Diabetes Ratgeber

Es geht vor allem um Ihre Füße und Beine: Nervenschäden durch den Diabetes kön­nen dort etwa Schmerzen,  Brennen oder Taubheitsgefühl auslösen. Man spürt nicht, wo das Gewicht auf den Füßen lastet, fühlt sich beim Gehen unsicher, das Sturzrisiko steigt. Dann stellt sich die Frage: Was darf man sich körperlich überhaupt zumuten?

Klaus Völker, emeritierter Professor für Sportmedizin der Universität Münster, macht Mut: "Die meisten Patienten können viel mehr erreichen, als sie sich zutrauen." Gezieltes Training verbessere etwa die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu kontrollieren und zu halten. Das sei unerlässlich für sichere und unbeschwerte Bewegung.

Zunächst sollte der Arzt Nervenschäden und mögliche Durchblutungsstörungen erkennen und  behandeln, um das Fortschreiten der Neuropathie zu verhindern. In Absprache mit dem Arzt lässt sich dann für jeden eine Aktivität finden, die einem behagt und die sicher ist. Sie darf also weder Koordination noch Herz oder Kreislauf überfordern. So gehen Sie dabei am besten vor:

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Schmerztherapie anpassen

"Bei Nervenschmerzen sollte zunächst die Schmerzbehandlung verbessert werden", sagt Dr. Oliver Emrich, Leiter des regionalen Schmerz- und Palliativzentrums DGS Ludwigshafen. Bewegung kann Schmerzen nicht wegzaubern — was also ist zu tun? Spezialisten können Wirkstoffe gegen Nervenschmerzen, zu denen Medikamente gegen Depressionen oder Epilepsie zählen, neu kombinieren oder individuelle Dosierungsspielräume für stark wirksame Schmerzmittel ­festlegen. "Das funktioniert nur in enger Abstimmung zwischen Patienten und Arzt", betont Emrich. Oft bessert erst die Kombination mehrerer Methoden die Beschwerden dauerhaft. Neben psychologischen Verfahren setzen Ärzte Behandlungen ein, die Strom nutzen, wie TENS, eine sanfte Reizstrom­therapie, oder Hochtontherapie. Manchen helfen Akupunktur oder Wasseranwendungen. Ausprobieren lohnt sich: Regel­mäßige Bewegung mit nur geringen oder ohne Schmerzen kann das Fortschreiten der Neuropathie bremsen.

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Füße in Sicherheit bringen

Außer vielleicht beim Training mit Hanteln oder einem Arm-Ergometer: Beim Bewegen brauchen wir unsere Füße. Vor und nach jeder Aktivität müssen Menschen mit Neuropathie ihre Füße auf Blasen, ­Druckstellen und Verletzungen hin genau untersuchen. Aus scheinbar kleinen Verletzungen können sich schnell gefährliche Wunden entwickeln, die man nicht spürt.
Wer sich bewegt, belastet seine Füße mehr als jemand, der auf der Couch liegt. Perfekte Fußpflege trägt dazu bei, dass die Belastung keinen Schaden anrichtet. "Cremen Sie Ihre Haut immer gut ein. Das hält sie geschmeidig", rät Schmerz­experte Emrich. Socken und Schuhe müssen optimal passen und dürfen nirgends scheuern oder drücken.
Fragen Sie Ihren Arzt, ob Sie Diabetes-Schutzschuhe oder sogar individuell angepasste Schuhe brauchen.

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Den idealen Trainings-Mix wählen

"Trainieren Sie Ihr Körpergefühl", rät Christian Bitzer, Sporttherapeut in Albstadt auf der Schwäbischen Alb. "Das trägt bei Nervenstörungen dazu bei, die Bewegungsmöglichkeiten zu erhalten." Ein möglicher Baustein sind Übungen, wie sie in Kursen zur Sturzvorbeugung unterrichtet werden. Etwa mit geschlossenen Augen frei stehen oder ohne Hilfe der Arme vom Stuhl aufstehen. "Das erfordert kaum Aufwand", erklärt Bitzer, "trotzdem stärkt es die Muskelkraft und das Koordinationsvermögen." Wichtig dabei: Sprechen Sie sich mit Ihrem Arzt ab, und lassen Sie sich am Anfang anleiten. Gleiches gilt für Ausdaueraktivitäten wie Schwimmen, Radfahren, Laufen: Sie müssen auf Ihre individuelle Gesundheitssituation abgestimmt werden. "Eine Lösung findet sich immer", sagt Bitzer, "fährt jemand gut Ski, kann er das auch mit einer Neuropathie noch lange Zeit — nur eben angepasst."

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Die richtigen Ziele anpeilen

"Einsteiger machen rasch Fortschritte", erklärt Sportwissenschaftler Bitzer. Vor allem Stehen und Gehen werden oft innerhalb weniger Wochen sicherer. Voraus­gesetzt, man übt regelmäßig. Ältere Menschen mit Neuropathie sollten verschiedene Kraftübungen dazukombinieren. Denn wer mehr Kraft hat, stürzt auch nicht so leicht.

"Alle zwei bis vier Monate sollte man sein persönliches Bewegungsprogramm mit dem Physiotherapeuten besprechen und sich allmählich steigern, bis man sich richtig wohlfühlt", rät Bitzer.

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Die Wirkung kontrollieren

Bewegung verbessert die Blutzucker- und Blutfettwerte und senkt erhöhten Blutdruck. Möglicherweise brauchen Sie dadurch weniger Diabetesmedikamente, etwa eine geringere Insulindosis, oder Sie können die Dosis der Blutdrucksenker verringern. Wenn Sie also Fortschritte machen: Sprechen Sie mit dem Arzt, ob Ihre Medikamententherapie angepasst werden muss.

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Richtig dehnen

Wer zu Muskelkrämpfen neigt, sollte nach dem Training regelmäßig alle wichtigen Muskeln dehnen. Die Illustration links zeigt, wie man die Muskulatur der Beinrückseite rechts dehnt.

Lassen Sie sich als Anfänger die Übungen unbedingt von Profis zeigen.

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