Die Schauspielerei sei für ihn der spannendste Beruf der Welt – beantworte aber nicht immer die Sinnfrage, sagt Hannes Jaenicke. Deshalb setzt er sich seit Jahrzehnten für den Umweltschutz ein und informiert in seinen Dokumentarfilmen über Missstände. Wie ihn sein Engagement glücklich macht und wann er in seinem Leben Genussmomente sammelt, hören Sie in dieser Folge.

In dem Gespräch geht es um folgende Themen:

  • Macht Engagement glücklich?
  • Schauspielerei als Beruf neben dem Aktivismus
  • Jeder kann etwas tun
  • Treffen mit dem Dalai Lama
  • Umgang mit Kritik

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Hannes Jaenicke - Mir beantwortet das ein bisschen die Sinnfrage, wenn ich mich für etwas engagiere. Insofern empfehle ich das jedem. Es ist, glaube ich, immer schöner in wir und uns und kollektiv zu denken als nur an sich selber, das glaube ich macht einfach zufriedener.

Claudia Röttger - Hannes Jaenicke ist erfolgreicher deutsch-amerikanischer Schauspieler und Umweltaktivist – und heute mein Gast.

Claudia Röttger - Hallo, mein Name ist Claudia Röttger, ich bin Journalistin und Apothekerin und als Apothekerin weiß ich genau - einmal täglich einfach eine Pille schlucken und dann ist das Glück da, das klappt nicht, denn Glücklichsein sein hängt von ganz verschiedenen Einflüssen ab. Da spielen Entscheidungen eine Rolle, aber auch Zufälle. Und in diesem Podcast mache ich mich auf die Suche nach Antworten, wie man sein Glück findet. Und ich spreche mit ganz unterschiedlichen Menschen, die darauf eigene Antworten haben und ihre eigene Glücks-Geschichte erzählen. Und vielleicht ist ja auch die eine oder andere Idee dabei, die auch Ihr Leben bereichert. Egal in welcher Lage Sie sich befinden oder ob Sie jung oder alt sind.

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheithören.de und der Apotheken Umschau

Claudia Röttger - Heute freue ich mich auf Hannes Jaenicke. Er ist seit vielen Jahren ein erfolgreicher Schauspieler, ein Dokumentarfilmer und ein Umweltaktivist. In den USA und in Deutschland aufgewachsen, lebt er mittlerweile in einem Dorf am Ammersee und sein Einsatz für die Erde macht ihn glücklich, sagt er. Hallo Hannes, schön, dass du da bist. Wir haben verabredet, dass wir du sagen - Ich freue mich, dass du da bist.

Hannes Jaenicke - Danke für die Einladung. Freue mich, dabei zu sein, Claudia.

Claudia Röttger - Schön, dass du Zeit hast für unser Gespräch. Hannes, nach meinem Eindruck bist du ja von Montag bis Sonntag für die Umwelt unterwegs, oder?

Hannes Jaenicke - Der Eindruck täuscht ein bisschen. Das ist meine Freizeitgestaltung. Ich habe ja nach wie vor einen Beruf - Schauspieler. Ich mache nebenher auch noch Dokus mit meinen Partnern hier in München, Tango Film. Aber das ist sicherlich ein wesentlicher Teil meiner wie gesagt Freizeitgestaltung. Das stimmt wohl.

Claudia Röttger - Du hast mal gesagt, dass du abends ganz glücklich ins Bett gehst, weil du dich so viel engagierst. Ist das so?

Hannes Jaenicke - Ja, ich glaube jeder Mensch, der sich engagiert geht glaube ich mit einem relativ zufriedenen Gefühl ins Bett. Ich würde mich aber glaub ich auch echt langweilen, wenn sich alles in meinem Leben nur um mich selber drehen würde. Das wird ja Schauspieler nachgesagt, dass die so egozentriert sind. Mir beantwortet das ein bisschen die Sinnfrage, wenn ich mich für etwas engagiere. Insofern empfehle ich das jedem. Es ist, glaube ich, immer schöner in wir und uns und kollektiv zu denken als nur an sich selber, das glaube ich macht einfach zufriedener.

Claudia Röttger - Also ist dieser Sinn, das ist das, was glücklich macht, weil du eine sinnvolle Tätigkeit hast?

Hannes Jaenicke - Ich glaube, jeder Mensch der sich engagiert... Ich glaube, es gibt auch Berufe, die per se schon die Sinnfrage beantworten. Meine Schwester ist Krankenschwester, die weiß abends sehr genau, was sie getan hat. Ich glaube, alle Leute die gerade der Pflege tätig sind im medizinischen Bereich, wissen unfassbar genau, was sie gerade leisten, gerade während der Pandemie. Wenn man jetzt doch eher selbstverliebten Beruf hat wie ich, dann muss man sich die Sinnfrage als anderweitig beantworten. Weil so viele Filme drehen wir in Deutschland nicht, wo man sagen kann, die müssen gemacht werden. Wir drehen sehr viel Krimis, sehr viel Schmonzetten, sehr viel Comedy, sehr viel Unterhaltung. Das muss auch sein. Ich bin großer Fan von guter Unterhaltung. Aber das beantwortet eben die Sinnfrage nur sehr bedingt. Also wäre ich jetzt Al Pacino und hätte ich all die Filme gedreht, die Robert De Niro, Al Pacino, Sean Penn, Brad Pitt machen, könnte ich vielleicht die Sinnfrage tatsächlich durch die Schauspielerei beantworten, aber diese Filme drehen wir in Deutschland nun mal nicht. Darum hab ich mich einfach anderweitig jetzt mal so engagiert, die letzten 30, 35 Jahre.

Claudia Röttger - Aber da spricht schon noch ein Schauspieler Herz aus dir. Das hab ich jetzt ein bisschen gehört. Das sind vielleicht nicht die Filme immer, die du gerne machen wolltest, aber diese Schauspielerei, die schlägt in dir schon noch. Du bist nicht nur der Umweltaktivist?

Hannes Jaenicke - Schauspieler ist der spannendste Beruf der Welt. Wenn man gute Drehbücher, gute Regisseure hat. Also ich liebe diesen Beruf, weil ich mit jedem Film faktisch ein neues Leben ausprobieren kann. Völlig egal, ob ich jetzt ein psychopathischen Bösewicht spiele, den netten Jungen von nebenan, einen Bullen wie im Amsterdam Krimi, einen überforderten Vater wie in ‚Allein unter Töchtern‘. Das ist der schönste Beruf der Welt. Das Problem ist, dass es halt echt schwer ist, gute Geschichten zu finden.

Claudia Röttger - Du liest also deine Drehbücher ganz genau. Aber du hast mal gesagt, dass du früher da durchaus mehr Kompromisse gemacht hast.

Hannes Jaenicke - Ja, also erstens ist man tatsächlich wenn man jung ist, braucht man ja tatsächlich Geld. Das war bei mir auch so. Ich kam ja vom Theater mit 2000 D-Mark brutto Gage an Schauspiel Bonn zum Beispiel. Dann ist es natürlich verführerisch wenn man Film-Gagen vor die Nase gewedelt bekommt. Und es ist noch verführerischer, wenn es heißt, wir drehen in Namibia, wir drehen in Kanada, wir drehen in Australien. Ich habe mich bei also, wenn es um große exotische Reisen ging und hohe Gagen, hab ich schon bei der Qualität der Drehbücher gelegentlich alle Augen zugedrückt und gesagt - Die Reise nehme ich mit. Mache jetzt nicht mehr, habe dadurch aber die ganze Welt gesehen. Schäme mich da auch nicht dafür. Ich glaube ich bin nicht der einzige Schauspieler, der gelegentlich auch mal einen schlechten Film gedreht hat. Aber ich habe zumindest die Welt gesehen und unfassbar viel Spaß gehabt.

Claudia Röttger - Aber du hast die Augen beim Drehbuch zu zugemacht, dabei die Augen ganz ganz groß auf als du dann in der - was hast du gerade gesagt Namibia? Sahara? Die ganze Welt. Da hast du dich in die Umwelt verliebt in diese Schönheiten der Erde?

Hannes Jaenicke - Einerseits die Schönheiten und andererseits natürlich in das, was der Mensch mit dieser Schönheit veranstaltet. Gerade Afrika ist ein unfassbar gutes Beispiel dafür, was Plastikmüll für Konsequenzen hat. Wir produzieren ja in der industrialisierten Welt unfassbare Mengen an Verpackungsmüll, die wir zum Teil hier recyceln, auch recyceln können, exportieren aber diese Produkte hauptsächlich in Länder, die nicht recyceln können. Wir verkaufen ja den ganzen Plastikmüll von Konsumgüter-Konzernen, Getränke-Konzernen nach Afrika, ohne dass die irgendeine Infrastruktur haben zu recyceln. Das heißt, wenn man die afrikanische Atlantikküste runterfährt, fährt man tagelang an einem etwa ein Meter hohen Plastiktwall vorbei. Weil jeder Sturm im Atlantik spült das Plastik ans Ufer und es bleibt da liegen. Wenn man durch die Wüste fährt, hängt an jedem Gestrüpp eine Plastiktüte, diese krusch-billigen Billigüten. Also ich habe halt sehr schnell gesehen, sobald man Europa verlässt, dass wir die unberührte Natur der Welt jetzt mal Beispiel Afrika, die haben ja wirklich Platz - versauen mit unseren Umweltverbrechen. Und das ist einer der Gründe warum ich tue was ich tue und warum ich jetzt hier sitze und z.B. religiös predige gegen Plastik und für eine Steuer auf Einwegplastik und auf Mehrweg-Systeme. Deutschland verballert immer noch pro Jahr 17 Milliarden PET-Flaschen. Ich frage mich warum. Es ist alles in Plastik eingepackt, was kein Mensch braucht. Warum? Wo bleibt da die Politik? Wo bleibt der Gesetzgeber? Warum räumt die Industrie nicht endlich mal auf. Und da ist natürlich der Endverbraucher gefragt. Das bist du und das bin ich. Und man kann ja sehr viel tun, wie wir wissen. Einer der Gründe, warum wir gerade miteinander reden. Weil es macht ja auch glücklic, was für die Umwelt zu tun. Und es ist jeder, der spazieren geht im Wald, freut sich wenn da kein Plastikmüll herumliegt, der durch eine Straße läuft, freut sich, wenn er keine Zigarettenkippen auf dem Boden liegen. Es ist einfach schöner, in einer sauberen Umwelt zu leben.

Claudia Röttger - Du hast gerade ganz viele Missstände angesprochen. Wie gehst du damit um? Wie schaffst du es da nicht zu verzweifeln und dann quasi immer wieder morgens aufzustehen und zu sagen - Ja, ich packs an? Ja, ich tue was und dann ist es geht sie mir und auch der Erde besser?

Hannes Jaenicke - Es ist relativ einfach. Man kann und muss erst einmal vor der eigenen Haustür kehren. Das heißt, ich muss jetzt mal mein eigenes Verhalten, wie viel heize ich, lüfte ich, während ich heize. Wie lange läuft das Wasser bei mir, wieviel Lampen brennen, die nicht brennen müssen, brauche ich tatsächlich Aircondition. Wie oft brauche ich neue Klamotten? Schleppe ich mein Trinkwasser in PET-Flaschen nach Hause oder eben nicht. Oder hole ich mein Soda Stream? Mach das schön zu Hause. Ich mache das schon aus Faulheit, ganz nebenbei, weil ich keinen Bock habe auf die Schlepperei. Also die Entscheidungen, die wir täglich treffen für den Umweltschutz sind ja unzählig. Also es gibt eine Studie von Boston Consulting, amerikanische Unternehmensberatung. Die haben irgendwann mal ausgerechnet dass der Bürger eines westlichen Industrielandes täglich 120 umweltrelevante Entscheidungen trifft. Das heißt da können, da ist unfassbar viel Luft was jeder von uns tun kann. Und ich tu, ich lebe so sauber ich kann.

Claudia Röttger - Ich kann das schon ein bisschen nachvollziehen, weil du ja gesagt hast - Es macht glücklich wenn man sich engagiert. Ich trenne den Müll und ich gebe zu - Ja ich mag das auch gerne, weil ich irgendwie das Gefühl habe, ich tu dann was und ich fühle mich dann irgendwie ein bisschen besser, obwohl es natürlich nur ein ganz kleiner, ganz, ganz kleiner Tropfen auf den heißen Stein ist oder?

Hannes Jaenicke - Ja der multipliziert sich ja wahnsinnig schnell. Es gibt so lustige Berechnungen, wenn wir alle unsere Standby-Geräte nur in Deutschland, von Standby auf aus schalten, geht ein komplettes AKW vom Netz. Das heißt wenn man das Gefühl hat, ich bin ja eigentlich ohnmächtig, es macht doch keinen Unterschied, wenn ich nur und so. Das stimmt eben nicht. Es multipliziert sich in einem unfassbaren Tempo. Insofern soll man nie denken ich bin zu klein als Kleiner. Also es gibt einen wunderbaren Satz vom Dalai Lama, der immer gesagt hat - Wenn du dich zu klein für etwas fühlst, versuche mal mit einer Mücke in einem Zimmer zu schlafen.

Claudia Röttger - Hannes, du hast den Dalai Lama glaub ich sogar persönlich kennengelernt?

Hannes Jaenicke - Ich habe ihn mehrfach interviewt. Ich hab für einen Spenden Marathon zwei Dokus gemacht über tibetische Flüchtlinge, die illegal aus dem besetzten Tibet in China übers Himalaya fliehen. Die wenigen, die das überleben, landen in Dharamsala, Nordindien. Dort lebt und residiert der Dalai Lama. Und der Dalai Lama ist ein gut gelaunter, pazifistischer, nie aufgebender Kämpfer für die Autonomie von Tibet und Minderheiten in China und das finde ich das bewundernswerte. Und im Rahmen dieser Dokus dürfte ich ihn mehrfach treffen und interviewen. Und das gehört zu den größten Geschenken meiner filmischen Laufbahn. Muss ich einfach mal so sagen.

Claudia Röttger - Das kann ich gut verstehen. Es hört sich super spannend an. Und da wäre ich glaub ich wirklich gerne dabei gewesen. Nochmal mal zurück zu dem Thema Heizen Hannes, wenn du erlaubst, weil mir fällt da ein, wenn ich dich besuchen würde zu zuhause, müsste ich mir eine Strickjacke mitnehmen, weil's es vielleicht ziemlich kalt ist bei dir?

Hannes Jaenicke - Ja, das sage ich immer, wenn Damenbesuch kommt, drehe ich sie hoch - ich bin mit einer Mutter groß geworden, die selbst bei 28 Grad im Hochsommer noch ein Wolljäckchen getragen hat. Meine Mutter hat immer gefroren. Und wenn die zu Besuch kam, hab ich immer geheizt. Wenn ich selber zu Hause bin trage ich einen Wollpulli, wie jetzt z.B. und heize eigentlich nie mehr als 17 Grad, brauche ich nicht. Aber da sind Menschen auch verschieden und ich weiß, dass es Menschen gibt die frieren eher. Also das hängt immer von der Besuchsfrequenz ab.

Claudia Röttger - Also du stellst dich auf dein Gegenüber ein. Das finde ich wirklich großartig. Aber jetzt mal ehrlich, nach wieviel Minuten, wenn du beim Smalltalk auf einer Party bist und mit jemandem redest, den du vorher noch nie getroffen hast. Wie schnell bist du dann beim Thema Umweltschutz? 2 Minuten? 5 Minuten? Oder kannst auch mal ein ganzen Abend nicht darüber reden?

Hannes Jaenicke - Also ich bin jetzt kein großer Partygänger, wie man sich denken kann. Ich lebe auf einem kleinen 2000-Seelendorf und bin jetzt nicht so, also mich betrifft die Schließung von Bars und Clubs nicht so sehr. Das hängt vom Gegenüber ab oder von der von der Runde. Ich rede auch total gerne über Musik, über Kunst, über Bücher, über Filme. Wenn das Gegenüber interessiert ist oder ich sage mal mit einem schweren fetten SUV vorfährt, dann wird irgendwann eine leise Bemerkung fallen. Aber ansonsten ich bin ja kein Missionar. Ich rede über das, was gerade besprochen wird. Also ich bin jetzt nicht unterwegs, um jeden mit dem erhobenen Zeigefinger zu bekehren.

Claudia Röttger - Keine Predigten auf Partys. Aber gibt es dir auch ein gutes Gefühl, wenn du siehst, z.B. dass deine Nachbarn am Ammersee tatsächlich auch Müll trennen? Oder dass viele junge Menschen, die du ja auch kennst bei Fridays for Future auf die Straße gehen und dieses Thema erkannt haben und die Wichtigkeit und die Dringlichkeit des ganzen. Hilft dir das, macht dich das froh, dass da Mitstreiter sind?

Hannes Jaenicke - Also die Fridays for Future Bewegung, die macht mich richtig gut gelaunt, weil es hat ja wirklich jahrzehntelang lang keinen Menschen interessiert, der Umweltschutz. Alle wissen seit dem Club of Rome Report, wurde damals schon laut propagiert. Wir müssen aus fossilen Energieträgern raus. Was ist passiert? Genau das Gegenteil. Die Autos werden immer größer, es wird immer mehr geflogen, immer billiger geflogen. Man muss ja für neun Euro nach Malle fliegen, sich da weg ballern und dann zurückfliegen. Fridays for Future ist glaube ich, die erste Bewegung, die mir wirklich wieder Hoffnung macht, weil das sind die, die es ausbaden müssen. Meine Generation ist ja genau die, die die es eigentlich komplett versaut hat. Wir sind geflogen, was das Zeug gehalten hat. Wir sind Auto gefahren, was das Zeug gehalten hat. Wir haben konsumiert, was der Geldbeutel hergegeben hat. Und jetzt wächst eine Generation nach, die merkt, dass es so nicht weitergehen kann. Insofern macht mich diese Bewegung ausgesprochen gut gelaunt. Und jedes Mal, wenn Luisa Neubauer auf einer Talkshow Herrn Merz zusammenstaucht oder Herrn Braun oder irgendjemand, bin ich völlig begeistert, weil die ist so eloquent. Da müssen all diese Politiker dann doch ziemlich schnell einpacken. Also diese ganze Generation, ob Carla Reemtsma, Jakob Blasel, Luisa Neubauer, die machen mich richtig gut gelaunt.

Claudia Röttger - Du hast manchmal aber auch Kritik einstecken müssen. Du hast es gerade gesag, unsere Generation ist so viel geflogen und so weiter. Bei dir heißt es manchmal Vielflieger für den Klimaschutz oder sowas wie Indiana Jones der Mülltrennung. Trifft dich das, ärgert dich das?

Hannes Jaenicke - Das ist halt sehr deutsch. Keiner würde das DiCaprio um die Ohren hauen oder George Clooney. Ich bin ja in bester Gesellschaft. Robert Redford ist einer der ältesten und aktivsten Umweltschützer, die ich je gesehen habe. Das ist ein deutsches Phänomen. Wenn ich für diese Dokus nach Borneo fliege, um die Regenwaldvernichtung zu dokumentieren, dann erwarten ja gewisse Medienvertreter in Deutschland, dass ich mit dem Fahrrad dahin fahre mit meiner Crew und 300 Kilo Kamera-Gepäck. Das ist so dämlich, das geht mir ehrlich so am Gesäß vorbei. Ich fliege privat so gut wie nie, sondern ich fliege beruflich. Ich müsste meinen Beruf sofort an den Nagel hängen, wenn ich nicht mehr fliegen würde Das gilt für jeden Dokumentarfilmer oder Filmschaffenden. Insofern, das ignoriere ich. Und wenn die Leute mich als Indiana Jones der Mülltrennung bezeichnen. Das nehme ich mit Humor. Das ist ja ein ganz lustiger Titel. Wenn ich ehrlich bin.

Claudia Röttger - Nach deiner Doku über das Aussterben der Haie haben z.B. Rewe und das KaDeWe in Berlin alle Hai-Produkte wie Schillerlocken aus dem Programm genommen. Da ist man schon stolz und froh?

Hannes Jaenicke - Das hätten wir nie gedacht. Aber diese kleinen… Ich meine wir drehen in einem relativ kleinen Land, nämlich der Bundesrepublik mit, ich weiß nicht 82 Millionen Einwohnern. Wenn ein Film hier, egal ob sie es damals um Haie ging oder jetzt für die Lachse, wenn die dazu führen, dass der Aktienkurs von norwegischen Lachs-Anbietern abstürzt, dann habe ich das Gefühl, wir machen was richtig.

Claudia Röttger - Hannes, ich muss dir jetzt etwas gestehen. Ich wusste, bevor ich diese Recherche gemacht habe für das Interview noch nicht einmal was Schillerlocken sind.

Hannes Jaenicke - Eine deutsche Delikatesse, das ist der geräucherte Bauchlappen des Dornhai. Haie sind der wichtigste Baustein der Marine-Nahrungskette, weil es der größte Räuber ist. Haie sind ausgesprochen faul. Essen am liebsten kranke, schwache oder tote Tiere. Das heißt ohne Haie gibt's keinen gesunden Fischbestand. Und das sollten Leute wissen.

Claudia Röttger - Mach dich das denn auch wütend vielmehr, dass du sagt, so viel Unwissen ist da in der Welt. Und keiner weiß Bescheid.

Hannes Jaenicke - Das macht mich nicht wütend, es treibt mich dazu an, eben Filme zu drehen oder Bücher zu schreiben. Ich meine ich weiß über diese Themen selber ja auch nichts, bevor ich anfange zu recherchieren. Und das sind ja Dinge, ich habe selber eine extrem steile Lernkurve. Die Leute wissen nicht was es heißt, wenn sie Teak-Möbel kaufen. Es liegt an jedem Baumarkt rum in jedem Gartenmöbel-Center. Keiner weiß, dass das zu 80 Prozent illegal geschlagenes Holz ist. Das gilt für unzählige Produkte. Die Leute wissen auch nicht, was es heißt ein 3, 4 Euro T-Shirt bei Primark, H&M, C&A und ich weiß nicht wo zu kaufen. Die wissen das erst, wenn man ihnen zeigt, wie sie produziert werden. Und das ist finde ich auch die Aufgabe von uns Medienmachern, das tatsächlich zu dokumentieren.

Claudia Röttger - Trotzdem glaube ich, dass viele die dann sagen, das klingt aber alles, ich muss immer verzichten, ich darf nicht mehr genießen, ich darf nicht, ich darf keinen Fisch essen, darf mich nicht auf diesen Stuhl setzen… Bleibt der Genuss auf der Strecke? Was antwortest du da?

Hannes Jaenicke - Wo raus besteht der Genuss, wenn ich weiß ich sitze auf einem illegal geschlagenen Tropenbaum? Wo besteht der Genuss, wenn ich sage, Lachs ist so lecker und gleichzeitig vergifte ich mich mit diesen Produkten. Gleichzeitig vernichte ich die Umwelt um die Lachse. Wo ist da bitte der Genuss? Wo ist da der Verzicht? Und warum ist Verzicht plötzlich ein Schimpfwort. Es gab früher den großartigen Satz, hat meine Großmutter immer gesagt - billig kann ich mir nicht leisten. Leider hatten wir in Deutschland mal eine Kampagne, die hieß Geiz ist geil, ist der schlimmste und dümmste Werbespruch aller Zeiten. Wenn man sich einmal ein T-Shirt kauft für 40 Euro was wirklich sauber gearbeitet ist, das hält ja jahrelang. Das kann ich 100 mal waschen. Wasch mal so ein billig T-Shirt zehnmal, kannst du wegschmeißen. Das ist ja ganz dumm und kurzsichtig, zu sagen, das ist alles so teuer. Es ist viel klüger teuer und hochwertig zu kaufen und nachhaltig zu kaufen. Und der Genuss steigert sich dementsprechend. Als diesen billig Schrott zu kaufen. Warum gibt's es Koteletts und Lachs für Pfennig und Cent Beträge? Das kann ja wohl nicht sein. Das ist ja weder gesund, noch ist es ein Genuss.

Claudia Röttger - Also du genießt anders. Du bestehst darauf, dass du auf jeden Fall auch ein Genussmensch bist?

Hannes Jaenicke - Total. Ich bin absolut bin absoluter Genussmensch. Ich habe hier genug italienische Vorfahren, die wussten was gutes Essen und vor allem guter Wein ist. Und das habe ich Gott sei Dank geerbt.

Claudia Röttger - Du hast italienische Vorfahren, wirklich?

Hannes Jaenicke - Ich bin 25%, also meine Vorfahren mütterlicherseits kamen aus Korsika, waren aber eigentlich italienisch stämmig aus Genua. Insofern, und meine Großmutter, die war eine Schlüsselfigur in meinem Leben. Bei 1,53 Körpergröße hatte sie weit über 100 Kilo Lebendgewicht. Man kann sich vorstellen, dass sie sehr gerne gegessen hat und sehr gut gekocht hat auch für ihre Enkel.

Claudia Röttger - Warum war diese Großmutter eine Schlüsselfigur?

Hannes Jaenicke - Ich habe sehr viel Zeit mit ihr verbracht und sie war eine unglaublich unkonventionelle, selbstständige, sehr früh, sehr emanzipierte starke Frau und sehr lustig und sehr lebhaft.

Claudia Röttger - Du bist bei ihr großgeworden?

Hannes Jaenicke - Teils, zeitweise ja. Meine Mutter hat, wie man weiß, als Musikerin hat viel unterrichtet. Ich habe einen großen Teil meiner Schulzeit bei meiner Großmutter verbracht.

Claudia Röttger - Hat die dir auch ein bisschen was beigebracht in Richtung Wertschätzen von Essen, Wertschätzen von der Umgebung, diese Dinge… ist es auch auf deine Großmutter zurückzuführen?

Hannes Jaenicke - Die hat lieber nicht gekauft, als billig gekauft. Also wenn sie sich einen Wein gekauft hat, hat sie einen guten Wein gekauft. Und es gab ja den Sonntagsbraten. Ich komme nicht aus einer reichen Familie, da wurde gewirtschaftet und Braten gab's es einmal die Woche am Sonntag. Und das ist genau das Konzept was wir jetzt wieder brauchen. Warum muss man dreimal am Tag Fleisch essen?

Claudia Röttger - Du isst ja eh keins mehr.

Hannes Jaenicke - Nein schon seit 40 Jahren nicht mehr.

Claudia Röttger - Wow.

Hannes Jaenicke - Ich bin noch nicht von den Knochen gefallen.

Claudia Röttger - Nein, das sehe ich. Hannes, das hast du uns ja schon beigebracht, dass nicht Fleisch essen ein kleiner, aber wichtiger Schritt ist, unseren Planeten zu retten. Wie groß ist denn deine Hoffnung? Ist es für dich jetzt kurz vor 12 zwölf oder schon kurz nach 12 zwölf für unseren kranken Planeten?

Hannes Jaenicke - Also die Hoffnung stirbt zuletzt. Alle Zahlen sprechen gegen jegliche Form von Optimismus. Der CO2-Ausstoß steigt rasant weiter, die Permafrostböden tauen auf. Die Gletscher verschwinden schneller als berechnet, die Polkappen schmelzen schneller als berechnet. Trotzdem, aufgeben gilt nicht. Was heißt das denn, Waffen strecken und sagen - Okay, dann geht die Welt unter? Nein kämpfen! Macht ja auch Spaß. Wie gesagt, denn es ist so einfach. Es ist ja wirklich so unfassbar einfach. Wie oft fahr ich Fahrrad, benutze ich die Öffis oder fahr ich Auto, kaufe ich was mit unnötiger Verpackung? Bringe ich meinen eigenen Stoffbeutel mit, hab ich meine eigene Trinktasse dabei, habe ich meine Trinkflasche. Es ist ja so unfassbar einfach, also die Weltrettung. Das ist ja nicht so, dass das eine unlösbare Aufgabe wäre.

Claudia Röttger - Ist da noch Platz für privates Glück? Hannes, ich habe gelesen, dass deine Eltern 60 Jahre verheiratet waren. Wie ist es bei dir, tritt es dann in den Hintergrund, es ist es gar nicht so wichtig?

Hannes Jaenicke - Also ich war genau zwei Jahre verheiratet. Also meine Eltern habe ich nicht, konnte ich nicht einholen, aber ich hab ein sehr schönes Privatleben, über das ich, wie man weiß, öffentlich nicht gerne rede.

Claudia Röttger - Musst du auch nicht, alles gut. Jetzt habe ich trotzdem noch eine Frage Hannes, an dein jüngeres Ich. Wenn du dem einen Tipp geben solltest, wie das geht mit dem Glück. Was würdest du deinem jungen Hannes-Ich sagen?

Hannes Jaenicke - Denk nicht nur an dich sondern guck ein bisschen, wissen was um dich herum los ist und du kriegst alles zurück, wenn du mit einem Lächeln durchs Leben gehst, wenn du mit einem Lächeln in den Supermarkt gehst, was auch immer, das kriegst du alles zurück.

Claudia Röttger - Es war ein wunderbares Gespräch, lieber Hannes Jaenicke, ich trenne jetzt noch lieber Müll und passe auf beim Fleisch essen, das es nur einmal die Woche passiert. Vielen vielen Dank!

Hannes Jaenicke - Ich habe zu danken! Waren schöne Fragen, es ist leicht auf schöne Fragen zu antworten.

Claudia Röttger - Und wenn Sie auch jemanden kennen, der eine spannende Glücks-Geschichte zu erzählen hat oder nach einem besonderen Glücks-Rezept lebt, dann schreiben Sie uns bitte an redaktion@gesundheit-hören.de

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheithören.de und der Apotheken Umschau

Redaktion: Claudia Röttger, Kari Kungel
Schnitt und Post-Produktion: Kari Kungel, Yves Seissler

Darum geht es in „Einmal täglich Glück“

Wie schaffen wir es glücklich zu sein – mit uns, mit dem Leben, im Umgang mit anderen Menschen, mit dem, was wir tun? Claudia Röttger, Journalistin und Apothekerin, macht sich auf die Suche nach Menschen, die darauf ganz persönliche, ungewöhnliche, berührende oder erstaunliche Antworten haben.

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Einmal täglich Glück | Der Glück-Podcast

Was ist das eigentlich: Glück? Moderatorin Claudia Röttger macht sich auf die Suche nach den kleinen und großen Glücksmomenten