Baby und Familie

Wer schwanger ist und an Allergien leidet, macht sich sicher viele Gedanken darüber, ob es eine Möglichkeit gibt, dem Baby die Allergien zu ersparen. Stillen senkt das Risiko. Tatsächlich belegen das internationale Studien. Doch nicht jede Mutter kann oder will ihrem Neugeborenen die Brust geben. Das ist okay. In dem Fall kann auch Formula-­Nahrung vorbeugen: die sogenannte HA-Milch. Das versprechen die Hersteller und auch die allergologischen Fachgesellschaf­ten empfehlen in der "Leitl­inie Allergieprävention" die Spezial­milch. Ausdrücklich aber nur dann, wenn ein Baby nicht gestillt wird und mindestens ein Elternteil Allergiker ist. Momentan aber diskutieren Wissenschaftler viel, ob HA-Nahrung tatsächlich eine vorbeugende Wirkung hat. Zeit für ­einen kri­tischen Blick.

Dr. Lars Lange von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie

Dr. Lars Lange von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie

Volkskrankheit Allergie

Fast jeder dritte Erwachsene hat eine Allergie. Wissenschaftlicher Konsens besteht darüber, dass Allergiker-Kinder ein erhöhtes Risiko haben, selbst eine ­Allergie zu entwickeln. Ist nur ein Elternteil betroffen, liegt dieses Risiko bei 20 bis 40 Prozent. Plagen beide Eltern dieselbe Allergie, steigt das Risiko fürs Kind auf 60 bis 80 Prozent. "Risikokinder sollten vier Monate vollgestillt werden", rät Dr. Lars Lange von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie. Der Kinder- und Jugendmediziner behandelt in der Kinderallergologischen Ambulanz der GFO Kliniken Bonn viele Betroffene. Er nimmt Nichtstillenden das ­schlechte Gewissen: "Allergien verwachsen sich häufig, und Stillen verhindert eine Allergie nicht automatisch. Es senkt das Risiko aber nachweislich."

Wie zerbrochene Spaghetti

Dasselbe gilt für HA-Nahrung. Auch sie verhindert eine Allergie nicht, senkt aber das Risiko. HA steht für "hypoallergen" und meint, dass diese Milch weniger Allergie auslösend ist. Von einer Allergie sprechen Mediziner, wenn eigentlich harmlose Eiweißmoleküle das Immunsystem überreagieren lassen. Die Basis der HA-Nahrung ist Kuhmilch. "Der Trick besteht darin, dass das Kuhmilch-Eiweiß hier teilweise aufgespalten wird", erklärt Allergologe Lange. Dieser Prozess heißt Hydrolyse, weshalb ­HA-Milch auch als Hydrolysat-Nahrung bezeichnet wird. Ziemlich kompliziert? Da hilft der Spaghetti-Vergleich: In herkömmlicher Flaschenmilch sind und bleiben die Spaghetti ganz. In HA-Milch sind sie in ­kleine Stücke zerbrochen. Die Idee: Das Immunsystem erkennt die zerkleinerten Stücke nicht mehr als fremd und startet keine Abwehrreaktion.

Es braucht weitere Studien

Ob dies tatsächlich geschieht, ist unklar. Britische Forscher konnten in einer Meta-Analyse nicht beweisen, dass hypo­allergene Babymilch das Allergierisiko senkt. Die GINI-Studie, eine ­deutschlandweite Untersuchung zur Allergievorbeugung mit Säuglingsnahrung, zeigte für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko zwar einen vorbeugenden Effekt. "Doch nur für Neurodermitis, nicht für Asthma oder Heuschnupfen", schränkt Lange ein. Und nicht ­jede Hydro­lysat-Nahrung erwies sich als vorbeugend wirksam. Nur: Neurodermitis kommt bei Babys und Kleinkindern besonders häufig vor. Sie sind die am stärksten betroffene Altersgruppe. "Wir Allergo­logen raten deshalb momentan weiterhin, nicht gestillte Risiko-Säuglinge mit HA-Milch zu füttern", sagt Lange.

Derzeit laufen viele klinische HA-Milch-Studien, da die Hersteller ab 2021 belegen müssen, dass ihr Produkt das Allergierisiko senkt. Das schreibt ­eine EU-Verordnung vor. Bisher durften sie dies auch ­ohne den konkreten Nachweis für ihr Produkt auf die Packung schreiben. "Ich rate Allergiker-Eltern, den Kinderarzt ins Boot zu holen", sagt der Experte. "Dieser kann ein wissenschaftlich basiertes Produkt empfehlen." ­Übrigens: Hat ein Säugling kein erhöhtes Allergie­risiko, bietet auch hypoallergene Babymilch nicht mehr Schutz.

Bei Allergie keine HA-Milch

Wenn Eltern bereits eine Allergie vermuten, etwa weil Blutfäden im Babystuhl sind – ein Hinweis auf Kuhmilch-Allergie –, geht’s ebenfalls zum Kinderarzt. Bei einer diagnostizierten Allergie heißt es nämlich: Finger weg von der HA-Milch. "Diese Babys brauchen – sofern sie nicht gestillt werden – unbedingt eine Spezialnahrung", betont Allergologe Lange.

Keine Milch-Experimente

Doch wäre es nicht sinnvoll, ganz auf Kuheiweiß zu verzichten und etwa Soja-, Ziegen- oder Mandelmilch in die Babyflasche zu füllen? "Nein", sagt ­­Lange und warnt: "Das gefährdet die Gesundheit des Säuglings massiv." Babymilch darf niemals selbst gemischt oder durch eine nicht speziell für Säuglinge zugelassene Milch ersetzt werden. Diesen Milchen fehlen lebensnotwendige Nährstoffe, sie sind nicht auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet. Und: "Jede artfremde Milch enthält Eiweiß und kann ­daher auch eine Allergie auslösen", so der Experte.

Ungestillte Kinder von Allergikern bekommen ­also HA-Nahrung (anfangs Pre-Milch, später 1er-Milch). Sie wird bis zum Beginn der Beikost zwischen dem fünften und siebten Monat gefüttert. Dann ist, was bis dahin vermieden wurde, ausdrücklich erwünscht: der Allergen-Kontakt. Er senkt das Allergie­­risiko, daher verliert HA-Nahrung nun ­ihren Nutzen, Eltern können sie aber weiterhin geben.

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