Kennen Sie das auch? Nach einem langen Arbeitstag am Bildschirm fühlt es sich an, als sei gerade das Sandmännchen vorbeigekommen. Die Augen sind müde und alles verschwimmt. Selbst mit Brille sieht man nicht mehr richtig scharf. „Du musst unbedingt eine Rasterbrille ausprobieren“, empfahl mir kürzlich eine Bekannte. „Die entspannt deine Augenmuskulatur und die Sehbeschwerden gehen weg.“

Was ist eine Rasterbrille

Rasterbrille? Nie gehört. Was ist das überhaupt? Die Bekannte kramt etwas aus ihrer Tasche hervor und setzt ein brillenähnliches Utensil auf, das sie in eine Stubenfliege verwandelt. Statt transparenter Gläser hat diese „Brille“ schwarze Plastikscheiben, in die viele Löcher gestanzt sind. Jeden Abend trägt meine Bekannte die Lochbrille für etwa eine halbe Stunde, etwa beim Fernsehen. Oder wenn sie ein Buch liest.

Ich will mir auch so ein Teil zulegen. Der Optiker um die Ecke führt es aber leider nicht. Also schaue ich im Internet. Nur bei Versandhäusern, Supermärkten und den großen Online-Marktplätzen werde ich fündig. Das lässt mich stutzig werden. Sind die Effekte, die meine Freundin berichtet, gar nicht wissenschaftlich anerkannt? Gibt es überhaupt eine objektive Erklärung dafür?

Professor Dieter Friedburg vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) sagt dazu: „Die Rasterbrille funktioniert nach dem Vorbild einer Lochblende.“ Schaut man durch sie hindurch, ist die Wahrnehmung von Randstrahlen reduziert und die Schärfentiefe erhöht. Das könne jeder ausprobieren, indem er in ein schwarzes Papier ein circa ein Millimeter großes Loch steche, dieses dicht vor das Auge halte und hindurchsehe.

Augentraining oder lieber zum Optiker

Diese veränderte Sehweise soll die Augenmuskulatur trainieren und ganzheitlich beanspruchen, argumentieren die Hersteller der Rasterbrillen. Und damit letztendlich Sehvermögen und Sehschärfe verbessern. Augen-Experte Friedburg rät jedoch strikt davon ab, eine Rasterbrille zu tragen oder sie im Sinne eines Augentrainings zu nutzen.

Ob diese Art von Brillen eine Kurzsichtigkeit hemmen oder verlangsamen kann, sei nicht ausreichend untersucht. Eine kleine koreanische Studie mit 36 Teilnehmern zeigte zwar, dass Rasterbrillen die Sehschärfe und Tiefenschärfe bei Fehlsichtigkeiten verbessern – aber nicht so gut wie optische Brillen.

Weil mir meine Augen für Experimente zu schade sind, verzichte ich darauf, mir eine Rasterbrille zu bestellen. Stattdessen beschließe ich, demnächst mal wieder einen Sehtest beim Optiker zu machen und mir eine neue Lesebrille anpassen zu lassen. Denn meine ist schon fünf Jahre alt. Und abends auf dem Sofa werde ich bei schöner Musik einfach mal die Augen schließen und ihnen so etwas Entspannung gönnen. Statt durch kleine Löcher zu starren.

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