Herr Lauterbach, wann bekommen wir unser normales Leben zurück?

Wir werden die Omikronwelle in den nächsten Wochen brechen können und dann gibt es viele Freiheiten zurück. Es wird ein super Sommer werden. Was im Herbst kommt, hängt im Wesentlichen davon ab, ob wir die Impfpflicht für die Ungeimpften durchsetzen können. Wenn uns das nicht gelingt, wird es im Herbst wieder große Probleme geben. Ich hoffe deshalb, dass wir es schaffen, die Impfpflicht einzuführen.

Jetzt scheint ja sogar die einrichtungsbezogene Corona-Impfpflicht, also etwa für Angestellte in Pflegeheimen und Kliniken, mancherorts zu wackeln. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will sie vorerst aussetzen…

Die bayerische Landesregierung kann das beschlossene Gesetz nicht einfach so außer Kraft setzen. Laxe Vollzugsregeln der einrichtungsbezogenen Impfpflicht können nicht nur das Leben der älteren Menschen mit schwachem Immunsystem gefährden. Dazu gefährden sie auch die Glaubwürdigkeit von Politik.

Es soll verschiedene Gesetzesentwürfe für die allgemeine Impfpflicht geben. Welchen Antrag favorisieren Sie?

Ich bin ein klarer Befürworter der allgemeinen Impfpflicht ab 18. Den Antrag werde ich im Bundestag unterstützen. Wenn wir diese Debatte jetzt auf uns nehmen – in der Politik und in der Gesellschaft – dann möchte ich auch, dass die Impfpflicht nachher funktioniert. Was bringt denn eine Impfpflicht ab 50 Jahren, bei der die Jüngeren mit vielen Risikofaktoren wie Diabetes oder Krebs ungeschützt bleiben? Wenn wir das große Rad drehen, muss das Gesetz sitzen.

Wenn eine Impfpflicht wirklich kommt: Wie wird kontrolliert und angemessen sanktioniert, sodass sich Wohlhabendere nicht freikaufen können?

Die Idee, sich freizukaufen, würde ja nur funktionieren, wenn die Strafen keine Abschreckungswirkung hätten. Das muss ja nicht sein. Bei der Umsetzung werden wir zu Lösungen kommen.

Welche Impfquote erhoffen Sie sich zum Herbst?

Möglichst hundert Prozent bei Menschen über 18 Jahre. Minus derjenigen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können. Das sind aber sehr, sehr wenige.

Sie kennen jetzt ja die fehlende Impfbereitschaft der Deutschen. Hätten Sie sich in der Rückschau, früher für die Impfpflicht eingesetzt?

Das ist eine Frage, die ich mir selbst nicht stelle. Wir haben ja jetzt ein ganz anderes Wissen. Wir wissen, wie Omikron sich verbreitet. Wir wissen, wie schwer die Delta-Welle verlaufen ist. Wir wissen, dass es Vorbehalte gegen das Impfen gibt. Vieles von dem wussten wir nicht. Darüber jetzt zu spekulieren, ist müßig. Wichtig ist, dass wir jetzt die Impfpflicht einführen.

Hauptstadtkorrespondentin Tina Haase und Chefredakteurin Julia Rotherbl im Gespräch mit Gesundheitsminister Karl Lauterbach (von links)

Hauptstadtkorrespondentin Tina Haase und Chefredakteurin Julia Rotherbl im Gespräch mit Gesundheitsminister Karl Lauterbach (von links)

Wie oft müssen wir uns – nach jetzigem Stand – gegen Corona impfen lassen?

Für die Erfüllung der Impfpflicht reichen die drei Impfungen zur Grundimmunisierung. Wir sehen, dass bei drei Impfungen der Immunschutz sehr gut erhalten bleibt. Wer sich dennoch infiziert, hat keine schweren Verläufe zu erwarten. Wer sich zur Sicherheit nochmals oder auch jährlich impfen lässt, kann das auch machen.

Gerade stehen oft die Menschen im Mittelpunkt, die nicht geimpft sind. Wie motivieren Sie die Menschen, die sich seit zwei Jahren mit allem Drum und Dran einschränken?

Bei all diesen Menschen möchte ich mich bedanken. Ich weiß genau, was sie auf sich nehmen. Das ist eine große Leistung. Es ärgert mich, dass die kleine Gruppe der Nichtimpfwilligen einen so großen Einfluss darauf hat, wie wir derzeit leben. Besonders stark leiden die Kinder. Mir tun alle Menschen leid, die ihre Existenz verloren haben und vielleicht sogar jegliche Hoffnung und Perspektive. Vor diesem Hintergrund ist die Selbstgerechtigkeit, mit der Impfgegner ihre Haltung verteidigen, ziemlich erstaunlich.