Diabetes Ratgeber
Dr. Katarina Braune ist Kinderärztin an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Endokrinologie und Diabetologie der Charité Berlin

Dr. Katarina Braune ist Kinderärztin an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Endokrinologie und Diabetologie der Charité Berlin

Frau Dr. Braune, was hat es mit der "Digital Diabetes Clinic" auf sich?

Die "Digital Diabetes Clinic" ist ein Projekt zur telemedizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes an der Berliner Charité. In einer Studie haben wir von Dezember 2019 bis Juni 2020 untersucht, ob Kinder mit Typ 1 von einer digitalen Betreuung per Videokontakt mit dem Diabetesteam profitieren.

Wie sind Sie auf die Idee für die Studie gekommen?

Trotz fortschreitender Digitalisierung, auch in der Medizin, ist die Telemedizin noch nicht etabliert. Mit dem Projekt wollten wir etwas dafür tun. Die Idee dazu hatten wir schon vor Covid-19. Dass die Pandemie kam und der Lockdown in unseren Studienzeitraum fiel, war reiner Zufall. So konnten wir auswerten, wie uns auch im Lockdown die Versorgung unserer Familien gelang. Für Kinder mit Typ-1-Diabetes und ihre Eltern ist die regelmäßige medizinische Betreuung besonders wichtig.

Wie viele Kinder mit Typ 1 haben mitgemacht?

28 Kinder und ihre Eltern, die in unserem Diabeteszentrum betreut werden. Die Kinder waren zwischen drei und zwölf Jahre alt, alle nutzten eine Insulinpumpe und ein System zur kontinuierlichen Glukoseüberwachung (CGM). Dabei misst ein Sensor am Bauch oder Arm den Zucker im Unterhautfettgewebe und sendet die Werte an ein Empfangsgerät oder die Pumpe.

Wie oft haben Sie sich virtuell mit den Eltern getroffen?

Es gab einen monatlichen "Check-in" mit unserer Diabetesberaterin Karina Boss, für den wir jeweils eine Stunde Zeit eingeplant hatten. Zusätzlich konnten wir den Familien Sprechstunden nach Bedarf anbieten.

Wie liefen die virtuellen Sprechstunden ab?

Unser Studienteam hat sich die von den Eltern übermittelten Werte angesehen und mit ihnen besprochen, wie die Therapie seit dem letzten Gespräch gelaufen war. Anhand der Daten konnten wir die Therapie anpassen und aktuelle Sorgen und Wünsche besprechen. Im Prinzip genau das, was man auch bei einem Termin vor Ort in der Klinik tun würde, nur viel intensiver und individueller.

Sind Sie mit den Ergebnissen der Studie zufrieden?

Ja. Und wir haben viel dazugelernt. Die Eltern gaben an, dass unsere "Digital Diabetes Clinic" nicht nur die Blutzuckerwerte, sondern auch das Wohlbefinden der Kinder und der ganzen Familie verbessert habe. Und das, obwohl die Stimmung durch Homeoffice, Kinderbetreuung und fehlende Bewegung während des Lockdowns insgesamt in vielen Familien sehr angespannt war. Die Studie zeigt also, dass virtuelle Sprechstunden von zu Hause aus, im vertrauten Umfeld und angepasst an den individuellen Bedarf, mehr Lebensqualität in den Familienalltag bringen.

Wie hat sich das auf die Blutzuckerwerte der Kinder ausgewirkt?

Der Langzeit-Blutzuckerwert der Kinder, der HbA1c, ist in diesem Zeitraum etwa gleich geblieben. Wichtiger für uns war aber die "Time in Range". Und die lag zum Ende der Studie um elf Prozent höher als zu Beginn.

Das müssen Sie erklären.

Die Blutzuckerwerte der Kinder sollten in einem von internationalen Leitlinien empfohlenen Zielbereich liegen: zwischen 3,9 und 10 mmol/l (70 und 180 mg/dl). Je länger sich die Werte im genannten Bereich befinden, desto besser. Diese Zeit nennt man auch Time in Range. Im Gegensatz zum HbA1c, der den durchschnittlichen Blutzuckerwert der vergangenen acht bis zwölf Wochen anzeigt, macht die Time in Range deutlich, ob starke Zuckerschwankungen, Werte ober- und unterhalb des Zielbereichs, aufgetreten sind.

Elf Prozent kann man schlecht greifen. Was bedeutet das für die Kinder und ihren Diabetes?

Zu Beginn der Studie lagen unsere Teilnehmer im Schnitt knapp 47 Prozent des Tages im Zielbereich, nach sechs Monaten waren es rund 57 Prozent. Das sind zweieinhalb Stunden mehr am Tag, in denen die Kinder weder erhöhte Werte hatten noch unterzuckert waren. Also viel mehr Zeit, um zu spielen oder sich in der Schule zu konzentrieren. Gleichzeitig verringert sich so das Risiko für Folgeerkrankungen.

Welche technischen Voraussetzungen waren nötig?

Ein Rechner musste vorhanden sein, um die Daten aus der Pumpe und dem CGM-System auszulesen und auf eine Plattform hochzuladen. Mit unserem Programm ließen sich alle Werte übersichtlich darstellen und dann mit den Eltern besprechen. Technikaffin mussten die Teilnehmer schon sein …

Gab es denn Hürden bei den digitalen Sprechstunden?

Beim ersten virtuellen Termin waren häufig technische Dinge zu klären. Danach gab es kaum noch Probleme, und wir konnten uns ganz auf die Kinder und ihren Diabetes konzentrieren.

Wie läuft die digitale Betreuung nach der Studie?

Nach dem Erprobungszeitraum können wir nun für alle unsere kleinen Patientinnen und Patienten zusätzlich zu einem persönlichen Termin pro Quartal digitale Sprechstunden anbieten, wenn es die Familien wünschen. Komplett ersetzen wollen wir die regulären Ambulanztermine aber nicht.

Warum?

Der persönliche Kontakt ist uns wichtig und wird auch von Eltern und Kindern sehr geschätzt. Eine körperliche Untersuchung ist zudem per Telemedizin nur schwer möglich. In unserer Studie sprachen wir vor allem mit den Eltern, da die Kinder eher jünger waren. Wenn die Kids älter werden, sollen sie ihren Diabetes aber selbst managen lernen und die Eltern allmählich Verantwortung abgeben. Am besten wäre wohl eine Kombination aus virtuellen und persönlichen Terminen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Durch die Pandemie haben wir jetzt die Chance, dranzubleiben und die Telemedizin in der Gesundheitsversorgung zu etablieren. Das Feedback aus den Familien und unsere Erfahrungen mit dem Projekt sprechen dafür. Ich wünsche mir sehr, dass wir eine zeit- und bedarfsgerechte medizinische Betreuung inklusive moderner Technologien und telemedizinischer Sprechstunden künftig in der Regelversorgung anbieten können.