Herr Lutsch, Ihre Apotheke war in der Nacht, in der das Hochwasser kam, mit Notdienst an der Reihe. Waren Sie selbst vor Ort?

Nein, meine Kollegin, Apothekerin Rita Zorn, hatte Dienst. Ich selbst war im Urlaub im Schwarzwald. Schon den ganzen Tag über hatte ich immer wieder Kontakt nach Kall gehabt, ein Teil meiner Familie lebt ja dort - meine Mutter sogar direkt über der Apotheke. Der Regen ist unglaublich stark, meinte sie am Telefon. 150 Liter pro Quadratmeter – was da in kürzester Zeit runterkam, fällt sonst nicht in einem Monat. Um 17 Uhr wurde der Regen dann noch mal stärker.

Ahnten Sie, dass es gefährlich werden könnte?

Seit dem Hochwasser von 2007 ist man natürlich sensibilisiert. Was da am vergangenen Mittwoch passiert ist, lässt sich damit aber nicht mal ansatzweise vergleichen. Im Ort gibt es einen Pegelmelder. 2007 soll das Wasser auf 2,90 Meter gestiegen sein. Jetzt sollen es 4,90 Meter gewesen sein. Der Pegel von 2007 war innerhalb von 20 Minuten überschritten, berichten Augenzeugen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Unsere gesamte Apotheke ist schwimmen gegangen.

War Ihre diensthabende Mitarbeiterin in Gefahr?

Glücklicherweise nicht, sie konnte sich nach oben in die Wohnung meiner Mutter flüchten. Die Sicherungen sind raus, der Strom ist aus, sagte sie mir, als wir am Abend erneut telefonierten. Da dachten wir noch an mögliche Schäden wie einen Kurzschluss. Wie soll man sich sowas auch vorstellen können: Innerhalb kürzester Zeit stand das Wasser in der gesamten Apotheke auf zwei Metern Höhe. Fassungslos habe ich zunächst noch über die Videoüberwachung aus der Ferne verfolgt, was da passierte. Schließlich habe ich mich auf den Weg gemacht.

Das heißt, Sie waren noch in der Nacht selbst in den Räumlichkeiten?

Das war nicht möglich. Ich hätte ein Boot nehmen müssen, um zur Apotheke zu gelangen. Da das Wasser allerdings fast genauso schnell abgeflossen ist, wie es gekommen ist, konnte ich am nächsten Morgen hin. Ich fuhr mit einem Jeep durch den Matsch, ein normales Auto wäre vermutlich nicht durchgekommen. Ein unbeschreibliches Szenario: Überall Rettungskräfte, Bilder wie im Krieg. Ich hatte Brötchen und heißen Tee dabei, um die Mitarbeiter zu versorgen. Was ich vorfand, wirkte unwirklich: Schränke, die kopfüber standen. Die Handverkaufstische, der Drucker… Nichts ist an seinem Platz geblieben.

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Schwer zu sagen, man nimmt wahr und schiebt gleichzeitig erst mal weg, um sich zu schützen - vor diesem gewaltigen Schmerz. Unsere Apotheke existiert in zweiter Generation. Sie ist seit über hundert Jahren am Ort. Vor zwei Jahren haben wir die über 300 Quadratmeter saniert und modernisiert. Sämtliche Laboreinrichtungen waren neu gewesen, nichts davon kann nun noch genutzt werden. Und das zweite, was einen umtreibt, neben dem persönlichen Verlust: Wie sollen jetzt die Patienten versorgt werden? Das ist eine Frage, die weit über das Pragmatische hinausgeht.

Schließlich ist genau das unsere Berufsaufgabe: Eine gute, professionelle und vertrauensvolle Patientenversorgung. Tatsächlich ist nun nicht nur die Apotheke kaputt. Ich kann auch meiner Verantwortung als Apotheker nicht nachkommen und werde dies vermutlich monatelang nicht tun können. Ein quälendes Gefühl.

Wie gehen Sie mit dieser Ohnmacht um?

Jedenfalls nicht, in dem ich sage: Da ist nichts mehr zu retten, ich fahre nach Hause, das wichtigste regelt jetzt erst mal die Versicherung. Nein. Das wichtigste sind jetzt Fragen wie: Wie kommen die Leute an die Medikamente, die sie brauchen? An Blutdruck- oder Diabetestabletten zum Beispiel. Vergessen wir nicht: Viele Menschen sind Hals über Kopf aus ihren Wohnungen geflohen. Da gab es keine Zeit oder auch schlicht keine Möglichkeit, noch Medikamente einzupacken. Die Frage, wie wir diesen Menschen helfen können, lässt mir keine Ruhe.

Können die Betroffenen über andere Apotheken versorgt werden?

Die nächste funktionsfähige Apotheke ist rund acht Kilometer entfernt, aber durch den Ort ist kaum ein Durchkommen. 18 Kilometer weiter, in Blankenheim, gibt es eine Apotheke, mit der sind wir in Kooperation. Aber man darf sich das in dieser Situation bitte nicht so unkompliziert vorstellen, wie es zunächst vielleicht klingt. Wir haben es selbst einmal erlebt, wie das ist, wenn eine Apotheke geschlossen hat. Da kommen ruckzuck hundert Kunden mehr am Tag. Das ist kaum zu bewerkstelligen.

Wir brauchen jetzt Notlösungen, sagen Sie. An was denken Sie?

Ich denke: Wenn wir in dieser Situation die Apothekenbetriebsordnung rauf und runter befolgen wollen, haben wir ein Problem, denn diese ist sehr streng. Im Moment ist es einfach nicht machbar, sämtliche Vorgaben zu hundert Prozent einzuhalten. Jedenfalls nicht, wenn wir auf unseren gesunden Menschenverstand hören und schnell und pragmatisch helfen wollen. Die Medikamente müssen weiterhin über Fachleute an den Mann oder die Frau gebracht werden, das ist keine Frage. Aber wenn dies im Moment nun mal nicht am Handverkaufstisch unserer Apotheke geschehen kann, dann brauchen wir andere Lösungen. Die Inbetriebnahme eines Provisoriums etwa, hierfür ist seit wenigen Minuten ein Möbelhaus im Gespräch. Oder auch: Fahrdienste, die Versorgung aus der Box sozusagen. Alles soweit eben möglich, denn auf ein Labor können wir aktuell nicht zurückgreifen und damit auch keine Rezepturen herstellen.

Sind Sie in Sachen Medikamenten-Fahrdienst bereits aktiv geworden?

Wir haben uns zunächst mit einer Anfrage an die Landesapothekenkammer gewendet. Die Kammer hat ihrerseits ans Ministerium geschrieben. Aktuell warten wir auf ein juristisches Okay. Nochmal: Wir hoffen auf viel gesunden Menschenverstand an den entsprechenden Stellen und darauf, dass wir nicht unnötig Probleme durch allzu hohe Hürden bekommen. Wer die Bilder vom Hochwasser im Fernsehen sieht, mag hier und da erschrecken, das wahre Ausmaß der Katastrophe transportieren diese Bilder aber nicht. Ein ganzer Landstrich ist zerstört. Ein Schaden, der in meinen Augen größer ist als der durch Corona. Etwas, dass es so noch nie gegeben hat. Entsprechend können wir nur hoffen, dass auch im Umgang mit der Katastrophe neue mutige und kreative Wege gefunden werden.