Grundschulkindern beim Lesen lernen helfen – das macht Bernd Wolter seit Jahren ehrenamtlich als sogenannter Lesepate. Als „Leseratte“ ist der Rentner dafür bestens geeignet und – laut Plakaten der Kinder – der „beste Vorleser der Welt“. Sein Engagement macht ihn zufrieden, sagt er. Warum Wolter überlegt, selbst mal ein Buch zu schreiben und, dass er in seinem Ehrenamt oft der einzige Mann ist, hören Sie in dieser Folge.

In dem Gespräch geht es um folgende Themen:

  • Was macht ein Lesepate?
  • Warum engagieren Sie sich gerne?
  • Wurde in Ihrer Kindheit auch vorgelesen?
  • Wie begeistert man Kinder fürs Lesen?
  • Wollen Sie selbst auch ein Buch schreiben?

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Bernd Wolter - Beim einen kommt‘s eher, beim anderen kommt‘s später. Man sollte die Hoffnung nie aufgeben.

Claudia Röttger - So formuliert es Bernd Wolter, der als Lesepate Kindern in Grundschulen beim Lesen lernen hilft.

Claudia Röttger - Herzlich willkommen zum Glücks-Podcast. Ich bin Claudia Röttger und ich bin Journalistin und Apothekerin. Für mich gehört die Frage nach dem Glück zu einer der spannendsten überhaupt. Was macht mich glücklich und wie wird man zufrieden? In diesem Podcast suche ich nach Antworten und spreche mit ganz unterschiedlichen Menschen. Die haben sehr individuelle Antworten auf diese Frage und erzählen mir ihre Geschichte vom Glück. Und vielleicht ist die eine oder andere Geschichte dabei, die Sie gerade begeistert, auch wenn Sie sich in einer ganz anderen Lebenslage befinden.

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheithören.de und der Apotheken Umschau

Claudia Röttger - Heute freue ich mich auf Bernd Wolter, der ehemalige Ingenieur in der Medizintechnik engagiert sich sehr gerne ehrenamtlich. Er ist Leih-Opa und hilft seit einigen Jahren schon Grundschulkindern beim Lesen lernen als Lesepate. Denn seit er in Rente ist, hat er viel Zeit für so etwas. Und es macht ihn zufrieden, sagt er. Warum ihm das so viel Spaß macht und warum er darüber nachdenkt, vielleicht selbst ein Buch zu schreiben - das hören Sie jetzt. Hallo Herr Wolter, wollte schön, dass Sie da sind.

Bernd Wolter - Recht herzlichen Dank, dass ich Ihnen was erzählen darf.

Claudia Röttger - Herr Wolter. Zu Beginn würde ich gerne mal etwas ausprobieren. Wir beide treffen uns hier zum ersten Mal und zwar ein kleines Spiel. Es überhaupt nicht kompliziert, um Sie etwas besser kennenzulernen. Kennen Sie das schon? Ich stelle Ihnen gleich Entweder/Oder-Fragen und Sie müssen sich entscheiden. Also z. B. Katze oder Hund. Ist es für Sie ok? Sind Sie dabei?

Bernd Wolter - Ja schauen wir mal.

Claudia Röttger - Aber fangen wir doch mal an Katze oder Hund. Was ist Ihnen lieber?

Bernd Wolter - Naja nachdem ich eine Katze hab, ne Katze.

Claudia Röttger - Tee oder Kaffee?

Bernd Wolter - Tee.

Claudia Röttger - Stadt oder Dorf?

Bernd Wolter - Stadt.

Claudia Röttger - Comic oder Liebesroman?

Bernd Wolter - Beides nicht.

Claudia Röttger - In Jeans oder Jogginghose?

Bernd Wolter - Jeans.

Claudia Röttger - Meer oder Berge?

Bernd Wolter - Ich liebe beides.

Claudia Röttger - Okay, Sommer oder Winter?

Bernd Wolter - Sommer.

Claudia Röttger - Und letzte Frage, ist das Glas halb voll oder halb leer?

Bernd Wolter - Für mich ist es halbvoll.

Claudia Röttger - Das ist genau die richtige Antwort für den Glückspodcast. Das ist wunderbar. Herr Wolter, Sie sind Lesepate. Das heißt, Sie helfen Kindern an Schulen beim Lesen lernen einzeln als Lesepaten und in Gruppen. Lesen lernen fällt ja nicht allen Kindern so leicht, vor allem wenn im Elternhaus niemand ist, der das mit den Kindern macht. Und Lesepaten gibt's es an ganz vielen Schulen in Deutschland. Sie sind in einer Grundschule im Raum München. Erzählen Sie doch mal, wie das so abläuft.

Bernd Wolter - Ich war an verschiedenen Schulen und die Schulen arbeiten auch ein bisschen unterschiedlich. Jetzt an der Schule in der ich bin da trifft man sich vorher. Alle Lesepaten mit den Lehrern, da wird einfach sich kennengelernt. Dann erzählt der Lehrer oder die Lehrerin, sind meistens Lehrerinnen, etwas über die Kinder, damit man schon ein bisschen den Eindruck hat. Naja, und dann geht man halt in das Lehrerzimmer. Wenn der Unterricht beginnt, nimmt das Kind und geht in den separaten Raum. Und da muss man halt erst mal ein bisschen Vertrauen schaffen. Bei manchen ist es leichter, geht es schneller. Bei manchen etwas schwierigerer dauert es einfach eine gewisse Zeit, bis ein bisschen ein Vertrauensverhältnis da ist.

Claudia Röttger - Wie alt sind denn die Kinder, mit denen sie da lesen üben? Sie haben gesagt, sie sind in einer Grundschule, sind ja auch schon Erstklässler dabei. Die müssen ja erst einmal lesen lernen überhaupt.

Bernd Wolter - Da ist es etwas schwierig. Da muss man wirklich ganz am Anfang. Aber ich habe ja die Schüler oft bis zur vierten Klasse, bis sie dann wechseln aufs Gymnasium oder Realschule oder weiter auf der Hauptschule bleiben. Da ist natürlich dann mehr dann lesen und richtig Geschichten, die sie mir vorlesen. Ich lese dann ab und zu auch mal vor und man kann ja immer die Stunde ist eine dreiviertel Stunde und das zwanzig oder, also maximal eine halbe Stunde, können sie sich konzentrieren und dann macht man irgendwie Memory - oder ne, Memory spiele ich nicht mehr mit den Kindern, da verliere ich immer. Oder Uno oder irgendetwas anderes. Also irgendetwas macht man dann so ein bisschen zur Auflockerung.

Claudia Röttger - Aber Sie lesen beide. Also sie lesen was vor und auch das Kind liest manchmal etwas vor. Je nachdem wie gut es lesen kann.

Bernd Wolter - Ja, also es gibt ja zwei verschiedene Variationen. Einmal der Einzelunterricht mit dem Einzelkind, dem man sehr zugewendet ist. Das gefällt ja auch den Kindern, dass eine Person alleine jetzt eine dreiviertel Stunde nur für sie da ist und auf sie eingeht. Und dann gibt's da auch eine andere Variation. Da habe ich dann vier Kinder und den lese ich vor. Die kommen zu viert, meistens zwei Mädchen, zwei Jungs. Und dann lese ich denen Geschichten vor. Das macht auch sehr viel Spaß, da sie das machen in der ersten und der zweiten Klasse.

Claudia Röttger - Woran merken Sie, dass es den Kindern so gut gefällt? Was für Reaktionen ernten Sie?

Bernd Wolter - Sehr schöne. Also dann irgendwelche Plakate, bester Vorleser der Welt oder irgendwie so Gemälde, wo sie mich versuchen zu malen und Dankeschön und was weiß ich. Und man sieht ja auch an den Augen der Kinder, wie sie reagieren. Das ist eigentlich ja, das ist schön. Und ich hatte z.B, das war vorletztes Jahr, weil dann war Corona, da hatte ich einen bis zur vierten Klasse und der ist dann auch aufs Gymnasium gegangen. Den hatte ich von der zweiten Klasse bis zur vierten und der hat er unwahrscheinlich schöne Sprünge gemacht, immer wieder mal so. Die Lehrerin hat auch gesagt, das war unwahrscheinlich gut dieser Einzelunterricht, das hat ihm viel Selbstvertrauen gegeben. Das war eigentlich sehr schön, wo der dann auch mir erzählt hat, dass er es schafft im Gymnasium, war richtig schön.

Claudia Röttger - Also Sie lernen die Kinder richtig gut kennen, weil Sie sie auch recht lange begleiten.

Bernd Wolter - Ja, das ist finde ich auch sehr wichtig, dass man sie länger begleitet. Weil wenn das alle halbe Jahr wechseln würde, da immer wieder neu, ich glaube, das würde der Sache nicht sehr dienlich sein.

Claudia Röttger - Sind sie auch streng? „Bleib mal sitzen. Jetzt müssen wir hier was machen. Und jetzt müssen wir hier…“

Bernd Wolter - Naja, ab und zu. Also wenn man alleine ist, ist es nicht so schlimm. Aber wenn man vier Stück hat, wo ich dann vorlese. Da muss man ab und zu mal sagen, jetzt setzt euch bitte mal hin. Und ich hatte da das erste mal fünf und da waren zwei Mädchen dabei, die haben nur Blödsinn gemacht. Und dann haben wir die zwei Mädchen getrennt. Hat mir die Lehrerin gesagt, in der Klasse ist es genauso. Und dann ging es sehr gut. Die kam dann in eine andere Gruppe und dann ja. Es läuft eigentlich gut. Man muss ja auch mal ein bisschen Blödsinn machen.

Claudia Röttger - Das kann ich mir gut vorstellen, dass Sie Spaß haben mit den Kindern und auch viel zusammen lachen. Was gibt Ihnen Ihr Engagement denn noch?

Bernd Wolter - Erstens mal habe ich wieder eine Struktur in meinem Leben. Ich bin ja jetzt Rentner. Ich habe also bis 70 eigentlich gearbeitet im vorauseilenden Gehorsam. Dann habe ich mir überlegt, du brauchst eine Aufgabe. Und mit Kindern habe ich schon immer gern gearbeitet. Ich habe früher auch in Kindergärten mal vorgelesen, bin auch in so einem Altersheim hier, da gibt's es eine Gruppe Kinder und Erwachsene und da gehe ich ab und zu mal hin und mach mit den Kindern und den Erwachsenen was. Das ist auch sehr schön. Diese, ja auf der einen Seite die Alten die schon sehr viel Lebenserfahrung haben und auf der anderen die Kinder, die erst noch alles entdecken müssen. Und ja das macht sehr viel Spaß, so diese zwei Generationen. Und mir persönlich gibt es auch sehr viel.

Claudia Röttger - Herr Wolter, wie viele Lesepaten gibt es denn an Ihrer Schule und sind es mehr Frauen oder mehr Männer oder wie ist das?

Bernd Wolter - Nee, das sind fast immer nur Frauen. Ich sage immer bei Schulungen, weil wir, es gibt ja relativ viel Schulungen, die man somit machen kann - muss ich echt sagen, das ist gut wie man mit schwierigen Schülern umgeht, wie man das macht, wie man jenes macht - da gibt es immer wieder so Schulungen an der Pädagogischen Hochschule, und oft bin ich da wirklich der Alibi-Mann. Es sind also fast immer nur Frauen.

Claudia Röttger - Jetzt bin ich gespannt. Ich würde gerne ein paar Tricks lernen. Geben Sie uns doch mal ein paar Hinweise, was muss ich machen, um Kinder fürs Lesen zu begeistern?

Bernd Wolter - Also es geht auch sehr aus dem Bauch heraus. Man beobachtet das Kind, man schaut an, wie reagiert es, was gefällt ihr und dementsprechend tut man das dann schon so ein bisschen in die Richtung geben. Also Jungs, die mögen gern so Abenteuergeschichten was weiß ich von Piraten oder sonst was Mädchen mögen lieber was mit Pferden. Es ist so leider, trotzdem auch die Vierergruppe da die Mädchen oder auch….weil ich hab dann zwei drei Bücher dabei. Und dann frage ich schon, was möchtet ihr denn haben? Also demokratisch wird dann abgestimmt und das Buch nehme dann, da sieht man schon die Unterschiede der Geschlechter. Aber es gibt da auch so ein Buch was ich habe. Da sind sehr schöne Kurzgeschichten drin und immer, wenn ich frage soll ich was vorlesen - Oh ja, lesen Sie mal die Geschichte davor, wo der Papa so laut pupst. Das gefällt den Kindern natürlich - Der hat am Tag vorher schlecht gegessen und die ganze Straße geht, weil denkt es sind Erdbeben und so Sachen. Aber ja, es sollte auch manchmal lustig sein.

Claudia Röttger - Es sollen auch lustige Geschichten sein, es soll gelacht werden in dieser Stunde mit Herrn Wolter?

Bernd Wolter - Ja auf jeden Fall. Lachen ist gesund, sagt schon der Eckart von Hirschhausen.

Claudia Röttger - Herr Wolter, Sie haben vorhin schon ein bisschen gesagt, dass dieses ehrenamtliche Engagement macht Sie glücklich. Sie sind als Rentner dazugekommen. Aber wie? Warum haben Sie sich für das Lesepatensein entschieden?

Bernd Wolter - Erstens mal lese ich sehr gerne selbst und habe mich früher schon mal in Kindergärten vorgelesen und mit Kindern mache ich auch gerne was. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, was man machen kann. Ich habe z. B. auch einen Leih-Enkel. Es gibt da so ein Opa-Oma-Service und da habe ich z. B. Leih-Enkel. Der ist jetzt acht Jahre, den habe ich jetzt seit drei Jahren mit dem macht auch sehr viel Spaß. Aber es gibt ja immer diese Messe für die ganzen freiwilligen Organisationen, „Essen auf Rädern“ oder „Tatendrang“ oder…

Claudia Röttger - Ganz kurz – „Tatendrang“, was Sie gerade erwähnt haben, ist eine Freiwilligen-Agentur im Raum München. Man findet sie auf tatendrang.de Und wir verlinken sie auch gerne in den Shownotes, denn das ist ja wahrscheinlich schon auch vielleicht für den einen oder die andere etwas. Und Sie hatten ja auch genau den Impuls, ja, da mache ich mit?

Bernd Wolter - Und es klang mir alles recht gut. Und daraufhin hab ich gedacht - Okay würde ich machen.

Claudia Röttger - Und Sie empfinden tatsächlich dieses Glück, dass Sie sagen das ist eine sinnvolle Tätigkeit oder wie geht es Ihnen damit?

Bernd Wolter - Na gut, da kann man viel drüber diskutieren, was für den Einzelnen Glück bedeutet. Aber es ist eine Zufriedenheit da und es ist auch viel Dankbarkeit von der anderen Seite da, wo es auch wirklich befriedigt, was glücklich macht.

Claudia Röttger - Sie sind jetzt über 70, haben Sie selber immer schon sehr gerne gelesen?

Bernd Wolter - Ja immer schon. Lesen war schon immer Leidenschaft von mir.

Claudia Röttger - Viel lernt man ja auch aus der eigenen Familie, sind Sie in einem Haushalt großgeworden bei Ihren Eltern, wo immer ganz viele Bücher in der Bücherwand standen?

Bernd Wolter - Es wurde viel gelesen, mein Vater hat vorgelesen, es wurde Hausmusik gemacht, wie das so ist. Ich hatte Klavierunterricht bei meiner großen Schwester, was natürlich nicht gut ging. Wer will sich schon von seiner großen Schwester etwas sagen lassen? Dann musste jemand anders kommen. Ja in so einem Haushalt bin ich ja eigentlich groß geworden.

Claudia Röttger - Wurde Ihnen selber als Kind auch vorgelesen von Ihren Eltern?

Bernd Wolter - Ja, mein Vater z. B. hat gerne vorgelesen.

Claudia Röttger - Welche Geschichten haben Sie im Kopf? Was erinnern Sie noch?

Bernd Wolter - Z. B. Manfred Kyber, ich weiß nicht, ob Sie den kennen. Manfred Kyber. Der hat ja in den 20er Jahren gelebt und er hat ein Buch geschrieben. Lauter Tier-Fabeln, die aber eigentlich sehr ins Menschliche reingehen. Also gibt's z. B. eine Familie, die Familie Spatz. Also die sind frisch verheiratet, haben gerade Eier gelegt… Und die Geschichte wird dann eben so erzählt, dass man sehr auf Menschen, man kann die ganzen Geschichten auf die Menschen umlegen oder das Faultier oder das Krokodil oder. Also das ist so haften geblieben und das Buch wird auch wieder aufgelegt. Hab ich mir schon wieder besorgt und auch schon ein paarmal mal verschenkt. Da waren die Leute immer ganz angetan, weil da sind Geschichten drin war quasi von der Geburt bis zum Tod, passt überall irgendwas.

Claudia Röttger - Ein Lebensbuch. Was lesen Sie denn gerne vor? Wie ist es ist eigentlich mit Märchen? Ich denke da jetzt mal an das „Tapfere Schneiderlein“, „Schneewittchen“ oder „Rotkäppchen“ oder andere Märchen-Klassiker.

Bernd Wolter - So die alten Märchen, die sind nicht mehr ganz so gefragt. Das muss ich auch sagen. Also es gibt andere Bücher. „Sag Nein zu Fremden“, z. B. zum Buch, da sind zwei Kinder, die gehen dann mit einem Piraten aufs Schiff und er nimmt sie mit, damit er nicht alleine ist. Und dann - wie würdest du jetzt - das ist z. B. sowas, das kann man bei Viertklässlern schon machen - Wie würdest du jetzt entscheiden, wie man das macht? Weil der hat einen Gipsarm und sie helfen ihm, den Einkauf aufs Schiff zu tragen. Man sollte ja älteren Leuten helfen, aber man soll auch nicht mit Fremden mitgehen. Wie kann man sich da verhalten? Da kommen dann die tollsten Vorschläge und solche Sachen, die machen den Kindern irgendwie mehr Spaß, wie, was weiß ich, ich „Rotkäppchen“. Das ist irgendwie nicht mehr so drin, muss ich ehrlich sagen. Und da gibt's viel Auswahl.

Claudia Röttger - Interessant ist, dass aber diese Geschichten einem doch unglaublich lange im Kopf bleiben. Also viele Figuren, die man als Kind schon kennengelernt hat. Geht Ihnen das auch so?

Bernd Wolter - Naja wie ein kleiner Junge empfinde ich es nicht mir, weil ich ja selbst auch wieder vorlese und es weitergegeben habe. Aber ja, das sind vertraute Elemente dabei. Das ist schwer zu beschreiben, schwer zu fassen. Das ist irgendwo drin.

Claudia Röttger - Ich kenne es selber. Ich mag wahnsinnig gerne lesen und ich bin wirklich eine Leseratte gewesen. Aber ich habe drei Kinder. Eins liest auch gern, die anderen beiden überhaupt nicht. Haben Sie Tipps für mich? Was habe ich falsch gemacht?

Bernd Wolter - Da kann ich nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen. Wie gesagt, bei uns wurde viel gelesen und ich habe mich geweigert. Ich wollte nicht lesen. Ich wollte nicht lesen. Zum Entsetzen meiner Eltern, die haben mir dann vorgelesen. Aber ich selbst. Nee. In der Schule war das auch schlecht. Und irgendwie, irgendwann hat mir mein Vater mal ein Karl May Buch gegeben, Winnetou und das hat mich irgendwie. Ich weiß auch nicht. Ich fing dann an, relativ spät und seitdem ich dieses Buch gelesen habe, lese ich einfach gern. Und beim einen kommts eher, beim anderen später. Man sollte die Hoffnung nie aufgeben.

Claudia Röttger - Aber Sie meinen also, man kann wirklich jeden von dieser großartigen Welt der Bücher dafür begeistern?

Bernd Wolter - Ich weiß es nicht. Aber Sie leben es ja in ihrer Familie vor oder? Sie leben es ja vor, das Lesen und es sehen Ihre Kinder. Das kommt halt bei einigen dann früher, beim anderen kommt's später. Es bleibt doch etwas haften, was man als Kind oder Jugendlicher von zu zuhause mitnimmt. Trotzdem man es erst einmal ablehnt, klar.

Claudia Röttger - Nehmen die Kinder das anders von Ihnen an, weil sie der Herr Wolter sind und nicht der Großvater oder der Vater, der irgendwie zum Lesen animieren will?

Bernd Wolter - Ne, ich glaub das spielt keine große Rolle. Aber das ist eine Person, die sich eine dreiviertel Stunde intensiv ganz alleine mit ihm beschäftigt, auch lobt und nicht irgendwie ständig sagt „Du kannst es nicht“ oder sonst wie. Sondern versucht, es eben aufzubauen.

Claudia Röttger - Sie haben selber gesagt, Sie lesen so gerne. Was lesen Sie gerne? Was, haben Sie ein Lieblingsbuch?

Bernd Wolter - Mein Lieblingsbuch? Ja also ich habe eine Zeit lang, weil ich aus der Generation stamme, wo das Tausendjährige Reich aus ein paar Daten von Schlachten bestand und dann eben 45. Und dann war Schluss. Also mit dem Dritten Reich habe ich mich dann sehr auseinandergesetzt, weil mir da, wie gesagt in der Familie wurde nicht viel drüber gesprochen. Es wurde ja damals alles etwas totgeschwiegen. In der Schule wurden so ein paar Daten abgehakt und dann war's. Dann lese ich gerne auch Biografien von bekannten Leuten. Jetzt habe ich letzthin von dem Guttenberg, von dem Vater unseres ehemaligen Ministers, dem Dirigenten so eine Biographie gelesen. War ganz interessant. Ja ich lese auch mal ein Krimi, aber ich lese auch alte Klassiker. Ich habe jetzt z. B. wieder mal einen Thomas Mann gelesen, Gott jetzt komme ich nicht drauf auf den Titel… wo er in Davos, wo der in der Klinik ist und dann seinen Freund besucht, wo ein Satz aus einer Seite besteht, bei Thomas Mann. Das habe ich jetzt in Corona-Zeiten mal wieder gelesen.

Claudia Röttger - Da steigen aber viele aus. Das ist ja schon hohe Literatur.

Bernd Wolter - Naja gut, da bin ich ja irgendwie mit groß großgeworden. Das war ja bei uns zu Hause. Mein Vater hat ständig immer Goethe zitiert und war ein alter Lateiner. Und ja, nee, so ab und zu zieht man wieder mal so einen alten Schinken raus und liest ihn. Jetzt hat man vielleicht ganz andere Zugehensweise, wie in jungen Jahren.

Claudia Röttger - Sie haben vorhin gesagt, dass die Kinder Ihnen da schon auch sehr ans Herz wachsen und auch die Kinder das sehr genießen, dass Sie eine ganze dreiviertel Stunde für sie Zeit haben. Also man lernt sich sehr gut kennen, verabschiedet man sich dann vermutlich auch ganz hart von, wenn es dann heißt, also die Kinder verlassen die Grundschule. Das ist für sie auch nicht einfach?

Bernd Wolter - Nein, das ist nicht ganz einfach. Sind auch schon Tränen geflossen.

Claudia Röttger - Bei Ihnen, Tränen?

Bernd Wolter - Nee bei mir nicht. Bei den Kindern. Und schön ist, wenn ich… da war ich in der Nähe in der Schule, wo ich diese Vierergruppe hatte, da war ich mit dem Radl unterwegs und plötzlich rief jemand „Herr Wolter, Herr Wolter“ Die habe ich zwei Jahre lang nicht mehr gesehen, die war in der Gruppe, wo ich vorgelesen. Hat sich sehr gefreut, dann haben wir uns kurz unterhalten. Ja, das zeigt, dass man nicht alles verkehrt gemacht hat.

Claudia Röttger - Wenn Sie dieser Lese-Virus, diese Begeisterung fürs Lesen, die Sie hier offenbar haben, wenn der tatsächlich vielleicht nicht überspringt auf die Kinder. Das nehmen Sie das aber nicht übel, Sie können durchaus auch mit Menschen gut, die vielleicht gar nicht eine große Bücherwand zu Hause haben?

Bernd Wolter - Ja. Das ist sehr individuell und wie gesagt sehr stark davon abhängig, in welchen Verhältnissen man aufwächst. Aber ich versuche halt ihnen Grundsätzliches beizubringen. Letztens habe ich mit dem einen mich unterhalten, da sage ich „Na, wenn du mal einkaufen gehst, musst ja lesen können, was das ist und was es kostet.“ „Da haben Sie Recht.“ Oder, dann sage ich „Was, wenn du pielst?“ Weil er war so einer, der gern da so Computerspiele macht, da steht ja auch oft was. „Du kannst nicht immer deinen großen Bruder fragen.“ Aber das ist ganz individuell und ich gehe da sehr immer nach meinem Bauch. Kann ich nicht anders sagen.

Claudia Röttger - Haben Sie selbst schon mal überlegt, ein Buch zu schreiben und vielleicht sogar schon eine Figur für ein Kinderbuch im Kopf?

Bernd Wolter - Ja ich weiß nicht. Sie ziehen jetzt sehr aufs Kinderbuch ab. Wenn, dann würde ich vielleicht was anderes machen. Ein bisschen biografisch, um einiges vielleicht aufzuarbeiten, was so immer noch im Kopf ist und wo ich sag, hättest es vielleicht so machen können. Oder hast du den sehr verletzt, oder ich weiß es nicht... Vielleicht in der Richtung ein bisschen was.

Claudia Röttger - Also biografisch, vielleicht auch die Familiengeschichte aufzuschreiben?

Bernd Wolter - Ja, ich habe jetzt z. B. das war sehr… Meine Eltern sind ja gestorben und die haben in dem Haus gewohnt, da war die ganze Familie drin. Und jetzt ist noch jemand dort gestorben, und jetzt haben sie das Haus verkauft und die Kindeskinder, die haben am Dachboden oben mal geschaut. Und dann rief mich mein Cousin an und sagte „Wir haben hier oben ein Buch, ein Tagebuch von deinen Eltern gefunden.“ Was soll man da sagen? Das brauch ich unbedingt. Und jetzt habe ich das Buch bekommen und da ist die Zeit, wo sich meine Eltern kennengelernt haben. In den Zwanzigerjahren bis glaube ich 1932 schreiben sie immer, er, was sie am Tag erlebt haben - und dann sie, was sie erlebt haben, welcher Sichtweise. Sie waren viel im Theater und haben viel unternommen. Haben auch mal im Lotto gewonnen. Das wusste ich gar nicht, da haben sie ein Motorrad gekauft. Wurde nie erzählt und das ist recht interessant. Und mein Vater z. B., der hat Märchen geschrieben, da war im Zweiten Weltkrieg in der Bretagne in Frankreich und seine Kinder waren ja nur zu Hause und da hat er Märchen geschrieben. Und das haben wir als kleines Buch von der Familie jetzt drucken lassen.

Claudia Röttger - Herr Wolter, Ihre Frau, lesen Sie da auch manchmal vor? Das scheint ja auch ein ganz gutes Beziehungskonzept zu sein, abends dem Partner mal vorzulesen auf dem Sofa. Tun Sie das auch?

Bernd Wolter - Das stimmt. Ich habe das manchmal schon überlegt, aber sie liest eigentlich sehr viel Krimis immer. Und habe ich jetzt noch nicht so gemacht. Aber ich habe mir das schon überlegt. Man könnte sich eigentlich auch gegenseitig mal vorlesen.

Claudia Röttger - Herr Wolter, Sie haben uns ja schon wirklich schön erzählt, dass dieses Engagement in der Schule Sie wirklich glücklich macht und Sie sehr viel gutes Feedback bekommen. Welche Glücksmomente sammeln Sie noch in Ihrem Alltag?

Bernd Wolter - Also ich bin vor eineinhalb Monaten an den Chiemsee gefahren, weil ich mir da Renken-Fische geholt habe. Ich habe da mal eine Zeit lang auf der Fraueninsel eine Wohnung gehabt und da hole ich mir jetzt immer bei den Fischern meine Fische. Und da bin ich also gefahren. Es war so ein Herbst… Es war ein wunderschöner Tag, Sonnenschein und dann fährt man so, bevor man am Chiemsee abbiegt über die Autobahn und rechts und links sind dann lauter alte Bäume und es war so eine Farbenpracht. Und da die Sonne da rein, gelb orange. Das war einfach toll. Das ist mir richtig das Herz aufgegangen. Es war schön. Oder gestern, der Blick in die Berge. Man hat gemeint, man kann sie fassen, so nah waren sie. Und ja, das sind dann schon Momente wo ich Glück empfinde. Es ist ja nicht nur beim Lesen, ja auch im alltäglichen Leben. Wenn man einen Bettler, was weiß ich, einen Euro rein schmeißt oder wenn man für jemanden aufsteht oder… Ich war gestern bei der Krankengymnastik, da war eine ältere Dame und die wollte grade ihren Mantel anziehen. Ich sagte „Darf ich Ihnen behilflich sein?“ Ja, da war sie total happy, „dass es das noch gibt“. Naja, wir sind ja schon älter, da ist man so erzogen worden. Das sind einfach alle… nach dem alten Pfadfinder-Spruch „Jeden Tag ‚ne gute Tat“. Das sind alles so Kleinigkeiten, die schon das Leben bereichern oder auch glücklich machen. Das ist klar.

Claudia Röttger - Danke, Herr Wolter. Sie haben mir richtig Lust gemacht auf das nächste schöne Buch. Vielen Dank fürs dabei sein und schön, dass Sie da waren!

Bernd Wolter - Ich bedanke mich auch recht herzlich und wünsche Ihnen, Frau Röttger, noch einen wunderschönen Tag.

Claudia Röttger - Und wenn Ihnen dieser Podcast gefallen hat, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie uns bei Apple Podcast eine Bewertung da dalassen. Und wenn Sie gerne Podcasts hören, dann schauen Sie doch mal bei gesundheithören.de vorbei. Dort finden Sie viele verschiedene Podcast zu ganz unterschiedlichen Gesundheitsthemen.

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheithören.de und der Apotheken Umschau

Redaktion: Claudia Röttger, Kari Kungel
Schnitt und Post-Produktion: Kari Kungel, Yves Seissler

Darum geht es in „Einmal täglich Glück“

Wie schaffen wir es glücklich zu sein – mit uns, mit dem Leben, im Umgang mit anderen Menschen, mit dem, was wir tun? Claudia Röttger, Journalistin und Apothekerin, macht sich auf die Suche nach Menschen, die darauf ganz persönliche, ungewöhnliche, berührende oder erstaunliche Antworten haben.

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