Es sollte eigentlich ein Ort der himmlischen Ruhe sein. Doch das Bett entwickelt sich immer mehr zum Kampfplatz. Der Feind ist der Schlaf selbst, mit dem mitunter verbissen gerungen wird.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2017 leiden bis zu 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Deutschland an mehr oder weniger stark ausgeprägten Schlafstörungen. Bei jeder zehnten Person unter ihnen liegt eine schwere Insomnie, eine ernste Ein- und Durchschlafstörung, vor.

Kapseln, Tee oder Spray rezeptfrei erhältlich

Die üblicherweise als Schlafmittel verordneten Benzodiazepine oder Z-Substanzen können abhängig machen und sollten nur für kurze Zeit eingenommen werden. Alternativ wird immer häufiger Melatonin als natürliches „Schlafhormon“ angepriesen. In Form von Kapseln, Tee oder Spray soll es eine sanfte Einschlafhilfe sein.

Die Präparate sind rezeptfrei erhältlich, obwohl Melatonin als hormonaktiver Wirkstoff eigentlich verschreibungspflichtig ist. Der Grund: Die Mengen in den Präparaten sind so gering, dass sie auch in Nahrungsmitteln enthalten sein können. Daneben gibt es ein einziges in Deutschland zugelassenes Melatoninpräparat als Medikament. Es enthält Melatonin in retardierter Form, das heißt, das Schlafhormon wird langsam an den Körper abgegeben. Aufgrund der speziellen Verarbeitung ist es ein rezeptpflichtiges Medikament.

Die Wirkung des Schlafhormons Melatonin

Melatonin ist ein wichtiger Taktgeber für den Schlaf-Wach-Rhythmus. Als Gegenspieler des Stresshormons Cortisol ist es wichtig für gesunden Schlaf. Cortisol hält tagsüber wach und aufmerksam. Melatonin hingegen sorgt dafür, dass der Körper herunterfährt. Sobald es dunkel wird, bildet die Zirbeldrüse im Gehirn verstärkt dieses Schlafhormon. In der Folge wird der Energieverbrauch gedrosselt, Körpertemperatur und Blutdruck sinken.

Taktgeber: Tageslicht reguliert die natürliche Melatoninproduktion

Taktgeber: Tageslicht reguliert die natürliche Melatoninproduktion

Für die Einnahme von Melatonin als Medikament gilt eine grundsätzliche Regel: „Bei Ein- und Durchschlafstörungen müssen zunächst nichtmedikamentöse Verfahren wie Entspannungstechniken oder Schlafhygiene ausprobiert werden“, sagt Professorin Andrea Rodenbeck, Schlafforscherin am Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende sowie an der Universitätsmedizin Göttingen.

Bringe das nichts, könnten Melatoninpräparate zum Einsatz kommen. Bei rezeptfreien Präparaten sei die Wirkung in 20 bis 40 Minuten wieder vorbei, so Rodenbeck. Das Medikament hingegen werde langsam freigesetzt. „Es bildet den natürlichen Melatoninspiegel nach.“ Das Maximum liege zu Beginn der zweiten Nachthälfte.

Wirkung nicht eindeutig belegt

Die Datenlage zur Wirksamkeit von Melatonin bei Schlafstörungen ist bislang nicht eindeutig. Zu diesem Ergebnis kommt eine deutsche Übersichtsarbeit, in der verschiedene ­Studien zusammengefasst wurden. Es gebe Hinweise, dass Melatonin bei älteren Personen die Einschlafzeit verkürze und die Schlafqualität verbessere. Allerdings seien noch große Langzeitstudien erforderlich, um gesicherte Empfehlungen abgeben zu können.

Nicht retardierte Präparate mit weniger als drei Milligramm würden nicht besser als ein Placebo wirken, so eine US-amerikanische Übersichtsarbeit. Rezeptpflichtiges Melatonin als Medikament sei dagegen wirksam. Dies bestätigt auch Schlafforscherin Rodenbeck: „Vor allem bei ­älteren Menschen, bei denen nicht mehr so viel natürliches Melatonin vorhanden ist.“

Daneben wisse man von Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen: Auch in jüngeren Jahren schon können sie einen verminderten nächtliche Melatoninspiegel haben, wenn diese Störungen schon über viele Jahre andauern. „Auch hier kann das Medikament durchaus helfen.“ Allerdings ist es erst für Betroffene ab 55 Jahren zugelassen, da es sich für sie als besonders wirksam erwiesen hat.

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Geduld gefragt

Damit es überhaupt wirkt, ist Geduld erforderlich. Denn das Melatonin erzwingt nicht den Schlaf, sondern reguliert ihn. „Es kann zwei bis drei Wochen dauern, bis man eine Wirkung merkt“, so Rodenbeck. Und es müsse richtig eingesetzt werden, wie Dr. Dieter Kunz, Chefarzt der Klinik für Schlaf- & Chronomedizin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin, betont: „Nimmt man es zu einem Zeitpunkt ein, an dem man üblicherweise schläft, kann es die Schlafqualität verbessern.“ Nehme man es hingegen zu wechselnden Uhrzeiten ein, komme die innere Uhr durcheinander.

Professorin Andrea Rodenbeck, Universitätsmedizin Göttingen

Professorin Andrea Rodenbeck, Universitätsmedizin Göttingen

Keine Dauerlösung

Ganz unproblematisch sind nicht verschreibungspflichtige Melatoninpräparate, etwa in Form von Sprays, nicht. „Für mich haben sie etwas von einem falschen Heilsversprechen, denn die Dosis ist zu niedrig“, sagt Andrea Rodenbeck. Wie andere frei verkäufliche Präparate könnten sie möglicherweise dennoch helfen. Man wisse bislang zu wenig über die Wirkung.

Deutlich härter ins Gericht mit Melatonin-haltigen Sprays, Kapseln oder Tees aus Drogerien und Apotheken geht Dieter Kunz. Er hält nichts von ihnen: „Melatonin wirkt in der Behandlung von Erkrankungen, es ist ein Medikament.“ Und kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel. Eine falsche Einnahme könne gesundheitsschädlich sein. „Medikamente sollten in der Hand von Ärztinnen und Ärzten bleiben.“ Vom Kauf rezeptfreier Präparate auch als Nahrungsergänzungsmittel rät Kunz ab.

Die gute Nachricht: Melatonin-Präparate gelten insgesamt als nebenwirkungsarm, können jedoch zu Kopfschmerzen oder Übelkeit führen. Wer den Schlaf nach Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt mit dem verschreibungspflichtigen Medikament verbessern möchte, sollte sich Zeit nehmen. „Nach etwa vier Wochen bis drei Monaten sollte sich ein gesunder Schlaf-Wach-Rhythmus eingependelt haben“, sagt Andrea Rodenbeck. „Diese Zeit sollte man sich auch geben.“ Allerdings ist das Arzneimittel nur für die Anwendung über ein Vierteljahr zugelassen. Eine Dauerlösung ist es also nicht.

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