Medizin ist für Laien häufig schwer verständlich. Auch mir schwirrt manchmal der Kopf, wenn ich erkennen muss, welch unglaublich komplizierte Prozesse im Körper ablaufen. Umso schöner scheint es da, wenn sich manche dieser Prozesse ganz einfach und nachvollziehbar darstellen – vielleicht sogar an Dinge aus der Alltagswelt erinnern, die jeder kennt.

Nehmen wir das Beispiel Schornstein. Jeder Hausbesitzerin und jedem Hausbesitzer ist klar, dass der von Zeit zu Zeit vom Ruß und sonstigen Rückständen befreit werden muss, damit er funktioniert. Vielleicht muss man ihn irgendwann sogar sanieren.

Der Schornstein des Körpers

Für Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker und auch für manche Ärztin und manchen Arzt ist der Schornstein damit vergleichbar mit dem Darm. So schreibt eine Praxis auf ihrer Webseite, dieses Organ müsse „von alten Stuhlresten, Kotsteinen, Gasen und Zersetzungsprodukten, also Gift- und Schlackenstoffen befreit“ werden. Ohne die sogenannte Darmsanierung würde sonst der ganze Organismus belastet.

Sollten wir also auch unseren Darm von Zeit zu Zeit reinigen? Spülungen – auch als Colon-Hydro-Therapie bezeichnet – rücken den Giftstoffen angeblich zu Leibe. Wenn alles draußen ist, bildet sich eine gesunde Darmflora. Soweit zumindest die frohe Botschaft der Behandlerinnen und Behandler.

Die abführende Prozedur wird zudem als angenehm angepriesen. Spätestens hier dürften Zweifel aufkommen. Denn wer schon einmal – wie auch ich – eine Darmspiegelung „genossen“ hat, weiß: Das Abführen zuvor ist keineswegs angenehm. Es ist aber notwendig, damit Veränderungen im Darm gut zu erkennen sind. Aber wird damit zugleich giftige Schlacke entfernt?

Was braucht der Darm tatsächlich?

Nein, denn der Darm ist nun mal kein Schornstein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich einig: Dort sind keine Schlacken zu finden. Unser Körper reguliert sich selbst. Dinge, die schädlich sein könnten, werden von der Leber abgebaut und über die Nieren ausgeschieden. Was in den Dickdarm gelangt, werden wir mit dem Stuhl los. Eine Sichtung der Studien belegt: Die positiven Effekte der Darmsanierung sind ein Mythos.

Fakt aber ist: Die Darmflora mit ihren Billionen von Bakterien hat großen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Das sogenannte Mikrobiom wird bereits in Verbindung gebracht mit Krankheiten wie Diabetes, Arteriosklerose oder Demenz. Es lohnt sich also, etwas für den Darm und seine Bewohner zu tun. Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und wenig Fleisch schützt das Organ.

Treten trotzdem immer wieder Darmbeschwerden auf, muss eine Ärztin oder ein Arzt die Ursache finden. Aber bitte nicht eine Schornsteinfegerin oder ein Schornsteinfeger.

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