Plötzlich alles anders durch die Pandemie? Nicht ganz. "Vieles, was in unserer Wahrnehmung durch Corona ausgelöst ist, hat sich bereits davor als Trend abgezeichnet", sagt Jan Wetzel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Im Rahmen der Vermächtnisstudie, einer repräsentativen Panelbefragung, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Verhaltensänderungen und Zukunftsbildern. Beim Blick auf die Ergebnisse der Umfragewelle von 2020, bei der mehr als 1000 Menschen in Deutschland teilnahmen, stellt er fest: Die Krise wirkt wie ein Beschleuniger – beziehungsweise holt latent vorhandene Themen erst ins Bewusstsein.

Digital weniger alleine

Bereits 2018 konnte der Wissenschaftler beispielsweise sehen, dass Menschen sich im Vergleich zu 2015 durch die Möglichkeiten der Digitalisierung weniger alleine fühlten. Der Unterschied, der dabei aber noch zwischen Altersgruppen bestand, schmolz 2020 weiter ein. Dennoch war Wetzel überrascht, als sich auch seine eigenen Großeltern im Corona-Jahr 2020 plötzlich bei WhatsApp anmeldeten. Ob diese Art der Kommunikation in jener Generation auch nach der Krise bleiben wird, zumal in dieser Intensität?

"Das Rad der Geschichte wird sich sicher nicht zurückdrehen", fasst Klaus Fiedler zusammen. "Wo wir Neues kennengelernt haben, sei es lustvoll oder vielleicht auch, weil wir es mussten, bleibt vor allem das, was individuell Belohnungscharakter hat", sagt der Leiter des Lehrstuhls für Sozialpsychologie in Heidelberg und Mitglied der Nationalen Akademie für Wissenschaft Leopoldina. Die Stunde Fahrt zur Arbeit, die man sich durchs Homeoffice spart, das ist gut. Durch die Familie mehr abgelenkt sein, das weniger.

Digitale Skills wie Zoom, die man bislang eher als überflüssig erachtet hat? Auf einmal sieht man vielleicht, wie entlastend sie sind, weil man nicht erst mühsam einen Termin finden muss, zu dem alle Kollegen für ein persönliches Treffen verfügbar sind. Urlaub in Deutschland? Was früher als spießig empfunden wurde, hat möglicherweise an Reiz gewonnen. Der Horizont ist weiter geworden, das Repertoire an Möglichkeiten gewachsen.

Weniger Gruppenzwang, aber auch weniger Möglichkeiten

Dazu gehört auch die Möglichkeit, etwas nicht tun zu müssen. Brauche ich wirklich alle sechs Wochen den Gang zum Friseur, den wöchentlichen Restaurantbesuch, die jährliche Fernreise, damit es mir gut geht? Fiedler ist überzeugt: Viele alte Routinen werden blitzartig wieder Alltag sein, wenn das Leben wieder freier wird und an Fahrt aufnimmt. Aber hier und da wird es doch ein Innehalten und Hinterfragen geben. Man wird sich vielleicht daran erinnern, wie es im Lockdown war ¬– und, dass es damals auch anders ging.

Auch die soziale Norm, wissen Psychologen, spielt bei der Verhaltensänderung eine Rolle: Bestimmte Dinge hat man vielleicht früher nur getan, weil sie "in" waren und weil alle sie so gemacht haben. Erlebt man dann eine Zeit "ohne", ist man möglicherweise freier vom Gruppendruck. Hat eher den Mut, fragwürdige Automatismen fallen zu lassen. Viele Monate lang hat man geschäftliche Telefonate vom Handy aus erledigt, auch wenn die Kinder im Hintergrund waren und auch, wenn man gerade draußen im Garten saß? Was sollte dabei sein, das gelegentlich weiter genauso zu tun?

"Zudem werden natürlich die äußeren Bedingungen selektive Effekte haben", gibt Klaus Fiedler beim Blick auf die Zeit nach Corona zu bedenken. Klar: Gestiegene Flugpreise oder Benzinkosten könnten die Mobilität und das Reiseverhalten reduzieren. Wo Arbeitgeber das Homeoffice als Sparfaktor kennengelernt haben, werden Mitarbeiter vermutlich auch künftig vermehrt zu Hause arbeiten dürfen. Nicht zu vergessen: Menschen, die durch die Krise künftig weniger Geld haben, werden weniger konsumieren. "Hier sind noch viele Variablen offen", sagt Fiedle. Grundsätzlich erwartet er für die Zeit nach der Corona-Krise ein "Gemisch aus alten Gewohnheiten und der Abkehr von überkommenen Routinen."

Neue Normalität? Entsteht oft schneller, als man denkt

Momentan seien recht gegensätzliche Trends zu beobachten. Beispiel Ernährungsgewohnheiten: "Da schnellt auf der einen Seite der Umsatz von Junkfood in die Höhe. Und auf der anderen Seite haben wir das genussvolle, kreative Kochen entdeckt." Beide Entwicklungen kamen kurzfristig. Heißt: Da hat niemand erst Kochkurse gemacht oder intensiv Rezeptbücher gewälzt. Es wurde einfach losgekocht, von jetzt auf gleich.

Veränderungen in Richtung neue Normalität funktionieren oft erstaunlich dynamisch, bestätigt Sozialwissenschaftler Jan Wetzel. Beispiel Smartphones: Noch vor 10 Jahren eine Neuheit, sind sie für den Großteil der Bevölkerung nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. "Auch wenn wir das vielleicht nicht bewusst wahrgenommen haben," wie Wetzel sagt.

Er erinnert auch an alltägliches Verhalten, das erst komisch beäugt und dann schnell normal wurde. Zu Beginn der Coronakrise seien Gesichtsmasken mit Stereotypen wie asiatischer Distanziertheit verbunden worden, sagt Wetzel. Er erinnert an politische Debatten zu Beginn der Corona-Krise, in denen sich einzelne überzeugt zeigten, die Präventivmaßnahme passte nicht zur Kultur in Europa und würde sich demnach nicht durchsetzen. Tatsächlich hat sich die Mund-Nasen-Bedeckung dann aber innerhalb kürzester Zeit etabliert, als es die Situation erforderlich machte.

Hygiene-Maßnahmen, die bleiben könnten

Maskentragen in der Öffentlichkeit oder am Arbeitsplatz? Das könnte auch nach der Pandemie eine freiwillige und selbstverständliche Maßnahme bleiben, um Infektionen vorzubeugen, glaubt Sozialwissenschaftler Wetzel.

Was das Händeschütteln anbelangt, könnte er sich insbesondere in der Arbeitswelt Veränderungen vorstellen. "Ich bin ganz froh, dass ich das jetzt nicht mehr so oft machen muss" – bereits jetzt höre er Aussagen wie diese. Was vor anderthalb Jahren undenkbar gewesen wäre – zum Beispiel einem Kunden den Handschlag zu verweigern – dürfte künftig kaum als brüskierend erlebt werden. "Wir können uns die Hand geben, wir können uns aber auch einfach nur anlächeln und die Hand dabei kurz zum Gruß heben, beides geht." Eine neue Freiheit.

Junge Wilde vs. ältere Vorsichtige

Im Privaten indes sehen Soziologen wie Wetzel langfristig eher wenig Veränderung. Vieles würde stattdessen für einen großen Nachholeffekt sprechen: Spontaneität und Freizügigkeit wollen ausgelebt werden, sobald dies wieder möglich ist.

Psychologe Fiedler rechnet allerdings mit altersabhängigen Unterschieden. "Bei den Älteren dürften die Corona-Vorsichtsmaßnahmen noch eine Weile nachhängen." So manch einer dürfte eine gewisse Vorsicht auch beibehalten. Schließlich sind ältere Menschen dafür sensibilisiert, dass sie gesundheitlich anfälliger sind.

Und die Jüngeren? "Sie müssen offen sein, risikobereit, experimentierfreudig", sagt Fiedler. Das seien keine persönlichen Überzeugungen, sondern menschliche Biologie. "Äußere Affordanz" nennen Soziologen diesen wichtigen Aspekt im Umgang mit Veränderung. In seinen Vorlesungen spricht Klaus Fiedler deshalb vom Teig im Märchen, der "back mich" ruft und lockt. Und vom Schuster, der bei seinen Leisten bleiben soll. Dem "Bewahren" steht "Neues wagen" gegenüber.

Ambivalente Gefühle

Laut Jan Wetzel kann aber auch beides gleichzeitig gefühlt werden: "Einerseits führt uns Corona vor Augen, dass unser Leben auch ganz anders gehen kann, dass wir im Positiven Möglichkeiten haben. Andererseits sehnen wir uns nach Gewohnheiten, die uns vor der Krise Halt gegeben haben." Da ist die Chance, vielleicht schon länger anstehende, wichtige Veränderungen anzupacken. Und gleichzeitig die Angst, sich zu übernehmen.

Auch die häusliche Situation des Lockdowns kann gegensätzliche Gefühle hervorrufen: Etwa, wenn mehrere Menschen auf kleinem Raum wochenlang eng zusammenleben. Bei manchen Familien wächst dann das Bedürfnis nach Distanz. Andere hingegen empfinden es als Bereicherung, mehr Zeit miteinander zu verbringen.

Gegensätzliche Entwicklungen können aber auch gleichzeitig innerhalb einer Familie passieren. Denn zwar gibt es nach aktuellen Untersuchungen ein gestiegenes väterliches Engagement in der Corona-Krise. Dennoch sind es die Frauen, die oft den Mehraufwand im Haushalt stemmen. Was dazu führt, dass die Verteilung der Aufgaben zwischen den Geschlechtern noch ungleicher wird. "Corona ist auch hier ein Beschleuniger", sagt der Sozialforscher Wetzel.

Die Kontaktsperren wirken sich auch auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus. Wie, das erfahren Sie in unserem Podcast „Klartext Corona“.

Die kleinen Freuden des Alltags genießen

Im Unterschied zu dieser stillen Entwicklung werde es bei Lockerungen aber auch wieder mehr Bewusstsein geben. Für alles, was gerade nicht möglich ist, zum Beispiel der Besuch von Einrichtungen, die Soziologen "dritte Orte" nennen: die Bibliothek, der Sportplatz oder das Vereinsheim; also Räume "außerhalb".

Auch wenn sich der Trend bereits vor der Krise abgezeichnet hat: Nach einer langen Durststrecke könnten die Orte eine wahre Renaissance erleben, vermutet Jan Wetzel. Einfach, weil es gut tut, sich jenseits des Gewohnten aufzuhalten. Und wenn auch nur, um aufzutanken – und dann erfrischt zurückzukehren.