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Woran man eine bipolare Störung erkennt

Menschen mit einer bipolaren Störung schwanken zwischen Manie und Depression. Eine frühe Diagnose und Therapie ist wichtig. Bis dahin vergeht in den meisten Fällen aber zuviel Zeit

von Gerlinde Gukelberger-Felix, 24.10.2016
Bipolare Persönlichkeitsstörung (Symbolbild)

Bipolar: Euphorische Hochphasen wechseln sich mit tiefer Niedergeschlagenheit ab


Möchte man einen bestimmten Persönlichkeitstypen oder eine Berufsgruppe finden, die besonders häufig unter einer bipolaren Störung leidet, wird man sie nicht finden. Manager sind genauso betroffen wie Lehrer, Ärzte, Hausfrauen oder Arbeiter. Gemeinsam haben sie, dass sie in der Regel über längere Zeiträume ohne Beschwerden und unauffällig leben – bis eine neue manische Episode beginnt. Euphorische Stimmung, unbändiger Antrieb, das Leben steht dann Kopf. In solchen Phasen verlieren Betroffene nicht selten alles, was sie haben: an finanziellen Mitteln, an Freundschaften, an Jobs. Manie und Depression sind die beiden entgegengesetzten Pole dieser Krankheit, auch manisch-depressive Erkrankung genannt.

Individuelle Leidensgeschichten

Der Psychiater Professor Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, kennt viele solcher Schicksale. Beispielsweise jenes des kreuzbraven Verwaltungsbeamten, der mit Ende 40 seine erste Manie erlebt hat. In dieser Phase beschloss er, seinen Job zu kündigen und einen Horch-Oldtimer-Verleih-Service zu gründen, für den er sich mit mehreren 100.000 Euro verschuldete. Der Scherbenhaufen war am Ende groß: den Job verloren, Schulden, Ehekrise.

Oder der stille Ingenieur, Vorstandsmitglied eines Unternehmens, der in seiner manischen Phase urplötzlich die Idee hatte, er könnte den Vorstandskollegen seinen Bericht dieses Mal musikalisch vorbringen. Was zu seiner Entlassung führte.

Unterschiedliche Verläufe

Diese Geschichten mögen zunächst komisch anmuten. Sie sind aber tragisch. In Deutschland leiden zwischen einem und drei Prozent der Bevölkerung an einer bipolaren Störung. Zumeist beginnt sie bereits im Jugend- oder im jungen Erwachsenenalter. Es gibt Betroffene, die mit Anfang 20 erkranken und mit Mitte 40 erwerbsunfähig sind. Genauso gibt es Patienten, die bis zur Altersrente im Berufsleben bleiben. Bei jedem zweiten kommen weitere psychische Beschwerden wie Angst-, Zwangs- und Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen oder die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) hinzu.

Verlaufsformen und Frühwarnsymptome

Episoden von Manie und Depression

Betroffene durchleben depressive Phasen mit tiefsten Stimmungslöchern und manische Phasen mit euphorischer oder ungewöhnlich gereizter Stimmung mit deutlich gesteigertem Antrieb. Sind die manischen Episoden eher schwach ausgeprägt, spricht man von hypomanen Phasen. Sie können unbehandelt zwischen einigen Wochen bis zu einem Jahr andauern. In sehr schweren unbehandelten Fällen haben die Patienten pro Jahr vier Episoden oder sogar noch mehr. Ist die Manie sehr stark, können zusätzlich die Symptome einer Psychose auftreten. Dies kann sich als Verfolgungs-, aber auch als Größenwahn zeigen. Wie ausgeprägt die einzelnen Episoden sind und in welcher Abfolge sie auftreten, ist individuell verschieden.

Ursachen nur teilweise geklärt

Außer einer genetischen Komponente kann zusätzlich auch eine frühkindliche Traumatisierung eine Rolle bei der Entstehung einer bipolaren Störung spielen. "Wir wissen, dass bei den Patienten der Gehirnstoffwechsel, aber auch die Plastizität der Nervenzellen gestört sind", sagt Psychiater Andreas Reif. Die Erkrankung oder eine neue Episode können dann emotionale Stresserlebnisse positiver oder negativer Natur auslösen. "Auch Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus wirken sich bei genetisch vorbelasteten Menschen negativ aus und können das Fass zum Überlaufen bringen", warnt Reif.

Bis zur Diagnose dauert es häufig zu lang

Wichtig ist, dass die Erkrankung möglichst früh erkannt und konsequent therapiert wird. Das Suizidrisiko der Patienten in bipolaren Mischzuständen, wenn sich eine manische und eine depressive Episode also überlagern, ist besonders hoch. Eine frühzeitige Therapie kann die Schwere und Häufigkeit der Episoden vermindern. Außerdem sollte die Therapie starten, bevor das Leben zum Scherbenhaufen wird. Daran hapert es aber: Eine Metaanalyse mit über 9400 Patienten aus 27 Studien zeigte, dass die Betroffenen durchschnittlich sechs Jahre lang warten müssen, bis bei ihnen die richtige Diagnose gestellt wird. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen geht sogar von durchschnittlich zehn Jahren aus. Das sei viel zu lang, bedauert Psychiater Reif.

Bipolare Persönlichkeitsstörung (Symbolbild)

Warum dauert es bis zur Diagnose so lang?

"Mitunter durchlebt ein Patient zunächst drei bis vier mal eine depressive Phase und erst danach eine manische Phase", erklärt Reif, der Schatzmeister der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen ist. "Zunächst deutet alles auf eine Depression hin. Erst wenn es zu einer Manie kommt, spricht dies für eine bipolare Störung." Mit speziellen Biomarkern im Blut, also bestimmten Laborwerten, wäre die Diagnose einfacher. Deren Entwicklung sei zwar vielversprechend, aber noch weit vom klinischen Alltag entfernt, sagt Reif: "Ein weiterer Grund ist, dass die Frühwarnsymptome sehr unscharf sind. Konzentrations- und Schlafstörungen sowie Stimmungsschwankungen sind gerade bei Jugendlichen nicht ungewöhnlich."

Möglich sei auch, dass die ersten manischen Phasen nicht besonders ausgeprägt seien. In hypomanen Phasen sind die Menschen vielleicht etwas redseliger als sonst, haben aber noch ausreichend Selbstkontrolle. Psychiater Reif bemängelt, dass nicht alle Ärzte genau und aufmerksam genug nachfragen. Auch die Familienmitglieder nach Auffälligkeiten im Verhalten zu befragen, kann wichtige Hinweise liefern. "Wenn zum Beispiel die Ehefrau erzählt, dass ihr Mann plötzlich nachts anfing, die Küche zu weißeln und nicht mehr schläft, deutet das stark auf eine manische Phase hin."

Therapiebausteine: Psychotherapie und Medikamente

Zentrales Element in der Behandlung sollte eine Psychotherapie sein, um neuen Phasen vorzubeugen oder sie möglichst lang hinauszuzögern. Die Patienten lernen, Stressfaktoren individuell zu erkennen und zu minimieren. In den meisten Fällen wird die Psychotherapie mit Medikamenten gekoppelt. Oft sind sie die Basis, damit eine Psychotherapie überhaupt möglich wird. Ziel sei es laut Reif, die Beschwerden einer aktuell ablaufenden Phase zu lindern oder der nächsten Phase vorzubeugen: "Medikamente können weitere Episoden in der Regel zwar nicht vollständig verhindern. Aber sie können die beschwerdefreie Zeit bis zur nächsten Episode verlängern und Stimmung, Antrieb und Schlaf-Wach-Rhythmus stabilisieren."

Lithium wirkt bei einem Drittel der Patienten nicht

Lithium zum Beispiel kann die Stimmung stabilisieren. Bei einem Drittel der Patienten kommt es dadurch zu einem Stillstand der Erkrankung. Ein weiteres Drittel spricht teilweise auf Lithium an, der Rest leider gar nicht. Wer genau von diesen Medikamenten profitieren kann, hierbei stochern Psychiater aber erst einmal im Unsicheren. Genetische Marker sind noch in der Entwicklung, mit denen es möglich werden könnte, bessere Vorhersagen zu treffen. Wichtig ist, dass die Betroffenen Lithium durchgehend und regelmäßig sowie in der genau richtigen Dosis einnehmen. Typische Nebenwirkungen sind Gewichtszunahme, Kreislaufstörungen, Zittern, Übelkeit oder Müdigkeit.

Alternativ zu Lithium eignen sich Antipsychotika und Antiepileptika wie Valproat zur Therapie einer akuten Manie und zur Phasenprophylaxe. Befindet sich der Patient in einer depressiven Phase, sind Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer und manche atypischen Antipsychotika geeignete Mittel. Die medikamentöse Behandlung von Mischzuständen ist knifflig. Antidepressiva können hier den Zustand verschlimmern, sind also ungeeignet. "Wir setzen dann zumeist eine Mischung aus Lithium und bestimmten Antiepileptika und Antipsychotika ein", sagt Reif. Als nicht medikamentöse Verfahren sind noch die Wachtherapie mit Schlafentzug und die Elektrokrampftherapie zu erwähnen. Und, ganz banal, auch Sport kann die Stimmung aufhellen.

Psychotherapie auch für die Angehörigen

"Wir können eine bipolare Störung heute vergleichsweise gut behandeln – immer angepasst an die jeweilige Phase", sagt der Frankfurter Mediziner Reif. Leider mangele es aber an Psychotherapeuten und Psychiatern, die sich mit dem Krankheitsbild gut auskennen. Außerdem sei mehr Geld für die Forschung nötig, um die Therapie möglichst schnell weiter zu verbessern.

Auch die Angehörigen, die unter dem Leben mit einem manisch-depressiv Erkrankten leiden, können in die Psychotherapie einbezogen und geschult werden. Hier lernen sie, wie sie am besten mit der Situation umgehen und gesundes von krankhaftem Verhalten unterscheiden. Außerdem sollten sie zu ihrem Selbstschutz lernen, zwischen Zuwendung und Abgrenzung balancieren zu können. Die gegensätzlichen Phasen einer manisch-depressiven Erkrankung müssen sie schließlich mittragen. Da den meisten Betroffenen während einer manischen Phase die Krankheitseinsicht verloren geht – sie fühlen sich ja großartig –, ist das Wissen um die Krankheit im persönlichen Umfeld umso wichtiger.