Professor Konstantin Nikolaou ist designierter Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft. Er leitet die Abteilung für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und ist ärztlicher Direktor am Uniklinikum Tübingen. Wir haben ihn zum Thema Computertomografie befragt.

Herr Professor Nikolaou, was macht CT-Untersuchungen so heikel?

Bei der Computertomografie kommen Röntgenstrahlen zum Einsatz. Damit geht natürlich ein gewisses strahlenbedingtes Risiko einher. ­Allerdings sprechen wir hier von einem sogenannten Niedrigdosisbereich. Die durchschnittliche Dosis pro CT liegt bei etwa 4,5 Millisievert, dieser Wert ist aber auch abhängig von der jeweiligen CT Untersuchung und der untersuchten Körperregion. Zum Vergleich: In Deutschland ist ­jeder Mensch jährlich einer natürlichen Strahlung von durchschnittlich 2,1 Millisievert ausgesetzt.

Wie gefährlich ist Röntgenstrahlung überhaupt?

Aus den Erfahrungen mit den Atombomben von Hiroshima und Naga­saki weiß man zwar, dass bei einer Strahlendosis von 1000 Milli­sievert ein etwa fünfprozentiges Risiko für einen strahlenbedingten Tumor besteht. Diese Belastung ist aber 200-mal höher als bei einer Standard-CT. Grundsätzlich ist das Verfahren erst dann heikel, wenn man es medizinisch falsch einsetzt.

Besteht denn das Risiko, dass es falsch eingesetzt wird?

Dieses Risiko ist grundsätzlich vorhanden, sollte aber sehr gering sein. Denn vor jeder Untersuchung wird geprüft, ob eine CT-Untersuchung für den Patienten tatsächlich sinnvoll ist. Das macht immer der speziell ausgebildete Radiologe und nicht allein der zuweisende Arzt. Dies geschieht also in enger Kooperation mit den behandelnden Kollegen. Wir Radiologen prüfen unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Patientendaten sehr genau, ob der Nutzen der Untersuchung ein mögliches Risiko überwiegt.

Wie viele CT-Untersuchungen ­werden in Deutschland gemacht?

Laut Bundesamt für Strahlenschutz gab es im Jahr 2016 deutschlandweit 135 Millionen Röntgenanwendungen. Davon entfallen etwa neun Prozent auf CT-Scans, die aber zwei Drittel der gesamten medizinischen Strahlenbelastung ausmachen. Insgesamt steigt der Trend zu mehr Schnittbildgebung, also zu CT und Magnetresonanztomografie (MRT).

Laut einer Studie sind viele CT-Scans unnötig. Wie sehen Sie das?

Überdiagnostik, also der Einsatz nicht unbedingt notwendiger diagnostischer Bildgebung, sollte natürlich vermieden werden, aber manchmal kommt das vor. Ein Beispiel: Bei Rückenschmerzen etwa werden gerne Bilder von der Lendenwirbelsäule gemacht. In den ersten Wochen der Schmerzphase bringt das aber wenig, wenn keine neurologischen Ausfälle auftreten. Bei unspezifischen Kreuzschmerzen von wenigen Wochen Dauer und ohne Hinweise auf Komplikationen oder eine zugrunde liegende Erkrankung kann man auf bildgebende Untersuchungen meist verzichten.

Glauben Sie, dass die Hausärzte die CT-Risiken kennen?

Dazu gibt es verschiedene Studien. Eine davon beispielsweise zeigt, dass Kinderärzte die Strahlendosis von radiologischen Untersuchungen ungefähr in der Hälfte der Fälle korrekt einschätzen. Andere Studien besagen aber auch, dass Hausärzte oft nicht ausreichend informiert sind. Deshalb finde ich, dass das Thema Strahlenschutz und -belastung in der ärztlichen Ausbildung noch stärker berücksichtigt werden müsste.

Sind Kinder stärker gefährdet?

Ja, absolut. Das Strahlenrisiko ist nicht bei jedem Menschen gleich. Es hängt von der Strahlenempfindlichkeit des Gewebes und vom Lebens­alter ab. Ein Strahlenschaden tritt, wenn überhaupt, erst mit einer Verzögerung von 10 bis 20 Jahren auf. Das zwingt uns, bei Kindern sehr zurückhaltend zu sein und mehr auf strahlenfreie diagnostische Methoden wie Ultraschall oder MRT zurückzugreifen. Eine CT wird bei Kindern in der Regel nur gemacht, wenn es wirklich unvermeidbar ist, etwa in Notfällen.

Was macht die CT in der Medizin so unverzichtbar?

Das Verfahren stellt die Anatomie dreidimensional in einer sehr guten räumlichen Auflösung dar. Mit modernen CT-Geräten geht das sekundenschnell, und die diagnostische Aussagekraft ist extrem hoch. Bei der Schlaganfall- und Lungendia­gnostik sowie bei bestimmten Tumoruntersuchungen, um einige klassische Beispiele der CT- Anwendung zu nennen, überwiegt ihr Nutzen meist um ein Vielfaches einen eventuellen, theoretischen Strahlenschaden. Im Endeffekt kann die CT Leben retten, aber man muss sie richtig einsetzen.

Was empfehlen Sie den Patienten?

Der Patient sollte nachfragen, warum die Untersuchung durchgeführt wird und ob es Alternativen gibt. Wichtig ist, dass er sämtliche Voraufnahmen und Vorbefunde mitbringt. Sinnvoll ist auch ein Röntgenpass, in den alle Untersuchungen eingetragen werden. Auch so lassen sich unnötige Doppeluntersuchungen vermeiden.

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