Seit Ingrid Steegmüller in Rente ist, fühlt sich die 68-Jährige aus Rheinland-Pfalz als wäre sie wieder jung. Ihr Leben lang arbeitete sie als Krankenpflegerin, eine Zeit lang alleinerziehend mit ihren zwei Söhnen. Und dann hat sie plötzlich Zeit nur für sich. Ingrid Steegmüller belegt Englischkurse und reist als „Granny Au-pair“ um die Welt. Die Komfortzone zu verlassen, das macht sie glücklich, sagt sie. Was die "Granny Au-pair" erlebt hat und wohin ihre nächste Reise geht, hören Sie in dieser Folge.

In dem Gespräch geht es um folgende Themen:

  • Wie war es, "Granny Au-pair" zu sein?
  • Wie lief die Bewerbung ab?
  • Wie sah Ihr Alltag dort aus?
  • Die Backpacker-Omis
  • Glücksmoment in Australien
  • Die nächste Reise ist geplant

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Ingrid Steegmüller - Das Leben beginnt da, wo deine Komfortzone endet, sag ich immer.

Claudia Röttger - Ingrid Steegmüller. Sie ist als Granny Au-pair in den USA und in Australien gewesen. Aber nicht als junge Frau, sondern als Rentnerin.

Intro - Finden Sie das auch so spannend? Die Frage, wie man eigentlich glücklich wird und was einen zufrieden macht? Diese Frage gehört für mich zu den spannendsten überhaupt. Herzlich willkommen zum Glücks-Podcast. Ich bin Claudia Röttger und ich bin Journalistin und Apothekerin und mache mich auf die Suche nach Antworten. Wie findet man sein Glück? Dabei spreche ich mit ganz unterschiedlichen Menschen, die darauf ihre eigenen individuellen Antworten haben und mir ihre Glücksgeschichte erzählen. Und vielleicht ist da die eine oder andere Idee oder der eine oder andere Gedanke dabei, der auch ihr Leben bereichert. Egal in welcher Lebenslage sie sich gerade befinden.

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Claudia Röttger - Ich spreche jetzt mit Ingrid Steegmüller. Die pensionierte Krankenpflegerin hat sich in Rente den Traum vom Reisen erfüllt und zwar ganz alleine. Sie war als sogenannte „Granny Au-pair“ jeweils drei Monate in Australien und in den USA bei einer Gastfamilie. Wie wichtig es für Sie als Mutter und vielfache Großmutter ist auch mal etwas nur für sich selbst zu tun um glücklich zu sein - Das hören Sie gleich. Hallo Frau Steegmüller!

Ingrid Steegmüller - Hallo Frau Röttger.

Claudia Röttger – Frau Steegmüller, zu Beginn würde ich jetzt gerne mal was ausprobieren und zwar ein kleines Spiel, weil wir zwei kennen uns ja noch nicht so gut und dann können wir Sie auch ein bisschen besser kennenlernen. Vielleicht kennen Sie dieses Spiel ja schon. Ich stelle Ihnen jetzt gleich Entweder-Oder-Fragen. Und zwar müssten Sie sich dann immer entscheiden, z.b. zwischen Katze oder Hund. Sind Sie dabei?

Ingrid Steegmüller – Ja!

Wunderbar Tee oder Kaffee?

Ingrid Steegmüller – Kaffee.

Claudia Röttger - Das kam sehr plötzlich. Englisch oder Französisch?

Ingrid Steegmüller - Englisch.

Claudia Röttger - Leseabend alleine oder Familyspieleabend?

Ingrid Steegmüller - Leseabend alleine.

Claudia Röttger - Amerika oder Australien?

Ingrid Steegmüller - Australien.

Claudia Röttger - Turnschuhe oder Ballerinas?

Ingrid Steegmüller - Turnschuhe.

Claudia Röttger - Fitness oder Couch?

Ingrid Steegmüller - Fitness.

Claudia Röttger - Fitness. Frau Steegmüller, vielen Dank erst einmal. Sie haben bei Granny Au-pair mitgemacht und waren als sogenannte Granny schon zweimal unterwegs. 2018 in Los Angeles und 2019 noch an der Ostküste von Australien. Wie war das?

Ingrid Steegmüller - Ja, das war sehr aufregend am Anfang, aber es war wunderbar. Ich denke heute noch daran zurück und bin immer noch beglückt, wenn ich daran denke, dass ich das geschafft habe, um die halbe Welt zu reisen. Ganz alleine muss man dazu sagen und mich auf so ein Abenteuer eingelassen habe. Ja. Am Anfang hat man ein bisschen Bauchweh. Es kostet Mut, sich auf eine neue Familie einzustellen, auf eine fremde Familie einzustellen. Aber ich bin mega happy, dass ich das gemacht habe, dass ich mich dazu entschieden habe, so weit zu reisen Und ich muss dazu sagen ich kann sehr wenig Englisch. Mein Englisch ist nicht so gut, aber es hat geklappt.

Claudia Röttger - Wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, dass es so etwas gibt wie ein Granny Au-pair - von Au-pair Mädchen, das hat man immer schon gehört. Aber Granny heißt ja schon man ist Granny - Großmutter.

Ingrid Steegmüller - Ja man ist Granny Großmutter. Ich bin ja auch eine Oma zu Hause. Ich habe ja 14 Enkelkinder. Und ja als ich in Rente gegangen bin – ich war 45 Jahre lang Krankenschwester, hab im Krankenhaus gearbeitet, hab im Hospiz gearbeitet, bin in Rente und habe gedacht - So, jetzt fängt das Leben nochmal an! Also nicht, dass es vorher kein Leben war. Ich habe ja sehr viel gemacht, habe Kinder großgezogen, bin arbeiten gegangen. Aber dann in Rente zu gehen und ich hatte das Gefühl jetzt steht mir die ganze Welt offen. Ich fang noch, ich fall in einen Jungbrunnen. Ich habe jetzt Zeit, über die ich frei verfügen kann. Und was mache ich jetzt mit dieser Zeit? Ja, meine Lebenszeit. Ja und dann habe ich angefangen Englisch zu lernen, weil ich es halt nicht gut konnte, habe gedacht fangen wir mal damit an und bin dann per Zufall auf Granny Au-pair gestoßen über eine Bekannte, die mir davon erzählt hat. Wir haben darüber gesprochen, was können wir Frauen in unserem Leben noch alles machen? Unsere Mütter früher, die waren mit 60 ganz anders drauf als wir heute sind, ja. Und dann bin ich online gegangen, hab's mir angeschaut in der Nähe, bin auf die Homepage gestoßen Granny Au-pair und hab das gesehen und es hat mir sofort gut gefallen, dass ich am selben Abend zu meinem Mann gegangen bin und gesagt, Weißt du, was ich machen werde? Ich werde Granny Au-pair!

Claudia Röttger – Woah, am selben Abend! Das ist aber, das zeugt wirklich von Entschlossenheit und Mut. Am selben Abend noch haben Sie die Entscheidung getroffen. Das ist was für mich, das mache ich.

Ingrid Steegmüller – Ja.

Claudia Röttger - Und Ihr Mann?

Ingrid Steegmüller - Mein Mann, der war erst einmal von den Socken natürlich. Dem habe ich dann gezeigt, habe sie mir erzählt und der hat gesagt Ja mach mal. Das Tolle ist halt, dass ich einen Mann habe, der mich sein lässt, wie ich bin. Ich kann mich da ja ich kann da machen eigentlich, wonach mir auch ist. Wir lassen uns beide unser Leben auch leben, dass wir zusammen haben und aber auch jeder für sich.

Claudia Röttger - Wie lief das ab mit der Bewerbung? Was mussten Sie da Genaues machen? Mussten Sie ein englisches Video drehen oder so ein bisschen nachweisen, dass Sie gut Englisch sprechen können?

Ingrid Steegmüller - Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich bei Granny Au-pair angemeldet, nachdem mir die Homepage so gut gefallen hat, habe ich mich sofort direkt aktiv als aktives Mitglied angemeldet, das mich auch die Familien sehen können Mit Bilder und habe mein Profil reingestellt. Habe mich beschrieben wer ich bin, woher ich komme. Habe auch ganz klar geschrieben, dass mein Englisch nicht grad so der Hit ist, dass ich aber auf die Englisch-Schule gehe und was ich dann gemacht habe, Ich bin dann nach Hamburg gefahren und habe mir die Organisation angeguckt, hab einen Workshop mitgemacht und hab mich gut informiert. Und ja, dann bei Granny Au-pair haben mich ja auch die Familien dann sehen können. Und dann sind verschiedene Kontakte entstanden und dann schreibt man sich gegenseitig, geht miteinander ins Gespräch und redet ganz viel, wie die Erwartungshaltungen sind Und ja, so läuft es so in etwa ab.

Claudia Röttger – Untertreiben Sie jetzt ein bisschen? Weil ich kenne das - Viele sagen dann Oh ne, Englisch, kann ich nur so ein ganz bisschen und dann werden sie dann mit jemandem Native Speaker zusammen sind, Plötzlich sprudelt es nur so. Also sie haben wirklich vorher kaum Englisch sprechen können?

Ingrid Steegmüller - Nein, wirklich nicht. Ich gehöre noch zu der Generation. Ich bin nicht aufs Gymnasium gegangen. Ich gehöre noch zu der Generation, die auf die Volksschule gegangen ist und die neun Jahre Volksschule gemacht hat. Und dann bin ich aus der Volksschule gekommen mit meinen 15 Jahren, bin auf die Berufsschule, habe im Krankenhaus angefangen zu arbeiten, hab meine Ausbildung dann mit 17 bin ich dann in die Altenpflege gegangen, später dann in die Krankenpflege und ich hatte gar keine Zeit, Englisch zu lernen. Und damals in der Volksschule wurde noch kein Englisch angeboten, wie das heute ist, ja. Nein, ich habe nie Englisch gesprochen. Ich habe erst angefangen, da war ich über 60 Jahre alt und mein Englisch ist so, dass ich, Ich kann reisen, ich kann mich verständigen. Aber jetzt sagen mir mal so richtig flüssiges Gespräch in Englisch. Ja, mit Händen und Füßen. Und das hat alles wunderbar geklappt. Ich muss dazu sagen, dass die Familie in Australien, die Mama, die hat Deutsch gesprochen.

Claudia Röttger- Das hat geholfen.

Ingrid Steegmüller – Das hat geholfen, und ich habe mich nicht komplett ins kalte Wasser dann geworfen.

Claudia Röttger - Wie sah denn Ihr Alltag dort aus? Wie lief das? Sie hatten dann ein kleines Zimmer oder wie können wir uns das vorstellen?

Ingrid Steegmüller - Also ich habe sowohl in Los Angeles ein eigenes Zimmer gehabt, mit Bad und in Australien auch. War auch ein eigenes Zimmer, eigene Dusche, eigene Toilette. Und in Australien z.b. bin ich morgens um 7 Uhr aufgestanden, bin dann zur Familie hoch, habe erst mal einen Kaffee getrunken und meistens war es so, dass ich dann den kleinen Noah, der damals anderthalb Jahre alt war, übernommen habe, weil die Mama dann sehr beschäftigt war, ihre zwei größeren Kinder fertig zu machen für die Schule. Ich bin mit ihm dann meistens im Kinderwagen Spazieren gegangen. Morgens.

Claudia Röttger - Englisch ist ja das eine, vermutlich, konnten Sie sich auch mit anderen Dingen noch bewerben und sagen, also da bin ich wirklich viel besser als andere Bewerberinnen! Was hat denn da noch eine Rolle gespielt? Mussten Sie auch beweisen, dass Sie sehr gut kochen können, gut im Haushalt sind, Babypflege drauf haben? Was braucht man alles, wenn man Granny sein will?

Ingrid Steegmüller - Beide Familien, sowohl in Los Angeles als auch in Australien habe ich bekocht. Also die mussten in der Zeit wo ich da war, nicht kochen. Das habe ich sehr gerne gemacht, Ja.

Claudia Röttger - Zum Beispiel? Erzählen Sie mal. Ein deutsches Gericht, dann auch?

Ingrid Steegmüller – Ja, so z.b. in Los Angeles. Die Mama, die wollte, Sie hat gesagt Ach, ich hätte so gerne so typische Oma-Gerichte. Dann hab ich gesagt Also was meinst du denn mit Oma Gerichte? Dann hat sie gesagt, Ach Senfeier mit Kartoffelbrei. So war es zum Beispiel Oder Gulasch, Sie hat es zum Beispiel auch sehr sehr geliebt Fleisch zu essen. Und Gulasch sowas. Oder auch mal eine Quiche oder einen Kartoffelsalat. Also so typisch deutsche Sachen halt auch, ne? Rolladen.

Claudia Röttger - Sie haben Heimat nach Australien und nach Los Angeles offenbar gebracht!

Ingrid Steegmüller - Kann man schon sagen So ein bisschen schon. Ja. Ja.

Claudia Röttger - Hatten sie am Wochenende frei? Ist es dann so, oder?

Ingrid Steegmüller - Ja, also man redet vorher darüber wie die Erwartungshaltung sind. Es ist ganz wichtig, dass man das genau bespricht. Ich hatte dann in Australien Samstag und Sonntag immer komplett für mich.

Claudia Röttger – Also man ist ein richtiger Arbeitnehmer, also man kriegt auch Geld oder, das…

Ingrid Steegmüller – Ne, Geld nicht. Also ich zum Beispiel habe es, ja. Man kann das miteinander absprechen ob ein Taschengeld - Ich habe kein Taschengeld angenommen - ich habe auch meinen Flug nach Australien selber bezahlt, ja. Es ist so eine Win-Win-Situation. Man hat Übernachtung und Essen frei und was zum Beispiel in Australien sehr schön war - die Familie hat sich sehr bemüht mehr auch Australien näher zu bringen. Wir haben mit den drei Kindern einmal in der Woche immer einen besonderen Ausflug zusammen gemacht. Irgendetwas Besonderes zum Beispiel in ein Hospital für Koalas oder besonders schöne Strände oder sowas. Da hat sich die Familie mir gegenüber auch sehr erkenntlich gezeigt. Oder ich hab mir dann auch zwischendurch Zeit genommen, eine Tour zu machen. Ich war zum Beispiel in Fraser Island, in Brisbane und so was. Ich hab noch ne zweite Granny kennengelernt, die dann auch in Australien war. Aus der gleichen Organisation, und mit der war ich dann, wir waren dann die Backpacker-Omis dann auch, ja.

Claudia Röttger - Die Backpacker, das sind die Reisenden, nur ganz kurz, die mit Rucksack reisen. Also die haben dann gesagt, Wow da sind ja die Omis!

Ingrid Steegmüller - Ja genau. Wir beide als Omis mit einem Rucksack ein paar Tage durch Australien gereist. Des war ein Mega-Erlebnis. Es war sehr schön.

Claudia Röttger - Granny Au-pair ist ein Portal für Frauen als Au-pair, auch im höheren Alter. Wissen Sie im Nachgang, wie die Familie sich für Sie genau entschieden hat?

Ingrid Steegmüller - Ja, ich glaube in meinem Profil stand halt auch drin, dass ich gerne die kleineren Kinder übernehmen möchte. Das war ja auch so. Das waren drei Kinder unter sechs Jahren in Australien. In Los Angeles war es der kleine Felix, der war vier Monate alt. Ich denke, die schauen da schon sich das Profil dann halt auch an. Das, dass man noch fit ist, dass man viel laufen kann. Ich bin mit dem kleinen Felix am Tag 20 Kilometer oft gelaufen.

Claudia Röttger – Wow.

Ingrid Steegmüller - Ja, ich bin nach Santa Monica gelaufen, wieder nach Hause gelaufen. Ich habe die Pampers mit dabeigehabt und Fläschchen mit dabei. Also ja, das man halt auch unterstützen kann im Haushalt, also das einem das Spaß macht und das man halt ganz offen ist für die Kinder und die Bereitschaft einfach auch zu unterstützen und zu helfen.

Claudia Röttger – Also man muss sagen, wie fit man wirklich ist, was man für Erwartungen hat, was die Familie erwartet, was man aber auch selber erwartet. Stichwort eigenes Zimmer. Man möchte da - das war Ihnen wahrscheinlich auch wichtig, dass Sie einen eigenen Raum haben, an dem Sie sich auch mal zurückziehen können, dass Sie nicht immer ansprechbar für die Familie waren?

Ingrid Steegmüller - Unbedingt. Also der Rückzug ist, den man haben sollte, ist schon sehr wichtig. Also so viel wie möglich natürlich für die Familie da sein. Wie gesagt man spricht ja auch ab. Aber man braucht unbedingt auch seinen Freiraum auch für sich. Das ist ganz arg wichtig auch. Und darüber sollte man auch ganz offen sprechen.

Claudia Röttger Lassen Sie uns trotzdem bitte nochmal zurückspringen. Das klingt jetzt so unglaublich mutig. Ich stelle mir das gerade nochmal vor. Sie müssen doch unfassbar aufgeregt sein. Sie entscheiden sich jetzt und fliegen da - 26 Stunden dauert der Flug - um die halbe Erde und sind plötzlich bei so einer Familie. Und Sie wissen ja auch wie lange sind Sie geblieben? Jetzt gibt's kein Zurück. Jetzt geht es hier durch. Waren Sie richtig, richtig aufgeregt?

Ingrid Steegmüller - Ich war richtig aufgeregt, ja. Ich war sehr aufgeregt. Zuerst mal gar nicht wegen der Familie oder wegen dem Land, sondern zuerst einmal diesen ewig weiten Flug. Die Umsteigerei. Man muss ja umsteigen und so. Kriegt man das alles hin? Mit meinem Englisch. Finde ich das nächste Gate gleich? Und wenn ich auf Englisch alles gefragt werde in diesen Interviews. Klappt das alles? Da war ich erst einmal sehr aufgeregt. Aber das ist alles super gut gelaufen. Ich war dann ganz stolz auf mich und happy. Und als ich dann angekommen bin und die Familie mich strahlend abgeholt hat, dann ist da erstmal fällt erstmal so eine Last ab, ja. Dann ist man erst mal total glücklich, dass man sehr gut angekommen ist, dass es geklappt hat. Und dann stellt man sich auf die Familie ein, ja.

Claudia Röttger - Gemeinsam mit ihrem neuen Mann haben sie glaub ich, fünf Kinder. Noch viel mehr Enkelkinder. Wie haben die denn darauf reagiert?

Ingrid Steegmüller - Also die haben mich da sehr unterstützt. Und natürlich haben die mich sehr vermisst, weil ich eine sehr aktive Oma bin. Wenn ich zuhause bin, bin ich komplett für die Familie auch da. Ich mache sehr viel für sie. Das wissen sie auch. Aber ich brauche, Sie wissen ganz genau, Ich brauche meine Zeit für mich auch. Und ja, das fanden sie, eigentlich fanden sie es ganz toll, auch wenn sie immer wieder froh waren, wenn ich kam.

Claudia Röttger - Sie haben schon gesagt, dass Sie das wirklich happy gemacht hat. Das ist ja schon das englische Wort. Ja, sie waren dort sehr glücklich in Los Angeles. Und war das dann dieses Gefühl? Das kann ich nochmal haben. Jetzt gehe ich nochmal an das andere Ende der Welt nach Australien? War wirklich dieses erste Glück schon so motivierend?

Ingrid Steegmüller - Oh ja, das war es. Das war es wirklich. Als ich dann in Australien war und ich habe zum Beispiel Weihnachten alleine in Australien verbracht. Als ich dann meine Zeit beendet habe bei der Familie, bin ich dann Weihnachten nach Sydney geflogen und als ich vor der Oper stand, muss ich Ihnen sagen, sind mir die Tränen gekommen, ja. Weil ich dachte, Mein Gott, das habe ich geschafft. Ich stehe da jetzt ganz alleine und Weihnachten war der vor der Oper und bin einfach nur glücklich, obwohl man sagt Weihnachten und Familie und so weiter. Aber für mich war das so das Gefühl, dass ich, ach ich hätte die ganze Welt umarmen können, weil ich das geschafft hab halt und habe dann eine Fahrt auf dem Meer gemacht, wo ich vom Meer aus die Oper sehen konnte und ich war einfach nur glücklich.

Claudia Röttger - Kein Heimweh, keine Sehnsucht nach Hause?

Ingrid Steegmüller - Natürlich vermisste man die kleinen. Ne. Die Enkelchen. Und klar, aber man kommt ja auch wieder nach Hause. Und dann hat man alle wieder.

Claudia Röttger – Aber diesen Wunsch die Welt zu bereisen, den kann ich so gut nachvollziehen. Wie lange hegen Sie diesen Wunsch schon für sich?

Ingrid Steegmüller - Ich war ja mal alleinerziehend, ganz lange mit meinen beiden Kindern. Meine erste Trennung und meine erste Scheidung war halt, da waren meine Kinder 2 und 4 Jahre alt und dann war ich sehr lange alleine, bis ich meinen zweiten Mann kennengelernt habe. Und da bin ich halt nicht viel zum Reisen gekommen. Mit meinem Mann bin ich schon gereist, aber das war dann schon toll. Ja, dass man dann die Möglichkeit hat mehr von der Welt zu sehen. Ja, jetzt wo ich in Rente bin, dass ich dann sagen kann Ja, ich lass jetzt mal zu Hause los und gehe mal wieder auf Tour. Ja das halt etwas Besonderes finde ich dass man das machen kann, ja.

Claudia Röttger - Sie haben vorhin gesagt, als Sie in Rente gegangen sind, hatten Sie so ein großes Glücksgefühl. So nach dem Motto, Jetzt kann ich alles Mögliche machen. Das ist sehr ungewöhnlich. Oder? Kennen Sie das bei anderen Freundinnen von Ihnen, dass Sie es tatsächlich so als große Chance nochmal wahrnehmen? Jetzt diesen Ruhestand. Was kann ich alles damit anstellen?

Ingrid Steegmüller - Ja, man hört eigentlich wenig. Ja die meisten Denken dann Ja jetzt leg ich die Füße hoch kommen nicht von der Couch. Jetzt bin ich alt. Das höre ich immer wieder. Aber auch die andere Seite. Ich meine unsere Generation. Ich bin Jahrgang 53 und mach schon auch die Erfahrung, dass die Frauen sehr viel fitter sind und mehr unternehmen als früher. Und so geht es mir halt auch, ja. Jetzt bin ich wie eine junge Frau. Jetzt steht mir die Welt offen. Jetzt. Ich brauche keine Ausbildung mehr zu machen. Ich muss ja niemandem mehr was beweisen. Meine Kinder sind erwachsen, die leben ihr eigenes Leben. Ja, jetzt kann ich doch an mich komplett denken auch.

Claudia Röttger – Da kann ich Ihnen absolut nur zustimmen. Das ist wunderbar. Wieviel Mut gehört denn zu diesem Glücklichsein oder auch überhaupt das Glück zu packen? Sie haben es ja an am Schopf gepackt.

Ingrid Steegmüller - Ich glaube, man sollte sich nicht immer so viele Gedanken machen, sondern einfach machen.

Claudia Röttger - Sicher gab es auch mal Situationen, die nicht einfach waren. Das kennen wir alle aus unseren Familien. Es gibt Stress, es gibt Streit. Es gibt Dinge, die nicht so gut laufen. Vielleicht ist es auch mit der Familie nicht immer rund gelaufen. Was hat Ihnen da in diesen Situationen dann Kraft gegeben, durchzuhalten und nicht zu sagen, Oh jetzt fahr ich aber ganz schnell wieder nach Hause.

Ingrid Steegmüller - Zum einen muss man ganz offen sein mit der Familie, wenn der Schuh drückt. Wenn es Probleme gibt, sollte man schon offen ansprechen. Ja. Und man muss auch bedenken, dass man nur für kurze Zeit bei der Familie ist. In meinem Fall drei Monate dann gehe ich wieder. Ich sollte nicht versuchen etwas der Familie überstülpen zu wollen, weil ich jetzt die Ältere bin, die Erfahrene bin, alles besser weiß, sondern man sollte sich gut anpassen können. Ja. Was mir Kraft gibt, wenn ich einen Tiefpunkt hatte oder so, das ist ja einfach, Ich gehe gerne laufen. Ich gehe gern raus in die Natur. Ich mache Yoga. Ich bin jemand, der auch gerne meditiert. Ich setze mich hin und meditiere meine zehn Minuten, hol‘ mich dann runter und erde mich. Oder einfach auch die Gespräche mit meinem Mann, der auch immer eine sehr beruhigende Wirkung auf mich hat.

Claudia Röttger - Stehen Sie doch in gutem Kontakt mit den beiden Familien? Kriegen Sie Post, Fotos von aus Los Angeles und aus Australien?

Ingrid Steegmüller - Ich habe ihn jetzt in der Vergangenheit immer mal wieder Bilder bekommen. Von den Kleinen, wie er sich entwickelt hat. Der kleine Felix. Da bekam ich mal Bilder geschickt jetzt. Und Australien auch immer mal wieder Bilder, wie sich die Kinder entwickelt haben und so weiter Ja, das kommt dann schon Ja.

Claudia Röttger - Ingrid Steegmüller, Sie haben immer wieder betont zwischendurch, Ja, diese Auszeit ist ganz wichtig. Ich brauch die Zeit für mich. Ich ahne, die nächste Reise ist schon geplant. Wohin?

Ingrid Steegmüller - Nach Italien.

Claudia Röttger - Also sie ist geplant. Ich hab richtig geraten!

Ingrid Steegmüller - Ja die ist geplant. Die ist ja auch schon gebucht. Der Flug ist schon sogar gebucht.

Claudia Röttger - Auch als Granny Au-pair?

Ingrid Steegmüller - Auch als Granny Au-pair. Aber. Eigentlich als Gesellschafterin dieses Mal. Also diesmal werde ich keine Kinder betreuen. Ich mache was ganz Außergewöhnliches dieses Mal. Ich gehe zu einer Familie. Oder zu einem Ehepaar, das seit acht Jahren in Italien lebt. Eine große Segelyacht haben, und einen Hund und die sich einfach eine Frau wünschen auf Augenhöhe, die sie so im täglichen Leben unterstützt. Die gerne kocht, die gerne mit dem Hund spazieren geht und die gern Wanderungen mitmacht. Die auch mal auf die Segelyacht geht. Dieses Profil von diesem Ehepaar bei Granny Au-pair, das hat mich schon angesprochen. Das war so außergewöhnlich, dass mal jemand keine Oma sucht auf Zeit, sondern eigentlich ja, man kommt als Gesellschafterin und unterstützt einfach ein Ehepaar, das ein außergewöhnliches Leben führt.

Claudia Röttger – Buongiorno, buona sera. Wie viel Italienisch können Sie schon? Haben Sie schon was gelernt?

Ingrid Steegmüller - Ich kann sehr wenig. Im Moment habe ich es geschafft, jetzt mal auf 10 zu zählen, und Guten Tag und Auf Wiedersehen zu sagen. Also ich bin jetzt gerade, so langsam fange ich an, mich da in die Sprache einzufinden. Aber es ist auch wieder, Ja, das Leben beginnt da, wo deine Komfortzone endet, sage ich immer, ja. Ich kann kein Italienisch. Ich war noch nie auf einer Segelyacht, die sehr sehr groß ist. Sie ist 23 Meter groß. Und ein Hund. Ja, hab ich eigentlich auch nicht.

Claudia Röttger - Aber Sie können schwimmen nehme ich an, Frau Steegmüller.

Ingrid Steegmüller - Schwimmen kann ich, ja!

Claudia Röttger – Frau Steegmüller, angenommen, Sie hätten, wir könnten eine Zeitreise machen und sie würden zurück durch die Zeit zu ihrem Jüngeren Ich reisen. Also nicht nach Italien, nicht nach Los Angeles, nicht nach Australien. Aber sie reisen zu ihrem jüngeren Ich Was würden Sie der jungen Ingrid raten? Wie das geht mit dem glücklich sein?

Ingrid Steegmüller - Ja in erster Linie erst einmal an sich denken, dass man selber glücklich ist und mit sich im Reinen und zufrieden ist. Dann klappt es auch mit dem Mut. Und so viele neue Dinge auch zu wagen, bei sich immer erst mal zu bleiben.

Claudia Röttger - Was für eine Aufforderung, und was für ein schöner Gedanke! Vielen Dank Frau Steegmüller dafür und ich wünsche Ihnen eine ganz, ganz tolle Zeit in Italien.

Ingrid Steegmüller - Vielen Dank Frau Röttger. Ich wünsche Ihnen auch eine gute Zeit und vielen Dank für das tolle Gespräch mit Ihnen.

Claudia Röttger - Hat Ihnen dieser Podcast gefallen? Dann freue ich mich sehr, wenn Sie auch beim nächsten Mal wieder dabei sind. Und falls Sie auch selbst eine Glücksgeschichte zu erzählen haben oder vielleicht jemanden kennen, der etwas Spannendes erzählen kann, dann schreiben Sie mir gerne eine Mail an redaktion@gesundheit-hören.de.

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Redaktion: Kari Kungel, Claudia Röttger
Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Kari Kungel

Darum geht es in „Einmal täglich Glück“

Wie schaffen wir es glücklich zu sein – mit uns, mit dem Leben, im Umgang mit anderen Menschen, mit dem, was wir tun? Claudia Röttger, Journalistin und Apothekerin, macht sich auf die Suche nach Menschen, die darauf ganz persönliche, ungewöhnliche, berührende oder erstaunliche Antworten haben.

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