Pfleger, U-Bahn-Fahrer, Polizisten: Mehrere Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in wechselnden Schichten, einige davon auch nachts. Sie essen und schlafen zeitverschoben, was Gesundheit und Sozialleben beeinträchtigen kann.

Der natür­liche Schlaf-wach-Rhythmus des Körpers kommt durcheinander. Das kann Schlafstörungen, mangelnde geistige Leistungs- und Reaktionsfähigkeit verursachen. Es gibt auch Zusammenhänge mit Diabetes, Herz-Kreislauf-, Magen- und psychischen Erkrankungen.

2019 hat die Internationale Agentur für Krebsforschung ständige Nachtarbeit zudem erneut als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Für Brustkrebs etwa ergaben Studien deutliche Hinweise; klare Beweise fehlen jedoch noch. Das Risiko gesundheitlicher Folgen hängt laut Experten aber stets auch davon ab, wie ein Arbeitszeitmodell konkret gestaltet ist.

Professor Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung, Bremen

Professor Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung, Bremen

Herr Professor Zeeb, ­Nachtarbeit wird als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Was heißt das?

Zunächst einmal, dass der Verdacht nicht ausreichend gesichert ist, um etwa Arbeitsschutzrichtlinien zu ändern. Die Lage ist nicht so dramatisch, dass ­­sofort reagiert werden müsste.

Aber ...?

Es gibt auch keine Entwarnung. Wir brauchen eine bessere Datenlage über die Zusammenhänge mit Krebs hinaus. Schon jetzt sagt eine Reihe von Signalen, dass Schichtdienst präventiv so gesund wie möglich organisiert werden muss. Schließlich gibt es abseits der Krebsgefahr klar erwiesene Auswirkungen.

Was können Betroffene tun?

Zum Beispiel möglichst nicht zu viele Nachtschichten nach­einander machen und bei ­wechselnden Schichten schnell ­vorwärtsrotieren. Das heißt von Früh- zu Mittel- zu Spät- zu Nachtschicht, nicht andershe­rum.

Da Schichtarbeiter sich oft weniger ­bewegen und schlechter ernähren – ihr Hungergefühl kommt ebenfalls durcheinander –, sollten sie zudem speziell auf sportlichen Ausgleich und gesunde Ernährung achten.

Drei Tipps für einen gesunden Rhythmus

Lässt sich die innere Uhr verstellen?

Um ein paar Stunden scheint das möglich. Britische Forscher haben das an 22 sehr ausgeprägten Nachteulen getestet. Tatsächlich konnte die Gruppe, die unter anderem drei Wochen lang früher schlafen ging und früher den Wecker stellte, die innere Uhr um nahezu zwei Stunden vorverlegen.

Stress und Depressivität gingen zurück, heißt es im Fachblatt Sleep Medicine. Tagsüber waren die Probanden wacher und produk­tiver. Obwohl Eulen tendenziell späte Arbeit leichter fällt (so wie Lerchen die Frühschicht), könnte also eine kleine Anpassung möglich sein. Für dauerhafte Nachtarbeit ist laut Wissenschaftlern aber niemand gemacht.

Fazit

Speziell häufige Nachtarbeit kann die Gesundheit beeinträchtigen. Gut organisiert und kompensiert, muss Schichtdienst sich aber nicht zwangsläufig negativ auswirken. Bei dauerhaft gestörtem Schlaf sollten Betroffene eine schlafmedizinische Ambulanz oder einen Arzt mit schlafmedizinischer Ausbildung aufsuchen – und sich, wenn möglich, von dieser Schicht befreien lassen.

Interaktive Grafik zum natürlichen Takt des Körpers

Vor allem Licht beziehungsweise sein Fehlen taktet unsere innere Uhr und damit viele körperliche Prozesse. Wer nachts arbeitet, schläft tagsüber mehr und ist nachts häufiger künstlichen Lichtreizen ausgesetzt.

Vom Stresshormon Cortisol wird morgens am meisten produziert.

Melatonin macht müde. Es wird bei Dunkelheit ausgeschüttet.


Blutdruck

Stuhlgang

Körper­temperatur


1 2 3 4 5 6

1- Melatoninausschüttung beginnt

2- Melatoninausschüttung endet

3- Cortisolausschüttung beginnt

4- Verdauung und Stuhlgang wieder aktiv

5- Stuhlgang wird über Nacht unterdrückt

4- höchste Körpertemperatur erreicht

5- niedrigste Körpertemperatur erreicht. Sie steigt ab jetzt wieder an

4- erster Blutdruck-Gipfel vormittags

5- zweiter Blutdruck-Gipfel frühabends

6- Blutdruck sinkt nachts und steigt dann wieder

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