Medienberichte über Menstruationsauffälligkeiten nach einer Covid-Schutzimpfung legen die Vermutung nahe, dass Zyklusstörungen eine weitere mögliche, wenn auch seltene Impfreaktion sein könnten. So berichten Frauen in sozialen Netzwerken und auch ein trans Mann (Frau zu Mann) von Zyklusverschiebungen, vermehrter Blutung oder gar einem Wiederkehren der Menstruation in der Menopause beziehungsweise nach entsprechender Hormonbehandlung.

Rückmeldungen von Frauen mit Unregelmäßigkeiten

Die österreichische Menstruationsplattform Erdbeerwoche etwa bestätigte „einige Rückmeldungen von Menstruierenden, die von einem unregelmäßigen Zyklus und/oder besonders starken bzw. besonders schmerzhaften Menstruationsblutungen nach der Covid-Impfung berichten.“

Auch in einigen Gesundheitsreports wurden entsprechende Meldungen registriert. So meldete beispielsweise die Arzneimittelbehörde MHRA in Großbritannien Anfang April dieses Jahres, dass bis dahin 958 Verdachtsmitteilungen von Zyklusstörungen nach einer Impfung mit einem der beiden Impfstoffe VaxZevria (Astra Zeneca) und Comirnaty (BioNTech/Pfizer) dokumentiert worden seien.

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Als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel in Deutschland sammelt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldete Verdachtsfälle von Impfkomplikationen und Impfnebenwirkungen und bewertet diese. Bis Ende Juni wurden dem Institut 310 Einzelfallmeldungen mit 368 "unerwünschten Ereignissen" von Zyklusstörungen gemeldet, wie aus einem Sicherheitsbericht der Behörde hervorgeht. 34 davon - also knapp zehn Prozent - wurden als schwerwiegend bezeichnet.

 Die Frauen berichteten von einem "breiten Spektrum zum Teil auch wenig spezifischer Beschwerden", heißt es in dem Bericht. Dazu gehören Zwischenblutungen, eine verstärkte oder ausbleibende Menstruation und andere Zyklus-Unregelmäßigkeiten. Das PEI bewertet das so: "Unter Berücksichtigung der Anzahl geimpfter Frauen in den relevanten Altersgruppen und der Häufigkeit von Zyklusstörungen erscheint die Zahl der Meldungen nicht ungewöhnlich hoch zu sein." Allerdings sei davon auszugehen, dass viele - insbesondere vorübergehende - Zyklusstörungen nicht berichtet würden.

Der Zyklus soll in zukünftigen Studien berücksichtigt werden

Großangelegte wissenschaftliche Studien zu der Frage, ob eine Corona-Impfung auch Einfluss auf den Zyklus haben kann, gibt es bislang nicht. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, hält es allerdings für sinnvoll, "ab einem bestimmten Entwicklungsstadium von Impfstoffen auch weibliche Probanden mit einzubeziehen und eine solche Abfrage künftig mit aufzunehmen." Einfach sei das nicht, weil etwa auch berücksichtigt werden müsse, in welcher Zyklus-Phase eine Frau zum Zeitpunkt der Impfung gerade sei.

Immunvorgänge beeinflussen viele körperliche Abläufe

Die Frage, ob eine Impfung auch Einfluss auf den Zyklus haben kann, gewinnt also offenbar an Relevanz und beschäftigt Medizin und Wissenschaft zunehmend.

Dass es einen Zusammenhang geben könnte, wenn auch nur in Einzelfällen, sei zumindest nicht unwahrscheinlich, meint beispielsweise Prof. Dr. Ludwig Kiesel, Gynäkologe und Direktor des Universitätsklinikums Münster für Frauenheilkunde und Geburtshilfe: „Eine Impfung auf immunologischer Basis zielt darauf ab, eine Abwehrreaktion aufzubauen. Die daran beteiligten Immunzellen sind auch in der Gebärmutter zu finden und an jeder normalen Zyklusblutung beteiligt. Veränderte Immunzellen könnten also auch für eine Blutungsstörung sorgen.“

Pandemie „Stress für Körper und Seele“

Bleibt die Eizelle unbefruchtet, wird die Gebärmutterschleimhaut abgestoßen und als Menstruationsblutung aus dem weiblichen Körper geschwemmt. Eine Gerinnungsstörung könnte beispielsweise der Grund für eine verstärkte Blutung sein. Der Gynäkologe weist zudem darauf hin, dass sowohl die Corona-Schutzimpfung selbst als auch die gesamte Pandemie-Situation für Körper und Seele Stressoren darstellen können. Das wiederum habe ebenfalls Einfluss auf das Hormonsystem.

Die Münchner Gynäkologin Dr. Corinna Mann, spezialisiert auf Kinderwunsch, wird in ihrer Praxis seit der Möglichkeit einer Covid-Schutzimpfung häufig mit Fragen zur Unbedenklichkeit in Bezug auf den Hormonhaushalt und Kinderwunsch konfrontiert. Zyklusstörungen seien in einem gewissen Rahmen normal und auch nicht selten, erklärt die Medizinerin, „zum Beispiel wegen Stress im Beruf, Diät, exzessiver Sport. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe. So kann auch ein gestörter Zyklus aus einem anderem Grund zeitgleich mit der Impfung auftreten.“

Sorge nur, wenn der Zyklus dauerhaft gestört ist

Wie ihr Fachkollege Prof. Dr. Kiesel sieht auch sie trotz vereinzelter Meldungen von Zyklusstörungen keinen Grund, sich womöglich nicht gegen Covid impfen zu lassen: „Wenn mal ein Zyklus gestört ist, pendelt er sich in aller Regel wieder ein. Erst bei mehreren Störungen hintereinander sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen. Aber das wäre auch ohne Impfung so.“

Konkrete Aussagen zu Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit einer Zyklusstörung nach einer Covid-Impfung scheitern bislang an einer fehlenden belastbaren Datenlage, beklagen beide. Weitere Beobachtungsstudien seien „dringend erforderlich“.

Verdachtsfälle online melden

Wer Blutungsstörungen nach einer Covid-Schutzimpfung bemerkt, kann dies als Verdachtsfall einer Impfreaktion melden. Beim Paul-Ehrlich-Institut gibt es dafür ein Online-Meldeformular. Außerdem führt das PEI die Beobachtungsstudie zur Verträglichkeit der Covid-19-Impfstoffe auch mit Hilfe einer Smartphone-App durch: Die App SafeVac 2.0 gibt es kostenlos zum Herunterladen auf der Website des PEI oder im App- sowie Play Store.

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