Ermüdungsbrüche: Überlastete Knochen

Wiederholte Überlastungen können Knochen zusetzen, bis sie brechen. Eine derartige Stressfraktur kündigt sich oft bereits im Vorstadium durch Schmerzen an

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 14.04.2016

Ermüdungsbrüche treffen oft Sportler


1855 beschrieb der preußische Militärarzt Breithaupt die Marschfraktur: Ihm war aufgefallen, dass junge Rekruten der Armee vielfach unter einer schmerzhaften Schwellung des Vorfußes litten. Ursache waren Brüche von Mittelfußknochen, die durch ausgedehnte Gewaltmärsche "morsch" geworden waren. Heutzutage treten solche Ermüdungsbrüche häufig bei Leistungssportlern auf, aber ebenso bei Freizeitathleten. "Springen und Marathon laufen sind zum Beispiel starke Risikofaktoren, aber auch intensives Tennisspielen oder rhythmische Sportgymnastik kann manche Knochen zermürben", berichtet der Regensburger Unfallchirurg, Orthopäde und Sportmediziner Prof. Dr. Rainer Neugebauer. Frauen seien rund zehnmal häufiger betroffen als Männer.

Dabei kann es Jung und Alt erwischen: "Einerseits erleiden oft Kinder und Jugendliche in der Wachstumsphase, meist in etwa von acht bis sechzehn Jahren, eine sogenannte Stressfraktur", so Neugebauer. "Andererseits trifft es auch gerne Hobbysportler über vierzig Jahren, die ihr Trainingspensum erhöhen. Besonders gefährdet sind sie, wenn sie vorher eine Zeit lang kaum Sport betrieben haben."

Ermüdungsbrüche an vielen Stellen möglich

Je nach dem Schwerpunkt der Belastung können diese Brüche an ganz verschiedenen Bereichen des Skeletts vorkommen. Mehrheitlich jedoch, in ungefähr 85 Prozent der Fälle, sind die unteren Gliedmaßen betroffen, neben den Mittelfußknochen auch Fersenbein, Schienbein oder der Schenkelhals des Oberschenkelknochens. Im Einzelnen hängt das zum Beispiel vom Lauf- oder Sprungstil sowie anatomischen Gegebenheiten wie Fehlstellungen ab. Auch an den Armen kommt die Verletzung vor: "Tennis- und Baseballspielern bricht mitunter der sogenannte Ellenhaken am Ellbogen ab", ergänzt Neugebauer.

Früher war außerdem die sogenannte Schipperkrankheit verbreitet, und sie kommt auch heute noch vor: Der Abrissbruch eines Wirbelfortsatzes, meist des Dornfortsatzes am unteren Halswirbel, durch ständige schwere Schaufelarbeiten. Sogar wiederkehrende starke Hustenanfälle können über einen längeren Zeitraum hinweg die Knochen ermüden: Dann brechen die Rippen durch eine sogenannte Hustenfraktur.

Mehrere Risikofaktoren spielen zusammen

Oft kommen bei der Stressfraktur zur intensiv betriebenen Ausdauersportart noch weitere Risikofaktoren hinzu: Orthopädische Probleme wie angeborene Fehlformen der Füße oder Beine tragen unter Umständen zu einer Fehlbelastung des Knochens mit entsprechender Überforderung bei. "Gerade bei Kindern kann durch Training ein Missverhältnis resultieren zwischen der Muskelkraft und dem, was die Knochen aushalten", weiß Neugebauer. "Und bei figurbewussten Jugendlichen, vor allem Mädchen, schwächt unter Umständen eine mangelhafte Ernährung den Knochenbau." Kommt es bei jungen Sportlerinnen zu einem Ausbleiben der Periodenblutung, weil sie einen Mangel an Geschlechtshormonen entwickelt haben, kann das auf ein erhöhtes Risiko für Ermüdungsbrüche hindeuten. Denn ein ausreichender Hormonspiegel ist für einen ausgeglichenen Knochenstoffwechsel wichtig.

Andere Knochenerkrankungen ausschließen

Einen wichtigen Beitrag leistet die medizinische Bildgebung auch, wenn es darum geht, andere Skeletterkrankungen von einem Ermüdungsbruch abzugrenzen. Knochenentzündungen etwa oder Osteonekrosen, bei denen wegen mangelhafter Durchblutung ein Stück des Knochens abstirbt, gehen mit vergleichbaren Schmerzen einher. Auch Knochentumoren bereiten anfangs mitunter ähnliche Beschwerden. Zudem sind sogenannte krankhafte Brüche (pathologische Frakturen) durch Metastasen möglich. Oftmals treten dann aber noch weitere Krankheitszeichen auf.

Können die Kernspinaufnahmen nicht klären, ob ein vollständiger Ermüdungsbruch mit Beteiligung der Kortikalis vorliegt, hilft eventuell eine Computertomografie (CT) oder ein anderes Untersuchungsverfahren weiter. Die CT setzen die Ärzte nicht zuletzt wegen der Strahlenbelastung eher sparsam ein.

Behandlung von Stressfrakturen

Wichtigste Maßnahme bei einem Ermüdungsbruch ist die Entlastung des Knochens. Solange keine Schmerzen dabei auftreten, darf man sich normal bewegen. "Die Betroffenen benötigen in der Regel keine Operation, weil sich – im Gegensatz zu akuten Frakturen – die Bruchstücke normalerweise nicht verschieben. Die frühe Diagnose ist wichtig", erläutert Neugebauer. Allerdings sind je nach Bruchstelle manchmal ein Gips oder eine Fußschiene mit einer versteiften Sohle für drei bis vier Wochen nötig, um den betroffenen Knochen und angrenzende Gelenke ruhig zu stellen und die Schmerzen zu beherrschen. Nach sechs bis acht Wochen kann Schritt für Schritt mit dem Aufbau der Belastung begonnen werden. Bis zur vollen Belastungsfähigkeit dauert es aber in etwa vier bis sechs Monate. Neugebauer ergänzt: "Und bei Sportlern sollte man dann Trainingspensum, Ausrüstung und Bewegungsabläufe wie die Sporttechnik, den Laufstil, überprüfen, um in Zukunft Überlastungen zu vermeiden und weiteren Ermüdungsbrüchen vorzubeugen."

Bei den reiferen Jahrgängen, vor allem Frauen, schwächen eventuell Stoffwechselerkrankungen wie Knochenschwund, medizinisch Osteoporose, das Skelett zusätzlich, bevor ein Bruch entsteht. Wenn dann der Knochen schon durch eine normale Belastung bricht, spricht der Mediziner von einer Insuffizienzfraktur.

Vorboten manchmal falsch gedeutet

Ermüdungsbrüche treten oft schleichend auf. "Auslöser für die Verletzung sind immer wiederkehrende Fehlbelastungen beziehungsweise Überlastungen des Knochens", erklärt Neugebauer. "Zunächst nehmen dadurch die Knochenbälkchen im Inneren des Knochens Schaden. Wenn die Belastung weitergeht, bricht dann auch irgendwann die stabile Knochenrinde, die sogenannte Kortikalis."

Erste Anzeichen eines sich ankündigenden Ermüdungsbruchs sind Schmerzen am Knochen sowie Schwellungen, eventuell mit Rötung und Erwärmung. "Diese Symptome werden gerne abgetan als Prellung, Stauchung oder Verletzung der Knochenhaut. Oder die Betroffenen halten es zum Beispiel für eine Sehnenscheidenentzündung", sagt Neugebauer. Deshalb sei es wichtig, darauf achten, in welchem zeitlichen Zusammenhang zum Training die Schmerzen auftauchen. "Und wenn eine 'Prellung' mehr als acht Tage Beschwerden macht, sollte man unbedingt genauer hinsehen", warnt Neugebauer. Bildgebende Methoden erleichtern die Diagnose: Noch vor dem Bruch der Kortikalis kann eine Kernspintomografie eine Schwellung im Knochen erfassen. Unter Umständen zeigt sich auch eine Flüssigkeitsansammlung in der Knochenhaut (Periost), die den Knochen umgibt. Diese entsteht durch eine Entzündungsreaktion, mit der der Körper den Schaden zu beheben versucht.