Neulich saß Benedikt Schwan im Flugzeug, in der Reihe gegenüber eine Mutter mit Baby. Das Kleine guckte ihn an und begann, mit Schwan Faxen zu machen. „Bevor ich so etwas konnte, habe ich eine ganze Weile gebraucht“, erzählt er. „Ich wurde ständig an meinen Makel erinnert, das machte mich fertig.“

Der Journalist weiß seit fünf Jahren, dass er keine Kinder zeugen kann. Schwan war Mitte 30, als er und seine Frau versuchten, ein Baby zu bekommen. Anfangs nahmen sie es locker, wollten nicht so sein wie andere Paare, die sich Stress mit dem Kinderkriegen machen. Als nach mehreren Jahren nichts passierte, ließen sie sich beide durchchecken.

Sein Ergebnis war ernüchternd: Azoospermie – das bedeutet, in der Samenflüssigkeit befinden sich keine Samenzellen. Die Gründe dafür? Unklar. Ursachen für die Azoospermie können genetische Defekte, Entwicklungsstörungen oder Infektionen sein. Nach der Diagnose stürzte sich Schwan in die Arbeit. „Ich habe es, ganz Mann, erst mal komplett verdrängt und weggeschoben. Erst Monate später machte sich ein Gefühl des Versagens in mir breit. Ich ­hatte das Gefühl, dass alle um mich herum Kinder bekamen – und ich war das Mängelexemplar“, erinnert sich Schwan.

Ungewollt kinderlos? Bei einem Drittel liegt’s am Mann

In Deutschland ist fast jede und jeder Zehnte zwischen 20 und 50 Jahren ungewollt kinderlos. In einem Drittel der Fälle liegt das an der Unfruchtbarkeit des Mannes. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass insgesamt neun Prozent der deutschen Männer keinen Nachwuchs zeugen können.

„Wenn früher eine Ehe kinderlos blieb, lag das automatisch an den ­Frauen, Kinder kriegen war schließlich deren Sache. Auf männlicher Seite ist die Forschung sehr spät in Gang gekommen. Den Fachbereich Andrologie, also männliche Fruchtbarkeit, gibt es erst seit gut 35 Jahren“, sagt Professorin Dr. Sabine Kliesch, Chefärztin in der Abteilung für Klinische und Operative Andrologie am Universitätsklinikum Münster. Noch heute sei es häufig so, dass sich Kinderwunschpraxen auf die Frau konzentrieren, sie komplett untersuchen und diagnostizieren – und beim Mann maximal eine Samenprobe anschauen.

Die Ursache? Oft unbekannt

Obwohl es eine gültige Richtlinie gibt, die sagt: Der Mann sollte von einem Andrologen oder einer Andrologin untersucht werden. Dazu gehören: Tastuntersuchung und Ultraschall der Hoden, ein Blutbild und die Kontrolle des Hormonhaushaltes. Der Patient wird nach Vorerkrankungen in der Kindheit gefragt. Gab es eine Entzündung der ableitenden Samenwege oder ­eine Harnwegsentzündung?

Auch die Anatomie ist wichtig: Ist die Harnröhre normal angelegt und mündet sie da, wo sie soll, an der Spitze des Penis? Liegt die Harnröhre zum Beispiel an der Unterseite des Penis, gelangt der Samen gar nicht in die Vagina oder nur in ihren vorderen Bereich. Dies kann auch bei einer Vorhautverengung passieren – in beiden Fällen ist eine Befruchtung unmöglich. „Es können banale Hindernisse sein, die sich in der Ejakulat-­Untersuchung nicht zeigen“, sagt Sabine Kliesch.

Bei mehr als der Hälfte ihrer Patienten kann sie den Grund für die Sterilität nicht benennen, „daran forschen wir aber intensiv“. Bei der anderen Hälfte verteilen sich die Gründe auf Krankheiten aus der Vergangenheit – wie ein zu spät behandelter Hodenhochstand, Krampfadern am Hoden und Entzündungen wie etwa Bakterien im Ejakulat. Auch Störungen der Hormonproduk­tion können zu Unfruchtbarkeit führen. „Genetische Störungen wiederum betreffen jeden vierten Mann in der Gruppe der Pa­tienten, die gar keine Spermien im Ejakulat haben“, erläutert Kliesch.

Der Traum vom eigenen Kind

Marcus Reichert (Name geändert) erfuhr 2007, dass zwar Spermien in seinem Ejakulat gefunden wurden – doch es waren zu wenige, sie waren fehlgebildet und unbeweglich. Die Diagnose ließ ihn in der Praxis fast zusammenbrechen. Weshalb seine Spermien nicht beweglich sind, weiß der 46-jährige Ingenieur bis heute nicht. Nur, dass man das nicht reparieren kann:

„Meine Frau und ich wollten eine Familie sein. Und das sollte daran scheitern, dass bei mir etwas nicht funktioniert? Damit konnte ich mich nicht abfinden.“ Er begann zu recherchieren. „Mein Mann wollte sein Ego außen vor lassen, er wurde direkt aktiv. Da war ich noch mit der Trauer um unsere Zukunft mit einem gemeinsamen Kind beschäftigt“, sagt Joana Reichert. Doch ihren Mann ließ die Idee nicht los, mit einer Samenspende doch noch Vater zu werden.

Adoption, Pflegekind, Samenspende?

Ulrich Simon bekam die Diagnose Azoospermie 2003. Der heute 57-Jährige und seine Frau dachten über Adoption nach, darüber, ein Pflegekind aufzunehmen – und über eine Samenspende: „Wir merkten, wie verstohlen mit dem Thema umgegangen wird. Dabei gibt es nichts zu verstecken, wir leben in modernen Zeiten.

Mit anderen Betroffenen gründete er 2013 den Verein „DI-Netz Familiengründung mit Spendersamen“. Rund 200 Familien sind aktiv dabei, Hunderte lassen sich beraten. Immer geht es um die Frage: Welche Möglichkeiten gibt es, wenn der Mann unfruchtbar ist? „Uns Männern wird mit der Diagnose der Boden unter den Füßen weggezogen. In so einer Situation ist es gut, wenn man im Austausch mit anderen Betroffenen steht“, sagt Simon.

Bei den Männerrunden, die der Verein auch online anbietet, kommt regelmäßig zur Sprache, was es eigentlich bedeutet, Vater zu sein – auch wenn die Kinder nicht von einem abstammen. „Selbst kein Leben zeugen zu können ist für viele schon eine Kränkung, die sie verdauen müssen. Sie fragen sich, ob sie auf anderem Wege ein ,richtiger‘ Vater werden können“, berichtet Simon.

Spermienkonzentration oft um über die Hälfte gesunken

Die Spermienkonzentration der in westlichen Ländern wie Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland lebenden Männer lässt nach, seit den Siebzigerjahren hat sie um 50 bis 60 Prozent eingebüßt. 1973 befanden sich in einem Milliliter Ejakulat 99 Millionen Spermien, 2011 waren es 47 Millionen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert 15 Millionen Sper­mien pro Milliliter Ejakulat oder weniger als verminderte Fruchtbarkeit.

Sabine Kliesch will die Zahlen nicht überbewerten: „Ja, es ist eine Veränderung der Konzentration des normalen Bereiches zu erkennen. Wir reden aber von einer allmählichen Abnahme innerhalb des Normal­bereichs.“ Doch jede Abnahme der Sper­mienkonzentration führt dazu, dass die Chancen für eine erfolgreiche Befruchtung sinken. Als mögliche Ursachen für die abnehmende Samenproduktion werden Chemikalien wie hormonartige Kunststoffe, Mikroplastik, Stress und Übergewicht diskutiert. Belegt werden konnte ein Zusammenhang nur beim Rauchen.

Männer rechnen häufig nicht damit, zeugungsunfähig zu sein. „Sie sagen, dass sie doch ganz normal funktionieren, also stellen sie ihre Männlichkeit und damit auch ihre Fruchtbarkeit nicht infrage“, sagt Pe-tra Thorn, Familientherapeutin im hessischen Mörfelden und spezialisiert auf Kinder­wunschberatung. Thorn ist auch ­Autorin des Ratgebers „Männer und Kin­derwunsch“. In den 30 Jahren ihrer Tätigkeit sei das Tabu geringer geworden.

„Mittlerweile gibt es eine größere Bandbreite von Familienzusammensetzungen – wie etwa Stiefelternfamilien und Pflegefamilien. Das macht es Paaren leichter, weil sie sich in die Vielfalt einreihen können“, sagt Thorn. Trotzdem sei es nach wie vor nicht einfach, mit dem Umfeld darüber zu sprechen, wenn der Mann steril ist. Gerade Männer, die sich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben, setzten Sterilität mit Impotenz gleich.

Letzte Hoffnung Samenspende?

Entscheidet sich ein Paar für ­eine Samenspende, entstünde für Männer eine besonders schwere Situation. „Sie sind der Diagnoseträger, die Behandlung wird aber am Körper der Frau durchgeführt. Sie können kaum etwas machen, um ihrer Partnerin die Belastung abzunehmen“, sagt Thorn.

Ein Grund für Männer wie Benedikt Schwan, seinen Kinderwunsch aufzugeben. Er hat ein Sachbuch über seinen Kampf mit der Fruchtbarkeit geschrieben („Ohnekind“, Heyne Verlag), das auch anderen Betroffenen helfen soll. In Sachen Familienplanung brauchten seine Partnerin und er aller­dings noch Zeit. „Wir haben eine ­Adoption erwogen, allerdings geht es dabei immer um das Kind und nicht um den Kinderwunsch von zwei Menschen, die keine Kinder bekommen können. Das adoptierte Kind darf nicht zum Ersatz werden“, sagt der 46-Jährige.

Marcus Reichert ist heute zweifacher Vater. Er überzeugte seine Frau von der Samenspende, eine Schwangerschaft bedeutete das noch lange nicht. Sechs Mal wurde seiner Frau Fremdsperma übertragen, doch es wollte nicht klappen. „Ich betreue als Flugsicherungsingenieur die Navigationsanlagen an den Start- und Landebahnen am Flughafen. Immer wenn ich erfuhr, dass meine Frau wieder nicht schwanger war, bin ich zu meinen Anlagen aufs Rollfeld gefahren und heulte während der Wartung wie ein Schlosshund. Zurück im Büro ließ ich mir nichts anmerken“, erzählt er.

Vaterschaft auch ohne genetische Verwandtschaft

Der siebte Versuch klappte. 2009 wurden sie Eltern einer Tochter, 2012 eines Sohnes – beide Male vom selben Spender. Die sieben Versuche, bis das erste Kind geboren wurde, kosteten das Paar 10 000 Euro, beim zweiten klappte es sofort. Beide Kinder wissen, dass sie durch eine Samenspende entstanden sind, die Familie geht offen damit um. „Leider ist das kein öffentliches Thema, deshalb gibt es kaum einer zu“, sagt Joana Reichert. Ihr Mann ergänzt: „Im Alltag hat das keine Bedeutung für uns. Die Kinder haben sich unzählige Macken von mir abgeschaut. Die familiäre Prägung ist viel mehr wert als ein Chromosomensatz, den ich ihnen nicht vererben konnte.“

Ulrich Simon ist durch Samenspende heute Vater einer Tochter. Er sagt: „Vaterschaft ist nicht zweitklassig, nur weil der Mann keine genetische Verwandtschaft zum Kind hat. Meine Frau und ich sind diesen besonderen Weg gegangen. Einen, mit dem wir drei heute eine zufriedene und vollwertige Familie sind.“

Samenspende

Kind aus Samenspende: Ein Erfahrungsbericht

Leni, 25, hat vor zwei Jahren erfahren, dass sie ein Kind aus einer anonymen Samenspende ist. Seitdem sucht sie ihren Erzeuger, nicht ihren Vater. Denn einen Papa hat sie schon. Ein Interview


Quellen:

  • Ian Askew: WHO laboratory manual for the examination and processing of human semen. WHO: https://www.who.int/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Hamad, MF et al: Impact of cigarette smoking on histone (H2B) to protamine ratio in human spermatozoa and its relation to sperm parameters. Andrology: https://onlinelibrary.wiley.com/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend: Ungewollte Kinderlosigkeit 2020, Leiden - Hemmungen - Lösungen.. Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend: https://www.bmfsfj.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Sommer, F: Zeugungsunfähigkeit: Unfruchtbarkeit beim Mann. maennergesundheit.info: https://www.maennergesundheit.info/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Levine, H et al: Temporal trends in sperm count: a systematic review and meta-regression analysis. human reproduction update: https://academic.oup.com/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Schwan, Benedikt: Ohne Kind. Heyne Verlag: https://www.ohnekind.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Ärzteblatt: Spermienzahl sinkt vor allem in westlichen Ländern. Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
  • Czeromin, U et al: Deutsches IVF Register, Jahrbuch 2020.. Deutsches IVF Register: https://www.deutsches-ivf-register.de/... (Abgerufen am 11.07.2022)
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