Appendektomie („Blinddarmentfernung“)

Bei einer Blinddarmoperation, auch Appendektomie genannt, entfernt der Arzt den Wurmfortsatz am Blinddarm. Grund ist meistens eine Entzündung des Wurmfortsatzes

von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 04.04.2017
Minimal-invasive Blinddarm-OP beim Kind

Laparoskopische Blinddarmoperation bei einem Kind


Der Wurmfortsatz, medizinisch die Appendix, ist ein etwa zehn Zentimeter langer Fortsatz am Blinddarm. Der Blinddarm beschreibt den Teil des Dickdarms, der von der Mündung des Dünndarms aus sozusagen eine Sackgasse darstellt, während der restliche Dickdarm die Nahrungsreste Richtung After transportiert. Wegen Lage und Struktur des Blinddarms entsteht dort leicht eine Entzündung des Wurmfortsatzes, von Medizinern Appendizitis genannt. Sie ist der wichtigste Grund für eine Blinddarmoperation.

In der Umgangssprache heißt die Appendizitis fälschlicherweise "Blinddarmentzündung", obwohl eigentlich nur der Wurmfortsatz entzündet ist, also "Wurmfortsatzentzündung" richtiger wäre. Am häufigsten ist diese Entzündung zwischen dem ersten und dem dritten Lebensjahrzehnt.

Hat der Wurmfortsatz eigentlich eine Funktion?

Der Wurmfortsatz beinhaltet lymphatisches Gewebe und gehört zum Immunsystem des Darms. Außerdem gehen Forscher davon aus, dass Blinddarm und Wurmfortsatz im Normalfall eine Art Speicher für gesunde Darmflora bilden. Nach einem Magen-Darm-Infekt mit Durchfall, bei dem der restliche Darm "durchgespült" wird, können sich dann leichter von dort aus wieder gesunde Darmbakterien über den restlichen Dickdarm ausbreiten, so die Theorie. Diese Funktion sei vor allem in früheren Zeiten wichtig gewesen, in denen durch unhygienische Zustände sehr oft Magen-Darm-Infektionen auftraten.

Frau mit Bauchschmerzen

Wie stellt der Arzt eine Appendizitis fest?

Die Diagnose ist nicht immer einfach, denn die Entzündung kann sich unterschiedlich bemerkbar machen. Wichtigstes Symptom einer Entzündung des Wurmfortsatzes sind wandernde Bauchschmerzen von der Nabelgegend in den Unterbauch. Das Beschwerdebild und typische Befunde bei der Untersuchung des Bauches sind der wichtigste Hinweis auf eine akute Appendizitis. Mehr zu typischen Beschwerden und Untersuchungsmaßnahmen bei einer Appendizitis finden Sie unter Blinddarmentzündung.

Wie gefährlich ist eine Blinddarmentzündung?

Die häufigste Komplikation einer akuten Entzündung des Wurmfortsatzes ist ein Einreißen der entzündeten Darmwand, eine sogenannte Perforation. Ein anderer Ausdruck für diese Komplikation lautet "Blinddarmdurchbruch". Das passiert immerhin bei bis zu dreißig Prozent der Betroffenen, und zwar meistens 24 bis 36 Stunden nach dem Beginn der Entzündung.

Wenn Nachbarstrukturen wie zum Beispiel Darmschlingen die Öffnung bedecken, sprechen Mediziner von einer gedeckten Perforation. Dann entstehen im Bauchraum Eiteransammlungen, Abszesse genannt, die je nach Lage des Wurmfortsatzes hinter dem Darm, in der Leiste oder auch in anderen Bereichen liegen können. Bei einer offenen Perforation entleert sich der Darminhalt in die Bauchhöhle. Folge ist eine ausgedehnte Entzündung des Bauchfells. Diese sogenannte Peritonitis ist ein sehr schweres Krankheitsbild. Auch lebensbedrohliche Verläufe kommen vor.

Manchmal kommt es auch zu einer sogenannten chronischen Appendizitis. Das sind immer wiederkehrende rechtsseitige Unterbauchschmerzen ohne Hinweise auf eine akute Blinddarmentzündung. Ursache können zum Beispiel Narben und Verwachsungen des Wurmfortsatzes mit seiner Umgebung sein.

Wann nehmen Ärzte eine Blinddarmoperation vor?

Ärzte entscheiden sich in der Regel für die Blinddarmoperation, also eine Appendektomie:

  • bei einer sicheren oder vermuteten Entzündung des Wurmfortsatzes
  • bei einem sicheren oder vermuteten Durchbruch des Wurmfortsatzes
  • bei Hinweisen auf einen Abszess im Bereich des Wurmfortsatzes
Ultraschalluntersuchung

Entscheidend für die Diagnose ist das klinische Bild, also der Befund, den der Arzt in der körperlichen Untersuchung erhoben hat. Blutuntersuchungen und Ultraschall können sie noch untermauern. In seltenen unklaren Fällen erbringt eine CT-Untersuchung Klarheit.

Bei  chronisch wiederkehrenden rechtsseitigen Unterbauchbeschwerden, bei denen andere Ursachen wie Blasenentzündung und Eileiterentzündung ausgeschlossen sind, kann  eine Appendektomie erfolgreich sein.  Selten erfolgt die Operation aufgrund von gutartigen oder bösartigen Tumoren im Wurmfortsatz. Diese Tumoren wachsen oft versteckt und verursachen lange Zeit keine Beschwerden. Mitunter werden sie zum Beispiel im Rahmen einer Bauchspiegelung zufällig entdeckt.

Operationsrisiko bei Appendizitis

Das Operationsrisiko bei einer Appendizitis gilt als gering. Nach einer Perforation steigt es jedoch um ein Vielfaches an. Daher gilt bei Verdacht auf eine Appendizitis die Operation als das Behandlungsverfahren der ersten Wahl. Eine rein konservative Therapie mit Antibiotika ist bis heute eine Ausnahme. Sie ist in der Regel nur dann zu rechtfertigen, wenn bei einem Patienten aufgrund von begleitenden Erkrankungen ein stark erhöhtes Operationsrisiko besteht oder eindeutig eine unkomplizierte Entzündungsform im frühen Stadium nachgewiesen werden kann. Auch in diesen Situationen entscheiden Ärzte sich spätestens dann zu einer Operation, wenn sich nach 24 bis 48 Stunden die Symptome nicht deutlich bessern.

Offene oder laparoskopische Operation?

Eine Appendektomie kann entweder als offene Operation oder per Bauchspiegelung, also als minimal invasive Operation mit einem Laparoskop erfolgen. Für die meisten Situationen sind beide Verfahren gleich gut geeignet, das heißt, es gibt kaum relevante Unterschiede im Risiko und dem Ergebnis der Operation. Vorteil einer laparoskopischen Operation ist, dass der Arzt bei diesem Verfahren den gesamten Bauchraum beurteilen kann, zum Beispiel auch die inneren Geschlechtsorgane bei der Frau.

Blinddarm (Schematische Darstellung)

Hilfreich ist das vor allem dann, wenn sich in der Operation zeigt, dass der Blinddarm doch nicht die Ursache der Beschwerden war. Daneben ist auch das kosmetische Operationsergebnis oft besser, weil kleinere Narben entstehen. Außerdem gibt es in der Fachliteratur Hinweise darauf, dass entzündliche Komplikationen nach diesem Operationsverfahren seltener sind.

In jüngerer Zeit bevorzugen viele Ärzte das laparoskopische Verfahren zur Appendektomie in allen Altersgruppen.

Bei technischen Schwierigkeiten oder starken Verwachsungen muss der Arzt manchmal von einer laparoskopischen Operation zu einer offenen Operation umschwenken.

Vorbereitung auf die Operation

Wenn der Verdacht auf eine Blinddarmentzündung besteht, sollte der Patient nichts mehr essen. Falls sich die Appendizitis bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befindet, geben Ärzte oft Antibiotika und Flüssigkeit über die Vene, um die Entzündung vor der Operation zu verringern. Die Operation wird in Vollnarkose durchgeführt.

Konventionelle "offene" Operation

Bei dieser Methode entfernt der Arzt den Wurmfortsatz über einen schräg verlaufenden etwa sechs Zentimeter langen Bauchschnitt im rechten Unterbauch. Er trennt den Appendix an seiner Verbindung zum Blinddarm ab und verschließt die Öffnung am Blinddarm mit einer speziellen Naht (Tabaksbeutelnaht). Der Schnitt in der Bauchwand wird Schicht für Schicht vernäht, in der Regel mit einem selbstauflösenden Faden.

Bei einem Durchbruch des Wurmfortsatzes (Perforation) muss der Arzt den Bauchraum ausspülen, um Stuhl, Eiter und Bakterien zu entfernen. Häufig legen die Ärzte dann Schläuche (Drainagen) ein, über die die Entzündungsflüssigkeit auch nach der Operation nach außen abfließen kann.

Laparoskopische Operation

Durch einen sehr kleinen Schnitt am Nabel führt der Chirurg über eine sogenannte Führungshülse ein Endoskop mit einer kleinen Kamera und Lichtquelle in die Bauchhöhle ein. Um den Darm von der Bauchwand zu lösen, wird gleichzeitig Kohlendioxid-Gas in den Bauchraum geblasen. Über zwei weitere kleine Schnitte im Unterbauch führt der Arzt die notwendigen Instrumente für die Operation in den Unterbauch ein. Mit einem Klammernahtgerät oder zwei selbstknotenden Schlingen trennt der Chirurg den Wurmfortsatz an seiner Verbindung zum Blinddarm ab und entfernt ihn aus dem Körper, ebenfalls über eine Führungshülse. Die drei Schnitte werden von innen nach außen vernäht, im Normalfall mit selbst auflösenden Fäden.

Risiken und Komplikationen einer Blinddarmoperation

Wie bei jeder Operation im Bauchraum kann es zwar grundsätzlich zu Verletzungen von Darmabschnitten oder anderen Organen kommen, ebenso wie zu Nachblutungen nach der Operation. Diese Komplikationen treten jedoch glücklicherweise nur sehr selten auf.

Häufiger sind postoperative Infektionen wie Wundinfektionen oder Abszesse im Operationsfeld. Eine sehr ernste Komplikation ist es, wenn die Naht an der Stelle, an der der Wurmfortsatz vom Blinddarm abgetrennt wurde, wieder aufgeht, also eine Nahtinsuffizienz besteht: Dadurch kann sich Darminhalt in den Bauchraum entleeren und zu einer Peritonitis führen. Dann ist sofort eine erneute Operation und Spülung des Bauchraumes notwendig.

Nachbehandlung

Nach einer unkomplizierten Operation erholen sich die Betroffenen meist sehr schnell wieder. Üblicherweise können sie bereits am ersten Tag nach der Operation wieder Tee und Suppe zu sich nehmen, ab dem zweiten Tag ist im Normalfall Ernährung mit Schonkost möglich. Je nach Befund bleiben die Patienten in der Regel zwischen drei und fünf Tagen im Krankenhaus. Nach einer konventionellen Operation ist noch für vier bis sechs Wochen körperliche Schonung angesagt, nach einer laparoskopischen Operation nur für etwa zwei Wochen.

Frau Professor Dr. med. Karin Rothe

Beratende Expertin: Frau Professor Dr. med. Karin Rothe ist Fachärztin für Kinderchirurgie. Sie ist Direktorin der Klinik für Kinderchirurgie an der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Zuvor leitete sie den Funktionsbereich Kinderchirurgie der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Quellen:
1. Siewert JR, Stein HJ, Chirurgie, 9. Auflage, Berlin, Heidelberg Springerverlag 2012
2. Henne-Bruns D, Duale Reihe Chirurgie, 4. Auflage, Stuttgart, Thieme Verlag 2012
3. Schumpelick V, Kasperk R, Stumpf M, Operationsatlas Chirurgie, Stuttgart, Thieme Verlag 2013
4. Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Appendicitis des Klinikums Bielefeld, online: www.klinikumbielefeld.de/tl_files/dateidownloads/Klinik%20Rosenhoehe%20Allgemeinchirurgie/Leitlinien%20Appendicitis.pdf (Abgerufen am 30.04.2014)
5. Aktueller Stand der Laparoskopischen Appendektomie in Deutschland: Ergebnisse einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Minimal Invasive Chirurgie der DGKCH. Online: www.egms.de/static/en/meetings/dgch2013/13dgch445.shtml (Abgerufen am 30.04.2014)
6. Bollingera R, Barbasa A,Busha E et al.: Biofilms in the large bowel suggest an apparent function of the human vermiform appendix. Journal of Theoretical Biology, 249, 4: 826–831

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.