Diabetes Ratgeber

Parodontitis ist eine Entzündung des Zahnhalteapparates. Langfristig kann sie den Kieferknochen schädigen. Bei schweren Verläufen werden die Zähne locker und fallen aus. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist laut einer Studie zur Mundgesundheit von Parodontitis betroffen. Das Problem: Die Entzündung macht aber offenbar im Mund nicht Halt, wie Professor Thomas Beikler, Direktor der Poliklinik für Parodontologie, Präventive Zahnmedizin und Zahnerhaltung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie, erklärt. Mit einer unbehandelten Parodontitis wächst nämlich das Risiko für Herzinfarkte.

Professor Thomas Beikler, Direktor der Poliklinik für Parodontologie, Präventive Zahnmedizin und Zahnerhaltung am UKE

Professor Thomas Beikler, Direktor der Poliklinik für Parodontologie, Präventive Zahnmedizin und Zahnerhaltung am UKE

Herr Prof. Beikler, wieso hängen Herzinfarkt und Parodontitis zusammen?

Das ist noch nicht zu hundert Prozent geklärt. Bislang gehen wir im Wesentlichen von zwei wahrscheinlich gleichzeitig ablaufenden Prozessen aus. Einerseits gelangen durch die Parodontitis Entzündungsbotenstoffe ins Blut. Diese können dazu führen, dass die Blutplättchen aneinanderkleben und sich auch die Gefäßwände entzünden. Der zweite Prozess: Bakterien werden aus den Entzündungsherden im Mund in die Blutbahn geschwemmt und lagern sich an den Gefäßwänden ab. Beides fördert die Entstehung einer Arteriosklerose: Die Wände der Blutgefäße werden starrer und dicker, ihr Durchmesser wird kleiner. Sind Arterien des Herzmuskels betroffen, können verklumpte Blutplättchen darin wie ein Pfropf steckenbleiben. Der lebenswichtige Blutfluss stockt, ein Herzinfarkt entsteht.

Dieser Zusammenhang ist ja nicht unbedingt naheliegend. Wie ist die Wissenschaft trotzdem darauf gekommen?

Eigentlich eher zufällig über Studien. Man hat in den Daten immer wieder festgestellt, dass Menschen, die Parodontitis haben, auch häufiger einen Herzinfarkt bekommen. Dieser Zusammenhang heißt aber noch nicht, dass Parodontitis wirklich der Grund für Herzinfarkte ist. Beide Erkrankungen haben ähnliche Risikofaktoren, wie zum Beispiel Rauchen und Diabetes. Das könnte den Zusammenhang auch erklären. Aber genau das müssen wir jetzt machen: Feststellen, ob wirklich ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Erkrankungen besteht.

Wie kann das gelingen?

In groß angelegten sogenannten Interventionsstudien. Das bedeutet, dass wir Patienten mit Parodontitis behandeln und schauen, ob sich dadurch das Risiko für Herzinfarkte verringert. Das wird aber mehrere Jahre dauern.

Warum sind Menschen mit Diabetes besonders gefährdet, Parodontitis zu bekommen?

Auch hier gibt es zwei Hauptursachen: Zum einen kann die Immunabwehr bei Diabetes beeinträchtigt sein. Bakteriell ausgelöste Entzündungen können sich dann leichter ausbreiten. Auf der anderen Seite laufen Entzündungsreaktionen bei Menschen mit Diabetes häufig verstärkt ab, ohne dass aber die auslösenden Bakterien wirksam bekämpft werden. Unterm Strich führt das zu einem stärkeren Schaden am Zahnhalteapparat, ohne dass der Körper die Ursache der Erkrankung in den Griff bekommt.

Woran erkennt man eine Parodontitis?

Für Betroffene selbst ist das schwer. Denn Parodontitis tut lange nicht weh und verläuft daher lange Zeit unbemerkt. Häufiges Zahnfleischbluten kann ein Hinweis sein. Für Raucher ist es noch schwieriger: Weil bei ihnen die Durchblutung schlechter ist, neigen sie seltener zu Zahnfleischbluten. Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Parodontitis haben. Auch Mundgeruch kann ein Anzeichen sein, aber auch das merkt man selbst meistens nicht. Verschieben oder lockern sich Zähne, treten schmerzhafte Entzündungen auf oder bilden sich Abszesse, sind das Zeichen einer bereits weit fortgeschrittenen Parodontitis.

Wie wird Parodontitis behandelt?

Zunächst ist folgendes wichtig: Parodontitis ist nicht heilbar, ein Voranschreiten läßt sich aber in vielen Fällen durch eine Parodontitistherapie mit nachfolgender lebenslanger regelmäßiger Nachsorge verhindern. Um dieses Ziele zu erreichen reicht eine nicht-chirurgische Therapie häufig aus: Dabei werden Zähne und Mundhöhle gründlich gereinigt, besonders in den sogenannten Zahnfleischtaschen. Das fühlt sich ungefähr wie eine etwas intensivere Zahnreinigung an, ist also kaum störend. Ziel ist, die Anzahl der Bakterien in der Mundhöhle und damit den Entzündungsgrad zu verringern. In der anschließenden Nachsorgephase wird das Zahnfleisch regelmäßig kontrolliert und die Bereiche, die der Patient selbst nicht erreichen kann, gereinigt. Diese lebenslang notwendige Nachsorge ist extrem wichtig, um den Entzündungsgrad vor allem in dem für den Patienten nicht zugänglichen Taschenbereich niedrig zu halten und somit ein Fortschreiten der Parodontitis zu verhindern. In schwereren Fällen werden bei einem chirurgischen Eingriff die Zahnfleischtaschen geöffnet, der Belag zwischen Zähnen und Zahnfleisch mit speziellen Instrumenten entfernt und Knochen aufgebaut oder umgeformt.

Wie kann man vorbeugen?

Eine spezielle Prophylaxe gibt es leider nicht. Wichtig ist, regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen. Der misst bei der Kontrolluntersuchung auch alle zwei Jahre die Tiefe der Zahnfleischtaschen und kann Parodontitis so schon früh feststellen. Auch eine gute Mundhygiene, nicht rauchen und – bei Menschen mit Diabetes – ein gut eingestellter Blutzucker können helfen, Parodontitis zu vermeiden.

Mehr zum Thema

10473033_942b26761e.IRWUBPROD_RC2B.jpeg

Parodontitis: Kassen zahlen mehr Leistungen

Seit kurzem erhalten Patientinnen und Patienten eine bessere Parodontitis-Therapie. Dazu zählt auch eine Zahnreinigung. Die vorsorgliche professionelle Zahnreinigung muss aber weiterhin selbst bezahlt werden

Frau hält Passbilder in der Hand

Zahnimplantate bei Diabetes

Zahnimplantate füllen Lücken im Gebiss. Klingt unkompliziert. Doch bei Diabetes gibt es ein paar Sonderregeln