Antibiotika sind eine der wichtigsten Entdeckungen der Medizin, unzählige Leben haben sie seit 1942 gerettet, als Penicillin als erstes Antibiotikum auf den Markt kam. Doch bisweilen bewirkt die Arzneigruppe genau das Gegenteil: Dann bereitet sie einem gefährlichen Bakterium den Weg. Die Mittel beschädigen die aus Trilliarden von Bakterien bestehende gesunde Darmflora – mal mehr, mal weniger, eine unvermeidliche Nebenwirkung.

Einem Bakterium jedoch können viele Antibiotika nichts anhaben: dem Keim Clostridium difficile, von Experten seit einiger Zeit in Clostridioides difficile umbenannt (CD). Bei manchen Menschen lebt er bereits unerkannt im Darm. Das ist nicht schlimm, solange ihn die anderen Bakterien in Schach halten. Doch wenn diese durch eine Antibiotika-Therapie absterben, kann sich CD breitmachen. 

Infektion kann zu blutigem Durchfall und Fieber führen

Der gefährliche Keim scheidet Gifte aus, die die Darmwand durchlässig machen. Starker, manchmal blutiger Durchfall, Bauchkrämpfe und Fieber sind mögliche Folgen. Zudem kann sich der Darm extrem aufblähen, was mitunter zu Rissen in der Darmwand und zu Blutvergiftung führt. Dann besteht Lebensgefahr. Fast 2700 Todesfälle, die sich auf CD zurückführen lassen, registrierte das Statistische Bundesamt im Jahr 2015.

Besonders infektiöse Stämme des Bakteriums, insbesondere der sogenannte Stamm 027, hatten sich binnen weniger Jahre über fast ganz Deutschland ausgebreitet. Vornehmlich diese Stämme waren an der hohen Zahl der schweren Verläufe schuld. Ein Zusatzstoff in Lebens­mitteln hat womöglich dazu beigetragen: Die gefährlichen Stämme können im Gegensatz zu anderen den Zucker Trehalose als Energiequelle nutzen. Diesen setzt die Industrie seit Anfang des Jahrtausends ein – zum Beispiel als natürlichen Frostschutz in Tiefkühlkost, damit etwa Erdbeeren beim Auftauen nicht matschig werden.

Seither ist die Zahl der Todesfälle deutlich gesunken, 1000 Menschen starben im Jahr 2019 an der Infektion. Die Ursache der erfreulichen Tendenz ist nicht ganz klar. „Es ist naheliegend, diese Entwicklung mit dem sinkenden Antibiotikaverbrauch zu erklären“, sagt Professorin Barbara Gärtner, Direktorin des Instituts für Hygiene an der Uniklinik des Saarlands, „wir haben aber auch einen Rückgang bei den besonders gefährlichen Stämmen feststellen können.“

Gefährdet sind vor allem ältere Menschen, besonders wenn sie an weiteren Magen-Darm-Erkrankungen leiden oder eine Therapie erhalten, die ihr Immunsystem schwächt. Auch die Dauereinnahme von Medikamenten gegen Sodbrennen (Protonenpumpenhemmer) erhöht beispielsweise das Risiko. Wird ein Antibiotikum nötig, macht in etwa einem von hundert Fällen CD dem Patienten Probleme.

Kliniken Hauptort der Erkrankung

Sehr häufig tritt die Darmentzündung durch das Bakterium in Klinken auf. Das hat unter anderem wohl damit zu tun, dass hier Antibiotika oft kombiniert und längerfristig eingesetzt werden. Eine Studie zeigte: Lag in einem Krankenhausbett ein CD-Infizierter, erhöht dies für den nachfolgenden Patienten das Ansteckungsrisiko. Denn die Keime überleben in verkapselter Form, übliche alkoholhaltige Desinfektionsmittel können ihnen deshalb nichts anhaben. Um die Erreger loszuwerden, benötigen Krankenhäuser spezielle Hygiene und entsprechend geschultes Personal. Kommt es zu Ausbrüchen, sollte auch überprüft werden, wie in der Abteilung mit Antibiotika umgegangen wird.

Antibiotika-Therapie wenn möglich absetzen

Bei der Behandlung gilt es zunächst, die Antibiotika-Therapie zu beenden – sofern möglich. "Bei milden Fällen kann die Infektion dann ganz natürlich ausheilen", sagt Professor Lutz von Müller, Chefarzt des Instituts für Labormedizin, Mikrobiologie und Hygiene an den Christophorus-Kliniken im westfälischen Coesfeld. 

Doch meist genügt das nicht. Dann kommen paradoxerweise wieder Antibiotika ins Spiel. Zwei davon haben sich als wirksam erwiesen. Allerdings erleidet etwa jeder fünfte Betroffene einen Rückfall, oft mehrfach.

In schweren Fällen: Stuhlspende als Option

In solch schweren Fällen setzen etliche Ärzte und Ärztinnen inzwischen auf eine zunächst skurril anmutende Therapie: Sie übertragen den gefilterten Stuhl eines gesunden Spenders - und damit dessen Darmbakterien - in den Patienten oder die Patientin, zum Beispiel per Darmspiegelung. Die Erfolgsrate beträgt laut Studien 80 bis 90 Prozent. Die Spende hilft, CD im Darm wieder durch gesunde Bakterien zu verdrängen.

Wohl um die 50 Kliniken in Deutschland wenden diese Therapieform zumindest sporadisch an. Wissenschaftler haben mittlerweile zudem nachgewiesen, dass der Stuhl auch tiefgefroren gelagert werden kann. Und sie haben die darin enthaltenen Bakterien in Kapseln verpackt, die genauso wirksam sind.

Trotzdem ist die Stuhlspende keine Standardtherapie – sondern eine Option für Patienten mit wiederholten Rückfällen. Denn der Spenderstuhl wird zwar auf Krankheitserreger untersucht, aber ein Restrisiko bleibt. "Man kann zudem nicht ausschließen, dass Darmbakterien im Einzelfall auch chronische Krankheiten begünstigen", sagt Lutz von Müller. "Da hat man vor allem bei jüngeren Menschen schon Skrupel vor einem unkritischen Einsatz."