Diabetes Ratgeber

Der Weihnachtsurlaub ist abgesagt, bei Treffen mit der Familie schwingt die Angst vor dem Virus mit. Corona ist eine Belastung für alle. Die Krise hat aber auch Impulse gebracht: etwa für die Digitalisierung der Medizin, beim Thema Diabetes - oder fürs eigene Leben. Hier sprechen Experten und Menschen mit Diabetes über ihre Erfahrungen der letzten Monate.

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"Ich will die zweite Chance im Leben nutzen!"

Tino S. (42) aus Greifenberg lag im Frühjahr mit einer Corona-Infektion auf der Intensivstation

"Mein alter Lebensstil war nicht wirklich gesund. Ich habe zu viel gearbeitet, mich zu wenig bewegt und Stress mit Essen kompensiert. Anfang des Jahres habe ich beim Hausarzt die Diagnose Diabetes Typ 2 erhalten. Wenige Wochen später erkrankte ich an Corona. Ich hatte bei der Kommunalwahl in Bayern im März als Wahlhelfer mitgeholfen. Wahrscheinlich habe ich mich da angesteckt. Zuerst bekam ich Schüttelfrost und hohes Fieber. Nach einem positiven Corona-Test musste ich in die Klinik. Dort kam die Atemnot. Aufgrund sehr schlechter Werte lag ich neun Tage lang im künstlichen Koma. Danach war ich völlig kraftlos und zehn Kilo leichter. Heute geht es mir wieder besser. Mein Langzeitzuckerwert liegt zwischen 5,0 und 5,5. Seit einigen Monaten arbeite ich wieder in Vollzeit, aber ich mache keine Überstunden mehr. Ich habe nochmal die Chance bekommen - und die will ich nutzen. Ich passe besser auf mich auf. Gesundheit hat jetzt Vorrang."

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"Seitens der Politik vermisse ich die nötigen Strategien."

Hausarzt Dr. med. Bernd Rebell leitet eine diabetologische Schwerpunktpraxis in München mit 16 Angestellten

"Die Pandemie hat uns dazu gezwungen, die Abläufe innerhalb der Praxis noch genauer zu analysieren, um Warte-und Aufenthaltszeiten zu verkürzen. Das ist uns inzwischen gut gelungen. Normalerweise war unsere Praxis immer voll mit Patienten. Zur Einhaltung der sinnvollen und notwendigen Hygienemaßnahmen haben wir die Zahl der gleichzeitig in der Praxis anwesenden Patienten aktuell auf ein Drittel reduziert. Wir haben Terminpläne geändert, die Sprechstunde ausgeweitet, Schulungsgruppen verkleinert, Telefon-und Videosprechstunden eingeführt. Als Team haben wir es geschafft, die medizinische Versorgung so zu organisieren, dass es trotz Corona gut und sicher funktioniert. Allerdings bedaure ich, dass viel weniger Zeit bleibt für Gespräche mit meinen Patienten, auch für Belange abseits rein medizinischer Themen. Was mir Sorge bereitet: Wenn mein halbes Team in Quarantäne müsste, wüsste ich nicht, was ich machen soll. Dann ist die Versorgung der Patienten nicht mehr aufrechtzuerhalten. Da fehlen mir von Seiten der Politik die nötigen differenzierten Strategien. Es gibt wenig konkrete und gut ausgearbeitete Notfallpläne für verschiedene Szenarien. Meinen Patienten empfehle ich: Haltet Euch fit mit ausreichend Bewegung. Dadurch wird das Immunsystem gestärkt, das Herz-Kreislaufsystem und die Lunge werden trainiert. Das ist auch ganz wichtig für Menschen mit Diabetes. Genauso wichtig ist eine stabile und gute, möglichst an normale Blutzuckerwerte heranreichende Blutzuckereinstellung. Außerdem empfehle ich normalerweise Impfungen gegen Influenza und Pneumokokken, doch diese sind leider seit Monaten nicht mehr im erforderlichen Umfang verfügbar. Auch hier haben die politisch Verantwortlichen vieles verschlafen."

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"Der Mensch als Bestimmer der Natur und kleiner Gott wurde zusammengestutzt"

Prof. Dr. Bernhard Kulzer, Fachpsychologe Diabetes im Diabetes Zentrum Mergentheim

"Ich bin erstaunt, wie vieles online plötzlich möglich ist: Telemedizin, Videosprechstunden, Online-Schulungen. Da hat die Pandemie schon einen großen Anstoß in Richtung digitaler Möglichkeiten gegeben. Das ersetzt natürlich nicht den direkten Kontakt, ist aber durchaus für viele Patienten hilfreich.Auch Psychotherapie klappt über Video ganz gut – vor allem wenn man die Patienten schon kennt. Bei neuen Patienten ist die Barriere größer. Gesamtgesellschaftlich stelle ich fest, dass wir in den letzten Monaten unsere eigene Verletzlichkeit stärker zu spüren bekommen haben. Vor Corona schien alles sicher, schien alles möglich. Jetzt stellen die Menschen fest, dass es doch nicht immer nur wirtschaftlich aufwärts geht und wir durch Krisen persönlich, aber auch als Gesellschaft verletzlicher sind, als gedacht. Der Mensch als Macher der Natur und kleiner Gott wurde ein bisschen zusammengestutzt. In Zukunft gilt es, einen guten Mittelweg zwischen Panik und Leichtsinn im Umgang mit Covid 19 zu finden. In der Krise wird klar, was dem einzelnen wichtig ist: Familie, Gesundheit, soziales Umfeld. Das sind Themen, für die man sich momentan engagieren sollte."

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"Apotheken vor Ort sind wichtig für die Patientenversorgung"

Mathias Arnold, Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA), dankt den Kolleginnen und Kollegen in den Apotheken vor Ort

"Die Apotheken waren auch während des Lockdowns für die Menschen da und haben vor Ort, telefonisch oder digital beraten. Es hat sich gezeigt, dass die Botendienste der Apotheken eine wichtige Säule in der Patientenversorgung sind. Lieferengpässe bei Medikamenten wurden durch die Pandemie verstärkt. Hier müssen wir handeln und Teile der Pharmaproduktion nach Europa zurückholen und Lieferketten verkürzen. Aber das ist ein Problem, das Deutschland nicht allein lösen kann, dazu brauchen wir Europa."

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"Auch Diabetes ist eine Pandemie, gegen die wir die Bevölkerung besser schützen müssen"

Professor Dr. Baptist Gallwitz ist Diabetologe und Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft

"Die Medien haben Corona gut im Blick. Worüber momentan aber viel zu wenig berichtet wird: Jeden Tag erkranken allein in Deutschland rund 1500 Menschen neu an Diabetes, einer unheilbaren, chronischen Erkankung. Ich möchte nicht Corona und Diabetes gegeneinander aufwiegen. Aber klar ist: Wir müssen verhindern, dass sich Typ-2-Diabetes auch in Zukunft so stark ausbreitet. Hier brauchen wir wirkungsvolle Präventionskonzepte, besonders im Ernährungsbereich. Jahrelang haben Mediziner dafür gekämpft, dass es eine Kennzeichnung für Lebensmittel gibt, anhand derer Verbraucher erkennen können, ob ein Lebensmittel gesundheitlich problematisch ist. Jetzt wurde der Nutri-Score eingeführt. Doch die Kennzeichnung ist für die Unternehmen freiwillig. Das reicht nicht! Hier muss die Politik nachbessern."

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"Wir brauchen spezialisierte Kliniken"

Professor Dr. Reinhard Busse, Gesundheitsökonom, TU Berlin

"30 Prozent der Corona-Patienten, die bis zum Sommer beatmet werden mussten, wurden in eine andere Klinik verlegt, weil es dort eine spezialisiertere Versorgung gab. Was wir daraus lernen: Wichtiger als die Anzahl der Kliniken ist die Qualität. Wer einen Herzinfarkt hat, will in einer Klinik versorgt werden, in der die Ärzte Experten auf dem Gebiet sind und über die nötige technische Ausstattung verfügen. Heute gehen Patienten davon aus, dass das Krankenhaus in ihrer Nähe sie bei jedem Leiden gut versorgt. Das ist nicht immer der Fall. Hier brauchen wir strukturelle Veränderungen, auch wenn das bedeutet, dass einige Kliniken schließen."