„Bitte halten Sie das Handy fest!“, warnt Phobys, die App gegen Spinnenangst – und schon klebt die virtuelle, aber täuschend echt aussehende Spinne am Smartphone.

In zehn Steigerungsstufen kann man sich mit seiner Spinnenangst auseinandersetzen und lernen, mit körperlichen Reaktionen wie Schweißausbrüchen, Gänsehaut oder Herzrasen umzugehen. Keine schlechte Variante, um sich selbst zu therapieren, vor allem weil die Wartelisten für Psychotherapie lang seien, meint Professorin Katharina Domschke, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg.

Wann ist eine Spinnenangst behandlungsbedürftig?

Doch wann ist eine Spinnenangst überhaupt behandlungsbedürftig? In der Regel dann, wenn jemand im Alltag nicht normal leben kann und sich einschränkt, also bestimmte Dinge und Situationen meidet. Die App gegen Spinnenphobie verspricht, dass die Furcht vor den Krabbeltierchen nach nur zwei Wochen spürbar nachlässt: Währenddessen wird sechs mal 30 Minuten trainiert. Die Schweizer Entwickler untersuchten die Wirkung bei 66 Personen. Ergebnis: Im Vergleich zur Kontrollgruppe hatten App-Userinnen und -User im Nachgang weniger Angst, als sie mit lebenden Spinnen konfrontiert wurden.

Die Spinne virtuell in den Alltag holen

Wer mit der App übt, befindet sich in seiner gewohnten Umgebung. Wird das Handy- Display zum Beispiel über den Schreibtisch gehalten, erscheint dort dann eine große Spinne – der Schlüsselreiz. „Bei der Anwendung für Smartphones wird die Realität um den Angst auslösenden Schlüsselreiz ergänzt.

Man nennt das Augmented Reality“, erklärt Professor Peter Zwanzger. Er forscht seit 20 Jahren auf dem Gebiet neuer Medien zur Behandlung psychischer Erkrankungen und arbeitet mit diesen Tools in seiner Klinik in Wasserburg am Inn. Durch Üben die Angst überwinden – das nennen Therapeutinnen und Therapeuten Expositionstraining. Doch dieses ist nicht nur via App möglich.

Bei der Virtual-Reality-Methode etwa setzen Betroffene meist eine VR-Brille auf und üben komplett im virtuellen Raum. Mittels Joystick können sie sich dem Schlüsselreiz, zum Beispiel der Spinne, nähern – oder eben auch nicht.

Digitale Methoden können die Therapie unterstützen

Angstexperte Zwanzger meint, dass digitale Methoden die Therapiearbeit bei Phobien unterstützen könnten: „Ich kann meine Patienten leichter in eine Übungssituation bekommen. Wenn ich beispielsweise jemanden mit Höhenangst habe, dann dauert das viel länger, bis sich derjenige seiner Angst stellt und mit mir einen Kirchturm oder dergleichen besucht.“ Das Expositionstraining mit VR- Brille findet in einem geschützten Raum statt und wird therapeutisch begleitet. Im Gegensatz zur Spinnenangst-App ist diese Technik aber nicht für jedermann zugänglich.

App ist gut, Therapiesitzungen sind besser

Laut Psychiaterin Katharina Domschke ist eine Spinnenphobie einfach zu behandeln. Gemeinsam mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin komme man allerdings schneller ans Ziel, als wenn man allein zu Hause übt: „Nach nur zwei oder drei Sitzungen kann sich schon eine Verbesserung einstellen.“ Dennoch sei eine App ­eine gute Brückentechnologie, wenn man etwa auf einen Therapieplatz warte. Die Expertin gibt jedoch zu bedenken, dass diese Art des Trainings Menschen überfordern kann. So sieht es auch ihr Kollege Zwanzger. Expositionsübungen, die alleine durch­geführt werden, könnten auch schaden: „Wenn ich meinem Phobie-Patienten eine Hausaufgabe gebe und er setzt sich der Angst allein aus, kann es passieren, dass er diese Situation nicht aushält. Ängste können sich verstärken.“

Bislang muss man die App selbst zahlen

Bei einer Verhaltenstherapie wird dokumentiert, wie das Angstniveau steigt oder sinkt, man kann Schritt für Schritt gehen. Mit einer Handy-App geht das nicht. Dennoch gibt es Apps gegen Ängste, die im Verzeichnis der digitalen Gesundheitsanwendungen gelistet sind und die die Krankenkassen bezahlen. Die App gegen Spinnenangst gehört bislang nicht dazu. Daher müssen Nutzerinnen und Nutzer die fünf Euro für die Anwendung bisher aus eigener Tasche bezahlen. Sollte der Schweizer Anbieter sich noch entscheiden, Phobys ebenfalls zu einer digitalen Gesundheitsanwendung zu machen, könnte sich das ändern, noch bevor es Studiendaten für die Anwendung gibt.

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Quellen:

  • Anja Zimmer MA1,5, Nan Wang PhD1,5, Merle K Ibach MA1,5,: Studie: Effectiveness of a smartphone-based, augmented reality exposure app to reduce fear of spiders in real-life: a randomized controlled trial. In: Journal of Anxiety Disorder: 2021, https://doi.org/...
  • Privatklinik Friedenweiler: Die zehn häufigsten Phobien. Online: https://www.klinik-friedenweiler.de/... (Abgerufen am 12.07.2022)
  • Bandelow, B.; Aden, I.; Alpers, G. W.; Benecke, A.; Benecke, C.: S 3 Leitlinie Behandlung von Angststörungen. Leitlinie: 2021. Online: https://www.awmf.org/... (Abgerufen am 12.07.2022)

  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: DIGA-Verzeichnis. https://diga.bfarm.de/... (Abgerufen am 12.07.2022)