglich von 8 bis 20 Uhr, E-Mail:krebsinformationsdienst@dkfz.de

Krebszweitmeinung.de vermittelt gegen Gebühr eine Zweitmeinung durch zertifizierte Zentren.

Telefon: (kostenpflichtig) 089/231 41 47 47,
E-Mail: info@krebszweitmeinung.de

Das fordert die Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie auch für Operationen an der Aortenklappe. Hier sollten Kardiologen und Chirurgen gemeinsam die optimale ­Lösung für den Patienten finden.

Herzklappen werden heute dreimal so häufig minimal-invasiv ersetzt wie noch 2012. Menschen, für die eine Operation am offenen Herzen zu riskant wäre, haben durch die Katheter-Alternative einen Vorteil. Doch ob das auch für andere Patientengruppen gilt, bleibt zu klären. Wer also vom Kardiologen einen Kathetereingriff empfohlen bekommt, sollte einen Herzchirurgen um seine Meinung bitten.

Gut beraten bei Diabetes

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) wiederum hält Zweitmeinungen vor Fußamputationen für dringend geboten. Sie hat eine Hotline eingerichtet, die Zuckerkranke an Zentren vermittelt (siehe Kasten). Dort beurteilen Spezialisten, ob sich die Gefäße der Beine wiederherstellen lassen, sodass der Fuß ausreichend durchblutet wird und erhalten werden kann.

DDG-Experten sind überzeugt: Die Mehrzahl der rund 50 000 jährlichen Fußamputationen in Deutschland ließe sich vermeiden – mit engmaschigen Kontrollen und Therapien durch Spe­zialisten, darunter auch Wundschwestern und Schuhtechniker.

Doch wie finden Patienten einen Experten, wenn es für ihr gesundheit­liches Problem weder Listen im Internet noch Telefonberatungen gibt? ­Corinna Schaefer rät, zunächst den ­eigenen Arzt nach einer Empfehlung für Zweitmeinungen zu fragen.

Prof. Dr. Renkawitz

Ein anderer Weg wäre, sich bei der Krankenkasse zu erkundigen. Viele Versicherungen bieten ihren Kunden einen Zweitmeinungsservice an, zum Beispiel bei orthopädischen Problemen, bei Krebs- und Herzerkrankungen.

Online oder persönlich?

Sie vermitteln entweder den persönlichen Kontakt zu einem Spezialisten oder nutzen Online-Portale. Dort lädt der Patient alle benötigten Informationen und Befunde hoch. Auf dieser Basis trifft ein Experte seine Einschätzung. Es gibt zudem Ärzte, Gutachterbüros und Online-Angebote, die Zweitmeinungen gegen Entgelt anbieten.

Geraedts hält Internet-Angebote ohne persönlichen Kontakt mit dem Arzt allerdings für "gruselig". Auch für den Orthopäden Renkawitz wäre es keine Option, so seine Expertise abzugeben. "Man operiert kein Röntgenbild", sagt der Leiter der Arbeitsgruppe Evidenz­basierte Medizin der ­Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Das intensive Gespräch mit dem Patienten und eine Unter­suchung seien für ihn unerlässlich. Da gehe es auch um die persönliche Erwartungshaltung des Einzelnen und darum, ob eine Operation ihr gerecht werden kann.  "Da gibt es große Unterschiede. Das fließt in die Empfehlung ein."

Auch Corinna Schaefer übt Kritik an Online-Angeboten – besonders an kommerziellen: "Die Zweitmeinung wird zum Geschäftsmodell. Und nichts garantiert, dass die zweite Expertise besser ist als die erste." Sie würde sich verbindliche Standards  wünschen.

Gespräche für mehr Sicherheit

Die Expertin rät davon ab, Zweitmeinungen über Gebühr zu ­beanspruchen. Das Recht darauf bedeute nicht, dass man davon Gebrauch machen müsse. Vor allem sollte man nicht vorschnell zum nächsten Arzt gehen. "Häufig trauen sich Patienten nicht, bei ihrem eigentlichen Arzt alle Fragen zu stellen, und gehen mit einem schlechten Gefühl nach Hause." Es sei wichtig, Unsicherheiten und Bedenken anzusprechen. Erst wenn nach einem weiteren Gespräch Zweifel bleiben, sollte man eine zusätzliche Expertise einholen.

Rät auch ein zweiter Arzt zur Operation, hat der Patient mehr Gewissheit. Widerspricht er dagegen der ersten Empfehlung, entsteht eine knifflige Situation. Zum ersten Arzt wollen viele dann nicht mehr zurück –  auch wenn es oft sinnvoll wäre. Und der zusätzlich befragte Arzt hat nur die Aufgabe, seine Expertise abzugeben. Für die Durchführung der Therapie ist er nicht zuständig.

Renkawitz hält es für wichtig, den Patienten nicht wieder auf sich gestellt mit der Arztsuche beginnen zu lassen. Will ein Patient wirklich nicht zu seinem ersten Arzt zurück, sollte der zweite ihm also entweder Anlaufstellen für die weitere Behandlung nennen – oder diese eben doch selbst übernehmen.

Gut informiert zur ärztlichen Beratung

Steht eine schwerwiegende Entscheidung für die eigene Gesundheit oder die eines engen Angehörigen an, können Patienten sich zum Beispiel auf den im Kasten genannten Webseiten kundig machen. Dort kann man nachlesen, welche Therapien für das eigene gesundheitliche Problem infrage kommen.

"Solche Informationen sind eine gute Unterstützung für das Gespräch mit dem Arzt", sagt Schaefer. Am Ende muss der Patient sich nämlich selbst eine Meinung bilden – und entscheiden. Gut informiert und beraten, stehen die Chancen am besten, die passende Therapie für sich zu wählen.

Entscheidungshilfen

Zu Mandel- und Gebärmutterentfernungen werden demnächst Adressen von Zweitmeinern publiziert. Allgemeine Informationen dazu gibt es auf

www.gesundheitsinformation.de/zweitmeinung

Patientenleitlinien zu vielen Krankheiten findet man auf

www.patienten-information.de

oder www.awmf.org/leitlinien/patienteninformation

Zu Fußamputationen kann man sich über diese Hotline (kostenpflichtig) für eine Zweitmeinung an ein Zentrum vermitteln lassen: 01 80/312 34 06, montags bis freitags, 8 bis 18 Uhr