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Tief ins dunkle Meer hinab­gleiten? Andrea Mühlen war das lange nicht geheuer. Zum Tauchkurs meldete sie sich schließlich trotzdem an. „Die Tauchbegeisterung meines ­Mannes hatte mich angesteckt. Und ich wollte mir kurz vor meinem 50. Geburtstag noch etwas beweisen.“ Aus ärztlicher Sicht sprach nichts gegen das neue Hobby – auch wenn die heute 54-Jährige seit 1982 Typ-1-­Diabetes hat. „Ich habe meine Zuckerwerte gut im Griff und keine weiteren Gesundheitsprobleme, die Tauchen riskanter machen.“ Ob mit oder ohne Diabetes: Seriöse Tauchschulen verlangen ein ärzt­liches Attest. Von den deutschen und öster­reichischen ­Fachgesellschaf­ten für Tauchmedizin gibt es Empfehlungen, welche gesundheitlichen Voraussetzungen man erfüllen sollte.

Unterzucker-Gefahr im Blick

Bei Diabetes gilt: „Tauchen sollten nur Menschen, die ihre Unterzuckerungen sicher und frühzeitig bemerken“, sagt Dr. Hansjörg Mühlen, Diabetologe, Taucharzt und Tauchlehrer in Duisburg – und Andrea Mühlens Ehemann. Bei einer Insulintherapie raten die Fachgesellschaften daher, dem Hobby nur dann nachzugehen, wenn der Stoffwechsel stabil eingestellt ist. Wer Typ-2-­Diabetes hat und einen Sulfonylharnstoff (Wirkstoffe wie Glibenclamid, Glime­pirid) einnimmt, sollte wegen des Unterzucker-­Risikos in Absprache mit dem Arzt das Medikament wechseln.

Bei Folgekrankheiten muss das Risiko individuell abgewogen werden. „Aller­dings wird schon bei leichten Netzhautschäden infolge von Diabetes vom Tauchen eher abgeraten“, weiß Tauchmediziner Professor Dr. Claus-Martin Muth vom Universitätsklinikum Ulm. Bei fortgeschrittenen Gefäßveränderungen verbietet es sich sogar strikt. Denn beim Tauchen können sich ­kleinste Gasbläschen im Blut bilden. Dadurch besteht bei vorgeschädigten Gefäßen in den Augen die Gefahr, dass sich der Zustand verschlechtert. Problematisch ist auch ein Nervenschaden mit Gefühlsstörungen in den Füßen. Aus unbemerkten Verletzungen durch Tauchschuhe oder Flossen können schlecht heilende Wunden entstehen.

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Die Fachgesellschaften empfehlen, bei Diabetes die Tauchtauglichkeit jährlich zu prüfen. Die Krankenkassen zahlen den Check aber nicht. „Die für das ­Attest nötigen Grundunter­suchungen, etwa von Herz und Lunge, sollte ein zertifizierter Taucharzt machen“, so Muth. Wichtig sei, dass sich dieser mit Diabetesärztin oder -arzt abstimme.

Zuckertiefs in der Tiefe

Hat man das Attest, steht einem Kurs nichts mehr im Weg. Die ersten Übungen finden im Schwimm­becken oder im flacheren Wasser statt. Sie benötigen Insulin? Dann ist das eine gute Gelegenheit, zu testen, wie Sie die Therapie am besten anpassen, um Unterzucker zu vermeiden. Andrea Mühlen halbiert zwei Stunden vor dem Tauchgang die Insulinabgabe ihrer Pumpe. In der Stunde davor kontrolliert sie öfters die von ihrem Glukose­sensor ermittelten Werte. Ihr Ziel ist es, mit leicht erhöhtem Wert zu starten, um die 180 mg/dl (10 mmol/l): „Sind die Werte im Fallen, esse ich noch ein, zwei BE.“ Oft steigen ihre Werte beim Tauchen. Ein Phänomen, das ihr Mann bei vielen seiner Patientinnen und Patienten sieht. Er rät im Einzelfall, wenn die Werte stark in die Höhe schießen, zu einer Extra­dosis Insulin vor dem Tauchgang.

„Alles okay!“ trotz Diabetes: Andrea Mühlen, 54, bei einem Tauchgang vor der griechischen Insel Rhodos.

„Alles okay!“ trotz Diabetes: Andrea Mühlen, 54, bei einem Tauchgang vor der griechischen Insel Rhodos.

Auch wenn die Gefahr einer Unterzuckerung gering scheint: unter Wasser dennoch aufmerksam auf mögliche Symptome achten. „­Diese können anders sein als an Land und denen eines Tiefenrauschs ähneln“, sagt Muth. Daher bei Diabetes nie tiefer als 30 Meter tauchen. Lehrer wie Tauchpartner über die Diagnose informieren – und darüber, wie sie bei Unterzucker helfen können.

Für Zuckertiefs sollte man ein Handzeichen vereinbaren — ein mit Daumen und Zeigefinger gebildetes L. Das L steht für niedriger Zucker, englisch: „low sugar“. Behandeln lassen sie sich unter Wasser etwa mit Zuckersirup aus der Tube oder Cola aus einer kleinen Flasche. Wie das geht, unbedingt bei der Tauch­ausbildung üben! Auch wichtig: am Ufer oder auf dem Boot das Blutzucker-­Messgerät und Trauben­zucker parat haben, für Unter­zucker-Notfälle eventuell Glukagon als Nasenspray oder Spritzenset.

Tauchen mit Technik?

Insulinpumpen dürfen nicht mit in die Tiefe. Der hohe Druck beeinflusst die Abgabe. Für eine Stunde lässt sich die Pumpe pro­blemlos ablegen. Patch­pumpen bieten sich nur an, wenn sich die Pumpen- von der Kanülenein­heit trennen lässt. Auf die Haut geklebte Sensoren und Transmitter sind zum Tauchen nicht zuge­lassen. „Viele lassen sie dennoch dran und machen gute Erfahrungen“, sagt Mediziner Mühlen. Er rät, den Sensor mit Folie zu überkleben oder im Trockenanzug zu tauchen. Aber: Gehen die Geräte beim Tauchen kaputt, erlischt die Garantie. Empfänger sind nicht tauchtaug­lich. Findige Betroffene haben sich ein druckfestes Gehäuse dafür bauen lassen. Per Knopfdruck zeigt es die Werte unter Wasser an. Tauch­gehäuse für Smartphones eignen sich meist nur, um die Kamera zu bedie­nen. Auch kann die Funkverbindung beim Tauchen gestört sein.

Andrea Mühlen kommt in der Tiefe ohne Zuckerkontrolle klar. Ihr Lieblingssport ist Tauchen ­dennoch nicht. „Am meisten stört mich, dass ich dabei nicht sprechen kann“, sagt sie und ergänzt lachend: „Mein Mann dagegen taucht ger­ne mal schweigend ab.“

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Quellen:

  • Buch Checkliste Tauchtauglichkeit, 2. Auflage, Herausgeber Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM), Östereichische Gesellschaft für Tauch- und Hyperbarmedizin (ÖGTH), Gentner Verlag, 2018, Seite 296-307

  • Buch Moderne Tauchmedizin, 3. Auflage, Handbuch für Tauchlehrer, Taucher und Ärzte, Herausgeber Klingmann C et al., Gentner Verlag, 2019, Seite 624-634