Das GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften und die Professorin Dr. Marianne Kneuer von der Technischen Universität Dresden haben im Projekt „Safe-19 – Solidarität in der Covid-19-Krise“ Meinungsumfragen und Beiträge auf der Online-Kommunikationsplattform Twitter analysiert. Über die Ergebnisse, die Frage, ob die Solidarität im Verlauf der Pandemie abgenommen hat und welche Rolle die Politik dabei spielt.

Frau Prof. Kneuer, hat unsere Gesellschaft im Hinblick auf solidarisches Handeln versagt?

Der Blick auf die Zahl der Ungeimpften in Deutschland ist überaus besorgniserregend und sogar frustrierend. Wenn wir uns mit Portugal vergleichen, wo etwa 98 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahren geimpft sind, dann ist das eine Riesen-Schere. Dennoch kann man nicht sagen, dass unsere Gesellschaft in Bezug auf Solidarität versagt hat. Zumindest lässt sich das durch unsere Studie nicht belegen.

Woran machen Sie das fest?

Wir haben vom August 2020 bis April 2021 drei Befragungswellen unternommen, bei denen zwischen 68 und 70 Prozent der Befragten sagen: Solidarität ist jetzt so wichtig wie zu Beginn der Pandemie. Die Zustimmung zu dieser Aussage hat im zeitlichen Verlauf sogar leicht zugenommen. Das wichtigste Motiv beim Maskentragen war der Schutz Anderer. Und auch dies hat sich verstärkt: Von 68 auf über 80 Prozent. Das weist darauf hin, dass der Mehrheit der Menschen durchaus bewusst ist, dass in der Corona-Pandemie Solidarität notwendig ist und die Mehrheit auch solidarisch gehandelt hat.

Familien mit Klein- oder Schulkindern sehen sich als besonders leidtragend.

Familien sind von Anfang an durch Schul- oder Kitaschließungen besonders belastet gewesen. Sie befürchten zum Beispiel, dass ihre Kinder Bildungsnachteile haben. Diese Sorgen können dazu führen, dass Eltern unzufrieden sind mit bestimmten Maßnahmen der Regierung. Aber das muss man sehr genau trennen von der Einstellung, dass Solidarität wichtig ist. Je stärker ich der Regierung vertraue als Bürger:in, desto eher bin ich bereit, Maßnahmen zu befolgen.

Einige schimpfen auch auf ihre Mitmenschen. Weil sie geimpft sind, träfen sich zum Beispiel Senior:innen regelmäßig in größeren Gruppen wie im Verein. Sie sollten nicht alle Freiheiten ausreizen.

Ich weiß gar nicht, ob diese Aussage wirklich eine Position ist, die man findet.

Warum spiegelt sich in der öffentlichen Wahrnehmung nicht wider, dass die Mehrheit die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie stützt?

Die große Mehrheit ist eine stille Mehrheit. Was wir jedoch immer vor uns haben, sind die Bilder von einer lauten Minderheit, die sich mit teils gewalttätigen Demonstrationen und Beschimpfungen sichtbar macht. Wir wissen aber, dass seit Beginn der Pandemie drei Viertel der deutschen Bundesbürger:innen die Maßnahmen für angemessen halten oder sogar noch weitere Regeln befürworten würden.

Wie zeigt sich denn – neben Maskentragen und Impfschutz – in der Corona-Pandemie anschaulich, dass Menschen solidarisch sind?

Es gab eine große Vielfalt von solidarischen Aktionen. Das fing mit der Nachbarschaftshilfe an, dass für Menschen in Quarantäne eingekauft wurde. Andere Aktionen richteten sich an Künstler:innen in Form von finanzieller Hilfe.

Sie haben das in der Vergangenheitsform formuliert.

Am stärksten war das während des Lockdowns, weil unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. Inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Problematisch könnte seit dem Sommer der Eindruck Einiger sein, dass man wegen der Lockerungen gefühlt zur Normalität zurückkehre. Aus meiner Sicht ist nicht zielführend gewesen, dass etliche Politiker:innen dieses Gefühl geschürt haben

Der Soziologe Stephan Lessenich meint, solidarisches Handeln müsse aus der Gesellschaft herauskommen. Was meinen Sie: Kann man Solidarität verordnen?

Die Politik kann sie nicht verordnen, aber daran appellieren. Der internationale Vergleich zeigt, dass bis zum Herbst 2021 Regierungen in der Corona-Krise erfolgreicher waren, die auf Solidaritätsappelle gesetzt haben. Dazu gehört die deutsche Bundesregierung. Diese Kommunikation war wirksamer als eine Kriegsrhetorik, wie sie in Frankreich, Großbritannien, Amerika benutzt wurde.

Also vertraut die Bevölkerung der deutschen Bundesregierung während der Corona-Krise?

Wir haben nach Vertrauen in 13 unterschiedliche Institutionen gefragt: Bundesregierung, Parteien, das Parlament, Robert-Koch-Institut, Wissenschaft, Gewerkschaften, Kirchen. Die Bundesregierung hat regelmäßig die höchsten Werte bekommen. Selbst im Januar, Februar 2021 bei den Beschwerden über fehlenden Impfstoff war das Vertrauen in die Regierung sehr hoch, vor allem in die Bundeskanzlerin.

Inwieweit gehört zu einer solidarischen Gesellschaft auch eine Impfpflicht?

Eine Impfpflicht wäre quasi verordnete Solidarität. Dabei folgt niemand mehr Appellen, sondern einer Vorschrift. Für eine Entscheidung, inwiefern eine Impfpflicht sinnvoll ist oder effizient sein kann, empfehle ich noch einmal den internationalen Blick. In etlichen Ländern gibt es bereits gruppenspezifische Impfpflichten oder sogar für alle Arbeitnehmer:innen. Wir führen in Deutschland sehr spezifische Debatten – auch schon bei der Masernimpfung. Dazu gab es ebenfalls eine hitzige Diskussion. Das scheint eine deutsche Besonderheit zu sein. Wir debattieren über etwas, was in anderen Ländern schlichtweg beschlossen wird.

Was motiviert Menschen, solidarisch zu sein?

Neben dem Wunsch, andere zu schützen, orientiert sich Solidarität in Krisen sehr stark an der Risikowahrnehmung: Je höher ich das Risiko sowohl für mich als auch für die Gesellschaft einschätze, desto eher bin ich bereit, einen Beitrag zu leisten zur Bekämpfung der Krise.

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