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Invagination - kurz erklärt

Unter einer Invagination versteht man die Einstülpung eines Darmabschnittes in den nachfolgenden Darmabschnitt und daraus folgender abgeschnürter Blutversorgung des entsprechenden Bereiches. Hierdurch droht eine Schädigung bis hin zu einem Absterben der Darmwand. Betroffene Kinder klagen vor allem über starke Bauchschmerzen. Im weiteren Verlauf kann es zu himbergelee-artigem Stuhlgang kommen. Diagnostiziert wird eine Invagination über die klinische Untersuchung und Sonographie. In seltenen Fällen sind weitere bildgebende Verfahren notwendig. Eine Therapie kann abhängig vom Behandlungsbeginn und der Ursache ohne Operation (konservativ) oder operativ erfolgen.

Was ist eine Invagination?

Bei einer Invagination schieben sich Darmanteile teleskopartig ineinander. Diese Einstülpung eines Darmabschnittes in das drauf folgende führt zu einer Einklemmung der Blutgefäße, welche die Darmwand versorgen. In der Folge wird die Blutversorgung der entsprechenden Darmabschnitte unterbrochen. Wenn dieser Zustand zu lange anhält droht eine Schädigung bis hin zum Absterben des betroffenen Bereiches.

Die häufigste Lokalisation einer Invagination ist der Übergang zwischen Dünn- und Dickdarm (circa 80 Prozent der Fälle). Hier befindet sich natürlicherweise eine Klappe (Ileocoecal-Klappe, auch Bauhinsche-Klappe genannt). Der Endabschnitt des Dünndarms (Krummdarm, Ileum) schiebt sich durch die Klappe in den Anfangsabschnitt des Dickdarms (Zökum). Daher wird sie als ileocoekale Invagination bezeichnet.

Weitere Lokalisationen finden sich ileo-ileal (Dünndarm- in Dünndarmabschnitt) oder ileo-colisch (Dünn- in Dickdarmabschnitt, weitreichender über oben genannte Klappe hinaus).

Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Invagination ist altersabhängig und wird mit zunehmenden Alter geringer. Sind im ersten Lebensjahr noch 60-100 Säuglinge pro 100.000 Säuglingen betroffen, so sind es im zweiten Lebensjahr noch 32 Säuglinge pro 10.000 Säuglinge. Allgemein treten Invaginationen meist im Alter zwischen 6 Monaten und drei Jahren auf. Jungen sind häufiger von einer Invagination betroffen als Mädchen.

Ursache: Warum kommt es zu einer Invagination?

In den meisten Fällen findet man keinen Auslöser (ideopatisch, 80 Prozent der Fälle). In einigen Fällen findet sich ein Zusammenhang mit einer vorherigen Virusinfektionen mit Adeno-, Noro-, Entero- sowie bestimmten Herpesviren (Humanes Herpesvirus-6, HHV6). Eine durch sie verursachte Darminfektion führt unter anderem zu einer verstärkten Darmtätigkeit (Peristaltik) und zu Veränderungen in der Struktur der Darmwand. Beides begünstigt ein Ineinandergleiten von Darmanteilen. Einzelfälle wurde im Rahmen einer Sars-CoV-2 Infektion beschrieben. Auch ein zeitlicher Zusammenhang nach einer Rotavirus-Impfung könnte bestehen. Manchmal finden sich auch bestimmte anatomische Ursachen wie beispielsweise Verwachsungen (Ädhäsionen), ein Meckel-Divertikel, kleinere Darmschleimhaut-Ausstülpungen (Darmpolypen) oder Raumforderungen (Tumore). Bei bleibenden Veränderungen an der Form des Darmes kommt es oft zu wiederholten Invaginationen.

Hintergrundinformation: Meckel-Divertikel

Bei einem sogenannten Meckel-Divertikel handelt es sich um eine Rückbildungsstörung des Dottergangs (Ductus omphaloentericus) im Embryonalalter. Dieser Verbindungsgang (zwischen kindlichem Darm und Nabel) verschließt sich normalerweise im dritten Schwangerschaftsmonat. Bleibt dieser Verschluss aus kann hierdurch eine Ausstülpung an der Wand des Dünndarms bestehen bleiben.

Meist findet sich ein Meckel-Divertikel circa 30-40 cm im Bereich des Ileums (Krummdarm) vor dem Übergang in den Dickdarm (Bauhinsche-Klappe).

Ein Meckel-Divertikel ist selten und tritt bei circa einem pro 20.000 Neugeborenen auf, Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.

Symptome: Welche Beschwerden treten auf?

Im typischen Fall erleiden die betroffenen Kinder bei einer Invagination plötzlich einsetzende krampfartige Bauchschmerzen. Charakteristisch ist schrilles Schreien mit angezogenen Beinen. Die Kinder sind auffällig blass. Auch schmerzfreie Intervalle können vorkommen. Besteht eine Invagination länger fort, können blutig-schleimige Durchfälle auftreten. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Himbeergelee, was ihnen auch den Namen einbrachte: Himbeergelee-artiger Stuhlgang. Beim Abtasten des Bauches kann manchmal eine walzenartige Struktur getastet werden.

Aber auch eine brettharte Bauchdecke (akutes Abdomen), bei welcher nicht mehr an den Bauch getastet werden kann ist möglich.

Typische drei Anzeichen einer Invagination (Trias, 25 % der Kinder):

  • plötzlich Einsetzende Bauchkrämpfe
  • Himbeeregelee-artiger Stuhlgang
  • Walzenförmig tastbare Struktur im Bauchraum

Es kann auch zu wiederkehrendem Erbrechen kommen. Bei schweren Verläufen sind daher Zeichen einer Austrocknung (Dehydrierung) möglich. Die Kinder haben einen trockenen Mund und sind sehr schlapp. Die Urinproduktion nimmt ab, weshalb sie auffällig wenig Wasserlassen müssen und der Urin eine dunkle Färbung aufweist.

Aufgrund der Austrocknung und auch massiver Schmerzen kann es bis zur Entwicklung eines Schockes kommen. Welche Schockarten es gibt erklären wir hier.

Nicht immer sind die Symptome bei einer Invagination eindeutig. Im Zweifel muss auf jeden Fall eine rasche ärztliche Abklärung erfolgen, da ernste Komplikationen auftreten können (siehe unten).

Diagnose: Wie wird eine Invagination diagnostiziert?

  • Anamnese und klinische Untersuchung

Anhand der Krankengeschichte (Anamnese) und der klinischen Untersuchung kann der Arzt oder die Ärztin bereits eine erste Verdachtsdiagnose stellen. Gegebenenfalls sind eine walzenförmige Struktur unter der Bauchwand zu tasten und typisch veränderte Darmgeräusche abzuhören (auskultierbar). Auch ein brettharter Bauch (akutes Abdomen) kann auftreten. Bei der Ausstattung des Anus (rektale Untersuchung) ist eventuell Blut zu finden.

  • Bildgebende Verfahren

Eine Ultraschalluntersuchung (Sonographie) des Bauches zeigt weitere Erkrankungszeichen. Auch Komplikationen einer Invagination sind damit für den Arzt oder die Ärztin teilweise erkennbar. In seltenen Fällen ist eine MRT-Untersuchung notwendig.

  • Laborchemische Untersuchungen

Bestimmte Blutuntersuchungen geben Hinweise auf Entzündungen (Leukozyten, CRP-Wert).

Komplikationen: Welche Komplikationen können auftreten?

Das Problem einer Invagination ist vor allem die abgeschnürte Blutversorgung des eingestülpten Darmabschnittes. Aufgrund dieser Minderdurchblutung kann das betroffene Segment absterben. Auch kann es zu einem Loch in der Darmwand kommen (Perforation). Hierüber kann Darminhalt in den Bauchraum gelangen und zu einer Entzündung des Bauchfells (Peritonitis) und eine Blutvergiftung (Sepsis) führen. Nicht nur über ein Loch selbst in der Darmwand, sondern auch aufgrund einer schlechteren Barrierefunktion des schlecht durchbluteten Darms können Darmbakterien in den Bauchraum übertreten und eine Bauchfellentzündung auslösen.

Therapie: Wie wird eine Invagination behandelt?

Solange keine Komplikationen vorliegen oder auslösende Ursachen wie Tumoren bekannt sind, kann eine Invagination ohne Operation (konservativ) behandelt werden. Entscheidend hierfür ist auch der Behandlungsbeginn innerhalb von ein bis zwei Tagen seit Krankheitsbeginn.

Konservative Behandlung

Es stehen zwei Behandlungsverfahren zur Verfügung:

  • Hydrostatische Desinvagination

Es wird ein Darmrohr (Katheter) in den Enddarm eingeführt und unter Ultraschall-Kontrolle eine Kochsalzlösung mit einem festgelegten Druck verabreicht. Diese Flüssigkeit spült den eingestülpten Darm wieder heraus. Hydrostatische Desinvagination bedeutet in etwa "das Aufheben einer Einstülpung mit Hilfe von Wasser“. Die Erfolgsquote hängt von einem möglichst frühen Behandlungsbeginn ab.

  • pneumatische Desinvagination

Hierbei wird ebenfalls über ein Darmrohr unter einem bestimmten Druck Luft in den Enddarm eingebracht und unter Röntgen-Kontrolle durchgeführt. Hierin liegt auch der Nachteil dieses Verfahrens, da ionisierende Strahlung zur Kontrolle notwendig ist. Vor allem im angloamerikanischen Raum kommt dieses Verfahren zur Anwendung, in Deutschland wird es eher selten angewandt. Pneumatische Desinvagination bedeutet in etwa "das Aufheben einer Einstülpung mit Hilfe von Luft".

Für die Behandlung ist üblicherweise eine Kurznarkose des Kindes notwendig. Den Erfolg der Therapie wird durch eine Ultraschalluntersuchung überprüft. Eine Röntgenkontrolle mit Kontrastmittel ist im Regelfall nicht erforderlich. Nach erfolgreicher Behandlung ist es üblich, dass das Kind für 24 Stunden im Krankenhaus überwacht wird.

Operative Behandlung

Eine Operation ist dann nötig, wenn Komplikationen wahrscheinlich sind oder wenn die konservative Behandlung erfolglos war. Auch wenn auslösende Fehlbildungen oder Tumoren vorhanden sind muss eine operative Versorgung erfolgen.

Das Operationsverfahren ist von der Situation abhängig. Eine Invagination kann mit minimal invasiver Technik (Schlüssellochverfahren), also im Rahmen einer Bauchspiegelung operiert werden. Hierbei wird der eingestülpte Darmabschnitt vorsichtig wieder herausgezogen. Gelingt diese Behandlung nicht, ist eine Eröffnung der Bauchhöhle ("offene Operation") nötig. Auch bei bestimmten Ursachen (Tumore) und bereits eingetretenen Komplikationen wie beispielsweise einem Darmdurchbruch (Perforation) ist von vornherein eine offene Operation (mit Hautschnitt) notwendig

Manchmal lässt sich die Invagination bei der Operation lösen, in einigen Fällen ist es aber auch notwendig, die ineinander gestülpten Darmanteile als Ganzes zu entfernen.

Wenn es zu erneuten Invaginationen kommt, kann ein Kinderchirurg oder Kinderchirurgin den Dünndarm in einer Bauchspiegelung mit einigen Nähten an den Dickdarm anheften. Diese Operation kann eine erneute Einstülpung verhindern.

Professor Dr. med. Benno Ure

Professor Dr. med. Benno Ure

Beratender Experte

Professor Dr. med. Benno Ure ist ist Ordinarius für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Direktor des Zentrums Kinderchirurgie Hannover. Er ist zudem Stellvertreter des Vizepräsidenten der MHH. Seine klinischen Schwerpunkte sind Neugeborenenchirurgie, Thorax- und Abdominalchirurgie beim Kind. Herr Professor Ure war von 2015-2017 Präsident der European Pediatric Surgeons Association (EUPSA) und ist führendes Mitglied zahlreicher internationaler Fachgesellschaften und Fachgremien.

Quellen:

Letlinien der deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, Invagination (S1-Leitlinie), AWMF-Registernummer 006/027, Stand November 2021. Online: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/006-027l_S1_Invagination_2021-12.pdf (abgerufen am 28.06.2022)

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

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