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Coronavirus: Wann kommt die Impfung?

Wann mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus zu rechnen ist und wie er entwickelt wird – über Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber auch positive Nachrichten

von Eva Tenzer, Carolin Collin, aktualisiert am 15.09.2020

Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist für uns neu. Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass erste Fälle beim Menschen auftraten. Unser Immunsystem muss sich erst dagegen wappnen. Bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19, wie die durch das Virus ausgelöste Erkrankung heißt, gibt es viele Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber auch positive Nachrichten.

Impfstoff in Deutschland wohl frühestens 2021

Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einer Impfung; doch das braucht Zeit. Denn selbst wenn die Forschung schnell Erfolge meldet, rechnet zum Beispiel das Robert Koch-Institut damit, dass es frühestens 2021 einen Impfstoff in relevanten Mengen geben wird.  Weltweit wird an mehreren verschiedenen Impfstoff-Typen und über 180 Impfstoff-Kandidaten gearbeitet. 35 davon werden im Rahmen von klinischen Studien weltweit erprobt (Stand 15.09.2020).

Vorarbeit an anderem Impfstoff hilft

Professor Becker, welcher auch Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg ist, berichtet: "Wir arbeiten derzeit auch an einem MERS-Impfstoff (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus, kurz MERS-CoV, ein anderer Virus aus dem Corona-Stamm, Anm. d. Red.) gegen das neue Coronavirus. Durch die Forschungen an anderen Impfstoffen haben wir eine gute Grundlage für diese Arbeiten."

Ihre Vorarbeit spielt den Entwicklern nun in die Hände. Die nahe Verwandtschaft von SARS-CoV-2 und MERS-CoV ermöglicht es, teilweise auf bereits vorhandene Verfahren und Impfstoff-Bauteile zurückzugreifen. Außerdem ist der Druck hoch, Forschung und Zulassungsverfahren zu beschleunigen, da die Corona-Epidemie gravierende medizinische und wirtschaftliche Folgen hat.

Die Phasen der klinischen Prüfungen

Die Zulassung von Impfstoffen ist ein streng kontrollierter Prozess mit klaren gesetzlichen und regulatorisch-wissenschaftlichen Vorgaben. .

Ist ein Impfstoff-Kandidat gefunden, prüfen Forscher im Tiermodell, ob tatsächlich Antikörper gebildet werden und ob diese das Virus hemmen (präklinische Phase). Darauf folgen vor der Zulassung die klinischen Studien, welche sich in drei Phasen gliedern. Zuvor muss in Deutschland eine Ethik-Komission darüber entscheiden, ob die geplanten Untersuchungen ethisch und rechtlich vertretbar sind.

In Phase I der klinischen Prüfung wird einer kleinen Gruppe von gesunden Freiwilligen (weniger als 100 Teilnehmer) der Impfstoff verabreicht. Es wird geprüft, ob der Impfstoff vor allem verträglich ist.

In Phase II wird nun an mehreren Hundert Teilnehmern versucht, mehr über die nötige Dosierung und mögliche Nebenwirkungen herauszufinden.

Die Phase III dient neben der Bestätigung der Konsistenz der industriellen Herstellung einer Bestätigung der Wirksamkeit und Sicherheit an einer Gruppe von mehreren Tausend bis Zehntausend Teilnehmern (siehe auch unseren Artikel "Corona: In fünf Schritten zum Impfstoff")

"Die Entwicklung eines Impfstoffs ist ein langwieriger, mühsamer Prozess, vor allem die klinische Prüfung für die Zulassung eines Kandidaten. Das geht nicht in ein paar Wochen", fasst es Professor Becker zusammen.

Die Impfstoff-Kandidaten im Überblick

Aktuell gibt es drei Linien von Impfstoffkandidaten. Unserem Immunsystem werden immer bestimmte Teile von Sars-CoV-2 präsentiert (Antigene). Die Hoffnung ist, dass der Körper nun eigene Abwehrstoffe gegen die Bestandteile des Virus bildet und damit das eigene Immunsystem wappnet. Die unterschiedlichen Kandidaten nutzen dabei sehr verschiedene Antigenanteile und Ansätze.

  • Lebendimpfstoffe mit Vektorviren
  • mRNA/DNA-Impfstoffe
  • Totimpfstoffe

1.) Verändertes Virus als Impfbasis (Vektorviren)

Die Forschenden des DZIF haben ein harmloses Virus, das nicht krank macht, mit Bruchstücken des Corona-Virus gekoppelt. Ein sogenannter Vektor-Impfstoff, welcher an der Ludwig Maximillian Universität in München (LMU) entwickelt wurde. Der Plan: Wenn man das so veränderte Virus einem Menschen als Impfung verabreicht, kann dieser zwar nicht erkranken - doch das Immunsystem bildet Abwehrstoffe (Antikörper) gegen die Corona-Teile dieses "Impfvirus". So lernen die Immunzellen das neue Virus kennen und merken es sich als Ziel. Antikörper könnten den Betroffenen künftig vor einer Infektion mit dem richtigen Coronavirus schützen. Dieses Impfvirus wurde bereits vor mehr als 30 Jahren an der LMU als Impfstoff gegen Pocken entwickelt und ist inzwischen an über 12.000 Personen getestet worden. "Es ist ein bewährtes Vektorsystem, für das eine großtechnische Produktion bereits etabliert ist. Wir kennen das Nebenwirkungsprofil und die Immunogenität des Basis-Impfstoffs schon sehr gut", betont Professor Gerd Sutter, unter dessen Leitung an der LMU geforscht wurde. Auch künstlich hergestellte Masernviren oder Adenoviren werden als Impfstoff-Basis getestet.

2.) mRNA/DNA-Impfstoffe: Typische Eiweiße zur Bildung von Abwehrstoffen

Einen anderen Ansatz verfolgen unter anderem zwei deutsche Biotechnologieunternehmen,  aus Tübingen und aus Mainz. Die Forscher kennen den genetischen Bauplan des Coronavirus bereits. Würde man einem Menschen gezielt bestimmte Teile des Coronavirus-Genoms in Form einer Boten-RNA verabreichen, würden sich in dessen Körper bestimmte, für das Coronavirus typische Eiweiße bilden, die zwar harmlos sind, gegen die der Körper aber sofort Antikörper bilden würde - so der Plan. Man leitet damit den menschlichen Körper quasi an, seinen eigenen Impfstoff zu produzieren. "Auf diese Weise ahmen wir die natürliche Virusinfektion nach und aktivieren den körpereigenen Abwehrmechanismus", erklärt Mariola Fotin-Mleczek, Technologie-Vorstand der Tübinger Firma. Derzeit befindet sich der Tübinger Impfstoffkanditat in der klinischen Phase I/II und wird an verschiedenen Studienzentren getestet. Mit ersten Ergebnissen rechnet die Firma Anfang Oktober, um hierauf weitere Studienphasen aufbauen zu können. Der Mainzer Impfstoffkandidat befindet sich in der klinischen Phase II/III (Stand 4. September 2020).

3.) Totimpfstoffe (inaktivierte Viren)

Mehrer Unternehmen arbeiten weltweit am klassischen Impfverfahren mit Totimpfstoffen. Hierfür werden inaktive Sars-CoV-2 Viren verwendet, welche zuvor so verändert wurden, dass sie sich nicht mehr vermehren können. Diese inaktivierten Viren werden vom Körper als "fremd" erkannt wodurch die eigene Immunreaktion in Gang gesetzt wird.

Tests an gesunden Menschen

Tests von Impfstoffkandidaten am Menschen laufen bereits weltweit. Mehrere Studien hierzu finden sich auch in Deutschland. Auch an mehreren Universitäten, beispielsweise der Charité Research Organisation in Berlin oder die LMU München in Kooperation mit Hamburg und Marburg unter dem Dach des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) planen den Start von Studien ab Septemer 2020.

 

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Wenn der Impfstoff dann da ist, geht es darum, wie er verteilt wird und wer sich als erstes impfen lassen sollte. Darüber spricht Professor Rüdiger von Kries, Mitglied der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut, im Interview (ab Minute 11:20).

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Impfempfehlung für Risikopatienten

Derweil raten Experten übrigens für Risikogruppen zur Grippe- und Pneumokokken-Impfung, unter anderem damit Patienten mit Fieber und Husten, möglicherweise sogar Atemnot, deren Ursache sowohl Covid-19, eine Influenza oder eine Lungenentzündung durch Pneumokokken sein kann, nicht Ressourcen beanspruchen, die im Herbst und Winter vielleicht wieder dringend für Corona-Fälle gebraucht werden. Außerdem kann zu einer Influenza theoretisch eine Infektion mit SARS-CoV-2 hinzukommen, was vor allem für Risikopatienten gefährlich werden kann.

Wer zu einer Risikogruppe gehört (bei Pneumokokken sind dies beispielsweise bei den Erwachsenen unter anderem Personen ab 60 Jahren, mit einer Immunschwäche oder chronischen Atemwegskrankheiten) und sich impfen lassen will, sollte aber vorher unbedingt in der Arztpraxis anrufen, um zu klären, ob Impfstoff verfügbar ist und wie gewährleistet wird, dass er bei der Impfung nicht mit Personen mit einem Atemwegsinfekt oder gar einem Verdacht auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus in Kontakt kommt. An die Impfung gegen die Virusgrippe sollten Risikopersonen im Herbst frühzeitig denken, um dem Beginn der Grippesaison zuvor zu kommen.

Impfstoff-Zulassung in anderen Ländern

Russland: Im August wurde der Impfstoff "Sputnik-V" in Russland zugelassen. Bereits kurz darauf erklärte das Paul-Ehrlich-Institut in einer Stellungnahme, dass diese Zulassung mit Vorsicht zu betrachten sei, da keine ausreichenden Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten aus klinischen Prüfungen (Phase III Studien) vorliegen.

Vereinte Arabische Emirate (VEA): Am 14. September 2020 erfolgte die Freigabe eines Corona-Impfstoffes in den Vereinten Arabischen Emiraten. Dieser Impfstoff stehe nur eingeschränkt für eine Notfallversorgung zur Verfügung. Konkret heißt das für Personen, welche am meisten mit Covid-19 Patienten zu tun haben. Seit Mitte Juli laufen klinische Versuche der Phase III für den Impfstoff eines chinesischen Pharmaunternehmens.

Quellen:

  • Robert Koch Institut, COVID-19-Impfstoff: Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQ), Stand 19.08.2020. Online: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/COVID-19-Impfen.html (abgerufen am 08. 09.2020)
  • NaLI, Nationale Lenkungsgruppe Impfen, Impfstoffentwicklung und Zulassung. Online: https://www.nali-impfen.de/impfstoffe-sicherheit/impfstoffentwicklung-und-zulassung/ (abgerufen am 15.09.2020)
  • NaLI, Nationale Lenkungsgruppe Impfen, Sachstand der SARS-CoV-2-Impfstoffentwicklung. Online: https://www.nali-impfen.de/impfstoffe-sicherheit/stand-der-sars-cov-2-impfstoffentwicklung/ (abgerufen am 15. September 2020)
  • Paul-Ehrlich-Institut, Coronavirus Sars-CoV-2. Online: https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/coronavirus-node.html (abgerufen am 15. September 2020)
  • Paul-Ehrlich-Institut, Stellungnahme. Online: https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/dossiers/zulassung-covid-19-russland.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (abgerufen am 15. September 2020)
  • World Health Organization, Draft landscape of COVID-19 candidate vaccines, Stand 09. September 2020. Online: https://www.who.int/publications/m/item/draft-landscape-of-covid-19-candidate-vaccines (abgerufen am 15.09.2020)
  • Charité Reasearch Organization, Weltweite Impfstoffansätze gegen COVID-19 & Corona-Impfstudien bei der CRO in Berlin. Online: https://studien.charite-research.de/impfstoffansaetze-coronavirus-covid-19-impfstudien-berlin (abgerufen am 15.09.2020)
  • DGAP.de, CurVac, Stand 20. August 2020. Online: https://www.dgap.de/dgap/News/corporate/curevac-curevac-und-europaeische-kommission-fortgeschrittenen-gespraechen-ueber-die-bereitstellung-von-bis-millionen-dosen-eines-potenziellen-mrnabasierten-covidimpfstoffs/?newsID=1390115 (abgerufen am 15.09.2020)
  • Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), Klinische Tests für Impfstoff gegen SARS-CoV-2 können noch im September beginnen, Stand 18. Mai 2020. Online: https://www.dzif.de/de/klinische-tests-fuer-impfstoff-gegen-sars-cov-2-koennen-noch-im-september-beginnen (abgerufen am 15.09.2020)
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung, Corona: Das ist der Stand bei der Impfstoff-Entwicklung, Stand 15. September 2020. Online: https://www.bmbf.de/de/corona-das-ist-der-stand-bei-der-impfstoff-entwicklung-11152.html (abgerufen am 15. September 2020)