Coaching ist schwer in Mode. Während sich früher vor allem Managerinnen und Manager coachen ließen, wenden sich heute Menschen in nahezu jeder Lebenslage an einen Coach oder eine Coachin. Das Problem: Diese Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, jeder kann sich so nennen.

In Deutschland bieten rund 300 Institute entsprechende Weiterbildungen an. Der Umfang reicht vom Wochenendseminar bis zur anderthalbjährigen Berufsbegleitung. Und so steigt die Zahl der Coaches seit Jahren rapide an: Es gibt etwa 30 000, rund 8000 bezeichnen sich als Business-Coach. Doch was macht ein gutes Coaching aus? Wem hilft es? Und wann sollte man besser die Finger davon lassen?

„Gutes Coaching ist Beratung auf Augenhöhe, die Klienten dabei hilft, die Lösung selbst zu finden“, sagt Kirsten Dierolf, Präsidentin der International Coaching Federation (ICF) Deutschland. Egal ob es darum geht, mit schwierigen Mitarbeitern umzugehen, sich nach einer Scheidung neu zu orientieren oder die Zeit nach der Pensionierung erfüllend zu nutzen. Durch Fragen gilt es herauszufinden, was sich verändern soll und wie es erreicht werden kann. Je konkreter die Zielvision, desto besser. So lässt sich auch überprüfen, ob das Coaching etwas gebracht hat.

Mehr Zufriedenheit erlangen

Obwohl es beim Coaching um Selbstoptimierung geht, heißt das nicht immer: mehr Leistung. Sondern oft: mehr Zufriedenheit. Dieser Ansicht ist auch Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning, der an der Hochschule Osnabrück lehrt sowie Firmen und Behörden berät. Viele Menschen wollen mehr Geld, ein größeres Büro, aber ihnen ist nicht klar, wie sich ihre Rolle verändert, wenn sie aufsteigen, sagt er.

Eine Klientin erzählte etwa, dass sie früher beim Mittagessen mit Kollegen über die Chefin gelästert habe. Nun, seit sie selbst über andere entscheide, esse sie meist allein und die Kollegen lästerten über sie. Ein Coaching könne helfen, herauszufinden, ob einem eine Führungsposition überhaupt liegt. Doch wie erkennt man ein gute Coachin, einen guten Coach?

„Er oder sie muss verstehen, wie Menschen funktionieren“, sagt Kanning. Sollte sich also mit Emotionen, Motivation, Lernprozessen und Persönlichkeit auskennen – Wissen, das man sich zum Beispiel in einem Psychologie- oder Pädagogikstudium aneignet. Dazu sollte eine fundierte Coaching-Ausbildung absolviert worden sein. Die Stiftung Warentest empfiehlt einen Umfang von mindestens 250 Stunden. Auch Fachkompetenz ist wichtig. Kanning: „Wenn jemand Ökotrophologe ist und mir das Führen beibringen will, wäre ich skeptisch.“

Ein Ratschlag, der banal klingt. Doch auf dem Markt tummeln sich viele unseriöse Anbieter. Verbindliche Standards gibt es nicht. Auch keine wissenschaftliche Studien, die unwirksame Methoden entlarven. Laut ICF-Präsidentin Dierolf sollten Coaches sich allein an den Zielen der Klienten orientieren und kein eigenes Ziel verfolgen.

Sie warnt vor Motivationsgurus, die behaupten: Du kannst alles erreichen, du musst nur wollen. „Das stimmt nicht“, sagt sie. Das sei toxische Positivität. Menschen hätten nun mal unterschiedliche Voraussetzungen und Potenziale. Durch die Vermarktung solcher Programme würden psychische Abhängigkeiten erzeugt und Klienten das Geld aus der Tasche gezogen. Dazu zählt sie auch die Luftschlösser jener „Instagram-Coaches“, die gerne den Traum vom digitalen Nomaden erzählen, der in Bali am Strand arbeitet.

Vorsicht vor schwarzen Schafen

Von Geldmacherei im Coaching-Kontext hat auch die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg schon so oft gehört, dass sie eine Checkliste angelegt hat. Neuerdings sind es häufig junge Männer, die sich immens geschädigt fühlen, sagt Leiterin Sarah Pohl.

Einige hätten 20 000 Euro für ein Wochenende gezahlt. Sie lassen sich von selbst ernannten Coaches beeindrucken, die in Youtube-Videos in Jacuzzis sitzen und sich maskulin geben, sagt Pohl. „Sie denken, wenn sie ihr Seminar besuchen, geht es ihnen bald genauso gut.“ Solche Seminare bauen oft auf dem Schneeballsystem auf, sodass die Teilnehmer selbst Coach werden und teure Kurse verkaufen. Methodisch stecke wenig dahinter. Diese Art Coaches seien vor allem Verkäufer.

Motivationsveranstaltungen findet Pohl nicht grundsätzlich schlecht. „Dort kann eine Euphorie entstehen, die tatsächlich einen Impuls gibt, etwas zu verändern.“ Kritisch sieht sie, wenn Coaches behaupten, mit ihrer Methode jedem in jeder Lebenslage helfen zu können. „Wenn die Methode nicht wirkt, sagen sie: Du hast nicht genug daran geglaubt.“

Besonders problematisch sei zudem, wenn Klienten psychisch krank seien. „Ein Coach muss einschätzen können, wo er helfen kann und wo nicht, um Klienten keinen Schaden zuzufügen“, sagt auch Wirtschaftspsychologe Kanning. Ein Mensch mit Depressionen gehöre in Psychotherapie.

Genauso sieht es die Bundespsychotherapeutenkammer. Coaching könne helfen, Krisen zu meistern und besser mit Veränderungen klarzukommen, sagt ihr Präsident Dietrich Munz. Um nicht an die Falschen zu geraten, rät Dierolf, über die Inter­national Coaching Federation oder den Roundtable Coaching e. V. zu suchen. Mitglieder haben eine angemessene Ausbildung absolviert und Ethikrichtlinien unterschrieben. Wenn psychische Belastungen länger andauern und so gravierend sind, dass sie den Alltag deutlich einschränken, sollte psychotherapeutische Hilfe gesucht werden.

Gute Coaches …

  • … haben eine wissenschaftliche Ausbildung, etwa ein Psychologie- oder Pädagogikstudium, dazu eine fundierte Coaching-Ausbildung.
  • Sie bieten Beratung auf Augenhöhe – Coaching ist weder Therapie noch Training – und helfen Klientinnen und Klienten durch Fragen, selbst auf Antworten zu kommen.
  • Sie orientieren sich an den Zielen der Klienten, statt „ihre Methode“ in Seminaren zu verkaufen. Sie versuchen, sich selbst überflüssig zu machen, statt Abhängigkeiten zu schaffen.
  • Übliche Stundenlöhne liegen zwischen 80 Euro bei Berufseinsteigern und 500 Euro bei Business-Coaches.

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