Hätten Sie sich Deutschland ohne Vor-Ort-Apotheken vorstellen können in der Pandemie?

Nein. Wir wohnen in Berlin über einer Apotheke. Ich werde nie diese Menschenschlangen vor der Apotheke vergessen am Anfang der Pandemie. Da waren Menschen mit HIV oder Krebs, die Sorge hatten, dass die Lieferketten in China nicht wieder ins Laufen kommen und ihr lebenswichtiges Medikament möglicherweise in vier Wochen nicht mehr verfügbar ist. Die Apotheker haben die Patienten beruhigt, beraten und nach Lösungen gesucht. Sie haben auch Desinfektionsmittel hergestellt, um dem Mangel zu begegnen. Ohne die Apotheker hätten wir zudem die Verteilung der Schutzmasken kurz vor Weihnachten nicht so schnell geschafft. Das flächendeckende Netz von knapp 19000 Apotheken hat uns in der Pandemie sehr geholfen.

Sollen Apotheken irgendwann auch Coronaimpfungen anbieten?

Unser Problem ist doch nicht, dass wir nicht genug Ärzte haben, die impfen. Unser Problem ist bis heute, dass wir nicht so viele Dosen haben, wie wir verimpfen könnten. Bei einem neuen Impfstoff, der ärztliche Beratung und eventuell Behandlung braucht, sollten Mediziner impfen. Die Apotheker leisten einen ganz wichtigen Dienst mit ihrem pharmazeutischen Wissen und der Verteilung der Impfstoffe. Sie schaffen es, jede Woche bis zu drei Millionen Impfdosen und mehr in die Arztpraxen und Betriebe zu bringen. Das ist enorm.

Tina Haase und Julia Rotherbl (rechts) im Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Tina Haase und Julia Rotherbl (rechts) im Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Im Schnitt schließt in Deutschland aber täglich eine Apotheke am Tag. Mit dem Apothekenstärkungsgesetz wollten Sie Vor-Ort-Apotheken eigentlich unterstützen. Warum funktioniert das nicht?

Wir wollen mit dem Gesetz vor allem Apotheken unterstützen, die noch zusätzliche Dienstleistungen anbieten. Sie führen etwa Arzneimittelanalysen für Menschen durch, die viele Medikamente nehmen müssen, machen Nacht-, Not- und Botendienste. All das wird nun überhaupt oder besser vergütet. Der finanzielle Ausgleich stärkt die Vor-Ort-Apotheke.

Das heißt aber nicht, dass keine Apotheken mehr sterben...

Stimmt, aber da muss man genau hinschauen. Wenn auf einem Marktplatz, an dem vier Apotheken miteinander konkurrieren, eine schließt, ist das etwas ganz anderes, als wenn auf dem Land eine Apotheke stirbt, wo weit und breit keine andere ist. Letzteres ist viel kritischer für die Versorgung. Und das Gesetz soll genau hier helfen.

 

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