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Die Politikwissenschaftlerin Prof. Marianne Kneuer erforscht an der TU Dresden, wie Demokratien funktionieren. Hier spricht sie darüber, warum die Solidarität zu Beginn der Corona-Pandemie besonders groß war – und weshalb jeder Einzelne davon profitiert, nicht nur an sich zu denken.

Professorin Kneuer, Sie sagen, die Mehrheit der Bürger denke in der Corona-Pandemie gemeinwohlorientiert. Woran machen Sie das fest?

Zusammen mit dem GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften haben wir von Sommer 2020 bis zum Frühjahr 2021 untersucht, wie Solidarität während der Corona-Krise entsteht. Dafür haben wir Onlinebefragungen durchgeführt und diese analysiert. Zusätzlich haben wir uns angeschaut, wie Menschen auf Twitter über Solidarität sprechen. Das Ergebnis: Während der gesamten Pandemie sagten etwa sieben von zehn Befragten, Solidarität sei wichtig.

Wie zeigt sich das konkret?

Zum Beispiel war das wichtigste Motiv fürs Maskentragen und fürs Impfen der Schutz anderer. Auch diese Tendenz hat sich im Lauf der Zeit verstärkt, von 68 auf mehr als 80 Prozent. Der großen Mehrheit ist bewusst, dass Solidarität notwendig ist. Grundsätzlich gilt: Je höher ich das Risiko für mich und die Gemeinschaft einschätze, desto eher bin ich bereit, einen Beitrag zu leisten. So haben seit Beginn drei Viertel der Bevölkerung die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung für angemessen gehalten. Oder würden sogar weitere Regeln befürworten.

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Das spiegelt sich kaum in der öffentlichen Wahrnehmung wider.

Die große Mehrheit ist eine stille Mehrheit. Dominant sind die Bilder einer lauten Minderheit. Durch teils gewalttätige Demonstrationen, Beschimpfungen und Bedrohungen erregt sie mediale Aufmerksamkeit.

Während des ersten Lockdowns haben Nachbarinnen und Nachbarn oft füreinander eingekauft oder gekocht. Hat diese Unterstützung inzwischen abgenommen?

Ja. Unsere Bewegungsfreiheit, unser Alltag waren extrem eingeschränkt. Umso mehr waren wir in dieser Zeit auf gegenseitige Hilfe angewiesen.

„Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“ und „Jeder ist sich selbst der Nächste“: Stimmen diese Sprichwörter?

Unsere eigenen Ziele hängen oft mit jenen der Gesellschaft zusammen. Jeder Einzelne profitiert also davon, wenn gemeinsame Ziele erreicht werden. Jeder Einzelne muss aber auch für diese gemeinsamen Ziele seinen Beitrag leisten. Unser Steuer- und Sozialsystem, also auch Kranken- und Pflegeversicherung, sind Solidargemeinschaften. Von ihnen wissen wir: Ich leiste meinen Beitrag, weil andere ihren für mich leisten.

Wie wichtig ist dieses Denken für ein friedliches gesellschaftliches Miteinander?

Solidarität ist der grundlegende Kitt einer Gesellschaft. Während Krisen ist sie besonders gefragt. Sie wird sichtbarer, kann bedeutungsvoller werden. Das hat sich auch bei der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gezeigt: Wenn wir als Bürgerinnen und Bürger sehen, wie viel Hilfe es gibt, fühlen wir uns besser aufgehoben. Wir wissen: Wenn uns selbst so etwas passiert, können wir auch auf die Unterstützung anderer hoffen.

Sind Ältere, die noch Krieg und Nachkriegszeit erlebt haben, solidarischer mit anderen?

Bei der Altersgruppe 60–70 war das Bewusstsein dafür, was Solidarität bedeutet, vergleichsweise besonders hoch.

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