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Coronavirus: Wann kommt die Impfung?

Wann mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus zu rechnen ist und wie er entwickelt wird – über Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber auch positive Nachrichten

von Eva Tenzer, aktualisiert am 20.05.2020

Das Coronavirus (SARS-CoV-2) ist neu und erst vor kurzem vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Unser Immunsystem muss sich erst dagegen wappnen. Bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen COVID-19, wie die durch das Virus ausgelöste Erkrankung heißt, gibt es viele Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber auch positive Nachrichten.

Fertiger Impfstoff wohl frühestens 2021

Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einer Impfung; doch das braucht Zeit. Denn selbst wenn die Forschung schnell Erfolge meldet, rechnen Experten wie der Vorsitzende des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery oder der Präsident des Robert Koch-Institutes Lothar Wieler frühestens im kommenden Jahr mit einem Impfstoff.

Erste Tests an gesunden Menschen

Erste Tests von Impfstoffkandidaten am Menschen laufen bereits unter anderem in den USA, auch in Großbritannien haben sie angeblich bereits begonnen.

In Deutschland sind die Forschungsteams nun ebenfalls so weit: "Der Bauplan für den Impfstoff ist fertig. Jetzt muss der Impfstoff für die klinischen Tests noch produziert werden", erklärt zum Beispiel Professor Dr. Stephan Becker vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF).

Das DZIF rechnet damit, dass zu September die sogenannte Phase I der Testung anlaufen kann. In der Phase I wird der Impfstoff gesunden Personen verabreicht. Diese werden dann auf Nebenwirkungen und Immunantwort des Körpers  - also Wirksamkeit der Impfung - hin untersucht.

Bis jedoch feststeht, ob beispielsweise der Impfstoffkandidat aus den USA tatsächlich wirkt, wird es aber noch Monate dauern. Selbst wenn das der Fall wäre, könnte die Impfung noch nicht sofort einfach eingesetzt werden. Ein mehrstufiges und zeitaufwändiges Verfahren aus präklinischen und klinischen Studien muss bei Impfstoffen garantieren, dass sie nicht nur wirksam, sondern auch sicher sind.

Vorarbeit an anderem Impfstoff hilft

Professor Becker, welcher auch Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg ist, berichtet: "Wir arbeiten derzeit auch an einem MERS-Impfstoff (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus, kurz MERS-CoV, ein anderer Virus aus dem Corona-Stamm, Anm. d. Red.) gegen das neue Coronavirus. Durch die Forschungen an anderen Impfstoffen haben wir eine gute Grundlage für diese Arbeiten."

Ihre Vorarbeit spielt den Entwicklern nun in die Hände. Die nahe Verwandtschaft von SARS-CoV-2 und MERS-CoV ermöglicht es, teilweise auf bereits vorhandene Verfahren und Impfstoff-Bauteile zurückzugreifen. Außerdem ist der Druck hoch, Forschung und Zulassungsverfahren zu beschleunigen, da die Corona-Epidemie gravierende medizinische und wirtschaftliche Folgen hat.

Die internationale Impfstoff-Allianz Cepi (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) unterstützt Forschungsprogramme von Universitäten und Biotechunternehmen. Die Europäische Union (EU) will die Tübinger Firma, die an einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus forscht, mit 80 Millionen Euro bei der Entwicklung unterstützen, so EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in einem Kurznachrichtendienst. Zudem arbeiten weitere von Cepi unabhängige Unternehmen und Forschungsinstitute an einem Impfstoff. Und sie verfolgen dabei sehr unterschiedliche Methoden.

Verändertes Virus als Impfbasis

Die Forschenden des DZIF haben ein harmloses Virus, das nicht krank macht, mit Bruchstücken des Corona-Virus gekoppelt. Ein sogenannter Vektor-Impfstoff, welcher an der Ludwig Maximillian Universität in München (LMU) entwickelt wurde. Der Plan: Wenn man das so veränderte Virus einem Menschen als Impfung verabreicht, kann dieser zwar nicht erkranken - doch das Immunsystem bildet Abwehrstoffe (Antikörper) gegen die Corona-Teile dieses "Impfvirus". So lernen die Immunzellen das neue Virus kennen und merken es sich als Ziel. Antikörper könnten den Betroffenen künftig vor einer Infektion mit dem richtigen Coronavirus schützen. Dieses Impfvirus wurde bereits vor mehr als 30 Jahren an der LMU als Impfstoff gegen Pocken entwickelt und inzwischen an über 12.000 Personen getestet worden. "Es ist ein bewährtes Vektorsystem, für das eine großtechnische Produktion bereits etabliert ist. Wir kennen das Nebenwirkungsprofil und die Immunogenität des Basis-Impfstoffs schon sehr gut", betont Professor Gerd Sutter, unter dessen Leitung an der LMU geforscht wurde.

Auch künstlich hergestellte Masernviren werden als Impfstoff-Basis getestet.

Typische Eiweiße zur Bildung von Abwehrstoffen

Einen anderen Ansatz verfolgt die Firma aus Tübingen. Die Forscher kennen den genetischen Bauplan des Coronavirus bereits. Würde man einem Menschen gezielt bestimmte Teile des Coronavirus-Genoms in Form einer Boten-RNA verabreichen, würden sich in dessen Körper bestimmte, für das Coronavirus typische Eiweiße bilden, die zwar harmlos sind, gegen die der Körper aber sofort Antikörper bilden würde - so der Plan. Man leitet damit den menschlichen Körper quasi an, seinen eigenen Impfstoff zu produzieren. "Auf diese Weise ahmen wir die natürliche Virusinfektion nach und aktivieren den körpereigenen Abwehrmechanismus", erklärt Mariola Fotin-Mleczek, Technologie-Vorstand der Tübinger Firma. Die Ergebnisse der bisherigen, sogenannten präklinischen Studien (wo die Immunreaktion im Tiermodell untersucht wird) sind ebenfalls positiv und auch hier ist die Testung an gesunden Personen ab Juni 2020 geplant.

Die Phasen der klinischen Prüfungen

Bevor in Deutschland an einem Medikament oder Impfstoff geforscht werden darf, muss eine Ethik-Komission darüber entscheiden, ob die geplanten Untersuchungen ethisch und rechtlich vertretbar sind. Ist ein Impfstoff-Kandidat gefunden, prüfen Forscher im Tiermodell, ob tatsächlich Antikörper gebildet werden und ob diese das Virus hemmen (präklinische Phase). Darauf folgt die Phase I der klinischen Prüfung: kleinen Gruppen von gesunden Freiwilligen wird der Impfstoff verabreicht. Es wird geprüft, ob der Impfstoff vor einer Ansteckung schützt und welche Nebenwirkungen er im Menschen hervorrufen kann. Danach wird der Impfstoff in auch an bereits Erkrankten gestestet (Phase II). Verläuft alles gut, kann in größeren Mengen produziert werden und mehreren hundert oder tausend Menschen bekommen den Impfstoff (Phase III). "Die Entwicklung eines Impfstoffs ist ein langwieriger, mühsamer Prozess, vor allem die klinische Prüfung für die Zulassung eines Kandidaten. Das geht nicht in ein paar Wochen", fasst es Professor Becker zusammen.

Die Phase I der klinische Prüfung für den Vektor Impfstoff des DZIF ab Herbst 2020 findet unter der Leitung von Professor Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) statt. "Eine offizielle Rekrutierung von Probanden kann erst nach Erteilung eines positiven Votums der Ethikkommission erfolgen, dennoch können sich Interessierte schon jetzt (...) registrieren lassen", sagt Addo.

Impfempfehlung für Risikopatienten

Derweil raten Experten übrigens für Risikogruppen zur Grippe- und Pneumokokken-Impfung, unter anderem damit Patienten mit Fieber und Husten, möglicherweise sogar Atemnot, deren Ursache sowohl COVID-19, eine Influenza oder eine Lungenentzündung durch Pneumokokken sein kann, nicht Ressourcen beanspruchen, die dringend für Corona-Fälle gebraucht werden. Außerdem kann zu einer Influenza theoretisch eine Infektion mit SARS-CoV-2 hinzukommen, was vor allem für Risikopatienten gefährlich werden kann.

Wer zu einer Risikogruppe gehört (bei Pneumokokken sind dies beispielsweise bei den Erwachsenen vor allem Personen ab 70 Jahren, mit einer Immunschwäche oder chronischen Atemwegskrankheiten) und sich impfen lassen will, sollte aber vorher unbedingt in der Arztpraxis anrufen, um zu klären, ob Impfstoff verfügbar ist und wie gewährleistet wird, dass er bei der Impfung nicht mit Personen mit einem Atemwegsinfekt oder gar einem Verdacht auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus in Kontakt kommt. An die Impfung gegen die Virusgrippe sollten Risikopersonen im Herbst frühzeitig denken, um dem Beginn der Grippesaison zuvor zu kommen.