Frau Grümmer, warum ist ein Hörbuch das schönste Abschiedsgeschenk, das unheilbar kranke Eltern ihren Kindern machen können?

Klar kann man aufschreiben: „Ich liebe dich und bin glücklich, deine Mutter zu sein.“ Es ist aber etwas anderes, das zu hören. Die Stimme hat eine Seele, sie ist etwas besonders Authentisches. Die Emotionen schwingen in ihr mit, sie ist einzigartig wie ein Fingerabdruck. Und die Stimme ist das Erste, was man vergisst, wenn sie nicht mehr klingt.

Wie kamen Sie auf die Idee zum Familienhörbuch?

Früher war ich beim Deutschlandfunk in der Wissenschaftsredaktion und habe viel über Palliativmedizin berich­tet. Mein Motto, Menschen eine ­Stimme zu geben, zieht sich wie ein roter Faden durch mein berufliches Leben. Als ich Mutter wurde, dachte ich: Was würdest du also tun, wenn du eine lebensverkürzende Krankheit hättest?

Und Sie selbst hätten ein Hörbuch über Ihr Leben aufgenommen?

Ich habe damals vor 30 Jahren – als junge Mutter – gedacht: Ich würde mir einen Kassettenrekorder nehmen und alles draufquatschen, was ich meinen Kindern sagen möchte.

Seit 2017 helfen Sie nun unheilbar kranken Eltern dabei, im Prinzip genau das zu tun. Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Im ersten Schritt bekommen Eltern, die sich bei uns melden, einen Fragebogen von uns zugeschickt: Wie lautet die Diagnose, wie alt sind die Kinder, wer ist der behandelnde Arzt? Dann führen wir ein Aufnahmegespräch und ­organisieren die Interviews. Überall in Deutschland sind unsere Audiobiografinnen und -biografen verteilt.

Wie finden diese Gespräche statt?

Die Erkrankten treffen sich mit „ihrer“ Audiobiografin oder ihrem Audiobiografen an einem schönen Ort außerhalb des Alltags, dann reden sie bis zu drei Tage. Je nach Gesundheitszustand finden diese Treffen auch zu Hause, im Krankenhaus oder im Hospiz statt. Manchmal auch online. Dann schicken wir den Eltern das technische Equipment zu und arbeiten via Bildschirm.

Um welche Themen geht es bei Ihren Gesprächen?

Die Eltern dürfen alles erzählen, was sie wollen. Wir unterstützen sie bei ihrer Wanderung durch das Leben. Wir sind die professionellen Zuhörerinnen und Zuhörer, wir fragen nach und liefern Ideen.

Eine Krankheit bringt immer auch eine Entwicklung mit sich.

Wie gehen Sie mit schwierigen Inhalten um?

Es gibt keine Tabuthemen. Aber: Das Erzählte darf nicht zur Belastung
für die Kinder werden. Wir achten darauf, dass es keine Rache, keine An­klage gibt. Auch Familiengeheimnisse, Gewalterfahrungen können erzählt werden, aber es ist immer eine Frage der Wortwahl. Uns ist außerdem wichtig, dass keine „Aufträge“ posthum verteilt werden, die dann zu einer lebenslangen Belastung für die Kinder werden können. Bei schwierigen Themen unter­stützen uns ehrenamtliche Psychologinnen und Psychologen.

Haben Sie ein Beispiel?

Es ist nicht selten, dass bei Frauen in der Schwangerschaft der Krebs diagnostiziert wird. Wenn dieses Kind irgendwann nachrechnet und versteht, dass sich die Mutter dafür entschieden hat, es auszutragen, anstatt sich ­therapieren zu lassen, ist das nicht ganz ohne. Solch schwere Themen werden nicht verheimlicht, aber so erzählt, dass sie kein Vorwurf, kein Schicksal sind. Welche Worte man da wählt, muss man durchsprechen.

Was ist mit Alleinerziehenden? Da gibt es ja oft im Vorfeld Konflikte mit dem anderen Elternteil.

Wut und Enttäuschung, all den Zorn rund um die Trennung, lassen Eltern ihrer Audiobiografin oder ihrem Audiobiografen gegenüber schon raus. Wenn das Mikrofon aber an ist, bauen sie oft goldene Brücken. Palliativ­patienten haben häufig einen anderen Blick auf die Welt. Eine Krankheit bringt immer auch eine Entwicklung mit sich.

Was berührt Sie in den Gesprächen am meisten?

Die Tiefe, die immer wieder entsteht. Als Audiobiografin bin ich ein biss­chen wie die Fremde im Zug, der man sein ganzes Leben erzählt. Wir halten das alles aus, wir fühlen, aber wir leiden nicht mit. Obwohl der Anlass traurig ist, wird in den Gesprächen oft das Leben gefeiert. Die Erzählenden lassen ihre Stationen Revue passieren, wir ­schauen viel auf die guten Momente. Die meisten Eltern sind dankbar dafür, was sie erleben durften. Und auch für die Krisen, die sie bewältigen konnten.

Nach drei Tagen Gesprächen gibt es sicherlich sehr viel Material …

Am Ende sind etwa 20 Stunden Interview auf Band, das geht dann zu den Sounddesignern. Sie schneiden und sorgen für den guten Klang. Die Eltern können auch Musik aussuchen, es wird historisches Tonmaterial verwendet wie etwa vom Mauerfall. Manche haben noch das erste Krähen ihres Babys auf dem Handy oder sie lesen aus ihrem Lieblingsbuch vor. All das bringen wir zum Klingen. Die Hörbücher dauern im Schnitt sechs bis sieben Stunden.

Was löst die Arbeit am Hörbuch bei den Müttern und Vätern aus?

Durch das Erzählen der eigenen Biografie bekommen sie ein Stück Autonomie zurück. Diese verlieren ­Pa­tientinnen und Patienten häufig allein dadurch, dass sie sich im Zeitkorsett ihrer Thera­pie befinden – sie sind durch die Krankheit fremdbestimmt. Jetzt kommen sie ins Gestalten. Es ist ein Blick auf die Zeit, in der es noch nicht um Tumorwerte und Fieber ging.

Fällt Eltern der Abschied durch den Blick auf ihr Leben auch leichter?

Viele sagen: Jetzt fange ich an, mich mit meinem Tod aus­einanderzusetzen – sie versöhnen sich mit ihm. Sie erkennen, wie viel sie erlebt haben. Es ist nicht der Blick auf das abgeerntete Feld, sondern auf die vollen Scheunen.

Trotzdem ist es furchtbar, die ­eigenen Kinder zurückzulassen.

Keine Frage. Aber die Liebe zu einem Kind erlebt zu haben, erfüllt mit Dankbarkeit. So schrecklich die Krankheit auch ist, viele beschreiben die Liebe ihrer Kinder als hilfreich. Sie genießen die Zeit, die ihnen bleibt, ganz bewusst.

Welcher Aspekt ist für die tod­kranken Eltern am schlimmsten?

Dass sie ihren Kindern zumuten müssen, ohne Mama oder Papa weiterzuleben. Deshalb empfinden sie das Hörbuch als Entlastung, dass sie mit ihrer eigenen Stimme nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihre Lebenserfahrungen weitergeben können. Es sind ja keine Sterbegeschichten. Es sind Liebesgeschichten – es geht immer um die Liebe zu ihren Kindern. Sonst würden sie das Hörbuch nicht aufnehmen.

Was geben Eltern ihren Kindern vor allem mit auf den Weg?

Viele Eltern sagen: „Du bist ein starkes Kind. Meine Liebe wird dich begleiten, wenn ich gestorben bin.“ Das hat nichts damit zu tun, ob die Leute an ein Leben nach dem Tod glauben oder nicht. Dass die Liebe bleibt und über den Tod hinausgeht, sagen wirklich alle.

Gibt es auch etwas, was Menschen am Ende ihres Lebens am meisten bereuen?

Ich zitiere mal aus zahlreichen Studien flapsig: „Auf dem Sterbebett hat noch niemand gesagt: ‚Ich habe zu wenig gearbeitet.‘“ Der Beruf und die Zwänge des Lebens sollten einen nicht davon abhalten, die Kinder, die Liebe und Freundschaften zu genießen. Am Ende relativiert sich eben vieles.

Für die Kinder ist das Hörbuch sicher ein lebenslanger Schatz …

Ja. Sie können es sich im Laufe ihres Lebens immer wieder anhören. Etwa wenn sie selbst Eltern werden oder sich fragen: „Wie war das bei meinen Eltern?“ Kinder wollen wissen, wer ihre Mama oder ihr Papa war. Im Hörbuch bekommen sie eine Antwort.

Wie viele Hörbücher konnten Sie bislang realisieren?

Seit 2017 konnten wir 165 Hörbücher übergeben, 33 realisieren wir ge­rade. Ein Hörbuch kostet uns zwischen 5000 und 6000 Euro, da stecken 100 Arbeitsstunden drin. Das geht nur, weil so viele Ehrenamtliche mit­arbeiten. Die Audiobiografinnen und Audiobiografen bezahlen wir. Wir finanzieren uns nur über Spenden.

Was nehmen Sie selbst aus Ihrer Arbeit mit?

Bewusster leben, öfter mal das Gas rausnehmen und die kleinen, schönen Momente genießen. Das intensive Wahrnehmen, das Einatmen und Ausatmen, die Wärme auf der Haut spüren, das Kinderlachen hören. Manche sagen, dass sie das erst in der Krankheit gelernt haben.


Quellen:

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