Deutschland steigt aufs Rad – und immer öfter auf eines mit Elektromotor. Allein 2019 wurden 1,38 Millionen E-Bikes verkauft – ein Drittel aller neu erworbenen Drahtesel. Meist handelt es sich dabei um sogenannte Pedelecs.

Der elektrische Antrieb unterstützt das Treten bis zu einem Tempo von 25 Stundenkilometern. Dieser Anschub kann die individuell zu bewältigende Reichweite deutlich erhöhen, gerade für wenig trainierte Fahrer und in bergigen Regionen. In einer Umfrage der Stiftung Warentest gaben 84 Prozent der Befragten an, durch ihr Elektrorad mehr zu radeln als vorher.

Doch ist dies keine unerhebliche Investition. Interessierte sollten sich vor dem Kauf beim Fachhändler beraten lassen – und sich vorab genau überlegen, wozu sie ihr Rad vorwiegend einsetzen wollen. Hier finden Sie die wichtigsten Anregungen.

Der richtige Fahrradtyp

Der Markt für Pedelecs bietet fast alles, was das Herz begehrt: vom motorisierten Cityrad mit tiefem Einstieg über Klapp-, Lasten- und Trekkingräder bis hin zu sportlichen Mountainbikes und Rennrädern.

„Vor der Kaufentscheidung sollten Sie überlegen, wofür das Rad gebraucht wird“, sagt Rebecka Hoch vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Wer sich vorwiegend in der Stadt bewegt und dabei Einkäufe transportiert, wird ohne Schutzbleche und Gepäckträger kaum glücklich werden und ist daher mit einem Cityrad gut beraten. Für längere Radtouren auch in hügeligen Regionen sind Trekkingräder besser geeignet. Soll es auch mal steil bergauf und über unbefestigte Pfade gehen, ist ein Mountainbike die beste Wahl.

Qualität erst ab höherem Preis

„Im nächsten Schritt sollten Sie Ihr Budget festlegen“, rät Hoch. Zu beachten sei dabei auch Zubehör wie Zusatzakkus, ein geeignetes Schloss und ein Helm. Preislich sind E-Bikes deutlich höher anzusiedeln als herkömmliche Fahrräder. Das ist vor allem dem Motor und dem Akku geschuldet. Ab circa 2000 Euro können Einsteiger ein solides Rad erwerben. Bei deutlich günstigeren Bikes drohen Mängel bei Sicherheit und Technik.

Was will ich von dem Akku?

Nicht unerheblich für die Kaufentscheidung ist die Batterie. „Viele Hersteller erhöhen die Reichweite von Pedelecs durch immer größere Akkus oder die Möglichkeit, Ersatzakkus am Rad anzubringen“, sagt ADFC-Expertin Rebecka Hoch. Das aber schlage sich in Gewicht und Preis nieder. Hier lohnt es sich, genau zu überlegen: Welche Distanzen legt man wirklich zurück? „Für tägliche Fahrten in der Stadt kann ein leichter Akku mit 30 Kilometer Reichweite genügen“, so Hoch. Hilfreich ist eine Anzeige über die verbleibende Reichweite. Dann kommt es nicht zu bösen Überraschungen.

Position von Akku und Motor

Einen entscheidenden Unterschied für das Fahrverhalten machen Antrieb und Position des Akkus. Es gibt drei Varianten: An einigen Bikes ist der Motor an der Nabe des Vorderrads befestigt. Eine preiswerte Version, die auf Kosten der Fahrstabilität gehen kann. Außerdem belastet diese Motorposition Rahmen und Gabel – ein Risiko für Materialbrüche.

Auch ein Motor an der Nabe des Hinterrads hat seine Tücken. Das Gewicht ist ungünstig verteilt, insbesondere wenn auch der Akku im Bereich des Hinterrads untergebracht ist – etwa auf dem Gepäckträger. Das Rad wird sehr hecklastig, worunter die Fahrstabilität leiden kann.

Am häufigsten ist der Mittelmotor. Er ist am Tretlager angebracht und treibt über die Kette das Hinterrad an. Er beeinträchtigt das Fahrverhalten kaum. Nachteile sind ein höherer Verschleiß der Kette und ein unüberhörbares Motorgeräusch.

Die richtige Bremse

„Unverzichtbar für die Sicherheit sind gute Bremsen“, sagt Nico Langenbeck, Testleiter für E-Bikes bei der Stiftung Warentest. Felgenbremsen mit Seilzug reichen nicht aus. Die meisten E-Bikes sind daher mit Scheibenbremsen ausgestattet. „Diese sind aber nicht für alle Radler geeignet“, warnt Langenbeck. Das plötzliche harte Zupacken der Bremsen kann ungeübte Fahrer überfordern. Das erhöht die Gefahr für Stürze. Das Rad kann sich überschlagen. Langenbeck: „Gerade für Cityräder sind hydraulische Felgenbremsen eine gute Alternative.“

Testfahrt

„Pedelecs sind in den letzten Jahren deutlich sicherer geworden“, sagt E-Bike-Experte Langenbeck. „Trotzdem entdecken wir auch heute noch vereinzelt Räder mit instabilem Fahrverhalten.“ Mit Gepäck oder Kindersitz beladen könne sich das Problem verschlimmern. Eine ausführliche Probefahrt – möglichst mit Gepäck – ist daher unverzichtbar. Der Lenker sollte auch bei höherem Tempo stabil bleiben. Der Praxistest zeigt, ob ein Rad hält, was es verspricht, und ob es zu einem passt. Auch wichtig: Viele Pedelecs wiegen zwischen 20 und 30 Kilo. Also das Rad im Laden einmal anheben: Wer es im Alltag über eine Treppe bugsieren muss, sollte mit dem Gewicht zurechtkommen.

Interview mit Fahrradhändler: „Käufer brauchen mehr Geduld“

Die Nachfrage nach E-Bikes ist aktuell enorm. Gleichzeitig haben Hersteller und Händler coronabedingt (immer noch) mit fehlenden Teilen und gestörten Lieferketten zu tun. Wie man dennoch zu seinem Traumrad gelangt, haben wir Fabian Kniegl gefragt. Er ist Fahrradfachverkäufer aus Reitham bei München:

Herr Kniegl, hellblau, ein solider Rahmen und starker Motor: Mein Wunsch-E-Bike ist derzeit ausverkauft. Wie stehen die Chancen, dass ich es noch bekomme?

Wer ein spezielles E-Bike im Auge hat und es nachbestellt, muss derzeit schonmal mit ein- bis eineinhalb Jahren Lieferzeit rechnen.

So lange mag ich nicht warten. Wozu raten Sie mir?

Viele Fahrradgeschäfte vor Ort haben noch etliche aktuelle E-Bikes – man muss vielleicht hinsichtlich der Marke, der Farbe ein wenig flexibel sein. Entscheidend ist, dass das Fahrrad zu den eigenen Bedürfnissen passt. Daher würde ich raten, in den Laden vor Ort zu gehen, sich umzusehen und gut beraten zu lassen. Eine Probefahrt gehört immer dazu! Es gibt viele Räder, aber für einen selbst eben auch viele falsche.

Und wenn ich nichts finde?

Fragen Sie nach, wann wieder eine größere Lieferung kommt. In diesem Jahr haben sich die um drei Monate verzögert. Bei uns rechnen wir zum Beispiel im Juli mit Nachschub. Sie können sich, wenn der passende Fahrradtyp mit dabei sein sollte, ein E-Bike aus einer solchen Lieferung auch unverbindlich reservieren. Wer das nicht möchte: Fragen Sie, ob Sie der Fachhändler kurz anruft, sobald die neuen Räder eintreffen.

Von Herstellern liegen schon Kataloge für die 2022-er Modelle aus. Lohnt es sich zu warten?

Neuerungen gibt es bei E-Bikes speziell im Bereich höherer Akkukapazitäten. Gut für alle, die sehr lange und sehr sportliche Touren in den Bergen machen. Doch die aktuellen Modelle haben alle schon eine gute Reichweite, die meiner Meinung nach auch für die meisten ambitionierten Hobbyfahrer ausreicht. Die Räder mit den etwas kleineren Akkukapazitäten sind zudem leichter.

Wann ist denn der beste Zeitpunkt für einen E-Bike-Kauf?

Wer ein brandneues Modell haben will, kauft sein Fahrrad im Herbst. Ab Oktober, November bekommen die Händler in der Regel bereits die Modelle für die kommende Saison. Der Oktober ist auch ein guter Monat für Schnäppchenjäger. Einige E-Bikes aus der aktuellen Saison sind dann heruntergesetzt.

Fabian Kniegl, Fahrradfachverkäufer aus Reitham bei München, stand uns im Interview Rede und Antwort

Fabian Kniegl, Fahrradfachverkäufer aus Reitham bei München, stand uns im Interview Rede und Antwort

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