Diabetes Ratgeber

Viele Patienten von Lars Selig in der Adipositas-Ambulanz des Uniklinikums Leipzig sind wahre Diätprofis. Wenn sie dem Leiter des Ernährungsteams erzählen, was sie schon alles probiert haben, sind Formula-Diäten fast immer dabei. Kein Wunder: Die Pulver gibt es überall zu kaufen, und das Prinzip ist verlockend einfach: dreimal täglich eine Portion ins Glas schütten, mit Wasser anrühren, den Shake trinken, fertig. Drin steckt genug von allem, was der Körper braucht, aber nur wenige Kalorien. Es gibt keine aufwendigen Rezepte, keine Einkaufslisten und Vorgaben, was gegessen werden darf und was nicht. Die perfekte Diät also, um unkompliziert abzuspecken und so den Blutzucker zu senken?

Wenig Kalorien, viele Nährstoffe

Ernährungsprofi Lars Selig und sein Team haben tatsächlich gute Erfahrungen mit dem Mahlzeitenersatz gemacht. Ein Vorteil aus seiner Sicht: "Die Pulver enthalten genau festgelegte, täglich konstante Kalorienmengen, an die sich der Stoffwechsel gut anpassen kann." In Deutschland zugelassene Produkte seien nach den Vorgaben der Diätverordnung zusammengesetzt. Das garantiere, dass sie alle notwendigen Nährstoffe enthalten.

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Im Leipziger Klinikum setzt man auf ein Stufenschema, bei dem in der ersten Woche alle Mahlzeiten durch Formula-Drinks ersetzt werden. In der zweiten Woche gibt es eine normale Mahlzeit pro Tag, und ab der dritten Woche kommt zweimal täglich "richtiges" Essen auf den Teller. Damit die Abnehmwilligen später nicht in ihre alten Essgewohnheiten zurückfallen, werden sie von Diätassistenten geschult und begleitet.

Im Supermarkt Formula-Drinks kaufen und einfach mal ausprobieren, davon rät Lars Selig ab. "Lassen Sie sich beim Kauf in der Apotheke gut beraten und während der Diät von einem Ernährungsberater anleiten", sagt er. Denn Abnehmwillige hätten oft unrealistische Erwartungen ("Ich will bis zum Sommer 20 Kilo abnehmen"), falsche Vorstellungen ("Das nimmt man zusätzlich zum Essen ein"), Durchhänger während der Diät ("Auf der Waage passiert einfach nichts mehr") und keine Langzeitstrategie ("Jetzt kann ich endlich wieder essen, was mir schmeckt").

Wer nur Pulver anrührt, setzt sich mit seiner Ernährung nicht auseinander. Dabei gibt es vieles, was man wissen sollte: Was ist in Lebensmitteln drin, welche sind bei Diabetes vorteilhaft und welche nicht? "Wenn man das nicht verstanden hat, wird man nicht zu einer gesunden Ernährung finden", ist Lars Selig überzeugt.

Vorab Risiko-Check beim Arzt

Wer also mit Formula-Diäten abnehmen möchte, spricht am besten vorab mit seinem Hausarzt und erkundigt sich nach einer begleitenden Ernährungsberatung. "Menschen mit Diabetes sollten außerdem unbedingt abklären, ob bei ihnen medizinisch etwas gegen diese Diätform spricht", rät Professor Andreas Pfeiffer, Direktor der Abteilung Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin an der Charité — Universitätsmedizin in Berlin. Das sei zum Beispiel bei fortgeschrittener Nierenschwäche und manchen Herzerkrankungen der Fall.

"Auch die Diabetestherapie muss während oder sogar schon vor einer  Formula-Diät in Rücksprache mit dem Arzt laufend angepasst werden",  betont der Experte. Denn mit der Umstellung auf den kalorienarmen  Mahlzeitenersatz würden die Zuckerwerte oft innerhalb kürzester Zeit  dramatisch sinken — lange bevor sich die Diät auf der Waage bemerkbar  macht. Das sei einerseits erfreulich und sehr motivierend, andererseits:  "Wer Insulin spritzt oder Medikamente mit Risiko für Unterzuckerungen  einnimmt, riskiert ohne Dosisanpassung gefährliche Hypo-Notfälle."

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Der Insulinbedarf sinkt sofort

Im Rahmen verschiedener Studien haben Andreas Pfeiffer und seine Kollegen positive Erfahrungen mit Formula-Diäten gemacht. Man nehme mit den Shakes sehr effektiv ab. Diabetespatienten könnten ihren Blutzucker teilweise sogar ohne Medikamente wieder auf normale Werte senken. Trotz der eintönigen Kost würden nur ganz wenige Teilnehmer vorzeitig aus den Programmen aussteigen, erzählt der Mediziner. Über Hunger klagt keiner. "Der verschwindet innerhalb von zwei Tagen, weil der Körper schnell auf den sogenannten Ketose-Stoffwechsel — eine Art Energiesparprogramm — umschaltet."

Die eigentliche Herausforderung sei es, das neue Gewicht zu halten. Vier von fünf Teilnehmern hätten spätestens nach fünf Jahren wieder alle Kilos drauf, so Pfeiffer. Dabei sei es egal, mit welcher Methode sie abgenommen haben. Das belegen Studien übereinstimmend. "Es ist also nicht nachhaltiger, mithilfe einer ausgewogenen Ernährung langsam abzunehmen als schnell mit Formula-Pulvern."

Motiviert bleiben in der Gruppe

Den besten Langzeiterfolg garantiert nach Erfahrung des Experten eine Art sozialer Kontrolle. "Das kann ein regelmäßiger Termin beim Ernährungsberater sein oder eine Sportgruppe", schlägt er vor. Letzteres nütze doppelt: "Bewegung hilft, nicht wieder zuzunehmen."

Andreas Pfeiffer rät außerdem, sich wöchentlich zu wiegen und eine Strategie für den Fall festzulegen, dass man wieder zunimmt. Man könnte dann zum Beispiel das Abendessen eine Zeit lang durch einen Formula-Shake ersetzen. "Wer die Strategie konsequent befolgt, sobald das erste Kilo wieder drauf ist, wird sich dauerhaft über seinen Abnehmerfolg freuen können."