Baby und Familie

Frau Kretz-Bünese, die Pandemie hat Eltern stark gefordert. Welche Erfah­rungen machen Sie in Ihrer Sprechstunde, wie es Eltern geht?

Tanja Kretz-Bünese: Den Eltern ha­ben vor allem die sozialen Kontakte gefehlt. Dabei ist gerade für Eltern von kleinen Kindern der Austausch mit anderen sehr wichtig. Zu fragen, wie andere das machen mit der Beikost oder wie es bei den anderen war, als das Kind mit dem Laufen angefangen hat. Wenn dieser regelmäßige Austausch nicht mehr richtig möglich ist und man plötzlich auf sich allein gestellt ist, kann das Angst machen. Gerade auch in Großstädten, wo man vielleicht kein familiäres Netzwerk hat, auf das man zurückgreifen kann.

In Ihrer Arbeit mit Eltern geht es auch darum, dass sie durch Selbstmitgefühl schwierige Situationen besser bewältigen können. Was bedeutet es eigentlich, mitfühlend mit sich zu sein?

Selbstmitgefühl bedeutet, sich in schwierigen Situationen wohlwollend und mitfühlend zu unterstützen. Man gesteht sich ein, dass niemand perfekt ist, kann sich Fehler verzeihen und die eigenen Grenzen respektieren.

Es geht nicht darum, in Selbstmitleid zu versinken. Selbstmitleid schwächt einen eher, während man durch Selbstmitgefühl stärker wird.

Kann man denn Selbstmitgefühl lernen?

Tanja Kretz-Brünese leitet die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Babys, Kinder, Jugendliche und (werdende) Eltern an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Tanja Kretz-Brünese leitet die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Babys, Kinder, Jugendliche und (werdende) Eltern an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Es ist auf jeden Fall eine Fähigkeit, die man lernen und weiterentwickeln kann. Es gibt mittlerweile auch viele Apps, Ratgeber und Kurse zu diesem Thema. Wofür man sich letztendlich entscheidet, hängt unter anderem davon ab, wie viel Interesse und Zeit man hat. Und wie viel Vorwissen. Wenn ich zum Beispiel in der Kindheit nicht die Erfahrung gemacht habe, dass ich auch Fehler machen darf, dann habe ich als Erwachsener möglicherweise Prob­leme damit, mir Fehler einzugestehen. In so einem Fall brauche ich vielleicht etwas mehr Hilfe, zum Beispiel in einer Beratung oder einem Kurs. Für zwischendurch gibt es einige schöne Apps. Sie erinnern einen im stressigen Alltag daran, mitfühlender mit sich zu sein.

Was sind denn die großen Stressfaktoren für Eltern?

Manchmal glaubt man, die Realität der anderen müsse auch die ­eigene Realität sein. Es ist normal, dass man sich mit anderen vergleicht, aber manchmal sollte man sich weniger vergleichen. Und nicht auf Instagram nach­schauen, was die anderen machen, und sich denken, dass man jetzt auch eine ganz tolle Geburtstagstorte für das Kind ­backen muss. Vor allem aber leben wir in einer Gesellschaft, in der man leisten muss. Ich muss im Beruf Erfolg haben und ich muss als Eltern gut sein.

Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten als früher. Das löst Stress aus, denn wenn ich schon alle Möglich­kei­ten habe und dann die Leistung nicht bringe, dann liegt es an mir. Dann bin ich sozusagen selbst schuld. Das heißt, Scheitern ist eigentlich keine Option. Diesen inneren Kritiker sollte man ­hinterfragen und sagen, doch, Scheitern ist eine Option.

Was meinen Sie damit? Eigentlich will ja niemand scheitern …

In der Psychotherapie stellen wir manchmal die Frage, was das Schlimmste ist, das passieren ­könnte. Und was denn wäre, wenn man tat­sächlich scheitern würde. Auf einer niedrigeren Ebene bedeutet Scheitern oft, dass man einen Fehler gemacht hat oder nicht den Erwartungen entspricht, die man an sich selbst gestellt hat. Oder von denen man denkt, dass andere sie an einen gestellt haben.

Warum ist es wichtig, dass Eltern die eigenen Bedürfnisse und Grenzen nicht aus den Augen verlieren?

Ich arbeite gerne mit dem Bild, dass Eltern eigentlich wie Autos sind. Man muss sie gelegentlich mal auftanken und in die Waschanlage schicken. Und auch mal zur Inspektion. Wenn man mit dem Ding immer weiterheizt, dann ist es irgendwann kaputt. Wenn ich mir diese Auszeit nehme und das Auto volltanke, dann tue ich damit auch was für die Familie, weil ich morgen wieder besser fahren kann.

Es hat also nichts mit Egoismus zu tun, wenn man sich regelmäßige Auszeiten nimmt?

Im Gegenteil. Was ich auch noch wichtig finde, ist Qualität statt Quantität. Sich zu fragen, was besser ist: 60 Minuten für das Kind da zu sein oder sich zehn Minuten abzuknapsen, in denen man auflädt und zum Beispiel in Ruhe isst. Und dafür dann die restlichen 50 Minuten voll da zu sein.

Wie kann man größere Auszeiten in den Alltag integrieren?

Manchen hilft es, sich feste Zeiten einzuplanen. Also zum Beispiel immer mittwochs um 18 Uhr. Ob man sich dann mit Freundinnen trifft oder zum Sport geht, ist egal, aber diese Zeit muss man nicht jedes Mal neu verhandeln. Andere empfinden es eher als stressig, wenn sie jede Woche einen festen Termin haben. Da funktioniert jeder anders.

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Sie sagen, Selbstmitgefühl bedeutet auch, sich von Perfektionismus zu lösen. Dennoch wünscht man sich natürlich, für sein Kind die perfekten Eltern zu sein …

In der Verhaltenstherapie arbeiten wir sehr viel mit Kognitionen, also mit Regeln und Denkmustern, die man oft schon in der Kindheit vermittelt bekommt. Sie helfen uns, die Welt zu verstehen. Man sollte sich allerdings hin und wieder fragen, ob diese Regeln noch für einen stimmen. Welche Kognition ist hilfreich und welche ist eine Verzerrung oder ein Falschdenken?

In den Therapiestunden stelle ich oft die Frage, ob es Perfektion überhaupt gibt. Viele sagen dann: „Es gibt eigentlich keinen perfekten Menschen, aber ich wäre es trotzdem gerne. Ich wäre ­gerne der eine, der trotzdem perfekt ist, oder die eine, die keine Fehler hat und strahlend durchs Leben geht.“

Warum fällt uns so schwer, uns von der Idee zu lösen, perfekt sein zu wollen?

Ich glaube, es ist der Gedanke, wenn ich perfekt bin, dann kann mir nichts passieren. Nach dem Motto: Dann müssen mich ja alle lieben, dann kann ich nicht aus der Gruppe ausgeschlossen werden. Wir diskutieren oft in den Sprechstunden, ob das überhaupt stimmt. Ob jemand, der wirklich in allem perfekt ist und bei dem immer alles nur toll ist, wirklich so beliebt ist. So etwas erzeugt ja auch Neid. Es kann einen auch unbeliebt machen.

Hofft man vielleicht auch, dem Nachwuchs dadurch eine perfekte Kindheit zu ermöglichen?

Ich glaube, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Das war schon immer so. Es hat sich vielleicht im Laufe der Zeit verändert, was das Beste ist, aber Eltern wollen nach wie vor alles richtig machen. Die Frage ist, ob ich den Wunsch nach Perfektion auf mein Kind übertrage. Muss mein Kind auch perfekt sein? Oder ist es in Ordnung, wenn mein Kind vielleicht erst später anfängt zu laufen oder zu sprechen?

Fällt es Kindern später leichter, selbst liebevoller mit sich um­zu­gehen, wenn die Eltern ihnen Selbstmitgefühl vorleben?

Da kommen mehrere Sachen zusammen, zum Beispiel die genetische Veranlagung, die Erziehung, aber auch Umweltfaktoren. Ich glaube, das Ein­zige, was man tun kann, ist zu versuchen, ein Vorbild zu sein in den Dingen, die einem als Eltern wichtig sind. Wobei man da auch vorsichtig sein sollte. Wenn Eltern sich jetzt auf die Liste schreiben sollen, dass sie heute auch noch Mitgefühl üben müssen, dann wird die Luft ziemlich dünn.

Die Frage ist eher, ob ich meine Liste vielleicht einfach mal wegwerfe oder ob ich grundsätzlich fünf Sachen weniger auf die Liste schreibe. Es kann auch helfen, die Perspektive zu wechseln und sich zu fragen, was man einer guten Freundin oder einem guten Freund in einer stressigen Situation raten würde.

Wenn es gerade drunter und drüber geht und ich das Gefühl habe, dass alle anderen es besser hinbekommen: Wie kann mir Selbstmitgefühl helfen, mich von diesen Gedanken zu befreien?

Hier kann zum Beispiel die „Stopp-Übung“ helfen. Das S steht für „Stopp“. Man drückt sozusagen die Pausentaste. T steht für „Take a breath“. Man konzentriert sich auf die Atmung und kommt wieder im Hier und Jetzt an. O steht für „Observe“. Das bedeutet, man beobachtet sich selbst: Welche Gedanken habe ich gerade, was fühle ich? Das P steht für „Proceed“, also „Weitermachen“. In solchen Situationen ist es gut, die Pausentaste zu drücken und erst mal ganz tief ein- und auszuatmen.

Und wie gehe ich damit um, wenn mich andere kritisieren, etwa
die Großeltern oder andere Eltern?

Es kommt darauf an, wie sehr man sich von so etwas verunsichern lässt. Wie stark gerate ich ins Wanken, wenn jemand eine andere Meinung hat? Und wie sehr kann ich auf meine intuitiven elterlichen Kompetenzen ver­trauen? Ich glaube, wenn man überzeugt davon ist, dass man etwas richtig macht, dann prallt Kritik einigermaßen ab. Aber keiner wird gerne kritisiert. Und wir leben in einer Gesellschaft, die nicht besonders fehlerfreundlich ist.

Was hilft einem denn, mit den ­eigenen Fehlern klarzukommen?

Man sollte sich nicht verstecken, son­dern aus der Deckung kommen und sich den anderen mitteilen: sagen, wie es einem wirklich geht, was einem Angst macht oder nicht gut gelaufen ist. Wenn wir keine Fehler mehr machen, lernen wir nichts mehr. Wir wollen immer alle besser werden, aber dafür müssen wir auch Fehler machen.

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