Frau Käßmann, es war nicht leicht, einen Termin für dieses Gespräch zu finden. Obwohl Sie seit fünf Jahren im Ruhestand sind, ist Ihr Kalender recht voll.

Ich halte regelmäßig Gottesdienste, schreibe Bücher und bin für Vorträge unterwegs. Doch ich habe viel mehr Zeit, seit ich in Pension bin. Ich genieße es, meine sieben Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Ich bin zwar keine Vollzeitoma, aber wir sehen uns an festen Tagen, wir spielen Mikado oder ich lese etwas vor.

Früher bei meinen Töchtern hatte ich oft Arbeit im Hinterkopf – noch eine Akte lesen, noch eine Predigt schreiben, Wäsche machen. Das ist heute anders, das empfinde ich als großes Geschenk, und das spüren auch meine Enkel.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Großmutter?

Meine Eltern waren berufstätig, meine Großmutter hat bei uns gekocht. Ich erin­nere mich, dass sie in der Küche Choräle sang, während sie im Gulasch rührte. Dieses Bild von ihr trage ich im Herzen.

„Vergebung kann heilsam sein“ (Margot Käßmann, Theologin).

„Vergebung kann heilsam sein“ (Margot Käßmann, Theologin).

Meine Großmutter musste nach dem Krieg alleine mit ihrer Tochter und drei Kleinkindern fliehen. Das war eine harte Zeit. Aber sie hat nie gehadert, nie gefragt, wie konnte Gott das zulassen. Sie hatte dieses Vertrauen, mit Gottes Hilfe ihr Leben zu meistern. Das hat sie mir mitgegeben. Das möchte ich meinen Enkeln auch mit auf den Weg geben. Dazu dieses Urvertrauen, dass Familie etwas Positives ist, das im Leben Halt gibt.

Familiäre Beziehungen sind besonders eng. Steckt in ihnen auch ein großes Potenzial, verletzt zu werden?

Diese Beziehungen sind tragend im Leben. Wird hier Vertrauen gebrochen, rührt das tiefe Gefühle in uns an. Es tut weh, von den Eltern missachtet zu werden. Der Betrug der Schwester fühlt sich an wie Verrat an der gemeinsamen Kindheit, der Seitensprung der Partnerin lässt Intimität und Nähe zerbrechen. Solcher Schmerz ist nicht leicht zu bewältigen. Da ist eine Verwundung, die wir in uns tragen.

Diese Wunden heilen zu lassen, ist oft gar nicht leicht.

Das erlebe ich in meiner Arbeit als Seelsorgerin häufig, wie diese Verletzungen Menschen aus der Bahn werfen können. Ich erinnere mich an eine Frau, deren Ehe zerbrach. Für sie war ihr Mann die Liebe ihres Lebens gewesen, sie hatten zwei Söhne, ein schönes Haus. Eines Tages gestand der Ehemann, dass er eine Affäre mit einer Kollegin hatte. Seine Frau fühlte sich verraten, beschmutzt, zutiefst verletzt. Als ihr Mann auszog, schwor sie: „Dich mach ich fertig.“

Ich kann die Gefühle der Frau nachvollziehen.

Natürlich. Aber der Hass auf ihren Ex-Mann wurde für sie für viele Jahre geradezu ein Lebenselixier. Sie tat alles, um die Kinder gegen ihren Vater aufzuhetzen und ihrem Ex-Mann und seiner neuen Frau das Leben schwer zu machen. Besonders für ihre Söhne war das extrem schlimm. Aber die Frau konnte ihrem Mann einfach nicht vergeben.

Vergebung. Das sagt sich so einfach.

Ich sage nicht, dass Vergebung einfach ist. Die eigenen Gefühle sind mächtig und sie haben ihr Recht: Ärger, Wut, Zorn, aber auch dieses Gefühl der Ohnmacht, der Ungerechtigkeit. Aber will ich wirklich diesen Hass mein ganzes Leben lang mit mir he­rumtragen? Wenn ich der Frau etwas raten dürfte, würde ich ihr gern sagen: Lass los! Das Leben ist zu kurz, um derart zu ver­bittern. Wage einen Neuanfang in deinem Leben. Vergeben zu können macht uns frei.

Heilt Zeit diese Wunden?

Ich bin keine Therapeutin. Aber ich bin überzeugt, dass manche Verletzungen ein wenig ruhen müssen. Wenn etwa Geschwister um ein Erbe in Streit geraten, kann das sehr schmerzlich sein. Geschwister teilen eine gemeinsame Kindheit. Wenn da einer einen Vorteil sucht zum Nachteil des an­deren, tut das weh. Manchmal verhärtet sich etwas, dass die Geschwister nicht mehr rauskommen aus ihrem Groll. Da kann es eine Chance sein, erst einmal eine Kontaktpause einzulegen.

Sie meinen, den Kontakt abzubrechen?

Nein. Den Kontakt zu den engsten Fami­lienmitgliedern abzubrechen, darunter werden alle leiden. Aber manchmal ist es gut, eine Pause einzulegen, um für sich selbst die Frage zu klären, warum bin ich so verletzt? Was war damals in der Kindheit? Das braucht Zeit. Im besten Fall kommt es nach einer Pause zu einem offenen Gespräch. Aber selbst wenn es heißt: „Ich verstehe nicht, dass du das so siehst, es tut immer noch weh“, kann die gemeinsame Erinnerung an Eltern und Kindheit gegenüber den Verletzungen in den Vordergrund treten.

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Gibt es nicht auch Dinge, die sich nicht vergeben lassen?

Vergebung kann nie erzwungen werden. Ich hatte Kontakt zu einer Frau, die von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. Als Erwachsene war es ihr nie möglich, eine entspannte Sexualität zu leben. Jede Beziehung ging in die Brüche. Ihr Vater hatte ihr Leben zerstört. Sie sagte mir: „Ich kann das nie verzeihen.“ Das ist nachvollziehbar.

Die Kirchen haben den sexuellen Missbrauch von Kindern in den eigenen Reihen jahrelang vertuscht. Ist das unverzeihlich?

Sexueller Missbrauch an Kindern ist ein Verrat an allem, was Jesus gepredigt hat. Eine Kirche, die diese Straftaten auch noch vertuscht, setzt der Grausamkeit noch eines oben drauf. Das ist eine tiefe Schuld und es ist wichtig, das transparent aufzuarbeiten. Das darf nicht innerhalb der Kirchen passieren, diese Straftaten müssen der Staatsanwaltschaft übergeben werden.

Ist es manchmal nicht am schwersten, sich selbst zu vergeben?

Damit habe ich, wie Sie wissen, persönliche Erfahrungen gemacht. 2010 war ich abends mit einem Bekannten aus, hatte zu viel Wein getrunken, mich danach ins Auto gesetzt und bin von der Polizei angehalten worden. Mir war sofort klar, dass ich einen riesigen Fehler gemacht habe.

Sie haben damals Ihren Fehler sofort eingeräumt und sind von Ihrem Amt zurückgetreten. Das hat Ihnen Respekt eingebracht. Warum fällt das oft so schwer, eigene Fehler zuzugeben?

Niemand gibt gerne Fehler zu. Mir hat mein Glaube geholfen. Wenn wir uns klarmachen, dass jeder von uns irgendwann schuldig an anderen Menschen wird, fällt es auch leichter, uns selbst zu vergeben oder andere um Vergebung zu bitten.

Gelingt uns das als Gesellschaft, aufeinander zuzugehen?

Ich spüre im Moment in Gottesdiensten, dass viele Menschen sehr verzagt sind, dass sie Angst vor der Zukunft haben. Natürlich gibt es viele Probleme, aber wir sind ein großartiges Land, wir haben die Kraft, dass die Starken für die Schwachen da sein können. Auch in diesem Jahr werden wir an Weihnachten Kerzen anzünden, vielleicht nicht so viele, aber es gibt Licht in dieser Welt. Diese Botschaft der Hoffnung dürfen wir uns gönnen.

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