Sie hat bei „Wer wird Millionär“ einen Rekord aufgestellt: Mit 83 Jahren ist Renate Muddemann die älteste Teilnehmerin und verließ die Sendung mit 32.000 Euro in der Tasche. Das ist aber nicht das einzige TV-Format, an dem die ehemalige Unternehmerin teilgenommen hat. Unter anderem ist sie bei „Shopping Queen“ zur ältesten Gewinnerin jemals gekürt worden. Renate Muddemann, die in der Nähe von Münster lebt, probiert einfach gerne neue Dinge aus und steckt mit ihrer Begeisterung andere an. Im Gespräch mit Claudia Röttger erzählt sie, woher sie ihre Energie nimmt.

In dem Gespräch geht es um folgende Themen:

  • Woher nehmen Sie Ihre Energie?
  • Wie sind Sie dazu gekommen, sich bei „Shopping Queen“ zu bewerben?
  • Woher kommt Ihr Selbstbewusstsein?
  • Hilft das Schreiben gegen Kummer?

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Renate Muddemann - Man kriegt doch keine Garantie für ewige Gesundheit. Ich kann doch morgen einen Autounfall haben. Und was soll, wenn man wenn man das nicht genießt, was soll das dann? Dann hat man das Leben nicht gelebt. Ist meine Meinung.

Claudia Röttger - Renate Mustermann. Sie war das eben. Sie ist mit 83 Jahren die älteste „Wer wird Millionär“-Gewinnerin aller Zeiten. Und sie hat dort ordentlich Eindruck hinterlassen. Sie ist einfach anders als die meisten über 80-Jährigen.

Claudia Röttger - Was meinen Sie? Ich finde, das Glück ist manchmal wie ein kleiner bunter Schmetterling, der sich kurz auf die Hand setzt, aber dann gleich wieder entwischt. Herzlich willkommen beim Glückspodcast. Ich bin Claudia Röttger und mich interessiert es, wie man diesen kleinen Schmetterling vielleicht ein bisschen länger bei sich auf der Hand halten kann. Deshalb spreche ich in meinem Podcast mit ganz unterschiedlichen Menschen, die mir ihre jeweilige Glücks-Geschichte erzählen. Und da gibt's immer wieder spannende Anregungen, die ich auch gerne mal in meinem Leben versuche zu integrieren. Vielleicht ist auch was für sie dabei.

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheithören.de und der Apotheken Umschau

Claudia Röttger - Ich habe gleich Frau Muddemann am Telefon. Vielleicht haben Sie ja die 83-Jährige schon mal im Fernsehen gesehen. Sie ist nämlich die älteste „Wer wird Millionär“-Gewinnerin aller Zeiten Älteste. Sie ist die älteste „Shopping Queen“, die je gewonnen hat. Und sie hat bei „Alt und Abgefahren“ mitgemacht, einem Fernsehformat, wo getestet wird, wie gut Rentnerinnen und Rentner noch Auto fahren. Und eines kann ich Ihnen sagen - Renate Muddemann fährt ziemlich rasant. Ähnlich wie ihre Fahrweise kann man sie vielleicht auch als Person beschreiben, nämlich selbstbewusst und ziemlich unerschrocken.

Claudia Röttger - Hallo Frau Muddemann!

Renate Muddemann - Hallo Frau Röttger, ich freue mich mit Ihnen ein Gespräch führen zu können.

Claudia Röttger - Frau Muddemann, Sie sind ja wirklich eine Koryphäe. Also ich muss sagen, Ihr lässiger Auftritt bei „Wer wird Millionär“, das fand ich wirklich beeindruckend. Aber bevor wir gleich in Ruhe sprechen, würde ich zum Kennenlernen ein kleines Spiel mit Ihnen spielen. Sind Sie dabei?

Renate Muddemann - Wenn ich es lösen kann? Kein Problem.

Claudia Röttger - Es ist ganz einfach. Ich stelle Ihnen einfach ganz kleine kurze Entweder-oder-Fragen. Und Sie müssten sich entscheiden. Also z.b. Tee oder Kaffee. Und dann geht's schon los. Dann fangen wir gleich mal an, Tee oder Kaffee?

Renate Muddemann - Tee.

Claudia Röttger - Tee.

Renate Muddemann - Aber nur morgens.

Claudia Röttger - Und dann noch Kaffee dazu?

Renate Muddemann - Nur nachmittags Kaffee.

Claudia Röttger - Essen gehen mit Freundinnen oder ein ruhiger Abend auf der Couch?

Renate Muddemann - Ein ruhiger Abend auf der Couch.

Claudia Röttger - Kurze Frage – Warum?

Renate Muddemann - Ja, dann sitze ich in meinem Schmuse-Sessel. Hab mir vorher meinen Essens-Tablett fertig gemacht. Ein Gläschen Rotwein eingeschüttet. Dann kann ich die Beine hochfahren. Dann sitze ich bequem und dann genieße ich das in vollen Zügen. Das soll aber nicht heißen, dass ich auch gelegentlich mit Freunden schick essen gehe. Nur jetzt mit der Einschränkung Corona, es ist ein bisschen schwierig.

Claudia Röttger - Viel Geld oder viel Freizeit?

Renate Muddemann - Viel, viel Freizeit.

Claudia Röttger - Handtasche oder Rucksack?

Renate Muddemann - Handtasche.

Claudia Röttger - Fahrerin, im Auto - Fahrerin oder lieber Beifahrerin?

Renate Muddemann - Nur Fahrerin.

Claudia Röttger - Das sehr eindeutig. Warum?

Renate Muddemann - Ja, ich fahre leidenschaftlich gern. Ich fahre auch noch flott, muss ich sagen. Und ich wohne ländlich und ich bin auf mein Auto angewiesen. Und das funktioniert sehr, sehr gut.

Claudia Röttger - Toll Frau Muddemann. Sie haben ja als älteste Kandidatin 32 000 Euro bei „Wer wird Millionär“ abgeräumt, als „Shopping Queen“ in Münster gedreht wurde - Sie wohnen ja dort in der Nähe - haben Sie gewonnen. Bei „Alt und Abgefahren“ standen Sie wieder vor der Kamera. Also meinem Gefühl nach geben Sie gerade richtig Gas mit Fernsehauftritten!

Renate Muddemann - Ja, also es ist ja komisch. Früher, als man jung war, da wäre man gerne mal bei Günther Jauch gewesen. In jungen Jahren konnte man das Geld auch gut gebrauchen. Da ist man nie dran gekommen. Oder andere Dinge, wo man sich mal so beworben hat oder sonst was. Und jetzt mit über 80 läuft mir das nach wie verrückt, muss das sein.

Claudia Röttger - Das ist wirklich verrückt. Aber das heißt, dass Sie sich als junge Frau schon mal bei einer Fernsehsendung beworben haben?

Renate Muddemann - Ich wollte als die Sendung hochkam, mit Günther Jauch, da wollte ich immer mal zu Günther Jauch. Und dann hab ich auch abends, wenn die Sendung kam – das hat er ja dann mehrmals die Woche gebracht – hab ich immer mitgeraten. Ich bin nie berücksichtigt worden! Da war ich sauer. Dann hab ich schon mal wochenlang Günther Jauch nicht geguckt. Dann wieder mal versucht, mich zu bewerben. Bin ja nie dran gekommen. Das ist ja, das ist ja der Schietkram gewesen. Aber deswegen hat es mich so riesig gefreut, dass ich das jetzt im Alter geschafft hatte.

Claudia Röttger - Das haben Sie wirklich. Und mit was für einem bleibenden Eindruck. Es haben ja auch einige Zeitungen über Sie als älteste Kandidatin berichtet und über ihre selbstbewusste Art und natürlich auch darüber, dass Sie in der Sendung den Stinkefinger gezeigt haben und zwar Ihren Ex-Mann. Bevor wir aber noch mehr darüber reden, würde mich jetzt zunächst mal interessieren - Woher nehmen Sie Ihre ganze Energie?

Renate Muddemann - Ich weiß nicht. Ich war als kleines Kind, war ich schon immer hyperaktiv und meine Mutter hat mich schon sehr früh in den Turnverein gesteckt, weil sie sagte - Sonst werde ich mit dir vorrückt. Und ich war von klein an so, ich war immer in Bewegung, immer in Aktion. Also ich habe nichts ausgelassen, bin auf jeden Baum, der konnte noch so hoch sein und und und.

Claudia Röttger - Und diese Energie ist ihnen nie abhanden gekommen über die Jahre bis zu ihrem 83. Lebensjahr. Da muss ich ja schon sagen, andere sitzen in diesem Alter vor dem Fernseher. Sie sind im Fernsehen zu sehen. Das ist doch auch mal anstrengend, oder?

Renate Muddemann - Also ich hab das nicht… Ich hab das als angenehm und als Unterhaltung empfunden. Und ich habe das richtig genossen. Ich versteh auch gar nicht, Ältere die z.b. auch noch 10, 12 oder 15 Jahre jünger sind als ich, wenn man die mal trifft, nach 5 Minuten - Die jammern nur, die die meckern nur, wie schlecht es denen geht, wie schlecht die Welt ist… Wissen Sie, jeder Mensch hat Probleme. Ich habe auch körperliche Einschränkungen. Ich habe mir vor zig Jahren mal beim Reiten dreimal das linke Bein gebrochen. Habe natürlich ein krankes Knie das hätte schon vor 2 Jahren operiert werden sollen. Aber wenn ich dann zum Fitness gehe, meine Knie-Bandage drum, geht alles. Man muss es einfach nur wollen. Und das Leben ist einfach zu kurz um nur zu jammern.

Claudia Röttger - Mann, das war ja schon fast ein Schlusswort. Aber Frau Muddemann, nochmal zurück zu den Dreharbeiten. Denn das hat ja auch nicht jeder so erlebt. Das ist ja was ganz Besonderes. Waren Sie da nie aufgeregt oder mal gestresst davor?

Renate Muddemann - Nee, also nicht. Liegt vielleicht auch an meinem Alter. Also ich kann das ganz cool genießen, muss ich wirklich sagen. Und ich freue mich immer wenn dann welche kommen… Und das Team, auch bei „Alt und Abgefahren“, hier bei mir in der Wohnung, dann Käffchen getrunken können und dann ging es los und war wirklich schön. Wir hatten 5 tolle Tage mit der Crew! Und die waren alle sehr, sehr liebenswert.

Claudia Röttger - Auch wenn Sie keine Dreharbeiten auf dem Plan haben, haben Sie ja eine ganz schön durchgetaktete Woche.

Renate Muddemann - Ja das ist einfach so. Ich lebe alleine. Und bevor mir die Decke auf den Kopf fällt, hab ich meine Woche richtig verplant. Montags gehe ich zum Fitness, dienstags gehe ich zum Golfen. Wenn das Wetter schlecht ist, spiele ich so 60, 70 Bälle auf der Ranch. Komm nach Hause, dann fühle ich mich wohl. Kochen, bisschen relaxe ein bisschen, mach einen Espresso… Mittwochs gehe ich in die Sauna, donnerstags zum Golfen, freitags wieder zum Fitness, samstags meine Wohnung machen, sonntags zum Golfen oder wenn das Wetter gut ist auch sich mal mit Bekannten treffen auf ein Käffchen oder Spaziergang oder sonst was. Also ich habe nie Langeweile, ich habe nie Langeweile.

Claudia Röttger - Wow, da ziehe ich echt meinen Hut. Wenn ich mit über 80 nur die Hälfte Ihrer Energie hätte, da würde ich mich wirklich freuen. Dieser feste Wochenplan schützt der tatsächlich auch vor schlechten Gedanken, vor ein bisschen trüber Stimmung?

Renate Muddemann - Ja also ich bin der Meinung… man denkt ja auch an früher. Man hat ja nicht immer rosige Zeiten gehabt. Und das ist einfach ganz wichtig, sich, ich meine, wenn der Körper fit ist, wenn der Geist rege ist, wenn man den Geist auch ständig noch in Bewegung hält - Ich mache z.b. Kreuzworträtsel schon so lange Jahre jetzt, inzwischen nach Stoppuhr. Und wenn ich dann mal wirklich was nicht weiß, gucke ich im Internet nach. Muss ja auch mal sein. Dann bin ich auch richtig glücklich, dass es dann funktioniert. Und es vertreibt auch irgendwelche dumme Gedanken, die jeder Mensch mal kriegt und so weiter. Und wenn man sagt „Ach das war damals so mies oder so“… Ja, dann nehme ich schon mein Kreuzworträtsel und in der Zwischenzeit löse ich das ein bisschen und dann geht es mir gut. Und wissen Sie, man ist 83, man kriegt doch keine Garantie für ewige Gesundheit. Ich kann doch morgen einen Autounfall haben. Ich kann einen Schlaganfall haben. Und was soll das, wenn man das nicht genießt, was soll das dann? Dann hat man das Leben nicht gelebt. Ist meine Meinung.

Claudia Röttger - Davon werde ich mir eine Scheibe abschneiden. Da kann ich Ihnen hundertprozentig zustimmen. Das ist, glaube ich, eine ganz wichtige Lebensweisheit. Sie haben mir auch gesagt, ich bin einfach so, wie ich bin. Würden Sie sagen, man ist zufriedener, wenn man nicht so sehr darauf achtet, was andere sagen was andere denken? Wenn man einfach das macht, was man möchte?

Renate Muddemann - Ja, also meine feste Überzeugung ist. ich bin wirklich so wie ich bin. Und ich sage das, was ich sagen will. Wissen Sie, ich hab auch viele, viele Fehler und ich kenne meine Fehler sehr gut. Aber ich bemühe mich in jedem Menschen, den ich mal treffe oder neu treffe, mit denen ich ins Gespräch komme, erst einmal das Positive zu sehen. Und wer mich nicht so nimmt, der muss es dann halt sein lassen. Kann ich auch gut mit leben.

Claudia Röttger - Also diese Offenheit gegenüber den anderen, die spiegelt sich wirklich zurück, würden Sie sagen als positives Gefühl, als tolles Feedback. Das kann auch dann etwas sein, was einen tatsächlich glücklich macht?

Renate Muddemann - Ja, das ist einfach so. Und wenn man denkt, ach mit dem oder mit der möchte ich mich doch nicht so gern unterhalten, kommt man ins Gespräch und dann kann das sehr erquickend und frisch sein und so weiter. Ich kann auch gut diskutieren, ich kann aber auch, wenn ich einen Fehler mache, kann ich auch sehr gut einen Fehler eingestehen. Das hab ich aber von klein auf machen müssen. Meine Mutter war sehr sozial eingestellt, sehr großzügig, aber was wir nicht machen durften, wo es dann auch wirklich Klaps gegeben hat, Ohrlaschen - wenn wir gelogen haben. Und so sind wir - auch mit meinen Cousinen, deren Mutter war tot, die sind bei uns erzogen worden - wir sind zu dritt quasi groß geworden und das hat uns alle geprägt.

Claudia Röttger - Und heute polieren sie mal so richtig das Bild vom Alter frisch auf. So alt und würdig im Sessel sitzen, keinen Spaß haben, keine Witze machen, das ist so gar nicht Ihr Ding?

Renate Muddemann - Nein, nein, ich denke, ich bin sehr humorvoll. Manchmal hab ich auch so einen ironischen Humor, was manche nicht verstehen. Aber er ist nie beleidigend, nee.

Claudia Röttger - „Shopping Queen“ war ja das erste Fernsehformat, bei dem sie teilgenommen haben. Ich glaube, dass in 2019. Was mich brennend interessiert, wie sind Sie denn darauf gekommen, sich dort zu bewerben?

Renate Muddemann - Also ich kannte die Sendung gar nicht. Und meine Cousine in Wiesbaden, mit der wir großgeworden sind, die hatte das gesehen, „Shopping Queen“ in Münster. Da sagte sie, „Du willst dich da nicht bewerben? Ich kann mich ja auch bewerben“… und und so weiter. Ich sag „Nee, Shopping Queen hab ich noch nie geguckt“ und so. „Ja, dann mach ich das für dich!“ Und die hat mich angemeldet und nach einer gewissen Zeit haben die angerufen, „Shopping Queen“ „Oh je“, sage ich. „Shopping Queen?“ Und dann viel mir das ein. Ich hab gar nicht mehr daran gedacht. „Ach, Shopping Queen Ja.“ „Sie kennen uns doch.“ Ich sag, „ja sicher!“ Später habe ich erst mal nachgeguckt was Shopping Queen war. Ja, und dann war das Gespräch und die kamen dann auch sofort, nach zehn Tagen zu mir, haben ein kleines Casting gemacht. Ja und dann wurde ich genommen.

Claudia Röttger - Und haben sogar die jüngeren Kandidatinnen alle ausgestochen und sind als Siegerin aus der „Shopping Queen“-Nummer herausgekommen. Jetzt muss ich fragen. Ich meine, bei manchem Talk, das mach ich ja auch und Moderation… Ich bin manchmal richtig aufgeregt und habe tatsächlich kalte Hände und Herzklopfen. Sind Sie gar nie aufgeregt?

Renate Muddemann - Ich hab auch so keine Berührungsängste. Ich hab noch nie Berührungsängste gehabt, auch Mutproben oder so, dann kitzelte das überall. Aber Angst als solches, direkte Angst, kenne ich nicht. Das ist vielleicht ein Vorteil.

Claudia Röttger - Macht es auch glücklich, dieser Nervenkitzel, diese Spannung, etwas ganz neues zu erleben? Renate Muddemann - Das macht natürlich… man ist gespannt, bis in die Zehenspitzen. Aber man sagt hinterher, „Mensch, du bist so alt wie eine Kuh, lernst immer noch dazu“ Und das macht mich dann schon zufrieden und glücklich. Vor allen Dingen, dass man das auch dann gegen 21, 35-Jährige geschafft hat. Dann denkt man, ach ja, Alter steht ja doch nicht immer so im Weg.

Claudia Röttger - Ihre direkte Art, ihr Selbstbewusstsein, das lag Ihnen glaube ich schon sehr als Kind. Also Sie haben 2019 ein Buch geschrieben, das heißt, wen wundert es, „Klein Reni. Mit kessem Mundwerk kommt man weiter“ Darin beschreiben Sie auch Ihre Kindheit während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Und man versteht sehr genau, dass sie immer schon einen sehr starken Willen hatten und nicht auf den Mund gefallen sind. Woher denken Sie, kommt das?

Renate Muddemann - Ich kann das nicht sagen, woher das kommt. Das war von Anfang an so. Ich habe immer, ich bin immer auch zuhause an meine Grenzen gegangen und auch mal über die Grenzen weg. Ja und dann, Mutter passte vieles nicht, und dann wurde ich bestraft, oder wenn wir später mal ausgehen durften, dann, als wir noch etwas kleiner waren, 9 Uhr. Wenn wir dann 10 nach 9 kamen, setzte es eine Ohrlasche. Und dann haben wir immer gesagt, ja, dann können wir auch bis halb zehn bleiben. Die Ohrlasche kriegen und sowieso. So ist das. Ich glaube, so ist das entstanden.

Claudia Röttger - Auch während der Pubertät? Da kann ich mich auch selber erinnern, da gibt's da doch auch schüchterne Phasen. Das war bei Ihnen gar nicht?

Renate Muddemann - Nein, also ich bin ja ich bin ja im Sportverein groß geworden und mit Jungs und Mädchen zusammen. Und was damals ja woanders verpönt war, in der Umkleidekabine, da gab es häufig bei uns, ist ja eine Kleinstadt gewesen, nicht immer Umkleidekabinen für Jungs und Mädchen getrennt. Das war selbstverständlich. Klamotten aus, Klamotten an, auf dem Platz fertig. Also man ist irgendwo, nicht, dass man schamlos war, aber man ist einfach befreiter groß geworden. Und wir werden doch alle nackig geboren. Wir kommen ja nicht mit einem Kleidchen auf die Welt.

Claudia Röttger - Aber ich würde mal vermuten, dass nicht alle ihre Freundinnen so direkt sein konnten und sich so viel getraut haben und so viel Mut hatten wie Sie. Wie war das, waren Sie da wirklich so eine Art Vorreiterin?

Renate Muddemann - Also ja, wenn irgendetwas war „Renate, fang du mal an“ Es war immer so. „Renate, fang du mal an“ „Ja, Renate fängt an“ Na dann, auch gut.

Claudia Röttger - Wie fanden die Männer denn das? Diese Eigenständigkeit kam ja vielleicht auch nicht immer super gut an.

Renate Muddemann - Also viele, viele Männer können mit stärkeren Frauen gar nicht viel anfangen. Das ist einfach so. Und für mich ist wichtig, dass der Gedankenaustausch mit einem Mann auch auf Augenhöhe passiert.

Claudia Röttger - Damit waren Sie Ihrer Zeit sicher ein ganzes Stück voraus vielleicht. Überhaupt Frau Muddemann, Sie haben als Frau ja immer gearbeitet, auch mit Kindern. Und dann haben Sie mit Ihrem zweiten Mann ja fast ein kleines Schuh-Imperium aufgebaut, und zwar mit orthopädischen Schuhen. Und mit denen haben Sie dann Altenheime versorgt.

Renate Muddemann - Ja, ja. Und da waren wir die einzigen, die das hatten. Und deswegen waren wir ja auch von Berlin bis München in allen Heimen sehr beliebt. Und als ich dann vor die Tür gesetzt wurde, wir waren ja mit 35 000 D-Mark angefangen, da war die Firma eine halbe Million wert.

Claudia Röttger - Wie, was meinen Sie mit vor die Tür gesetzt? Wer hat Sie vor die Tür gesetzt?

Renate Muddemann - Mein damaliger Mann, der hat mich aus ausgebootet. Der hatte sich liiert mit unserer Lageristin. Und da war das so gewesen. Ich hab nichts gemerkt. Ich, wenn ich Vertrauen hab, ich hab nichts gemerkt. Und dann, er fuhr morgens, fuhr er mich zum Betrieb, er war ja schon Rentner. Er musste ja nicht mehr arbeiten. Er ging golfen oder dies oder jenes oder das. Und mittags um halb eins holt er mich ab. Dann hab ich noch flott gekocht. Ganz schnelle Gerichte, immer, dann eine halbe Stunde relaxt, wieder mich zum Betrieb gefahren. Und eines Tages, halb eins, er kam nicht. Ich hab angerufen. „Ich komme später“ Abends um 17 Uhr holte er mich von der Arbeit ab - hollywood-reif, das sag ich Ihnen, hollywood-reif - setzt mich vor der Tür ab - wenn man es nicht erlebt hätte, man konnte es nicht glauben. „Ja ich hol mir noch Zigaretten“ Ich „Jo, alles klar, tschüss“ und geh ins Haus. War ja schon Oktober, mach überall Licht an geh durchs Haus. Geh durch die Diele. Geh ins Wohnzimmer. Im ersten Moment denke ich, Mensch haben wir ein großes Wohnzimmer. Und da hab ich erst mal gemerkt, dass viele Sachen schon raus waren! Geh in die Küche und da liegt ein Zettel einfach da auf dem Küchenschrank „Hiermit kündigt dir fristlos das Arbeitsverhältnis und untersage dir die Firma noch zu betreten.“ Das war alles.

Claudia Röttger - Schock.

Renate Muddemann - Ja und dann denke ich, gibt es nur noch Verrückte? Ich geguckt, Keller auch etliche Sachen weg. Ich in mein Auto geschwungen, bin zur Firma gefahren und in der Zeit, wo er mich abgesetzt hatte, bis ich an die Firma ankam, hatte er schon das Schloss ausgewechselt. Ich kam nicht mehr in die Firma rein. Ich konnte nicht an, ich hatte meine ganzen privaten Sachen, meine Bankkarte, mein Sparbuch, alle meine persönlichen Sachen, was ich sonst immer so hatte, hab ich in der Firma gehabt und kam nicht mehr dran.

Claudia Röttger - Das klingt wirklich nach einem Fernsehshow Frau Muddemann. Und die Trennung von Ihrem Mann, dem Sie ja bei „Wer wird Millionär“ tatsächlich den Stinkefinger gezeigt haben, ist ja noch gar nicht so lange her. Ich glaube vielleicht drei Jahre. Wie war das für Sie?

Renate Muddemann - Wir waren ja 34 Jahre zusammen. Man hat ja was geschaffen. Und dann hab ich gedacht und dann kriegste nach 34 Jahren auf einmal den Stuhl vor die Tür gesetzt? Das muss man auch erst mal überwinden. Und dann muss ich wirklich sagen, das hat mir doch eine ganze Zeit zu schaffen gemacht. Und da bin ich in der dunklen Zeit angefangen, hab so in die Vergangenheit geschaut und dann hab ich angefangen… Wie war's in meiner Kindheit? Dann hab ich mich an meinen PC gesetzt, bin mal angefangen zu schreiben. Ja und so ist eigentlich das Buch entstanden. Und ich muss wirklich sagen, als ich das Buch fertig hatte und das Exemplar an den Verlag gegeben hab, da war für mich das wie ein Rucksack abgefallen. Das hat mich richtig befreit und ich habe meinen Lebensmut alles wiedergefunden.

Claudia Röttger - Also ich habe gelernt, das Schreiben irgendwie doch ein Stück aus der Krise hilft. Vielleicht muss man ja auch nicht gleich ein ganzes Buch über seine Kindheitserfahrungen schreiben, sondern es reicht vielleicht auch, wenn man ein paar Tagebucheinträge macht über das, was einer belastet. Man kann sich da offenbar doch ganz gut rausschreiben. Jetzt gehe ich doch nochmal einen Schritt zurück. Sie haben ja wirklich viele glänzende Fernsehauftritte hingelegt. Gab es da, und da haben viele, viele Menschen zugeschaut, auch Männer, nehme ich mal an. Gab es denn da Zuschriften.

Renate Muddemann - Ach ja, waren viele, die auch… ich bin ja auch bei Facebook oder sonst was. Aber ich muss wirklich sagen, wenn dann schon so bewusste Anträge kam. Ich bin ein gebranntes Kind und komischerweise sind die ja alle jünger als ich. Die sind acht bis zwölf Jahre alle jünger. In meinem Alter, wenn man da mal schaut, die wollen alle nur jüngere Frauen. Ja, vielleicht nachher ‘ne jüngere Altenpflegerin!

Claudia Röttger - Ich glaube, die kommen mit ihrer Energie wahrscheinlich nicht mit. Das ist das Thema!

Renate Muddemann - Wahrscheinlich, weiß ich auch nicht, aber ich kann da gut mit leben. Das ist nicht meine Welt.

Claudia Röttger - Also so ein bisschen den Glauben an die Liebe haben sie sich schon noch bewahrt höre ich da raus. Frau Muddemann, wo wollen Sie denn noch teilnehmen? Gibt's auch eine Traumsendung, wo Sie sagen, da möchte ich auf jeden Fall auch noch hin?

Renate Muddemann - Ja also ganz ehrlich ich möchte gerne Komparsin sein bei dem Krimi „Wilsberg“ in Münster. Da würde ich so gerne mal mitmachen. Also das wäre jetzt nach dem was ich erlebt habe noch ein riesiger Wunsch von mir.

Claudia Röttger - Da drücken wir die Daumen, dass es doch irgendwann klappt. Wir dürfen gespannt sein, Frau Muddemann. Jetzt möchte ich Sie noch etwas fragen. Wenn Sie jetzt zurückdenken und Ihr bewegtes Leben, Ihre beiden Ehen, all das, was Sie hinter sich gebracht haben und dann diese unglaubliche Zeit, die Sie natürlich auch noch im hohen Alter und die ganzen Highlights Sie sich da selber beschafft haben. Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Tipp geben sollten, was man tun soll, um glücklich zu sein. Was würden Sie ihm raten?

Renate Muddemann - Ich denke, um zufrieden und glücklich zu sein, aber auch Glück zu finden mit anderen oder mit einem Mann oder mit einer Freundin oder wie auch immer, muss man sich erst mal selber lieben. Man muss sich erst mal selber so annehmen, wie man ist, sich selber mögen. Und wenn man schon selber morgens in den Spiegel guckt „Och nee, da ist eine Falte, da ist dies und das, das ist aber auch nicht so schön.“ Wissen Sie, dann funktioniert das nicht.

Claudia Röttger - Ich glaube, da kann man ganz viel mitnehmen aus diesen Gedanken. Frau Muddemann, vielen Dank! Das ist wirklich, begeisternd, viele Begeisterungsfunken sind übergesprungen und ich kann mir vorstellen, dass gerade viele Frauen davon lernen, da etwas direkter zu sein und gar nicht mehr so darauf zu achten, was andere von einem denken. Und einfach mal versuchen, man selber zu sein. Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Muddemann!

Renate Muddemann - Frau Röttger, ich bedanke mich auch ganz, ganz herzlich. Wünsche Ihnen für die Zukunft alles, alles Gute. Bleiben Sie gesund. Das ist das Wichtigste.

Claudia Röttger - Und wenn Ihnen dieser Podcast gefallen hat, dann freue ich mich sehr, wenn Sie sich auch mal durch die anderen Folgen durchklicken. Beispielsweise hat mir Fernsehmoderatorin Nina Ruge in Folge 11 verraten, warum Sie die Zellbiologie so spannend findet. Und schauen Sie sich auch gerne mal auf gesundheit-hören.de um. Dort finden Sie viele weitere tolle Podcasts zu Gesundheitsthemen.

„Einmal täglich Glück“ – ein Podcast von gesundheithören.de und der Apotheken Umschau

Redaktion: Kari Kungel, Claudia Röttger
Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Kari Kungel

Darum geht es in „Einmal täglich Glück“

Wie schaffen wir es glücklich zu sein – mit uns, mit dem Leben, im Umgang mit anderen Menschen, mit dem, was wir tun? Claudia Röttger, Journalistin und Apothekerin, macht sich auf die Suche nach Menschen, die darauf ganz persönliche, ungewöhnliche, berührende oder erstaunliche Antworten haben.

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