Männer und Frauen unterscheiden sich, natürlich. Das zeigt sich auch beim Kranksein. Auch bei einer Erkrankung, die für viele Menschen das Schreckgespenst schlechthin ist: Krebs. Onkologen wissen schon länger, dass bei der Chemotherapie die Nebenwirkungen bei den Geschlechtern unterschiedlich ausfallen. "Frauen haben häufiger und stärkere Nebenwirkungen", sagt Dirk Keiner, Chefapotheker am Sophien- und Hufelandklinikum Weimar. "Sie haben mehr Schlafprobleme, leiden häufiger unter Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und berichten häufiger von Schmerzen und psychischen Problemen.“

Mehr Nebenwirkungen auch bei Immuntherapie

Kürzlich hat eine große US-amerikanische Studie mit mehr als 20.000 Patientinnen und Patienten unter die Lupe genommen, ob auch die Nebenwirkungen anderer onkologischer Therapieformen bei Mann und Frau unterschiedlich ausfallen. Die Forschenden schauten sich unter anderem die Auswirkungen von Immuntherapien an, die das Immunsystem so beeinflussen sollen, dass es Krebszellen zerstören kann. Es zeigte sich: Frauen hatten insgesamt bei Chemotherapie, Immuntherapie und zielgerichteter Krebstherapie im Vergleich zu Männern ein etwa 34 Prozent höheres Risiko für schwere Nebenwirkungen. Beim Einsatz von Immuntherapien war das Risiko bei ihnen sogar um 49 Prozent erhöht.

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Mehr Arzneistoff im weiblichen Körper

Dass Frauen tatsächlich mehr mit Nebenwirkungen zu kämpfen haben, hat verschiedene Ursachen. "Gerade bei der korrekten Einnahme von Tabletten im Rahmen der Chemotherapie kommt bei Frauen mehr Arzneistoff im Körper an", sagt Dirk Keiner. "Der Vorteil: Durch die höheren Konzentrationen im Blut ist die Behandlung meist erfolgreicher.“ Der Nachteil: Es gibt mehr und stärkere Nebenwirkungen. Diesen Unterschied konnte man schon früh bei Fluorouracil zeigen, einem Medikament, das in der Chemotherapie eingesetzt wird. Hinzu kommt noch, dass Frauen bestimmte Arzneistoffe der Krebstherapie in geringerem Maße ausscheiden. In der Folge verbleibt mehr vom Wirkstoff im Körper und die höhere Konzentration führt zu mehr Nebenwirkungen.

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Organe sind bei Frauen meist kleiner

Ein letzter körperlicher Unterschied fällt ebenfalls ins Gewicht. „Bei Frauen sind Organe wie Herz, Nieren, Knochen und Lunge meist kleiner und kompakter, was die Anfälligkeit für arzneimittelbedingte Nebenwirkungen erhöht“, sagt Dirk Keiner. Zwar berücksichtigen Onkologen diese Unterschiede teilweise schon in der Therapie. "Das Körpergewicht und die Körpergröße werden bei der Dosierung beachtet", sagt Dirk Keiner. Es hänge aber dennoch vom Geschlecht ab, wie verträglich und effektiv Medikamente sind. Und damit letztlich, welche Lebensqualität die Patientinnen und Patienten haben.

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Frauen bemerken Nebenwirkungen eher

Es gibt aber auch Gründe, die gar nichts mit körperlichen Unterschieden zu tun haben. So sei beim Thema Nebenwirkungen von Bedeutung, wie gut Patientinnen und Patienten sich selbst beobachten und wie gut sie kommunizieren könnten, sagt die Medizinerin Ute Seeland, Expertin für geschlechtersensible Medizin von der Berliner Charité. "Können sich Menschen gut beobachten, schildern sie meist sehr viele verschiedene Nebenwirkungen", so Seeland. Dabei seien Frauen tendenziell besser in der Selbstbeobachtung und berichteten in der Folge von mehr unerwünschten Wirkungen. "Und dann liegt es an mir als Ärztin zu entscheiden, ob das tatsächlich eine Nebenwirkung ist oder nicht", so Seeland.

Anpassung der Dosierung an das Geschlecht?

Es gibt also deutliche Geschlechterunterschiede in der Krebstherapie. Doch bislang passen Onkologen die Dosis von Medikamenten nicht regulär an das Geschlecht an. Der Grund: "Die Zulassungsstudien für Medikamente haben diese Geschlechterunterschiede nicht untersucht oder sie sind bei der Beantragung der Zulassung nicht mitgedacht worden", sagt Ute Seeland. „Ansonsten würde in den Arztinformationen und den Beipackzetteln der Medikamente auf unterschiedliche Dosierungen zum Beispiel für Frauen und Männer in einem bestimmten Alter hingewiesen werden“.

Dirk Keiner fordert, dass das Geschlecht bei der Krebstherapie nicht zum Nachteil werden dürfe. Immerhin lassen sich erste zaghafte Ansätze ausmachen, die seiner Forderung entsprechen. „Männer sprechen beispielsweise auf die Immunonkologie besser an.“ Dafür sei bei ihnen beim Antikörper Rituximab eine höhere Dosis sinnvoll, weil Männer diesen Antikörper mehr ausscheiden. Diese Dosisanpassung bei Männern werde bislang aber nur von wenigen onkologischen Zentren in Deutschland umgesetzt.

Was tun gegen stärkere Nebenwirkungen?

Was können Frauen tun, die besonders unter Nebenwirkungen leiden? Zunächst einmal mit Ihrem behandelnden Arzt oder der Ärztin darüber sprechen. Frauen sollten in der Behandlung ihrer Ärztin oder ihrem Apotheker gegenüber nicht scheuen, so offen wie möglich von Nebenwirkungen zu berichten. Je mehr man sich über seine Probleme und Ängste austauscht, desto schneller kann man ihnen gemeinsam mit Arzt und Apothekerin entgegenwirken. Denn es existieren viele Möglichkeiten, um die stärkeren Nebenwirkungen abzumildern. So behandeln Onkologen und Onkolginnen etwa Übelkeit und Erbrechen mit zusätzlichen Medikamenten.

Dirk Keiner hat noch einen weiteren Ratschlag. Bei Frauen sei das Interesse und der Anteil an komplementärmedizinischen Therapien etwa mit Baldrian oder grünem Tee höher. „Patientinnen sollten daher vorher von ihrem Arzt eine Abstimmung und Prüfung mit der bestehenden Krebs-Medikation vornehmen lassen. „Denn hier können problematische Wechselwirkungen und Nebenwirkungen entstehen.“ Das selbe gilt jedoch auch für Männer, die komplementärmedizinische Therapien nutzen wollen.

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